DER DEUTSCHEN MACHT AUS DEM HERZEN GESPROCHEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1989 erschienen.
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Die Erinnerungen des Franz-Josef Strauß
DER DEUTSCHEN MACHT AUS DEM HERZEN GESPROCHEN

Sie mußten ja kommen. Jetzt sind sie erschienen - als Buch und als Vorabdruck im "Spiegel", der selbstverständlich gebührend.damit kokettiert, daß ausgerechnet ihm gegen gute Bezahlung die Ehre zuteil wurde, das Vermächris des (mehr) Intim (als) Feindes vorzuveröffentlichen. Auch für Augstein steht selbstverständlich fest, womit der Herausgeber das Buch anpreist: "Einem Mann von seinem Temperament konnte die bloße Schilderung von Ereignissen nicht genügen." Berechnet sind die Memoiren genau auf diese öffentliche Unsitte, für von Haus aus gewichtig zu halten, was die politischen Akteure als ihre Sicht der Dinge zum besten geben. Nicht bloß Betroffener, sondern Macher gewesen zu sein, das bürgt auf jeden Fall für Qualität.

Auskünfte über deutsche demokratische Politik und die, die sie machen, liefert dieses Buch schon. Allerdings nicht wegen irgendwelcher Einsichten, die das verblichene "politische Urgestein" über sein Wirken seit 1939 zu bieten hätte, sondern wegen der mit aller gebotenen Selbstgerechtigkeit dokumentierten Einstellung, die Strauß bei seinem Wirken beflügelt hat. Auskunft bietet es auch nicht durch den Blick hinter die Kulissen der Macht, den man von einem erwartet, der sich dort herumgetrieben und selber immerzu Hauptrollen gespielt hat, sondern wegen der Einblicke in die Geistesverfassung eines Berüfsstandes, der sich auf die Rolle nicht bloß der, sondern seiner Persönlichkeit in der Geschichte viel einbildet. Egal, was Strauß an Schwindeleien, Selbstbeschönigungen und Tatsachen in die Feder geflossen ist: Wie immer, wenn solche Figuren der Mit- und Nachwelt das Schicksal der Nation in Gestalt der eigenen Person ans Herz legen, kommt dabei nur eines zum Vorschein die politische Charaktermaske mit ihrem schlichten, aber hartgesottenen Gemüt, das alles, was die nationale Macht ihren Verwaltern abverlangt, erlaubt und an Respekt eingetragen hat, als ganz persönliche Leistung empfindet.

Deutsche Größe - in die Wiege gelegt

Immer wieder versichert Strauß, daß es ihm Zeit seines Lebens nur um den Erfolg deutscher Politik gegangen ist. Das kann man ihm ruhig glauben, zumal er beides sowieso nicht auseinanderhalten kann und mindestens ebenso oft versichert, daß dieses Anliegen ohne ihn zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Der Anspruch der Bundesrepublik auf Weltgeltung kommt ihm wie das Selbstverständlichste und Natürlichste von der Welt vor. Wo Strauß am Werk ist, da geht es nicht bloß um die Interessen eines Staates, der mit seinen Machtmitteln auch Ansprüche akkumuliert; da geht es um nationale Rechte bzw. Pflichten gegenüber dem gesamten Globus, der nach wachsender deutscher Größe verlangt:

"Dort, wo unsere internationale Verantwortung gefordert ist, dürfen wir uns nicht entziehen... Europa kann kein stabiles Gleichgewicht haben ohne ein stabiles Gewicht der Deutschen." (241)

so lautet eines der allen bundesdeutschen Politikern vertrauten Dogmen, die Strauß so gerne als "Analysen", und zwar seine ureigensten, verkündet. Die Durchsetzung in der Staatenkonkurrenz soll also dasselbe sein wie die von allen erwünschte Konsolidierung der Staatenordnung - wie groß Deutschlands Macht werden muß, damit der Globus gefestigt ist, mag man da gar nicht mehr fragen. Soviel wie möglich selbstverständlich. Dieser Mission zu dienen, war Strauß nach seiner Auffassung qua Herkunft, Charakter und Umwelt ausersehen, da läßt er keinen Zweifel.

Herkunft

Daß die Welt als nationales Gewaltverhältnis nach innen wie nach außen organisiert ist, und daß einzig der nationale Erfolg zählt, hat Strauß offensichtlich schon mit der Muttermilch eingesogen - auf jeden Fall aber früh vom Vater gelernt. Dieser Metzgermeister aus der Münchner Schellingstraße hat, nachdem er von Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933 erfahren hat, dem Bub bereits früh politisches Talent beigebracht, wovon der noch bis zum letzten Atemzug viel gehalten hat.

"Ich erzähle Ihnen, was ich am 31. Januar 1933 erlebt habe und was mein Vater mir sagte, als ich von der Schule nach Hause kam - 'Bub, jetzt ist der Hitler Kanzler. Das bedeutet Krieg, und dieser Krieg bedeutet das Ende Deutschlands!'..." (13)

Nationale Sorge und politische Weitsichtigkeit sind dem Vater schon eins - und Strauß als Buben leuchtet es ohne weiteres ein, sich angesichts eines anstehenden Krieges ausgerechnet nur um die Nation zu sorgen. Aus diesem Holz werden Politiker geschnitzt, die auch in dunkelster Stunde die Nation wieder aus dem Dreck ziehen. Sie brauchen diesen Standpunkt bloß noch gegen die Opfer des Krieges durchzusetzen. Dieses Selbstverständnis der Politik nimmt Strauß 1945 begeistert als seine Chance zur Selbstverwirklichung auf.

