DER DEUTSCHE WALD STIRBT - GOTT SEI DANK!

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1985 erschienen.
Systematik: 

Schicksalsfragen
DER DEUTSCHE WALD STIRBT - GOTT SEI DANK!

Das Geschrei um ihn ist nicht zu überhören. Es darf einem nicht länger scheißegal sei, wenn die Tannen krumm, unregelmäßig oder gar nicht mehr wachsen. Daß einen das Eigentum fremder Leute nichts anginge, eine karstige Felsenlandschaft auch ihre Reize habe (abgeholztes Bella Italia!) oder man ganz andere Sorgen habe als das lächerliche Abfallen grüner Tannenblätter, die einem eh bloß den Blick auf die Natur verstellen - all das darf nicht sein. Denn schließlich geht es um mehr: Ein ganzer deutscher Wald stirbt - und was wären wir alle ohne sein Hinscheiden? Was wäre

Der deutsche Wald

selbst - ohne seinen Tod? Wir alle hätten ihn doch nur allzuleicht vergessen, nicht mehr bedacht, daß auch er ein Mensch wie du und ich ist, hätte er sich mit seinem zähen Ringen gegen den grausamen Tod nicht schmerzlich in Erinnerung gebracht. So wird ihm mit Recht eine Ehre zuteil, um die wir ihn jetzt schon beneiden: Als unser aller herzlichst betrauertes Opfer ist er der erste Heldentote der Nation - ohne auf den Krieg noch extra warten zu müssen.

Die Waldbesitzer

haben gut leiden. Mit ihrem kränklichen Eigentum gehört ihnen auch schon das Mitgefühl der Nation. Sie sind nicht mehr einfach Grundrentner, die aus ihrem Monopol an Grundbesitz Profit schlagen. Nein, der sinkende Festmeterpreis hat Anspruch auf öffentliche Demonstration als ehrenwertes Anliegen in feinstem Hirschhorn samt Gamsbart auf dem Hute. Schließlich trifft sein Sinken uns alle!

Die Förster

nicht zu vergessen. Wer will sie noch mit Typen verwechseln, die einen reaktionären Natur-Spleen in der Verwaltung fremden Eigentums gegen Lohn aufgehen lassen. Umgekehrt: Sind wir nicht alle eigentlich Förster, zumindest im Grund unseres Herzens, um dem Walde direkt den letzten Trost zu spenden? Und wenn wir nur mit einer Wahlstimme für Förster Baumann bescheiden unser Mitgefühl bekunden...

Hänsel und Gretel

können endlich wieder spazierengehen: Endlich können sie sich nicht mehr verlaufen!

Unverhohlene Freude bei der

Bundesregierung

Wäre ohne Waldsterben jemand auf die Idee gekommen, von ihr Steuererhöhungen öffentlich zu fordern, ohne in einem Meer der Entrüstung zu ersaufen? Gott sei Dank braucht sie die Erhöhung der Mineralöl- und KFZ-Steuer nicht mehr als ihre Ansprüche ans Volk auszugeben. Niemand anders als unser armer Kranker macht die Verwandlung des sauren Regens in ein warmes Bad für die Staatskasse nötig! Was wäre

Lothar Späth

ohne den zitierten Patienten. Ein einfacher Ministerpräsident eines Bundeslandes. Ein Reaktionär zumal. So aber! Durch kühne Vorstöße in der Sorge um unseren Wald erscheint er nicht mehr nur Parteifreunden als durchaus geeignet auch für höhere Aufgaben...

Die deutsche Opposition

- sei es in Latzhosen oder Kurzhaarschnitt - ist endlich am Ziel ihrer Wünsche. Wer kennt nicht ihren jahrelangen verzweifelten Kampf gegen den moralischen Ausschluß aus der Volksgemeinschaft guter Deutscher? Den Sieg in diesem Kampf beansprucht sie zu Recht. Mit der Sorge um den dahinsterbenden Wald hat sie ein oppositionelles Anliegen entdeckt, das sie endlich von vornherein mit ihrem Adressaten vereint. Sie pflegt die Sorge des Restes der Nation. Deutsche Linke, was willst du mehr?

