DER GANZ NORMALE WAHNSINN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1984 erschienen.

DER GANZ NORMALE WAHNSINN

Wahlen auf den Philippinen

"Kein Vernünftiger konnte erwarten, daß dabei alles mit rechten Dingen zugehen werde. Doch die sieggewohnte Regierungspartei und Präsident Marcos haben dem Wahltag mit Beklemmung entgegengesehen, und die Zeitungen haben die herrschenden Mängel beim Namen nennen können. Die wahlberechtigten Bewohner der philippinischen Inseln waren aufs höchste gespannt. Am Ende hat die 'Bewegung für eine neue Gesellschaft' nun wieder genügend Mandate."

So der "FAZ"-Kommentar durchaus repräsentativ für den zynischen Realismus demokratischer Begutachter der Verhältnisse in den Satellitenstaaten des Imperialismus. Das ist natürlich alles andere als eine Kritik an Staatswesen wie dem philippinischen, wo die Macht für den sie besitzenden Clan unmittelbar mit persönlicher Bereicherung zusammenfällt. Erst recht nicht am westlichen Interesse, das einen Ferdinand Marcos für sehr brauchbar erachtet und entsprechend alimentiert - dafür, daß er Land und Leute der profitablen Benutzung des internationalen Kapitals zur Verfügung stellt. In Staaten wie den Philippinen existiert die Trennung von Amt und Inhaber nicht, wie sie die "funktionierenden" Demokratien auszeichnet, weswegen auch das institutionalisierte Wechselspiel von Regierung und Opposition nicht klappen will. Der Verlust der politischen Macht trennt die herrschende Clique auch von allen Pfründen der Bereicherung mittels des Staates und wird deshalb auch mit allen Mitteln verhindert. Wenn also ein Marcos gelegentlich 'Demokratie wagt', dann sicher nicht aus Sehnsucht nach Bestätigung durchs Volk oder weil ihn die Opposition, deren Führer er ungestraft umlegen lassen konnte, dazu zwingt: "Politische Beobachter sagen, Marcos könnte davon profitieren, wenn die Opposition 70 Sitze gewonnen hätte. Dann könnte er das Ergebnis als Beweis anführen, sein Land sei demokratisch. Dies würde ihm helfen, ausländische Hilfe, vor allem von den USA, zu bekommen, ohne daß seine Macht ernsthaft bedroht sei." Die imperialistischen Paten sorgen so nicht nur für die Schlächter, sondern bescheren den Filipinos auch noch das Recht, sie selber wählen zu dürfen. Übers Ergebnis herrscht vorab Gewißheit: Denn weder "schließen die Beobachter aus, daß Marcos hart gegen die Opposition vorgeht, falls er seine Lage als bedroht erachtet", noch besteht Grund zur Sorge, daß bei einem Sturz der amtierenden Kreatur die Falschen ans Ruder kommen könnten: "Die Opposition besteht gleichfalls aus machthungrigen Individuen."

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Gaseinsatz durch Unbefugte

"Das Halbfinalspiel um den DFB-Vereinspokal zwischen Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen endete im Chaos. Ein 'Fußballfan' schleuderte kurz vor Spielende eine Reizgasgranate auf den Rasen des Stadions am Böckelberg. Ersten Ermittlungen zufolge stammt die Granate aus polizeilichen Beständen."

Wer hätte das gedacht! Was die Wirkung des Gases anging, so unterschied sich diese bei den Kickern und Zuschauern in nichts von derjenigen auf Demonstranten. Aber während man den Fußballern auf dem Rasen Hochachtung zollen durfte, daß sie trotz Tränenblindheit den Kampf nicht aufsteckten, hätte solche Uneinsichtigkeit anderenorts wohl den Wurf einiger weiterer Polizeigranaten herausgefordert. Der empörte Aufschrei des Sportkommentators: "Solche Granatenwürfe sind das Ende jeder öffentlichen Großveranstaltung!" dürfte mehr der Eigenmächtigkeit des zivilen Gasanwenders gegolten haben als überhaupt und prinzipiell der chemischen Methode, "Großveranstaltungen" zu beenden. Die bleibt in den "polizeilichen Beständen".