Charakter

hat er dafür auch schon frühzeitig bewiesen. Er brachte das Kunststück fertig, als Nazi Widerständler zu sein - auch das freilich kein bundesrepublikanischer Einzelfall. Er wurde nämlich von aufrechten Menschen in die Position eines "Offiziers für wehrgeistige Führung" gedrängt mit dem schlagenden Argument:

"'Stranß, das machen Sie! Wir wollen nicht jemanden kriegen, der nicht zu uns paßt. Wir wollen keinen Weltanschauungsheini'."

Daß ihm zu seiner Verteidigung nicht eingefallen ist, auch damals habe er bloß Deutschlands Größe dienen wollen, gibt allerdings zu denken. Aber es war Strauß wohl nicht recht, wie andere zu Amt und Würden Gekommene vorzugeben, er hätte sich guten Glaubens verführen lassen und über die wahren Absichten der Nazis getäuscht. Einer wie er weiß immer Bescheid.

Umwelt

Die unmittelbare Nachkriegszeit bedeutet für ihn deshalb auch nicht ein Pech, in so beschissenen Verhältnissen sein Leben fristen zu müssen, sondern ein unglaubliches Glück, "Gestaltungsfreiheit" vorzufinden:

"Es war faszinierend, beim Aufbau des neuen deutschen Hauses auf demokratischer Grundlage von Anfang an dabeizusein, den Neubeginn mitzugestalten, bei einem politischen Schöpfungsakt unvergleichlicher Art mitzuwirken." (156)

So, politisch gesehen, war die Zeit eine einzige Chance. Die hat Strauß, aus dem Krieg "ohne körperliche Verwundung herausgekommen, frei von neurotisch-depressiven Erscheinungen irgendwelcher Art" (156) mit beiden Händen ergriffen und ganz nebenbei die neue Karriere Deutschlands gleich noch zum Neubeginn einer deutschen Karriere benutzt - was sich fast von selbst ergab:

"Es war herausfordernd und packend. Wir Jüngeren hatten kaum unmittelbare politische Vorfahren, uns fehlte eine ganze Generation. Wir hatten also eine unerhörte Chance, und wir haben sie genutzt. Wir brauchten niemanden zu verdrängen, Wechsel und Aufrücken ergaben sich in beinahe natürlichem Ablauf."

Diese Mentalität braucht es eben für einen Politiker: In jedem Toten einen toten Konkurrenten sehen, in der Neuverpflichtung der Leute für den Aufstieg der Nation eine persönliche Herausforderung, darüber mitzuentscheiden und beides fortan gar nicht mehr unterscheiden wollen.

Ganz zufällig hatten die Amis schon 45 an solch skrupellosen Figuren Bedarf und Strauß entdeckt - "hauptsächlich wegen meiner Englischkenntnisse". Der gelernte Altphilologe hat diesen Bedarf mit Glück und Geschick erkannt und ausgeschlachtet. Und nachträglich mit allem Pathos auch noch ausgemalt.

"Mein politisches Schicksal war und ist immer eingebunden in den Ablauf der Geschichte dieses Jahrhunderts... " (231) "Die Fügung, zur rechten Zeit da zu sein - die Griechen hätten gesagt, der Kairos -, spielte in meinem Leben nicht nur einmal eine wichtige Rolle... Mein persönlicher 'Kairos' stand günstig in einer Zeit des großen Unglücks... Dieser Zusammenklang von Mann und Zeit hat das Leben mancher Politker und Staatsmänner bestimmt..." (157/8)

So übersetzt ein ehemaliger Einser-Abiturient und Studierter standesgemäß die paar Bedingungen seiner Karriere und seinen Willen zur Karriere unter allen Bedingungen in das höhere Wirken der geschichtlichen Vorsehung.

Das unerschütterlich gute Gewissen der Macht

Angetreten ist er also, dazu bekennt er sich, mit dem Selbstbewußtsein seines durch keinen Krieg beschädigten Nationalismus: Deutschland, und damit ich müssen wieder die Welt gestalten. Diesen Anspruch wahrzumachen hält er für eine Frage der politischen Persönlichkeit und die für eine Frage des rückhaltlosen Bekenntnisses zu dieser Mission. "Aufrechten Gang" nennt er die offene Parteinahme für die "Maximierung der Macht". Immer wieder lobt er sich selbst dafür, nichts von den "Schuldgefühlen" deutscher Nachkriegspolitiker verspürt zu haben:

"Deshalb erhebe ich seit Jahr und Tag meine Forderung, daß wir endlich aus dem Schatten Hitlers, aus dem Dunstkreis des Dritten Reiches heraustreten, daß wir den Kreidekreis einer lähmenden Vergangenheit verlassen müssen." (437)

Vor lauter Überzeugung vom guten Recht der Bundesrepublik im Konzert der Mächte sind ihm die diplomatischen Touren, mit denen der Kriegsverlierer die Berechtigung seiner weltpolitischen Ambitionen unwidersprechlich angemeldet hat, glatt wie ein Stück Erniedrigung und damit Verrat an diesem Auftrag vorgekommen. Deutsche Politiker von Format haben vor aller Welt ein anderes Leiden zu pflegen als das der "unbewältigten Vergangenheit", nämlich das an der mangelnden Weltmachtrolle der BRD in der Gegenwart. Nach dem Grad der Aneignung dieser Selbstdarstellung unterschied Strauß die Tauglichkeit seiner Konkurrenten.