Die Grünen

als politischer Stellvertreter basisbewegter und sonstiger Sehnsüchte - hat der Herr nicht Einsehen mit manchem ihrer Gebete bewiesen? Der sterbende Wald - oder: Grüne sind politikfähig! Sie haben schließlich als erste enteckt, was heute jeder anerkennt. Gebührt ihnen da nicht Anerkennung und politische Zuständigkeit, die man ihnen trotz aller ehrlichen Beteuerung, auch gegen den Osten zu sein, in der Raketenfrage nie zukommen lassen wollte? Wenn uns das nicht einen echten deutschen Wald wert ist, dann wenigstens die darin liegende Gelegenheit für

Das ganze deutsche Volk

Über den Tod ihres so herzlich beweinten Anverwandten hat es sich wiedergefunden. Daß wir alle uns um die Erhaltung unseres Waldes sorgen - dieses schöne Bild von der gemeinsamen Aufgabe: läßt uns das nicht überhaupt Gemeinschaft wieder enger ans Herz wachsen? Tut uns das nicht unser schönstes Glück offen kund: uns als innige Einheit aus einem untadeligen Anliegen heraus zu fühlen?

Wir Schuldigen

am Hinscheiden unseres Patienten, haben wir nicht beste Gelegenheit zur inneren und äußeren Ein- und Umkehr? Ist das Bewußtsein unserer kollektiven Schuld nicht bestens dazu geeignet, uns endlich das hybride Bewußtsein unserer Wichtigkeit als Individuen zu nehmen und die Maßstäbe unseres unbedeutenden Erdendaseins zurechtzurücken? Werden

Die Apostel der Bescheidenheit

nicht mit Recht ausgesprochen unbescheiden angesichts des uns alle betreffenden Schicksals unseres Waldes? Lohn, Erholung, Konsum, Rauchen, Trinken, Fluchen ... macht Wald tot! Um Gottes willen oder besser gesagt: Gott sei Dank...

Die Atomindustrie

kann angesichts des sterbenden Waldes natürlich niemand mehr mit einem - wenn auch untertänigen, so doch immerhin ablehnenden - "Nein Danke!" bedenken. Ist doch logisch: Je mehr es von denen Gott sei Dank im Lande inzwischen gibt, desto weniger leidet unser guter deutscher Wald unter üblen Dreckschleudern namens Buschhaus. Wo angebracht, selbstverständlich auch umgekehrt! Und überhaupt: Wo wir doch alle, wer möchte da noch einzelne ins Zentrum der Kritik stellen? Das Schicksal des Waldes hat uns - und das war eine notwendige Lehre - gelehrt, statt Kritik Konstruktion zu üben! So nehmen auch die Kaderschmieden des neuen Geistes -

Die Universitäten

- in zahllosen Ringvorlesungen am Wald sterben Anteil. "In Kunst, Psychologie, Religion hilft der Baum dem Menschen, sich selbst zu finden, sein Verhältnis zu anderen zu bestimmen, seine Gottesbeziehung aufzufinden." (Über die Ringvorlesung der Uni Tübingen: "Der Baum zwischen Hoffnung und Verzweiflung.") Kurz: Für jedes moralische Bedürfnis ist ein sterbender Baum wie gewachsen.

Die "Bild"-Zeitung

hat sich als deutscher Gesamtidealist an die Spitze dieser ehrwürdigen Feierstunde gesetzt und - zu Ehren des Waldes - ein grünes Telephon gekauft. In wahrhaft dithyrambischen Orgien wird daran die letzte große historische Leistung unseres sterbenden deutschen Waldes gefeiert: Die ungetrübte Einheit deutschen Gemüts, im Tannenbaum selbst für Leser der "Bild"-Zeitung zu bebildern, woran sich auch die neue deutsche Poesie in Gestalt von

Frau Anne K. aus S.

kräftig beteiligt. Was wäre ihre Dichtkunst ohne die tiefe Einfühlsamkeit, mit der uns die Sorge um die leise sterbenden Wälder beseelt? Das gereimte "bald" zum getöteten "Wald" bekommt seine Mitteilungskraft als Botschaft für uns alle.

Der normale Mensch

darf also mit Recht ein Stoßgebet des Dankes gen Himmel senden. Was hätte er bloß für kleinliche Sorgen, wäre da nicht das grausame Dahinsiechen unzähliger Fichten und Tannen...

Fazit: Wenn er nur endlich hin wäre, der Scheiß-Wald.