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Über den Wolken muß die Freiheit grenzenlos sein

"Dem Radarauge der AWACS-Frühwarnmaschinen bleibt kein Gegner verborgen. Die Flugzeuge tragen die Kennzeichen des Großherzogtums Luxemburg... mit ihnen lassen sich bereits weit ostwärts Warschau einfliegende Jagdbomber um entscheidende 15 Minuten früher erfassen. Die eigenen Radargeräte der Flugabwehrbatterien brauchen nicht eingeschaltet zu werden - vom AWACS-Flugzeug aus werden die Abwehrraketen gelenkt... Ein Deutscher ist der Kommandeur des AWACS-Geschwaders der NATO in Geilenkirchen bei Aachen."

"Bild am Sonntag", das regelmäßig für die Familie zum Wochenende bunte Erfolgsberichte über unsere schimmernde Wehr bringt, besuchte das "ungewöhnlichste Flugzeug-Geschwader der Welt", um zu beweisen, daß die NATO unter deutscher Führung da anfängt, wo der Versager Göring einst aufgeben mußte. Feindliche Flugzeuge werden rechtzeitig "abgefangen". Wieso aber "das ungewöhnlichste Flugzeug-Geschwader"? Die Reportage lebt doch von der Gewöhnung des Publikums an die Diskussion über den Krieg nach dem gültigen militärischen und politischen Kriterium, Sieg oder Niederlage. Da ist es keineswegs ungewöhnlich, daß die Freiheit bis hinter Warschau spioniert und Waffen dem nationalen Stolz "zum Anfassen" offeriert werden. Genüßlich reportiert die "Bild"-Redaktion die Angst des Feindes vor den "fliegenden Feldherrnhügeln der NATO" und schließt die Story aus Geilenkirchen mit der kriegsgeilen Schadenfreude: "Die sowjetischen Abwehrraketen reichen nicht weit genug!", um diese fliegenden Kriegsdrohungen "mit dem 1,80 Meter dicken Riesenpfannkuchen" vom Himmel zu holen. Jetzt warten wir auf eine "BamS"-Reportage aus dem Pershing-II-Lager in Mutlangen. Titelvorschlag: 'Die Boys mit den silbernen Zigarren'...

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Wie die NATO für Lebensqualität sorgt

"Nato fördert Konservierung alter Kirchenfenster

BONN, 13. Mai. Eine Kommission der Nato hat das deutsche Fraunhofer-Institut für Silicatforschung in Würzburg beauftragt, Methoden zur Erhaltung alter Kirchenfenster zu untersuchen... Der stellvertretende Nato-Sekretär für Umwelt- und Wissenschaftsfragen, der französische Professor Henri Durand, bezeichnete die Experimente zur Konservierung alter Kirchenfenster als einen Teil der Bemühungen des Bündnisses, seine Kunstschätze zu erhalten. 'Dies ist ein weniger bekannter Aspekt der Arbeit der Nato, aber wir wollen nicht nur die Freiheit verteidigen, sondern auch die damit verbundene Lebensqualität', sagte Durand."

Der österreichische Sänger L. Hirsch täuscht sich also, wenn er dichtet: "Marmor, Stein und Eisen bricht / Alles, alles geht vorbei / Dank der Pershing Zwei." Die NATO richtet nämlich schon jetzt die Fenster jener Häuser her, die nachher zwecks Überlebensqualität am dringendsten gebraucht werden. Bleibt nur zu hoffen, daß auch dann noch dieser "weniger bekannte Aspekt der Arbeit der NATO" entsprechend gewürdigt und nicht von den bekannteren Aspekten überstrahlt wird.

