DER FEINE UNTERSCHIED ZWISCHEN LEISTUNGSFÖRDERUNG UND DOPING - ZWISCHEN "SPORTIDOL" UND "MANIPULIERTEM MONSTER"

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Dieser Artikel ist in der MSZ 10-1988 erschienen.
Systematik: 

Ben Jonson und der 100-m-Skandal
DER FEINE UNTERSCHIED ZWISCHEN LEISTUNGSFÖRDERUNG UND DOPING - ZWISCHEN "SPORTIDOL" UND "MANIPULIERTEM MONSTER"

"Doping ist Betrug" - Frankfurter Rundschau.

"Ein Betrug an all denen, die mit fairen Mitteln angetreten sind" - der deutsche Schwimm-Präsident.

Betrug? Jetzt ist er doch seine 9,79 Sekunden gerannt. Geschoben hat ihn jedenfalls keiner. Am Montag war das noch "das Absolute im Sport schlechthin. Keine Show kann besser sein als die sportliche Darstellung der von Menschenkraft erzielten Höchstgeschwindigkeit", meinte die seriöse "Süddeutsche". Wenn alle Menschheit so geil darauf ist, daß einer zu Fuß auf hundert Meter einen Ferrari abhängt, dann soll sie doch zufrieden sein. Aber jetzt war es "unehrenhaft" wegen "pharmazeutischer Beihilfe" (SZ)...

"Mit schmutzigen Mitteln..." (tz, München)

Das gute Stanozolol von der Firma Winthrop (USA) war sicher genauso appetitlich eingepackt wie die Köstlichkeiten, in denen der bundesdeutsche "Deutschland"-Achter geschlemmt hat:

"Ihre Kost sei leistungsfördernd, aber niemals verboten gewesen. Nur Eiweiß- und Vitaminpräparate, alles regulär."

Von wege "pharmazeutische Beihilfe" - seit wann schiebt sich denn ein Hochleistungssportler überhaupt noch irgend etwas in den Rachen, was nicht ernährungsphysiologisch ausgetüftelt und sportpharmazeutisch durchkalkuliert wäre?!

Und noch eine Warnung, nachdem man nun in aller Ausführlichkeit über Leberschäden und Krebsförderung durch Johnsons Muskelpräparat informiert wird: Mit gesund und ungesund hat der feine Unterschied von Leistungsförderung und Doping auch nichts zu tun. Was die Jugend der Welt da periodisch vorführt, steht von A bis Z unter medizinischer Betreuung bloß eben überhaupt nicht wegen der Gesundheit, eher umgekehrt. Wenn von der Selektion in der Nachwuchsförderung, übers Training bis zu den Wettkämpfen, alles unter sportmedizinischer Regie abgewickelt wird, dann liegt das eben daran, daß diese menschlich so wertvolle Betätigung namens Leistungssport die Physis der beteiligten Persönlichkeiten immerzu ein bißchen überstrapaziert. Und das wissen die, die sich jetzt als Gesundheitsapostel über Doping entsetzen, sehr gut; sonst philosophieren sie ja so gerne über die sittliche Erbaulichkeit im Sport, wenn "der Mensch" über sich selbst und seine Grenzen triumphiert, usw. usf.

Von wegen Gesundheit!

Das Gerücht, wegen Gesundheit sei Doping verboten, ist damals in die Welt gekommen, als die ersten Radler noch an Ort und Stelle tot umgekippt sind. Klar, daß man das bei internationalen Sportfesten nicht so gerne sieht. Bloß, gesund in dem Sinn sind deshalb die IOC-erlaubten Praktiken auch nicht direkt. Der systematische Test, was eine Lunge, ein Herz, ein Sprunggelenk oder ein Gewichtheberkreuz so alles aushalten können, hat seine Folgen. Aber die Sportkrüppel, die bei dem Geschäft anfallen, ohne jemals in Medaillennähe gekommen zu sein, oder die, die sich mit 30 Jahren mit genieteten Knien oder zerdätschtem Gehirn aufs Altenteil zurückziehen, sind natürlich bei weitem nicht so interessant wie einer, der erst "die Welt in Atem hält" und sich dann erwischen läßt.