"Überhaupt kein Verständnis hatte Erhard für eine strategisch-politische Konzeption, um die es mir immer ging, daß nämlich die Bundesrepublik Deutschland... eine machtpolitische Position neuer Qualitätgewinnen müsse. " (428)

Die meisten fallen durch. Umso mehr, je näher sich seine Betrachtung der Gegenwart nähert. Mit am ärgsten hat Kohl da versagt. Der einzig Aufrechte ohne Fehl und Tadel ist natürlich er selbst.

Seine politische Karriere - ein selbstloser Einsatz für die nationalen Gewaltmittel

Wie alle großen Politiker weiß auch Strauß gebührend zu würdigen, was Deutschland an ihm hatte. Seit Beginn der BRD mußte immer wieder er dafür sorgen, daß die "Maximierung der Macht" auch klappte. Selbst der große Adenauer, der ansonsten noch einer der Verläßlichsten in der Richtung war, hatte seine Schwächen - und die mußte Strauß ausbügeln. Ganz besonders gern in Schicksalsfragen der Nation, egal was er mit deren wirklicher Entscheidung und Durchsetzung zu tun hatte. So zum Beispiel 1952 beim Eintritt der BRD in die EVG (Europäische Verteidigungsgemeinschaft), was die internationale Absegnung des Beschlusses zur Wiederaufrüstung war:

"Nachdem Adenauer am Vormittag ins Stottern geraten war und die Opposition sich mit schallendem Gelächter auf die Schenkel geklopft hatte, hatte niemand aus den Reihen der Regierungskoalition ins Feuer gewollt... In den 70 Minuten meiner Rede hatte ich die Regierung, den Bundeskanzler vor allem, aus einer schwierigen Situation gerettet... Daß ich als Redner der Union zum Zuge kam, entsprach einer Erfahrung, die ich noch oft in meinem politischen Leben machen sollte - wenn es schwierig und unbequem, kritisch und gefährlich wurde, war ich besonders gefragt." (162/3)

Strauß vergißt hier ziemlich bewußt, daß der Beitritt der BRD längst beschlossen, die parlamentarische Mehrheit dafür durch die Regierungskoalition ohnehin abgesichert war. Seine Propaganda in dieser ziemlich wichtigen politischen Frage bläst er zum Entscheidungskriterium auf. Daß Strauß sich bei seiner Partei mit seinem schonungs- und hemmungslosen Bekenntnis zur Wiederaufrüstung bei seiner Partei beliebt gemacht hat - "stehende Ovationen, das einzige Mal in meiner Laufbahn" - sei ihm unbestritten. Aber das wird man ja wohl noch von der politischen Entscheidung unterscheiden können.

Gerade auf dem Felde der Aufrüstung, weiß Strauß, wäre ohne ihn alles gescheitert. Schon im Vorfeld war er der, der am schnellsten begriff und sich engagierte. Der amerikanische Hochkommissar für Deutschland, John McCloy, überraschte bereits im Jahre 1950 "einen handverlesenen Kreis von Unionspolitikern" mit dem Angebot, daß die BRD wieder aufrüsten solle. Nur einen nicht:

"Die Frage McCloys, wie aus der Pistole geschossen, hatte uns bis ins Mark getroffen. Ich meine, ich war der erste, der sich wieder gefaßt hat... So ergriffich das Wort:...'So schwer es mir auch fällt', fuhr ich fort, 'ich sage ja. Aber unter der Bedingung völliger Gleichberechtigung.'" (245/6)

Daß Strauß, im Weltkrieg II "Soldat vom ersten bis zum letzten Tag", der nur die Kritik an diesem Krieg hatte, daß er "verloren war", begeistert von der Idee der Wiederaufrüstung war, braucht einen nicht zu wundern. Daß er sich mit dieser Haltung in den politischen Vordergrund drängte, ebensowenig. Aber daß die deutsche Aufrüstung bei den anderen schlechter aufgehoben war, bloß weil Strauß der Vorlauteste war, das glaubt auch nur er selbst.

Beinahe wäre das Unterfangen ja daran gescheitert, weil nicht er zum Verteidigungsminister, seinem damaligen Traumjob, berufen wurde, sondern ein gewisser Blank. Endlich 1956 mußte Adenauer dann seinen Irrtum einsehen, sich den Straußschen Bedingungen beugen - und prompt lief es endlich richtig an.

Ohne Zweifel tat Strauß dann in seinem neuen Amt einiges dafür, daß das neue Deutschland möglichst schnell wieder vor Waffen starrte. Aber das reicht seinem Selbstbewußtsein nicht. Seinem politischen Bedürfnis nach schrankenlosen Machtmitteln und seinem persönlichen Wahn, deren Garant sein zu wollen, verklärt sich die Vergangenheit zu einer einzigen Anhäufung von Stationen seiner Stärke.

