DER ARBEITSPLATZ

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1981 erschienen.
Systematik: 

Armut in der BRD
DER ARBEITSPLATZ

Wenn der Arbeitsplatz einfach der Ort wäre, an dem auf bestimmte Art und Weise und mit maschineller Hilfe nützliche Produkte hergestellt werden, wäre das keiner weiteren Erwälinung wert. Man könnte höchstens noch feststellen, wie produktiv heute gearbeitet wird, wie lässig und schnell eine Vielzahl von Gebrauchsgegenständen fertiggestellt ist - fertig. Aber das ist es ja gerade, daß es sich mit den Stätten der Arbeit so gar nicht verhält. Wie sonst würde man zu Weihnachten in der Zeitung lesen: "Arbeitsplätze bleiben bis 1990 knapp", wo doch Staat, Kapital und Arbeiter in allem, was sie unternehmen, vernehmlich die "Schaffung von Arbeitsplätzen" im Sinn haben: sei es, daß ein Bankgebäude hochgezogen wird, eine Straße gebaut, eine Fabrik errichtet oder ein neues Konjunkturprogramm beschlossen wird. Und da soll es nicht massenhaft Arbeitsplätze geben?

Die ideologische Wahrheit

Wenn alle Welt sich bemüßigt fühlt, den Segensreichtum dieser Lokalitäten zu betonen, oder auf der anderen Seite die Sorge demonstriert, ob es genug von diesen nützlichen Dingern gebe, dann werden Arbeitsplätze doch wohl aus einem anderen Grund eingerichtet als dem, nützliche Güter zu produzieren oder jedem etwas Nützliches zu tun zu geben. Lob und Sorge wäre da nämlich überflüssig. "Knapp" könnten die Arbeitsplätze dann auch nicht werden. Es gäbe doch höchstens die rationelle Überlegung, was zu tun wäre, damit die Leute mit vielen Mitteln der Bedürfnisbefriedigung versorgt werden.

Wenn von den Unternehmern über den Staat bis zu den Gewerkschaften alle behaupten, daß ihre große Sorge den Arbeitsplätzen gelte und sie alles täten, solche zu erhalten, zu sichern oder gar zu schaffen, kommt man über diese Ideologien und dem Schluß auf ihr Gegenteil der Wahrheit schon näher. Ausgerechnet Unternehmer, die Arbeitsplätze nur aus dem Grund einrichten und anbieten, um Produkte zur Verfügung zu haben, die sie gewinnbringend losschlagen können; ausgerechnet Kapitalisten, die gemäß ihrer Gewinnkalkulation rationalisieren, Arbeitsplätze streichen und Leute entlassen, behaupten ihr so geartetes Geschäftsgebaren sichere Arbeitsplätze oder sei die Voraussetzung zur Schaffung neuer. Die auf die Sorgen der Arbeitnehmer rechnende Lüge liegt darin, daß so getan wird, als wäre irgendeines Kapitalisten Zweck der der Schaffung oder Erhaltung von Arbeitsplätzen. Nicht gelogen ist aber die demonstrative Sicherheit der Unternehmer, daß Arbeitsplätze - ob es sie gibt und wieviel davon - ganz und gar davon abhängig sind, ob sich mit ihnen ein Geschäft machen läßt. Dieses kapitalistische Prinzip seiner Lieblingsbürger weiß der Staat zu schätzen, wenn er ihnen günstige Bedingungen verschafft, damit so die nationale Wirtschaft wachse. Mögen die staatlichen Maßnahmen auch "Arbeitsbeschaffungsprogramme" heißen, Zweck ist auch bei diesen nicht die Schaffung von Arbeitsplätztzn, auch wenn es dem Staat natürlich recht ist, wenn die Unternehmer so frei sind, Arbeitslose von der Straße zu holen und gewinnbringend einzusetzen.