Da erhebt sich machtvoll der Ruf nach medizinischer Ethik:

"Für die Mediziner, die Ben Johnson vollgepumpt haben, ist eben auch der Mensch nur Material, das sich manipulieren läßt." (AZ, München)

Ja, was denn sonst? Warum bilden denn alle zivilisierten Nationen ganze Horden von Sportärzten aus, die nützliche Hinweise geben, wie man per Training ein paar Zentimeter Muskel mehr, ein paar Sekunden weniger herausschinden kann? Wie man trotz Verletzung "weiterkämpfen", eine "Höchstform planen", einen "Leistungsabfall kompensieren" kann, usw. usf. Da ist eben der Organismus das Anwendungsfeld der gesammelten fortschrittlichen Medizin und die Chemie nur ein Unterkapitel. Und bloß wegen ein bißchen möglicher krebsfördernder Wirkung - wo doch, wie man inzwischen weiß, die Arbeitswelt z.B. eine einzige Ansammlung "kanzerogener Stoffe" ist, mit der der (Arbeits-)Mensch als "Lebensrisiko" leben muß - soll man hier darüber aufjaulen, daß die böse Medizin den (Sport-)Menschen "nur als Material" nimmt?! Das kann ja nicht ganz stimmen, und unsere hochanständigen Jungs vom Achter liegen schon etwas richtiger mit der Auskunft, daß es bei der Chemie, die man frißt, nur darum geht, ob sie "verboten" oder "regulär" ist.

Leistungsmessung der höheren Art

Wenn die "Jugend der Welt" einerseits mit einem ganzen Troß von Trainern, wissenschaftlichen Betreuem und Sportdiplomaten anrückt, wenn andererseits der friedliche Wettbewerb ein 3-Millionen-Dollar-Labor für Urinproben, x Juries, Schiedsrichterstäbe, nationale Vertreter und eine eigene Gerichtsbarkeit aufstellt und mindestens die Hälfte der Veranstaltung in der Beratung über Streitfälle, Demarchen und höchstoffiziellen Pressekonferenzen über diffizile Entscheidungen besteht, dann heißt das dem Namen nach "Spiele". Der Sache nach dreht sich der ganze Zirkus um eine Sorte von Wettbewerb, in der es auf Leistung so sehr ankommt, daß einerseits ein ganzes Regelwerk über erlaubte und unerlaubte Hilfsmittel erstellt worden ist - logischerweise plus Überwachungsapparat - und daß andererseits lauter Techniken zur Leistungssteigerung entwickelt werden, die logischerweise wieder die laufende Überprüfung auf erlaubt/unerlaubt nach sich ziehen. Und die teilnehmende Menschheit beschäftigt sich hingebungsvoll mit lauter so metaphysischen Fragen, ob nun der Mensch oder das Material gewonnen hat, ob der xy nun wirklich seine Grenze erreicht hat und nicht bloß schlaff war, statt der einzig rationellen: Leistung wofür? Für welchen Zweck soll es denn was sein, wenn diese Heerscharen immer schneller, höher und stärker herumtoben wollen?

Für ein bürgerliches Gemüt einerseits eine völlig abwegige Frage. Denn das ist ja schließlich ein Abfallprodukt der stinknormalen Konkurrenz, daß bei "Leistung" gar nicht nach dem materiellen Ertrag gefragt wird, sondern daß sie für sich zählt, auf dem Feld der Selbstachtung und Ehre. So wird ja auch ein Mensch, der wahrhaftig einen ganzen Bundesbahnfahrplan auswendig hersagen kann, von Herzen bewundert, wenn er in "Wetten daß?" damit auftritt. Und da ist einer, der seine Knochen gegen alle Gesetze der Schwerkraft auf 2,30m hochbewegt, ohne jede Frage ein klasse Typ. Und zweitens ist die Antwort auf die Frage, wozu das gut sein soll, was man denn davon hat, wenn man Jahre seines Lebens auf das Überhüpfen einer Latte oder das Hochheben von zu schweren Klötzen verwendet, viel zu selbstverständlich: die Ehre der Nation, um die geht es. Und wegen der bekommt man auch als Sportler, der es packt, ziemlich viel Ehre und auch Geld.

A propos Geld!