Als 1957/58 die Bundeswehr dann dank Strauß mit Atomwaffen - unter amerikanischer Einsatzhoheit - ausgerüstet wurde, mußte er Adenauer vor der wehleidigen Aufgabe gegen Anti-Atom- und Untergangsspinner bewahren:

"Es war die Zeit der großen Anti-Atomtod-Demonstrationen, das Geschehen auf den Straßen beherrschte wochenlang die Schlagzeilen. Und es beschäftigte die Regierung... Die Meinung im Kabinett war geteilt, nicht so bei mir: ... 'Es gibt jetzt nur eines: vollziehen und durch!'... Adenauer erscheint, hält ein Buch in der Hand und sagt mit einer Miene, als ob er eben dem Hades entronnen wäre: 'Meine Herren, ich bin tief, tief erschüttert. Wir können so nicht weitermachen. Sehen Sie, ich habe heute nacht dieses Buch gelesen, ich bin regelrecht betroffen.'... Das sei, so Adenauer, die Geschichte eines Atomkrieges, eine furchtbare Geschichte. Daß das so schlimm sei, habe er nicht gewußt. Ich ergriff das Wort: 'Herr Bundeskanzler, das ist der Krieg im Atomzeitalter. Wir haben noch nie eine andere Vorstellung von seiner Schrecklichkeit gehabt. Die Zeiten, wo man noch fröhlich Krieg führte, gehören längst der Vergangenheit an.' Dann habe ich Adenauer mit dem Hinweis darauf beruhigt, daß Hans Hellmut Kirst (der Romanautor) kein geeigneter und glaubwürdiger Zeuge sei... "

So wie er sich nach innen als einzigen Garanten der unbeugsamen- Durchsetzung der Macht darstellt, so nach außen als den einzig unbeugsamen Garanten der internationalen Anerkennung der Deutschen. Und zwar durch offene Darstellung deutscher Ansprüche. Und wenn es diesem neuen deutschen Selbstbewußtsein an Erfolg mangelte, dann nur, weil selbst der "machiavellistische" Adenauer vor den Amerikanern - nach anfänglicher Rückenstärke im Laufe der Jahre mehr und mehr in die Knie ging. Ein andrer Politiker als Adenauer kommt für Strauß als Vergleichsmaßstab ohnehin nicht in Frage.

So hat - als einziger - Strauß sogar den Amerikanem die Meinung gesagt - und fand damit Gehör.

"Die Reaktion des amerikanischen Botschafters, der sich meine Anklage ruhig anhörte, war verblüffend: "Herr Strauß, ich gebe Ihnen völlig recht. Aber warum sagen nur Sie das, warum sagt das niemand sonst? Warum hat das der Bundeskanzler nicht gesagt? Warum hat sich der Bundeskanzler diese Behandlung gefallen lassen? Auch kein anderer Bundesminister hat uns das je gesagt. '" (401)

Aber Gottseidank war da noch Strauß - der einzig aufrechte deutsche Politiker, der vor keinem Angst hatte, jedem das Seine gab.

Und erst recht den Russen:

"Dann kam der entscheidende Satz zu Breschnew. 'Ich bin der Sohn meines Vaters, Sie sind einer der Amtsnachfolger Stalins.' Der sowjetische Dolmetscher hat sich geweigert, das zu übersetzen. Den Stenographen wäre bald der Stift aus der Hand gefallen... Wir stehen auf, ich gebe ihm die Hand, er nimmt sie... Dann muß ich ihn beinahe daran hindern, mir den Wagenschlag aufzumachen. Das war damals eine Sensation, wie Breschnew mich behandelt hat."

Und im Unterschied zu allen Kriechern und Schleichern hat Strauß damit offensichtlich Erfolg. Zumindest bildete er sich ein, daß dies an nichts als seiner Offenheit und aufrichtigen Unverschämtheit liegt. Das hat sogar Michail Gorbatschow ausgesprochen höflich und konziliant gemacht. Strauß ist jedenfalls nicht vor ihm gekrochen:

"Ich habe mich nie gedrängt, nach Moskau eingeladen zu werden, ich habe nie antichambriert. Ich habe immer gesagt: Wenn eine Einladung kommt, unter angemessenen Voraussetzungen, nehme ich sie an."

So stolz Strauß auf die wirklichen Grundlagen deutscher Macht ist, auf Waffen, Nato-Bündnis und Wirtschaftsleistung, so sehr verblaßt die Wirkung der Mittel doch vor der des einsatzfreudigen und entschlossenen Politikers. Zum einen verdanken sie sich überhaupt bloß ihm, zum anderen sind sie bloße Voraussetzung ihres geschickten internationalen Einsatzes und seines Auftretens als Politiker ohne Furcht und Tadel.

Nur wenn seine Absichten nicht zum Zuge kamen, dann hatte er -"leider" - nicht die genügenden Machtmittel oder den nötigen "Einfluß". Er war der einzige Gegner des Atomsperrvertrages, der die BRD von der Verfügung über Atomwaffen ausschloß:

"Für mich war dieser Atomsperrvertrag ein, wie ich es nannte, 'Super-Versailles'. Wie so oft stand in der Bekämpfung dieses Vertrages die CSU (= Strauß) wieder einmal allein."