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Gottes diebische Kinder

"Kirchen in Rio de Janeiro vor Dieben nicht mehr sicher

RIO DE JANEIRO, 14. Mai. In den vergangenen fünf Monaten sind in Rio de Janeiro dreißig Kirchen von Dieben heimgesucht worden. Brasilianische Zeitungen berichteten, es seien sakrale Gegenstände im Wert von knapp einer Million Mark gestohlen worden. Der Weihbischof von Rio, Romeu Brigente, sagte, die Plünderungen seien eine Folge der 'Raffsucht und des Egoismus in der Konsumgesellschaft', die Kirche habe Schwierigkeiten, ihre Gotteshäuser besser zu schützen. 'Die Kirchen stehen für jedermann offen. Wir können uns nicht an die Polizei wenden, da diese mit dem Kampf gegen die Gewalt und gegen die täglichen Überfälle überlastet ist. Auch können wir die Kirchengegenstände nicht ins Museum stellen, denn sie gehören den Gläubigen und deshalb in die Kirche', fügte der Weihbischof hinzu."

Produkte der "Konsumgesellschaft" in Brasilien sind jene Kirchengänger mit Sicherheit nur insofern, als sie mangels Geld vom legalen Konsum ausgeschlossen sind und sich deshalb im Hause Gottes mit dem Nötigsten versorgen. Da die Polizei außerhalb der Kirchen beim Kampf gegen die "Raffgier" der hungrigen Mägen "überlastet" ist, haben sich die Pfaffen Rios Kontrollen beim Zugang zu den Kathedralen einfallen lassen: Willst Du beten oder stehlen, Bruder? - so taxieren jetzt die Agenten des himmlischen Vaters seine irdischen Kinder, damit sie nicht unbefugt Gold und Silber in Brot verwandeln. So bleibt der Reichtum der Gläubigen in der Kirche, und sie kriegen ihr Manna ordnungsgemäß, nachdem sie sauber gestorben sind.

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Der ganz legale Rassismus

"'Türken raus!' nicht strafbar

Wohl liege angesichts der nationalsozialistischen Judenverfolgung auf der Hand, daß die Parole 'Juden raus' unter Beifügung des Hakenkreuzes als Aufforderung zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen zu verstehen sei. Für die Äußerung 'Türken raus' sei das aber nicht ohne weiteres übertragbar. 'Ihrem Wortsinn nach sind sie zwar als an Ausländer gerichtete Aufforderungen zu verstehen, die Bundesrepublik Deutschland zu verlassen. Bei ihnen fehlen aber allgemeinbekannte geschichtliche Erfahrungen, die sie darüber hinaus ohne weiteres als Aufforderung zu Gewalt- und Willkürmaßnahmen erscheinen lassen', entschieden die BGH-Richter wörtlich."

Damals war die Parole "Juden raus" keine bloße Parole, sondern sie wurde auch gewaltsam vollstreckt, woraus wir im geschichtlichen Nachhinein sagen können, daß es sich bei dieser Parole "wohl" um eine Aufforderung zur gewaltsamen Entfernung der "dem Wortsinne nach" Angesprochenen, der Juden also, handelt. Die Parole "Türken raus" besagt zwar "dem Wortsinne nach" dasselbe - in bezug auf die Türken nämlich, aber die Türken betreffend "fehlen" uns bis heute die entsprechenden "Erfahrungen", "allgemeinbekannte" zumal.

Solange die Juden noch lebten, hätte der BGH demnach auch die Parole "Juden raus" "nicht ohne weiteres" als "Volksverhetzung" empfunden. Und heute werden keine Türken von Staats wegen vergast, sondern der Staat hat bloß die Türken n der BRD zum "Problem" erklärt, das gelöst wird, indem möglichst viele Türken raus müssen. Eine diesbezügliche private "Äußerung" fällt somit unter den Schutz der Meinungsfreifreit. Daß sich die mit ihren intendierten praktischen Konsequenzen dadurch von der offiziellen Politik der Bundesregierung unterscheidet, daß sie den Boden des Rechts verläßt, kann nach jetzt gültiger Rechtssprechung nicht nachgewiesen werden. Und ein Rassismus, der dem gültigen staatlichen Nationalismus nicht widerspricht, wird deshalb auch nie verboten.

