"DER ARBEITSKAMPF: EIN LEHRSTÜCK FÜR ALLE"

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1982 erschienen.

Gewerkschaften
"DER ARBEITSKAMPF: EIN LEHRSTÜCK FÜR ALLE"

Gleich zu Beginn der dieses Jahr so harmonisch ablaufenden Tarifsenkungsrunde, gemeinsam inszeniert vom DGB und den Unternehmeruerbänden, wurde dieses Jahr doch tatsächlich gestreikt: Die HoLzarbeiter in der holzverarbeitenden Industrie in Baden-Würtemberg legten vom 18.1.-27.1.1982 unter Führung der Gewerkschaft Holz und Kunststoff die Arbeit nieder. Warum, wie und was dabei herauskam analysierte MSZ-Leser "waf" aus Saarbrücken. Geringfügige Kürzungen beim Zitatenmaterial haben wir lediglich aus Platzgründen vorgenommen. Eine Polemik waf's gegen den KBW haben wir ebenso weggelassen wie seinen Nachtrag über den gewerkschaftsinternen "Lohnkampf": Die MSZ-Redahtion hätte auch das verantworten können, jedoch schien uns ersteres das Interesse unserer Leser übermäßig zu strapzieren, - letzteres vom exemplarischen Charakter dieses Arbeitskampfes eher abzulenken.

In der BRD ist es üblich, das verlangen die Gepflogenheiten des Tarif"kampfes", Monate vor der ersten Verhandlung (bei der es keineswegs bleiben wird) die Forderung aufzustellen. Dabei wäre es doch nur allzu leicht zu verstehen, bei der Erkenntnis, daß ein höherer Lohn an der Zeit wäre, sofort mit allen Mitteln für die Durchsetzung zu sorgen. Aber in einer Demokratie wird den Kapitalisten Bedenkzeit eingeräumt (die sie am wenigsten dazu benutzen, sich Gedanken zu machen).

"26.09.1981. Aufstellung der gewerkschaftlichen Forderungen. Ausgleich der gestiegenen Lebenshaltungskosten. Sicherung Realeinkommen (7,5 Prozent)"

Auf Vertrauensleuteversammlungen werden die Forderungen zur Tarifrunde demokratisch aufgestellt. Jeder Gewerkschafter kann auf solchen Versammlungen seine Vorstellungen zur Höhe einer Forderung begründen. Ob sie angenommen wird oder nicht, hängt davon ab, ob sie sich im gerechtfertigten volkswirtschaftlichen Rahmen hält. Vor allem darf sie der "Wirtschaft" nicht schaden, denn was dieser schadet, schadet auch den Arbeitern, so die verkehrte Logik der Gewerkschaften. Oder anders ausgedrückt: "Man soll die Kuh nicht schlachten, die man melken will!"

"Unser Ziel ist es, die Realeinkommen zu sichern!"

oder

"Den Lebensstandard der Arbeitnehmer absichern!"

lautet stets die Parole, obwohl jeder weiß, daß bei einer 7,5%-Forderung 4,5-4,9% in der Holzwirtschaft heute herauskommen. Daß die Gewerkschaften Forderungen aufstellen können, deren Ergebnis schon klar ist, nämlich eine Reallohnsenkung, hängt einfach daran, daß die Arbeiter nicht von der Argumentation zur Rechtfertigung einer Lohnsenkung (d.h. die volkswirtschaftliche Lage in Betracht zu ziehen) den größten Abstand nehmen. In entsprechenden Flugblättern der Gewerkschaften lautet dies so:

"Uns allen ist die schwierige wirtschaftliche Lage hinreichend bekannt. Wir wissen aber auch, daß die Einkommen der Arbeitnehmer durch die Teuerungsrate allein im letzten Jahr um 6 Prozent geschwunden sind und, daß in diesem Jahr mit einer weiteren Teuerung von rund 5 Prozent zu rechnen ist."

Die erste Passage, von wegen "schwierige wirtschaftliche Lage" dient für die Kapitalisten als Hinweis, es mit der zweiten nicht so genau zu nehmen. Der Hinweis auf die 6 und 5%o dient lediglich dazu, von einem Ziel gesprochen zu haben, was später aufgrund der "Unvernunft" der Kapitalisten nicht durchgesetzt werden konnte, trotz der"kämpferischen" Leistungen der Gewerkschafter. Daß das Ergebnis vorher schon klar ist (Stellen hinter dem Komma sind uninteressant), stört weder die Arbeiter und noch weniger die Gewerkschaften.

Die "schwierige wirtschaftliche Lage" (für wen ist sie überhaupt schwierig? Für die Kapitalisten?) ist den Arbeitern insoweit hinreichend bekannt, um freiwillig ihre Ansprüche nach unten zu korrigieren. Manche Linken finden es "interessant", wenn auf solchen Versammlungen von den Kollegen die "Wirtschaftsentwicklung" diskutiert wird. Sie begreifen nicht, daß die Verantwortlichkeit für "unsere" Wirtschaft den Arbeitern stets zum Schaden gereicht. Wären sie tatsächlich an einem "Lernprozeß" der Arbeiter interessiert, würden sie ihnen erklären, warum die Arbeiter die "wirtschaftliche Lage" kennenlernen sollen, und sie auffordern, sich darum einen Dreck zu scheren und mehr an ihre "Wirtschaft" zu denken.