Das ist in der moralischen Scholastik, die den angeblich so vergnüglichen und unterhaltsamen internationalen Sportzirkus begleitet, ein genauso beliebtes und schwieriges Thema wie die Unterscheidung von ehrlichen Vitaminpräparaten und gewissenlosem Doping. Geldverdienen: 1. eine elementare Notwendigkeit für jedes Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, 2. unter dem Titel "Marktwirtschaft" der ehrenwerteste Zweck - im Sport ist er auf einmal anrüchig. Da gehört sich nämlich die moralische antimaterialistische Fiktion, daß es um Leistung um ihrer selbst willen zu gehen hätte - von wegen "der Mensch", der immerzu seine Grenzen überhingsen will usw....

Im jahrelangen Gezerre um nationale Ehre und Amateurstatus, um Werbeverträge und Preisgelder, haben sich die verantwortlichen Instanzen zwar zur offiziellen Anerkennung der Tatsache durchgerungen, daß sich eine normale Angestellten- oder Arbeitertätigkeit mit nationalen Rekorden nun wirklich nicht verträgt. Ohne ein paar Idioten, die die "schönste Nebensache der Welt" zur Hauptsache in ihrem Leben machen und dafür finanziert werden, kommt keine Nation aus. Allerdings bloß fürs Geld darf noch lange nicht geturnt, gerannt, geschwommen werden. Da besteht die nationalistische Öffentlichkeit auf der Selbstlosigkeit ihrer Sportidioten, denen die Ehre gefälligst wichtiger als der Mammon zu sein hat. Und umgekehrt beschweren sich die Sportidioten bitterlich über den Massengeschmack, der aus manchen Sportarten eine einwandfreie Geldquelle gemacht hat und aus ihrem Florettfechten, Dressurreiten oder Wasserpistolenschießen nicht. Obwohl medaillenmäßig da viel mehr für die Ehre der Nation abkassiert worden ist.

Geld und/oder Ehre?

Daß ohne Geld die verlangten Höchstleistungen nicht zu haben sind - und sei es in Gestalt einer Bundeswehrsportkompanie oder von freiwilligen Zuschüssen der deutschen Industrie für ihre "Amateure" -, haben sich die maßgeblichen Subjekte der Veranstaltung praktisch schon längst und jetzt auch offiziell genehmigt. Aus Gründen der Konkurrenzgerechtigkeit, die hier, wie auch sonst, das Geschäft belebt. Bloß das Sportler-Individuum darf deshalb noch lange nicht die offizielle Heuchelei stören. Kaum hat sich der unglückselige kanadische Neger erwischen lassen, werden ihm gnadenlos seine ganzen Werbeverträge vorgerechnet. Und die hochgeistigen kritischen Mitdenker entdecken das Geld als Grund des Übels:

"Die Hochleistungssportler sind hochbezahlte Leute, und sie beschäftigen hochbezahlte Leute, Manager, Ärzte, Physiotherapeuten. Für die ist der Athlet der Esel, der Dukaten fallen läßt. Nur wenn er arbeitet, verdienen sie. Und auch der Sportler will ganzjährig Einkommen beziehen. Wenn bloß der dumme Körper nicht wäre..." (Frankfurter Rundschau)

Wenn bloß diese Meister der Kritik des Gelderwerbs an der falschen Stelle einmal - wirklich nur einmal! - nur einen Millimeter weiterdenken und sich fragen würden, wofür denn da Geld bezahlt wird, dann wären sie sofort bei sich selbst angekommen. Nämlich bei den gutbezahlten intellektuellen Nationalisten, Arbeitsgebiet Sport. Sonst bei jeder Gelegenheit jeden Schwimmer, der noch gar nicht japsen kann, vors Mikrofon zerren und fragen, warum er denn nicht sein Bestes gegeben und Gold für die Nation geholt hat. Sonst von Sportstudio zu Sportstudio immerzu die Frage wälzen, ob denn die Nation auch genug für ihre Sportler tut. Und dann, wenn aus dieser liebenswerten Freizeitbeschäftigung eine komplette Geschäftssphäre mit lauter Sponsoren, Bundesverdienstkreuzen und adidas geworden ist, negativ aufgefallenen Sportlern nachsagen, ihre Geldgier wäre schuld, das haben wir gerne. Es ist langweilig, aber wahr: Nationalismus ist der einzige Grund, sowohl für die sogenannten Fehltritte wie für die Exzesse an moralischer Heuchelei, die dann nachgeschoben werden.