"Dazu gehört vor allem, daß sie sich ernsthaft um die Beherrschung der deutschen Sprache bemühen und die Grundwerte unserer Rechts- und Gesellschaftsordnung respektieren. Damit ist unvereinbar, etwa in Koranschulen nationalistische und religiöse Überlegenheitsgefühle gegenüber Andersdenkenden zu predigen. Es darf auch nicht zugelassen werden, daß ausländische Kinder unter dem Mantel der Glaubensfreiheit gegen unsere Lebensformen, gegen Schulen und Lehrer eingenommen werden. Jede Überbetonung nationalreligiöser Traditionen gefährdet ein konfliktfreies Zusammenleben..."

"Sie (die Türken) stammen aus einem für uns relativ fremden Kulturkreis, haben weitgehend eine andere Mentalität und stellen mit über 1,5 Mio. Menschen die größte fremde Bevölkerungsgruppe. Sie neigen in einer von ihnen als fremd empfundenen Umwelt zur Abkapselung und zur Gettobildung. Für den Kinder- und Ehegattennachzug gibt es bis zum Jahr 2000 ein geschätztes Nachzugspotential von rund 400.000 Menschen. Die Probleme verschärfen sich durch die geschilderte Praxis der verspäteten Einreise von Kindern und Jugendlichen und der Zuheirat von Partnern aus der Heimat."

Gut gegeben, Herr Zimmermann. Mit Ihnen ist es ja vereinbar, nationalistische und religiöse Überlegenheitsgefühle gegenüber Andersdenkenden zu predigen. Sie dürfen ja unter dem Mantel der Glaubensfreiheit deutsche Kinder gegen andere Lebensformen einnehmen. Ihnen ist die Überbetonung nationalreligiöser Traditionen selbstverständlich gestattet. Sie sind ja Deutscher. Und Deutsche haben ja einen relativ eigenen Kulturkreis, eine weitgehende Mentalität und stellen mit über 60 Mio. die größte einheimische Bevölkerungsgruppe. Deutsche dürfen natürlich in ihrer als heimisch empfundenen Umwelt zur Abkapselung und großen Gettobildung neigen. Und heiraten, daß es nur so vögelt, und Kinder kriegen wie die Karnickel - das dürfen sie nicht nur, das sollen sie sogar. - Deutsche nix Salemaleikum, Minister Innen. Deutsche: Grüß Gott, Herr Zimmermann!

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Mit dem Grundgesetz gegen Kriegsgerichte

Der Hildesheimer Amtsrichter Ulrich Vultejus kämpft gegen das Unrecht der geplanten und schon jetzt erprobten Kriegsgerichte:

"Ohne gesetzliche Grundlage und im Widerspruch zur Verfassung proben mehr als 900 Richter, Staatsanwälte und Beamte die Kriegsgerichtsbarkeit des nächsten Weltkrieges. ... Rechtsstaatliche Grundsätze werden weitgehend außer Kraft gesetzt, die Gesetzentwürfe beinhalten einschneidende Strafveränderungen zu Lasten des Angeklagten. ... Die vorliegenden Entwürfe sind in ihrer politischen Gefährlichkeit und Menschenverachtung erst zu durchschauen, wenn man die Kriegsgerichtsbarkeit des 2. Weltkrieges kennt. Erschauern läßt einen nicht nur die Parallelität in Sprache und Ergebnis, nimmt man die Todesstrafe einmal aus. Der Amtsrichter befürchtet allerdings, daß in einem künftigen Krieg die Todesstrafe bei den Wehrgerichten wieder eingeführt wird, weil sie in der Logik des Militärs liege und den kriegsunwilligen Soldaten vor die Alternative stellen, entweder durch Gerichtsentscheid bei Fahnenflucht sicher umzukommen oder im Kopf "nur" wahrscheinlich sterben zu müssen."