Die größte Sorge um die Arbeitsplätze macht sich dem Vernehmen nach die Gewerkschaft, und zwar so, daß es doch ein nationales Unglück wäre, wenn Arbeitskräfte ohne Arbeitsplatz und Nutzen für die deutsche Wirtschaft brachliegen. Aber eben wegen ihres Interesses an einer gelungenen deutschen Wirtschaft sieht sie das einfache Argument der Unternehmer ein, daß wegen der Konkurrenzfähigkeit deutscher Betriebe Rationalisierungen und Entlassungen sein müßten. Nur hat sie im Vollzug des Umgangs mit den Arbeitsplätzen manchmal andere Vorstellungen und hält dem realistischen Verfahren der Kapitalisten gern das Ideal der Vollbeschäftigung entgegen, ohne aber den Unternehmern Steine in den Weg zu legen. Mitreden wollen will sie vor allem. Und die Arbeiter, die sogenannten Arbeitsplatzbesitzer? Man sollte meinen, sie seien allein davon abhängig - daß sie die geforderte Leistung und Qualifikation zu bringen haben, ist klar -, was Kapitalisten, Staat und Gewerkschaft tun, ob sie einen Arbeitsplatz (und was für einen) haben oder nicht. Das stimmt auch, allein auch sie sollen ganz viel dafür tun können, für die vielen neuen Arbeitsplätze, aber auf ziemlich andere Weise als die Herren Arbeitgeber und Co. Ihnen wird bedeutet, daß viel Leistung, wenig Lohn, mehr Mobilität etc. - also möglichst geringe Ansprüche und großer Einsatz das Unterpfand ihrer jetzigen "sicheren" und zukünftig zu erwartenden Plätze des Arbeitens seien. Zwar schafft oder sichert kein Prolet einen Arbeitsplatz, er hat an ihm zu arbeiten, genauso viel, wie verlangt wird, oder ist arbeitslos, aber wenn er entsprechend bescheiden sei, könnte es vielleicht sein, daß..., sonst überhaupt nicht, heißt das Gebot jeder Stunde an die Arbeiter.

Nun könnte man sagen, was gehen einen diese Ideologien mit den Arbeitsplätzen an, man braucht sie doch nicht zu glauben. Richtig, man sollte sie auch nicht glauben. Daß man an ihnen etwas Plausibles Findet, liegt deshalb auch nicht einfach an der treudoofen Gutgläubigkeit der "Arbeitnehmer". Die Ideologien haben ihre harte Grundlage darin, daß es eine größe Abteilung Leute gibt, die darauf angewiesen sind, Arbeit zu haben, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und wenn man die Angebote der Unternehmer für die selbstverständlichsten Mittel hält, an Geld heranzukommen; wenn man sich damit abgefunden hat, vom Angebot der Unternehmer an Arbeitsplätzen abhängig zu sein, dann ist es kein großer Schritt mehr, den ganzen Ideologien über Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen doch etwas abzugewinnen, dann sind ja Konkurrenzfähigkeit und Gewinne irgendwo wirklich die Kriterien für (sichere) Arbeitsplätze.

Die harte Wahrheit

Von dem Standpunkt "Hauptsache man hat Arbeit" aus, der die Nutznießer der Arbeitsplätze zu Segensspendern macht, gerät das, was an einem Arbeitsplatz so los ist und was der "Arbeitsplatzbesitzer" an ihm zu leisten hat, leicht in den Hintergrund. Obwohl man sich über den Charakter eines Arbeitsplatzes eigentlich nichts vormachen dürfte, selbst dann nicht, wenn man noch nie eine Fabrik von innengesehen hat. Das ist doch logisch: Arbeitsplätze gibt es, werden reduziert oder neu hingestellt, je nachdem ob sie sich für das Kapital lohnen. Also sehen sie auch so aus, daß sie sich lohnen.

Freilich, gegenüber keinem Arbeitsplatz ist ein Arbeitsplatz sofort besser; gegenüber den angeblich überholten "frühkapitalistischen" Fabriken des 19. Jahrhunderts sind die meisten Fabrikhallen des sogenannten Spätkapitalismus wahre Wärmestuben, ganz zu schweigen von den vielen Schutz- und Gesundheitsvorschriften. Man sollte, anstatt diese Vergleiche mitzumachen, doch einmal übrrlegen, warum sie angestellt werden. Man sollte sich einmal zu Gemüte führen, daß Schutz- und Gesundheitsvorschriften offenbar nötig sind an diesen schönen Arbeitsplätzen im Modell Deutschland, denen es wie allen Vorschriften geht - sie werden nicht eingehalten. Warum stellt sich niemand die Frage, wieso die Bundesregierung ein Forschungsprogramm einrichtet zur "Humanisierung der Arbeit" und weswegen jemand auf die grandiose Idee kommt, die Arbeit der - doch zur Gattung der Menschen gehörenden - Arbeiter humaner, also menschlicher machen zu wollen?