Fast wäre ihm trotz Atomsperrvertrag dann aber doch noch die Beteiligung am Einsatz einer Atombombe gelungen - weil die USA nicht auf seinen Rat verzichten mochten. So haben offensichtlich die USA hinter den verschlossenen Türen der diversen militärischen Räte anläßlich der Berlin-Krise von 1961 den Atomeinsatz gegen den Ostblock geplant:

"Für den Fall, daß der von den Amerikanern geplante Vorstoß zu Lande nach Berlin von der Sowjetunion aufgrund ihrer Überlegenheit aufgehalten werde, hätten die USA die Absicht, bevor es zum großen Schlag gegen die Sowjetunion komme, eine Atombombe zu werfen und zwar im Gebiet der DDR... Die Amerikaner brachten diesen Gedanken ernsthaft ins Gespräch, was schon daraus hervorgeht, daß sie uns nicht nur allgemein gefragt haben, sondern daß sie von uns wissen wollten, welches Ziel wir empfehlen. Das war die kritischste Frage, die mir je gestellt wurde. Ich sagte, diese Verantwortung könne niemand übernehmen... Es war dann von einem russischen Truppenübungsplatz die Rede, auf dem große Mengen russischer Truppen konzentriert waren. Wenn diese Atombombe präzise geworfen und wenn sie einen begrenzten Wirkungsradius haben würde, dann wären die Opfer unter der zivilen Bevölkerung weitgehend auf die Menschen beschränkt, die auf diesem Truppenübungsplatz arbeiteten. Einen Truppenübungsplatz, den ich kannte, habe ich namentlich genannt - ich war dort im Jahre 1942 eine Zeitlang bei der Aufstellung einer neuen deutschen Panzerflakeinheit. Dies erschien mir, wenn es schon dazu kommen mußte und wir den Amerikanern nicht in den Arm fallen konnten, unter den gegebenen Übeln das Geringste zu sein..." (388)

Da war dieser Fanatiker der "Maximierung nationaler Macht" und oberste deutsche Berufs-Militarist in seinem Metier. Daß er aussuchen darf, wer die Bombe auf den Kopf kriegen soll. Egal, ob es sich wirklich so abgespielt hat, so sieht es nun mal in der Seele des Franz Josef Strauß aus. Die Durchsetzung der westlichen Berlin-Position ist das heiligste Recht, die natürlichste Angelegenheit der Welt; die russischen Soldaten, das widernatürliche Hindernis für solche Absichten; und der Zynismus der Planer des Massentötens ist die höchste Ausprägung menschlicher Verantwortungsriesen. Ein bißchen Stolz schwingt da schon auch mit, daß ausgerechnet ihn die Amis fragen, wohin sie die Atombombe werfen sollen.

Deutsche Leiden

Aber auch sehr viel Ärger, daß es mit der von ihm geforderten Gleichberechtigung doch nicht ganz so weit her war, wie es sich für die BRD eigentlich gehört hätte. Das macht Strauß immerzu unzufrieden und zu einem Kritiker der NATO-Politik: Deren Erfolge, deren Kriegsdrohungen und Feinddiplomatie sind eben nicht automatisch auch die der BRD. Daher hat der nach eigener Auskunft einzige deutsche Weltpolitiker von wirklichem Format in den weltpolitischen Auseinandersetzungen, in denen die Sowjetunion auf ihren Block zurückgedrängt und der Block zersetzt worden ist, immerzu falsche Zurückhaltung, Verzicht auf die einzig erfolgversprechende Sprache, die die Russen verstehen, die Gewalt entdeckt. So personalisiert er den Geist der Unzufriedenheit, der in jedem nationalen Fortschritt immerzu nur die noch nicht erreichte Macht entdeckt, die seinem Vaterland im Westen und auf Kosten des Osten zusteht.

So verpaßte die Weltgeschichte die Gelegenheit, sich Straußsche Erfahrungen aus dem 2. für den 3. Weltkrieg zunutze zu machen. Doch nachdem sie Strauß Hoffnung gemacht hatten, wollten die Amerikaner "unter den gegebenen Übeln das Geringste" nicht in Kauf nehmen. Um seine Enttäuschung auch glaubwürdig zu schildern, läßt Strauß in seinen Erinnerungen zunächst sein politisches Gespür wieder aufleben:

"Man spürte, dies kann der Ernstfall werden, wenn nicht militärisch, dann jedenfalls politisch." -,

um dann auf die Waschlappen und Dummköpfe von Amis loszugehen:

"Bei der Betrachtung der Berlinkrise, wie sie sich anbahnte, wie sie sich dramatisch zuspitzte, wie sie abklang (hochanalytisch), ist meine Bewertung, die ich als Verteidigungsminister vor bald dreißig Jahren getroffen habe, aktuell geblieben. Ich hätte nur gewünscht, daß die Alliierten wenigstens den Versuch machten, jenseits der Sektorengrenze tätig (!) zu werden, den zuerst gezogenen Stacheldrahtzaun niederzuwalzen und den Mauerbau zu verhindern. So aber habe ich in dem ganzen Ablauf der Krise eine Bestätigung der Torheiten der Amerikaner gesehen. Gravierende Irrtümer, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu den Fehleinschätzungen und Fehlern der amerikanischen Politik geführt hatten, trugen 1961 immer noch ihre schlimmen Früchte." (390)

Das war also nicht das erste Mal, daß sich diese amerikanische Nachgiebigkeit mit der"Bewertung" der Lage durch Strauß biß. Noch schlimmer als in Berlin beim Ungarn-Aufstand 1956, wo die Amis einfach nicht zu erreichen waren im Unterschied zu Strauß, der für dieses weltpolitische Top-Ereignis sogar einen Ball saußen ließ.