Der gute Amtsrichter hat gemerkt, daß sich das Recht auch im Kriegsfall nach den staatlichen Erfordernissen richtet und entsprechend verändert wird. Leider ist ihm aber das auch nicht geläufig, sonst würde er nicht mit Rechtsstaat und Grundgesetz gegen die Logik des Militärs angehen wollen. Ja, er setzt sogar noch auf den Bundestag, ohne dran zu glauben.

"Zweifel hat Vultejus, ob die Schubladenentwürfe jemals vor den Bundestag kommen. Nach seinen Recherchen ist es wahrscheinlicher, daß darüber erst ein Notparlament im Krisenfall entscheiden soll." (Frankfurter Rundschau)

Kann denn nicht einmal ein Amtsrichter, der eigentlich schon weiß, wie der Hase läuft, darauf verzichten, der Menschheit demokratischen Sand in die Augen zu streuen? Als wenn die Logik des Militärs nicht längst in der Verfassung stünde und der Bundestag nicht längst über Kriegsgerichte positiv entschieden hätte. Die Manöver für das demokratische standrechtliche Erschießen laufen doch schon. Und Friedenssicherung kann doch nie und nimmer verfassungswidrig sein.

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Klassenfahrten in die DDR

Der Auftrag ist klar:

"...durch unmittelbare Begegnung Betroffenheit schaffen und damit das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Deutschen erhalten und fördern." (aus einem Schulungsheft für Lehrer)

Mission erfüllt:

"Eine DDR-Exkursion ist so gesehen die beste Werbung für unser System. ... Die Mehrzahl der Bevölkerung hat sich jedoch mit dem System abgefunden und so gut wie möglich etabliert.... Diese opportunistische Grundhaltung in der dortigen Bevölkerung muß der in Betracht ziehen, der diesen Auftrag des Grundgesetzes, dessen Richtigkeit nichts besser als ein DDR-Besuch beweisen kann, nicht aus den Augen verlieren will: 'Das gesamte deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.'" (aus einer Schülerzeitung)

Egal, was die drüben wollen, befreit müssen sie werden!

Organisierte Gewalt

"Das Amtsgericht Wetzlar verurteilte" im Mai "den Verleger eines örtlichen Alternativblattes zu einer Geldstrafe. Laut Richterspruch erfüllt es den Tatbestand der Beleidigung, Angehörige der Bundeswehr als 'Vertreter organisierter Gewalt' zu bezeichnen, deren 'Handwerk das Töten anderer Menschen' sei."

Juristisch einwandfrei und damit korrekt ist es vielmehr, Angehörige der Bundeswehr als ehrenvolle Mensclhen zu bezeichnen, die in den Augen des RECHTS einer guten Sache dienen, insofern es sich bei der organisierten Gewalt, der sie angehören, um ein Mittel des Staates handelt. Jener Institution also, für die das "Handwerk des Tötens anderer Menschen" nie und nimmer eine anrüchige Sache darstellt, weil und insofern sie es kommandiert.

Endlich Rechtssicherheit in Sachen Bundeswehr: Jedermann weiß nun, daß unter einer ordentlichen Verglimpfung (von "größter Friedesbewegung im Lande" aufwärts) nichts mehr zu Vermelden erlaubt ist. Also: Das Handwerk der Soldaten ist Arbeitsplatzsicherung, Umweltschutz, Kommunikation, Trimm-Dich, Vorruhestandsregelung, Schutz vor Langeweile, Geselligkeit... mit einem Wort: macht das Leben erst lebenswert.

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Die Gefolterten rehabilitiert

"Therapiezentrum für Folteropfer

Das erste Rehabilitationszentrum für Folteropfer ist am Sonnabend in einem Nebengebäude des Dänischen Krankenhauses in Kopenhagen eröffnet worden. 'Wir wollen den Mythos durchbrechen, daß die Folter den Menschen total zerstört', sagte die Ärztin Inge Kemp Genefke, die für das Zentrum elf Jahre lang Forschung betrieben und Gelder beschafft hat."