"Ein Verbrechen an der sportlichen Gerechtigkeit" (SZ)

ist es gewesen, was die einwandfreien 9,79 Sekunden auf einmal so minderwertig gemacht hat. Das verletzte Rechtsgut steht zwar in keinem bürgerlichen Gesetzbuch, wird aber von den internationalen Sporthütern nicht minder fanatisch geschützt. Derselbe Nationalismus, der solche Beschäftigungen wie Rennen, Hammerwerfen, Pferde-Schikanieren überhaupt erst zu grundwichtigen Anliegen erklärt, der da von seinen "Aktiven" immerzu Weltleistungen und Steigerungen verlangt, achtet erbittert auf die Gerechtigkeit gleicher Konkurrenzbedingungen. So werden die sportlichen Vorkämpfer der Nation pausenlos dazu aufgehetzt, sich nach allen möglichen Mitteln umzusehen, um ihre Gliedmaßen noch ein bißchen mehr aufzupolieren. Trainer, Funktionäre und kritische Öffentlichkeit schnüffeln im Lager der Gegner nach den neuesten geheimen Tricks - und alle zusammen erlassen und verbessern immerzu das Regelwerk für die notwendige "sportliche Gerechtigkeit". Damit man sich dann hinterher so schön entrüsten kann, wenn es unterlaufen wird. Dabei handelt es sich im übrigen nicht um "Doppelmoral", wie ein paar kritische Stimmen wissen wollen - es ist ein und dieselbe Moral, die - wegen der Nation - Leistung unter allen Bedingungen will und - wegen der Konkurrenz der Nationen die Bedingungen ständig in erlaubte und unerlaubte sortiert.

Gerechtigkeitsmäßig konsequent weitergedacht hat da zum Beispiel ein bundesdeutscher 100-m-Läufer namens Christian Haas:

"Man nollte künftig vier Olympische Spiele veranstalten - für gedopte Schwarze, für saubere Schwarze, für gedopte Weiße und für saubere Weiße. Nur so kämen echte Vergleiche zustande." (Die Welt)

Logisch gedacht, wenn allein schon die Negerphysis ein unfairer Konkurrenzvorteil sein soll. Aber er liegt ein bißchen neben der "Olympischen Idee", wo jede Nation nun einmal weltweit und nicht inner-rassisch glänzen will. Die deutschen Mannschaftsärzte Krahl und Liesen sind da realistischer:

"Entweder man verschärft die Kontrollen noch weiter. Aber dies scheint wenig erfolgversprechend. Deswegen bin ich persönlich der Auffassung, daß die Doping-Regeln weiter gefaßt werden sollten... Die Einnahme von anabolen Steroiden sollte unter ärztlicher Kontrolle im gesundheitlich unbedenklichen Rahmen toleriert werden."

Sie müssen ja wissen, warum das mit den Kontrollen so schwierig ist. Sie sind ja schließlich die Fachleute, die zusammen mit denen von der Pharma-Industrie Pionierleistungen in der Entwicklung von solchen Präparaten wie Stanozolol erbringen:

"Süddeutsche Zeitung: Aktuelles Lexikon

... führt nicht nur zu einem Muskelzuwachs, der mit normalen Trainingsmethoden nicht zu erzielen ist, sondem das Präparat verkürzt auch die Regenerationszeit und erlaubt somit eine höhere Trainingsintensität...".

Und sie sind die Fachleute dafür, wann man was wie einnehmen muß, damit es in den Kontrollen nicht auftaucht. Insofern ist 'Doping für alle', und zwar unter ärztlicher Kontrolle wie bisher schon, die vorwärtsweisende Parole, und dann ist es auch kein Doping mehr.

"Der Sport seiner pädägogischen und sozialbildenden Funktion beraubt..." (SZ)

"Welche Wirkung das auf Kinder hat. Mein Sohn Daniel ist fürchterlicher Johnson-Fan. Jetzt frage ich mich, wie ich's ihm erklären soll. Heide Rosendahl, Olympiasiegerin" (Bild).