"Als es soweit war, Anfang November, war die Kriegslust der Amerikaner schon auf Null gesunken." (Ein abfälligeres Urteil kann ein deutscher Verteidigungsminister kaum fällen.) "Dann kam der Blutsonntag in Ungarn, an dem der rote Bruder zuschlug. In Bonn war es der Tag nach dem Presseball, den ich nicht besucht hatte, weil alarmierende Meldungen aus Budapest vorlagen... Da läutet das Telephon... meldet sich ein General aus Budapest...'Können die Deutschen uns noch helfen? Wir sind in höchster Not!' Ich bin mir meiner absoluten Ohnmacht bewußt, zerrissen im Innern, ich kann nur sagen: 'Wir sind erst am Beginn des Aufbaues unserer Streitkräfte, eine rechtzeitige Hilfe von deutscher Seite ist nicht zu erwarten, ich kann mich nur schleunigst an die Amerikaner wenden.' Das Geräusch von Schüssen verstärkt sich, das Gespräch bricht ab... Ich habe sofort versucht, den amerikanischen Botschafter zu erreichen, er war unterwegs zu irgendeiner gesellschaftlichen Veranstaltung (da sieht man den Unterschied!)... der amerikanische Militärattache... beim Tennisspielen... Meine damalige private, aber höchst unbeachtete Meinung war..., daß die Sowjetunion nicht einmarschieren würde, wenn, nach entsprechender amerikanischer Klarstellung, damit der Kriegsfall verbunden wäre. Aber zu solch einer Konsequenz seiner Politik war der Westen nicht fähig..."

- wie auch 1968 beim russischen Einmarsch in die CSSR, als Strauß dem amerikanischen Außenminister Dean Rusk seine "damalige private, aber höchst unbeachtete Meinung" von 1956 diesmal sehr offiziell mitteilte:

"...'lch male das absichtlich so deutlich, damit Sie Ihre Antwort darauf einstellen können. Was werden die Amerikaner tun?' Die Antwort Rusks: 'Nichts.' und die Begründung habe ich noch voll in Erinnerung: 'We cannot risk nuclear war.'" (Spiegel 38,153/155)

Da kann man heute noch den Pulverdampf riechen - und die US-Politiker sind einfach nicht da oder ziehen die Atombombe ein.

Da bricht das Stammtischgemüt von Strauß durch, das zu jedem Politiker so gut paßt. Der große Stratege, in dessen Idealismus der Feind sich durch entschlossenes Vorgehen in die Schranken weisen läßt, war leider nicht gefragt. Sonst wäre alles anders ausgegangen. Und noch ein Wesenszug von Strauß: Er liebt die Gewaltmittel als Mittel seiner politischen "Gestaltungsfreiheit". Je größer die damit verbundene Wirkung und die Gefahr der gegnerischen Erwiderung, desto größer die Herausforderung an Mut und Festigkeit des Politikers. Vor diesem Kriterium wirkt noch jede amerikanische Weltpolitik blaß, zumal wenn ihre Opportunitätskriterien dem politischen Temperament von Strauß gerade nicht einleuchten.

Der große Geist

Doch dies war nicht immer so. Er fand auch Gehör bei den USA:

"Kennedy hörte außerordentlich interessiert zu und bedankte sich für diese Analyse." (360)

Nebenbei: Bei dieser für einen US-Präsidenten interessanten Analyse handelte es sich um die ziemlich berechnende Aufzählung der weltpolitischen Vorteile, die eine Atombewaffnung der Franzosen auch den USA bieten:

"Verfügten auch London und Paris über A-Waffen, könnte er (Kennedy) bei einer kritischen oder bedenklichen Situation den Sowjets glaubhaft machen, daß das Thema Atomwaffen und ihr möglicher Einsatz nicht allein in seiner Hand liege..." (360)

Vor lauter Begeisterung über seine Wichtigkeit geraten ihm auch noch die primitivsten Höflichkeitsfloskeln zum Material seiner Angeberei.

Schließlich hält Strauß neben seinem ausgeprägten Charakter des "homo erectus" auch seine analytischen Gaben für die conditio sine qua non des berufenen Politikers. "Diese meine Analyse..." erwies sich in seinem Rückblick mehr als einmal als richtig - und eigentlich nie als falsch. Wenn er sich durchsetzte, dann bewies das die Richtigkeit seiner "Analyse", die immer schon darin bestanden hatte, daß man sich unbedingt durchsetzen müsse. Und wenn nicht, dann tat alle Welt ihm und Deutschland Unrecht, was sich am nonkonformistischen Beharren auf seiner Position bewies.

Erhellend bereits seine analytischen Überlegungen bezüglich der Chancen seiner Partei im Jahre 1946:

"Meine Argumente faßte ich in einer Rede so zusammen: 'Haben wir Erfolg, werden wir sehr lange an der Regierung bleiben, haben wir keinen Erfolg, dann werden wir eben aus der Regierung verschwinden...'".