Während deutsche Ärzte ihren hohen Leistungsstand bei der Behandlung von Opfern des irakischen Gaskriegs unter Beweis stellen, hat die Medizin in Dänemark bei der Rehabilitation von Foltergeschädigten die Front der Forschung besetzt. Rehabilitation ist hier nicht nur im medizinischen Sinne zu verstehen, darauf legt die zitierte Morbus-Tortura-Spezialistin Wert, sondern auch im moralischen: Es ist der Mythos vom Opfer, das über seinen Peiniger triumphieren soll, indem es als Mensch "unzerstört" überlebt. So ist in der Freien Welt für alles gesorgt: In ihr und in ihrem Auftrag wird gefoltert, Amnesty International zählt die Opfer, und von fortschrittlichen Medizinern werden sie zu Recht gepflegt.

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Mein Haus ist mein Bunker

"Schutzraumbau soll Gesetz werden

Die Bundesregierung bereitet ein Gesetz vor, wonach jeder Bauherr künftig zum Einbau von Schutzbauten für Katastrophen- und Spannungsfälle verpflichtet werden soll. In der Bundesrepublik gibt es insgesamt nur für etwa 1,8 Millionen Menschen - rund drei Prozent der Bevölkerung - Schutzräume. Nach Berechnungen von Zivilschutzexperten würden in Ein- und Zweifamilienhäusern pro Schutzplatz zusätzliche Kosten durch stärkere Betondecken und massivere Kellerwände von 400 Mark entstehen. Damit sei bereits ein ausreichender Schutz gegen Trümmer und Brand gewährleistet. Für den sogenannten Vollschutz, der durch späteren Einbau insbesondere von Luftfiltern gegen radioaktiven Staub hergestellt werden könne, bezifferten sich die Kosten je Platz auf rund 500 Mark. Die Pläne der Koalitionsfraktionen sehen vor, daß die Bauherren diese Mehrkosten von den Steuern absetzen könnten."

Endlich eine Trendwende in der Sozialpolitik, in der bisher bei den Leistungen für die Bürger nur gestrichen worden ist. Und eine Widerlegung der gehässigen Stories in "Spiegel" und "Stern" über die exklusiven Bunkerbauten für Regierungsmitglieder und ausgewählte Exemplare der herrschenden Klasse: Auch die kleinen Bauherren kriegen ihren Atomshelter staatlich bezuschußt und voll steuerabzugsfähig. Jetzt, wo die Regierung herausgekriegt hat, daß ein "Vollschutz" schon für lumpige DM 500.- pro Nase zu haben ist, fragt man sich nur noch, warum nicht die Sozialwohnungen ab sofort gleich als Bunker gebaut werden - noch enger würden sie dabei eh nicht - und wieso es nicht auch der Einbau eines "Luftfilters gegen radioaktiven Staub" nebst einer Betondecke im Kanzlerbungalow getan hätte? Aber sicherlich weiß die Regierung am besten, wie sichergestellt werden kann, daß der Spannungsfall keine Katastrophe wird - für den Staat.

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JOHANNES PAUL II. hat die Kugel, mit der er beim Attentat auf dem Petersplatz vom 13 Mai 1981 verletzt worden ist, dem portugiesischen Marienheiligtum Fatima geschenkt.

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Arbeitsplätze bei der Post

waren letzten Monat Gegenstand zweier aufsehenerregender Gerichtsentscheidungen.