"Ziel der Grundsätze ist es, jedem Beschäftigten den Anspruch auf die menschengerechte Gestaltung seiner Arbeit zu gewährleisten. Die Arbeit ist menschengerecht gestaltet, wenn durch sie die Menschenwürde geachtet, die Entfaltung der Persönlichkeit des Beschäftigten ermöglicht wird, die körperliche und geistig-seelische Gesundheit sowie (!) die Arbeitsfähigkeit gesichert sind. Den Beschäftigten ist die Entfaltung ihrer beruflichen Fähigkeiten zu ermöglichen. Die Beschäftigten sind vor Unfall- und Gesundheitsgefahren, vor arbeitsbedingten Erkrankungen, vor Fehlbeanspruchungen und gesundheitlichen Spätschäden so zu schützen, daß (!!) die von ihnen geforderte Arbeitsleistung ihnen eine Berufstätigkeit bis ins normale Rentenalter ermöglicht...

Die menschengerechte Gestaltung der Arbeit ist anderen Betriebszielen gleichrangig. Sie ist in das gesamte Betriebsgeschehen planmäßig zu integrieren." (Gesellschaft für Arbeitsschutz und Humanisierungsforschung; im Auftrag der Bundesregierung)

Man lese diese humanen Grundsätze noch einmal und weiß, wie ein Arbeitsplatz 1981 in Deutschland aussieht:

An diesem Platz findet sich alles, wogegen seine Humanisierung angeblich vorgehen will. Gesundheitsschädigungen aller Art, vom Klima über Lichtverhältnisse, Schall und Strahlungen, ungesunde Haltung bis zu gefährlichen Arbeitsstoffen und gefährlichen Arbeiten - zusätzlich zu den Früh- und Spätschäden, die die ganz normale Leistung Tag für Tag mit sich bringt. Alles dies ist in den Vorschlägen zur Humanisierung des Arbeitsplatzes bis ins Kleinste ausgeführt.

Weil die Würde des Menschen am Arbeitsplatz nach seiner Leistung und Leistungsfähigkeit gemessen wird, hat man den Ort des Produzierens so gestaltet, daß der Arbeitende zu extremer Leistung fähig ist und die extreme Belastung den gewünschten Effekt erbringt. Das ist Entfaltung der Persönlichkeit! Wie schnell das Fließband läuft und somit die Arbeitsgeschwindigkeit bestimmt; wo der Akkordsatz steht und so vorgibt, was es in einer Stunde zu leisten gilt; welche Lohngruppe ein Arbeitsplatz wert ist - dafür verläßt sich ein Betrieb nicht einfach auf Erfahrung, was so rauszuholen geht. Gemessen wird so ungefähr alles, was man sich vorstellen kann: Wie lange dauert es für einen Angestellten, einen Bleistift zur Hand zu nehmen? Welche Zeit nimmt die Bedienung eines Hebels in Anspruch? Ist der Griff nach dem zu verarbeitenden Material optimal getimet? Werden nutzlose Räumlichkeiten vergeudet überflüssige Bewegungen...? Für all dieses gibt es die Ergonomie, die den zweifelhaften Ruf besitzt, etwas für die Erleichterung der Arbeit zu erforschen, z.B. so etwas:

"An einem gutgestalteten Arbeitsplatz soll der Mitarbeiter abwechselnd im Stehen oder Sitzen arbeiten können. Hebel und ähnliche Bedienungselemente sollen so angeordnet sein, daß sie zur Körpermitte hin bewegt werden, weil dann die geringste Kraftanstrengung notwendig ist.

...Ein Arbeitsplatz soll angepaßt werden!" (Tips - der Bundesregierung - für Arbeitnehmer)

Wie schon das klingt, das mit der Anpassung - der Mensch kein Anhängsel der Maschine mehr? Egal, wie man es betrachtet, der Arbeitsplatz wird so verändert, daß aus dem Arbeiter mehr rauszuholen ist oder - was dasselbe - daß er die Belastung länger aushält, weniger Ausschuß produziert wird, bessere Qualität.