Darauf kann er sich schon was einbilden, daß er sein Urteil - bei gegebenen Grundsätzen ein für alle mal dem einen Kriterium subsumierte: Welche Mittel, welche Mauscheleien, welche Selbstdarstellungskünste, welche Koalitionen nützen, um der eigenen politischen Linie zur Durchsetzung zu verhelfen: Sei es den Russen, den Amis, den Wählern oder der politischen Parteienkonkurrenz gegenüber. So paßt die Unbeugsamkeit des Strauß'schen Machtmaximierungsanspruchs sehr gut zum politischen Opportunismus des "Schlitzohrs". Dafür hätte er sein Latein-Examen zwar nicht machen brauchen, aber zur Selbstdarstellung des Gewitzigten als Scharfseher und intellektuellen Kalibers taugt so ein Examen allemal. Was jedes Sozialkundelehrbuch den Vätern des Grundgesetzes nachbetet, das erforschte Strauß ganz unabhängig von einem anderen großen Demokraten frühzeitig: das Interesse an soliden Machtverhältnissen:

"In meiner Grundanalyse stimmte ich - obwohl er mir damals völlig unbekannt war - mit Konrad Adenauer überein, der ebenfalls die Meinung vertrat, daß das Parteiensystem der Weimarer Republik gescheitert war und nicht neu belebt oder wiederhergestellt werden könne." (S. 70)

"Konnte" es dann ja auch nicht. Aber auch auf ganz anderen Feldern, dem des politischen Überzeugens durch kunstvolle Rede zum Beispiel, hat Strauß nach seitenlangen Analysen Erhellendes zu vermelden:

"Nicht der ist der beste Redner, der bis zum letzten Satz von allen Zuhörern verstanden wird - und was für den redenden Politiker gilt, paßt auf den Politiker schlechthin... Als Redner kann ich mir die Zwischenrufe nicht aussuchen, sie kommen oder sie kommen nicht... Richtungsweisend sind meine handschriftlichen Vermerke..." (S. 164ff)

Wie gesagt:

"Die Kunst der Rede ist eine zeitlose Kunst." (S. 170)

Das Dümmste an diesen Weisheiten ist wahrscheinlich, daß er selbst am allermeisten geglaubt hat, sie seien welche. Er wußte eben schon immer 'Bescheid'. Bereits 1935, kurz nach dem Abitur, machte Strauß den Führerschein.

"Meine Schwester hielt dasfür völlig sinnlos, da ich mir weder jetzt noch in nächster Zukunft ein Auto kaufen könne. 'Was willst du denn mit dem Führerschein anfangen?' Meine Antwort sei gewesen, so erzählt sie noch heute jedermann: 'Der fängt doch einen Krieg an. Meinst du, daß ich für den Deppen zu Fuß durch Europa marschiere.'" (33)

Diese Sorte Gewitzigtheit - Opportunitätsgesichtspunkte abwägen und ausschlachten - ist Strauß' analytische Gabe. So blöd diese Haltung für einen Untertanen ist, so ausreichend ist sie für einen erfolgreichen Politiker. Man muß nur alles und jedes in welthistorische Phrasen kleiden und überall den nationalen Standpunkt langfristiger Vorausschau deutscher Interessen vorzeigen, dann gilt man als vorausblickender, in historischen Dimensionen denkender Staatsmann.

Der öffentlich Verfolgte

Und wo nicht, da liegt es dann eben an der Dummheit bzw. moralischen "Verworfenheit" der anderen. Sei es der Amis in Sachen Weltkriegskalkulation, sei es der eigenen Partei in Sachen politischer Schlauheit - "die SPD ist uns in Sachen politischer Selbstdarstellung weit voraus" weil die Union nicht auf Strauß hört -, oder auch der politischen Kultur, die politischen Genies wie ihm immer Steine in den Weg legt.

Wenn er berichtet, wie "unbürokratisch" und ohne öffentliche "Störungen" er Deutschland bei der Aufrüstung der Israelis ins Spiel gebracht hat, dann wird ihm ganz wehmütig ums Herz. Solche politischen Geniestreiche - den Mosche Dayan nach Rott am Inn eingeladen und einen Waffenhandel abgeschlossen - sind heutzutage nicht mehr so leicht, weil die Öffentlichkeit immer zuviel wissen will. Arg geärgert hat ihn da die Kritik wegen des Milliardenkredits an die DDR - was geht das die Öffentlichkeit schon an.

"Sicherlich sind die Vorgänge um den Milliardenkredit auch ein Symptom für eine starke Einschränkung der politischen Gestaltungsmöglichkeiten. Ich sehe hierin ein deutsches Phänomen, wenn ich beispielsweise daran denke, mit welcher Souveränität und Unabhängigkeit Margret Thatcher regiert. Ein Politiker wird in seinem Handlungsspielraum, in seiner Führungsfähigkeit erheblich begrenzt, wenn er vor einer wichtigen Entscheidung diese auf breiter Ebene diskutieren und möglichst noch durch eine Meinungsumfrage in der Öffentlichkeit absegnen lassen soll. Heutzutage gibt es anstelle eines Vertrauensvorschusses im Grunde eher einen Vorschuß an Mißtrauen - ganz im Gegensatz zum 19. Jahrhundert, wo Geheimdiplomatie und Kabinettspolitik die Grundlagen einer oft wirkungsvollen Politik waren."