In Augsburg wurde ein Postbeamter zu 15 Jahren Haft wegen Totschlags und versuchter schwerer Brandstiftung verurteilt, weil er aus Angst, seine Stelle zu verlieren, nachdem er bei einem Ladendiebstahl (1 Päckchen Schrauben für DM 2,45) ertappt worden war, Frau und Tochter erschlagen hatte. Dem 43 Jahre alten Paketzusteller bescheinigten zwei Gutachter seine volle Zurechnungsfähigkeit. Der Angeklagte begründete seine Tat wie folgt: Er habe seiner Familie die Schande ersparen wollen, "wenn die Leut'mit Fingern auf uns zeigen". Sein Motiv kann auf Verständnis rechnen, wo doch der Besitz eines Arbeitsplatzes als das Wichtigste gilt für jemanden, der sonst kein Eigentum hat. Der Zusteller fürchtete jedoch zu Unrecht um den Verlust seiner Stelle, was die Post dem Gericht bestätigte. Deshalb wurde er in der Urteilsbegründung als ein Mann bezeichnet, der "Wichtiges nicht von Unwichtigem trennen konnte". Wegen dieser mangelnden Unterscheidungsfähigkeit erkannte das Gericht auf Totschlag und folgte nicht dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die auf zweimal lebenslänglich wegen "heimtückischen Mordes" plädiert hatte.

Recht bekam hingegen der Vertreter des Staates im Falle des 41 Jahre alten Fernmeldeamtmanns Meister. Das Bundesverwaltungsgericht verfügte seine Entlassung aus dem Postbeamtendienst wegen "Mitgliedschaft in der DKP". Seit 25 Jahren im Dienst, hatte sich Meister geweigert, sich von seiner politischen Auffassung zu trennen und die Wichtigkeit einer bedingungslosen Staatstreue von Beamten anzuerkennen. Daß sich Meister im Dienst vorbildlich geführt hatte, erkannte das Gericht zwar an, hielt es aber für vergleichsweise unwichtig. Meister erhält jetzt sechs Monate lang 75% seiner Ruhestandsbezüge; ansonsten "erlöschen seine Versorgungsansprüche", weil er "durch eigenes Verschulden aus dem Beamtenverhältnis ausscheiden mußte". Das Gericht war voll zurechnungsfähig, als es die Existenz dieses Mannes vernichtete, um dem Öffentlichen Dienst die Schande eines DKP-Mitglieds zu ersparen.

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Andrej Sacharow und seine Sacharowa

befinden sich im Hungerstreik, weil Jelena Bonner sich unbedingt im Westen medizinisch behandeln lassen will. Um einen Mangel an ärztlicher Versorgung geht es dabei natürlich nicht. Ganz im Gegenteil: Frau Bonner verweigert jegliche stationäre Behandlung ihres Herzleidens in der Sowjetunion. Ihre Einweisung in eine Moskauer Klinik wurde vor knapp einem Jahr von der westlichen Solidaritätskampagne als "Freiheitsberaubung" gewertet. Die Frau will sich ganz einfach mit ihrem schwachen Herz eine mehrwöchige Propagandatournee durch die NATO-Staaten leisten, und dafür fastet auch ihr Mann. Zwei kranke Dissidenten, das schlägt doppelt gegen die Sowjetunion aus, weswegen ihre Gesundung im Lande aus politischen Gründen abgelehnt wird. Dies die ganze Heuchelei der Humanitätsappelle so bekannter Menschenfreunde von Werner Marx (CDU) bis zu Ronald Reagan (USA). Niemand will bemerken, daß ein US-Visum in der Medizin eine gänzlich unbekannte Arznei gegen "urologische Beschwerden" bzw. "Herzrhythmusstörungen" ist, weil es darum auch niemandem geht. Am allerwenigsten dem "Deutschen Helsinki-Komitee", das am 20. Mai vor der Bonner Sowjetbotschaft demonstriert hat: "Für uns sind Sacharow und Bonner Symbole für jene tausend aufrechten Vertreter der unveräußerlichen Rechte des Menschen auf Freiheit und Würde." Die Opposition m Lager des Feindes sich als Opfer ausmalen - einem solchen Symbolbedürfnis kommen sie wohl als Märtyrer am gelegensten -, das ist die Menschenfreundlichkeit von NATO-Nationalisten.