3. Das Ziel, bis ins "normale Rentenalter" die "geforderte Arbeitsleistung" zu erbringen, ist zwar ein Ideal, das jeder Regel der Realität widerspricht (sonst gäbe es ja keinen Anlaß, bei Rationalisierungen vorwiegend ältere Arbeiter freizusetzen oder daß deren Lohn mit zunehmenden Alter sinl:t), aber noch das Ideal belegt den Zweck des menschengere chten Programms d er Arb eit. Wenn die Proleten so lange ihre Leistung bringen, wie der Betrieb verlangt und wie lange das Gesetz es befiehlt, dann sind sie sehr würdig. Daß dieser Standpunkt nicht einmal der der Firma ist - die entscheidet, wann und ob sich diese oder jene Leistung, dieser - oder jener Leistungsgrad noch lohnt -, beweist das Postulat "gleichrangig anderen Betriebszielen". Betriebsleiter haben es doch nicht nötig, das Programm der Humanisierung der Arbeit auf ihre Fahnen zu schreiben wenn's die Leistung steigert wird's gemacht. Sie sind doch die einzigen, die den Menschen gegen entsprechende - d. h. gegen entsprechend ständig gesteigerte Leistxng Arbeit und Brot verschaffen. Sie sind ja so menschlich, sogar das Angeböt zu machen, daß besonders harte Arbeit, besonders viel, Dreck, extra viel Gift, lauter Krach und ' Schichtarbeit noch mit einem kleinen Aufgeld bezahlt werden. Es gehört zum deutschen Wirtschaftswunder, daß niemand mehr davon wissen will, daß am Arbeitsplatz wie eh und je und effektiver als je zuvor die Ausbeutung stattfindet. Der Lohn sei eh kein Problem mehr, längst herrsche materieller Wohlstand (wie nie zuvor). Stattdessen wird die kapitalistische Ausgestaltung des Arbeitsplatzes zum Problem einer Humanisierung der Arbeitswelt verphilosophiert und die persönliche Einstellung des Arbeiters zu seinem Arbeitsplatz problematisiert: daß der Arbeiter "nicht miterlebt, wie aus seiner Arbeit endlich etwas Fertiges wird". Ein saudummes Problem, das aber eben unterstellt, wie effektiv heute Arbeitsplätze organisiert sind, so daß immer wieder insgeheim Leistungsrekorde gebrochen werden.

Wer wird denn am Arbeitsplatz verschlissen, liebe Freunde der sinnvollen Entfaltung des "Arbeitnehmers" am Arbeitsplatz? Etwa der Sinn?

Stete Sorge um die Volksgesundheit

Neuregelung vom 1. Januar an: Kaffee darf nicht mehr als coffeinfrei verkauft werden

Vom nächsten Jahr an dürfen die Kaffeehersteller für ihre Produkte nicht mehr die Hinweise "coffeinfrei" und "coffeinarm" verwenden. Tatsächlich habe es auch nie wirklich coffeinfreien Kaffee gegeben, da selbst Kaffeesorten, denen eine solche Eigenschaft in der Werbung nachgesagt werde, entsprechend der Übergangsregelung der Kaffeeverordnung einen Coffeingehalt von bis zu 0,08 Prozent haben durften. Völlig coffeinfreier Kaffee sei gar nicht auf dem Markt. Vom 1. Januar an darf nach Auslaufen der Übergangsfrist der sogenannte coffeinfreie Kaffee nur noch als "entcoffeiniert" gekennzeichnet werden. (Bonn, dpa)

Klagerecht gegen Atomkraftwerke eingeschränkt

Der 7. Senat des Bundesverwaltungsgerichts in Berlin hat das Klagerecht von Bürgern gegen Kernkraftwerke mit der Begründung eingeschränkt, die Rechtsordnung kenne kein Recht des einzelnen "vor jeder noch so kleinen, von Kernkraftwerken herrührenden Strahlenbelastung geschützt zu werden." Die Bundesrichter wiesen darauf hin, daß gemäß der Strahlenschutzverordnung von 1976 die allgemein von Kernkraftwerken ausgehende Strahlenbelastung die festgesetzten Dosisgrenzwerte nicht überschreiten dürfe. Das bei der Einhaltung dieser Dosisgrenzwerte noch verbleibende Restrisiko sei angesichts der natürlichen Strahlenbelastung und der anderen Lebens- und Zivilisationsrisiken gering. ( Aktenzeichen: BVerwG 7 C 84.78). (Berlin, Reuter)