Keine Bange, wenn der kleine Rosendahl schon so perfekt verbogen ist, daß er sich an Vorbildern gütlich tun will, wird er den Übergang vom Anhimmeln zum Verachten schon auch noch hinbekommen. So wie unser Willi Daume das vormacht, der den deutschen Zeitungen nicht oft genug mitteilen kann, wie gräßlich dumm dieser Johnson eigentlich ist:

"Sie können doch nicht wegen so einem Typ wie dem Johnson alles in Frage stellen. Das alles spricht auch dafür, daß er, wie gesagt wird, ein Mann beschränkter Intelligenz ist..." (SZ)

"Es ist doch bekannt, daß Johnson dumm ist..." (Die Welt)

"Aus der kanadischen Delegation ist mir berichtet worden, daß er ein ziemlich stupider Kerl ist..." (Frankfurter Rundschau)

Zwei Tage vorher dasselbe als menschlich rührendes Detail:

"Er sei so still und in sich gekehrt gewesen, berichtet Veda Foster, Grundschullehrerin des kleinen Ben..." (SZ)

"Ben Johnson fehlen auch nach Rom und Seoul die Attribute eines Stars. Nur seine Beine bewegen sich schnell, seine Rede, seine Gesten, sein Auftreten wirken gehemmt, zurückgenommen..." (FR)

Aber dafür haben wir schließlich unseren Willi Daume, der uns auch offen und ehrlich erklärt, daß seine plötzlichen Erkenntnisse über die Dummheit Johnsons weniger damit zu tun haben, daß ein Mensch, der seinen ganzen Lebenszweck und seine ganze Lebensführung auf das Zurücklegen von hundert Metern einstellt, notwendigerweise etwas einseitig geraten muß.

"Ich habe erklärt, es gehöre eine gute Portion Dummheit dazu, gerade in seinem Fall zu dopen. Er wußte doch, daß er unter den ersten drei sein wird und zur Kontrolle muß." (FR)

"Dummheit", "Geldgier", "Medaillensucht", "gewissenlose Ärzte" - Gründe für den Skandal liefert die kritische Öffentlichkeit haufenweise. Bloß der einzige wirkliche Grund ist ihr völlig unbekannt. Beziehungsweise zu gut bekannt, als daß er mit dem häßlichen Skandal etwas zu tun haben dürfte.

Nationalismus? Wir doch nicht!

Sowas gibt's allenfalls bei so zweitklassigen Nationen wie Kanada, und da finden seriöse deutsche Kommentatoren Nationalstolz wegen Sportrekorden so befremdlich, daß sie ihn mit Anführungszeichen einrahmen:

"In dem angesichts des mächtigen Nachbarn USA unter Minderwertigkeitsgefühlen leidenden Land nahmen Bürger wie Kommentatoren seine Leistunge als Grund, 'stolz auf Kanada' zu sein." (SZ)

Komisch, nicht wahr: Wo wir doch nur "Stolz auf Deutschland" kennen, jeden Tag einen Medaillenspiegel abdrucken und zum Beispiel den womöglich aus Angst vor Doping-Kontrollen inszenierten und trainierten multiplen Fehlstart unseres Jürgen Hingsen völlig gelassen und vorurteilslos kommentieren:

"Die erfolgreichste westdeutsche Disziplin hatte eine vernichtende Blamage erlebt. Es ist deshalb zu begrüßen, daß einer der Verantwortlichen schon vor Abschluß der Wettkämpfe die Dinge beim Namen genannt hat: Werner von Moltke. Bebend vor Enttäuschung über Hingsen donnerte er ins Mikrofon, nun müßten endlich die Ärmel hochgekrempelt werden, die Athleten wieder laufen lernen, asketischer leben. 'Wir brauchen Männer, keine Memmen...'" (SZ).

Und nachdem man jetzt erfährt, daß dieser Hingsen schon einmal bloß wegen einer Sehne die Nation verraten hat -

"ein Mann, der der Patellasehne zu einem unverhofften Bekann heitsgrad verhalf. Dieser Teil des Körpers nämlich zwackte Hingsen unaufhörlich" (FR) -,

muß man doch mal fragen dürfen, ob es denn gegen solche Sehnen keine Mittel gibt.