Abgesehen davon: Kam der Milliardenkredit etwa nicht zustande: Ist Strauß nicht stolz darauf, daß er immer unangefochten von der öffentlichen Meinung seine Politik und damit öffentliche Meinung gemacht und vertreten hat: Ist sein ganzes Buch nicht Beleg genug dafür, wie wenig behelligt von der Öffentlichkeit die bundesdeutsche Nachkriegspolitik ihre Mauscheleien, Geheimverträge und sonst was betrieben hat?

Was Strauß nicht gefällt, ist die Kritik der öffentlichen Meinung, die zur demokratischen politischen Kultur nunmal dazugehört. Im Grunde genommen sind das nationale Schicksal, die nationalen Machtansprüche ein zu hohes Gut, als daß man sie anderen als seinesgleichen - und vor allem ihm - anvertrauen darf.

Die Propagandisten seines politischen Konkurrenten sind schon irgendwie der Ausbund an politischer Niederträchtigkeit. Nicht einfach Konkurrenten oder Kritiker - sondern das gehört sich einfach nicht, weil es seinen ganz persönlichen Machtanspruch bestreitet. Und den identifiziert er mit dem der deutschen Nation. Und den wiederum hält er für das Natürlichste und Gerechteste von der Welt. So ist nicht zuletzt der "Spiegel"

"auch ein tiefer Ausdruck der Zerrissenheit und des Nihilismus der deutschen Seele... Er ist Produkt und Produzent dieser Haltung gleichermaßen." (422/3)

Kein Wunder, daß ihm mit Augstein ein "Mann voller Komplexe" vorsteht.

Der Anwalt staatsmännischer Freiheit pflegt also genau die komplementäre Ideologie zum Selbstbewußtsein der Öffentlichkeit, mit ihren Ansprüchen an erfolgreiche nationale Führung würde sie die Politiker kontrollieren. Regieren bürgt für Sachverstand, darf also blindes Vertrauen und Zustimmung für sich beanspruchen - klar, daß dieser Anspruch, die Öffentlichkeit hätte rückhaltlos die politischen Ambitionen und die Amtsführung von Strauß und seinesgleichen zu unterstützen - und genauso natürlich die der Konkurrenten schlecht zu machen, bei Leuten wie Augstein auf fruchtbaren Boden gefallen ist und Strauß zum Lieblingsobjekt ihrer Kritik gemacht hat - bei allem Respekt vor seinen großen politischen Fähigkeiten versteht sich. Strauß war da anders. Er hat von diesen Journalisten wirklich nichts gehalten.

Vor dem Richterstuhl der deutschen Geschichte

Eigentlich hätte es ihm zugestanden, diese Nation zu führen. Statt dessen hat man ihn zu einer Zeit, da es um die Nachfolge Adenauers ging, schmählich als Minister entlassen, bloß weil er ein paar Spiegel-Journalisten ganz ohne Komplexe festsetzen ließ. Und dann hat man ihn auch noch nicht einmal zum Kanzler gewählt, obwohl er in Bayern doch immer das beste Ergebnis hatte. Und oft ist ihm dabei auch noch seine eigene Partei in den Rücken gefallen, sogar damals, als er vor dem Bundesverfassungsgericht das Grundgesetz der BRD retten mußte. Den Prozeß hat er zwar verloren, aber sein Standpunkt ging als Sieger hervor. Erst nachträglich

"stellte Alfred Dregger 1985 besonders nachdrücklich fest, daß die CDU den Freunden von der CSU bestätigen müsse, mit dem Gang nach Karlsruhe eine historische Leistung für Deutschland erbracht zu haben. Diese Klage sei ein geschichtliches Verdienst von Franz Josef Strauß. Solches hörte und höre ich öfter. 1973 hatte man mich ausgelacht, verspottet, allein gelassen." (458)

Er hat es auf sich genommen und sein Kreuz getragen - im guten Gefühl, wie immer von den meisten verkannt zu sein, vor dem Richterstuhl der deutschen Geschichte aber Recht zu behalten. So ergeht es einem, der soviel für seine Partei, sein Vaterland, die Weltpolitik leistet, daß die das gar nicht richtig begreifen können. Auch das übrigens ein Wahn, der nicht bloß bei Strauß zum politischen Charakterzug geronnen ist.

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Insofern ist Straußens persönliches Vermächtnis zugleich im besten Sinne objektiv; ein 'Zeitdokument' darüber, wie wenig demokratisches Regieren mit den Ideologien von staatsmännischer Kunst, geistiger Führung, gewiefter Taktik, persönlicher Glaubwürdigkeit und Kompetenz zu tun hat, mit der sich ihre Figuren schmücken und nach denen sie so gerne beurteilt werden. Auch darüber, daß die "Sachzwänge" der Politik Zwangscharakter nur fürs Volk haben, für die Verwalter der Sache aber das Reich ihrer persönlichen Freiheit, ihrer Selbststilisierung und von keinen Zweifeln geplagten Selbstbeweihräucherung - kurz: der Entfaltung - ihrer ganzen Persönlichkeit sind. Die fällt deswegen auch nicht gerade sehr persönlich und einnehmend aus.

Wer meint, deutsche Politiker funktionierten noch ganz anders, der kann übrigens die Memoiren von Willy Brandt lesen. Der hat ja mit Strauß zusammen Deutschland regiert.