Dazu auch ein Beispiel aus der IG DruPa:

"Die tarifkommission papierverarbeitung hat am 7. dezember in Stuttgart beschlossen, die regionalen lohn- und gehaltstarifverträge für die beschäftigten der papier, pappe und kunststoffe verarbeitenden industrie fristgerecht zum 31. januar 1982 zu kündigen.

Nach eingehender diskussion der wirtschafts- und preisentwicklung dieses und des kommenden jahres und der lage in der papierverarbeitung beschloß die tarifkommission die folgende forderungen:

lineare erhöhung der löhne und gehälter um 7,5%

erhöhung der ausbildungsvergütungen um 80 dm einheitlich für alle ausbildungsjahre

Neben der diskussion über die wirtschaftliche lage standen berichte über die vorstellungen der kolleginnen und kollegen in den betrieben und ortsvereinen. Hierbei zeigte sich, daß der schwerpunkt der forderungen im bereich zwischen 7 und 8,5% liegt. Angesichts der ständig steigenden lebenshaltungskosten, die sich 1982 höchstwahrscheinlich um rund 6% erhöhen werden und bei betrachtung der produktionsentwicklung in der papierverarbeitung ist die beschlossene forderung nach einer erhöhung um 7,5% berechtigt.

Es wurde allerdings auch gesehen, daß ein großer einsatz der mitglieder und der organisation nötig sein wird um einen abschluß zu erreichen, der das realeinkommen sichert."

Die Gewerkschaften haben keine Schwierigkeiten damit, einerseits festzustellen: "Im Ernst: Die Abschlüsse dieser Lohnrunde-, zwischen vier und fünf Prozent gelegen, bringen nach Abzug von Steuern und Beiträgen mit drei Prozent netto allenfalls den halben Ausgleich der Preissteigerungsrate. Auf welches Niveau soll unser Lohn eigentlich noch herabgedrückt werden, damit die Wirtschaft zufrieden ist und investiert um neue Arbeitsplätze zu schaffen?

(Der zweite Satz bringt wieder zum Ausdruck, daß eine Lohnsenkung schon akzeptiert werden könnte, wenn nur Arbeitsplätze auch geschaffen würden!) -

und trotzdem daraus die Konsequenz zu ziehen, daß "die beschlossene Forderung nach einer Erhöhung um 7,5% berechtigt" ist. (Wer spricht hier eigentlich Recht?).

(Immer bedenken, daß diese Forderung nicht aufgestellt wurde, um sie auch durchzusetzen, sondern immer ein "Verhandlungsspielraum" nach unten besteht.)

Nachdem die demokratische Willensbildung dazu geführt hat, in der Tarifrunde die Ansprüche der Arbeiter etwas tiefer zu schrauben, wird mit dem "Tarifpartner" über die angemessene "vernünftige" Lohnsenkung verhandelt. Um sich auf einen "Kompromiß" zu einigen, denn jeder der "Partner" ist keineswegs "stur" (oder sollte es nicht sein, das könnte den "Tariffrieden" stören ), schlagen die Kapitalisten ihre entsprechenden Forderungen vor:

"12.11.1981 1. Verhandlung. kein Angebot 20.11.1981 2. Verhandlung. Arbeitgeberangebot 1,5 Prozent. Arbeitgeber erklären erstmals in der Tarifgeschichte Baden-Württembergs das Scheitern 04.12.1981 3. Verhandlung. Schlichtungsverhandlung ohne unparteiischen Vorsitzenden. Arbeitgeberangebot 2 Prozent."

Die Annahme dieser Angebote hätte die Gewerkschaft für überflüssig erklärt und am Ende der Tarifrunde hätte der "Beweis" gefehlt wie "kämpferisch" die Gewerkschaft war und wie notwendig für die Arbeiter. Der weitere Verlauf der Verhandlungen zeigt womit die Gewerkschaft zufrieden ist - mit 4,4%o.

"17.12.1981 4. Verhandlung. Schlichtungsverhandlung mit unparteiischem Vorsitzenden. Schlichtungsspruch: am 1. Januar 1982 3,15 Prozent ab 1. April 1982 1,72 Prozent = 4,9 Prozent

Durchschnittsbelastung im Jahr 1982 4,4 Prozent. Arbeitgeber stimmen zweimal gegen den Vorschlag. GHK stimmt für den Vorschlag. Durch das Arbeitgeber-Nein besteht ab 1. Januar 1982 keine Friedenspflicht mehr. Tarifloser Zustand."

Die Ablehnung durch die Kapitalisten gibt der Gewerkschaft eine einmalige Gelegenheit, ihre Friedfertigkeit in alle Welt hinauszuposaunen und die Kapitalisten moralisch zu verdammen. Und da sie nicht nachtragend ist, gibt sie den Kapitalisten noch eine Chance.

"Um alle Verständigungsmöglichkeiten auszuschöpfen, hat die GHK den Arbeitgebern weitere Verhandlungen angeboten. Am Freitag, dem 15. Januar, fand in Stuttgart eine erneute Verhandlung statt.

Die Gewerkschaft Holz und Kunststoff hat den Unternehmern mit dieser Verhandlung die Möglichkeit gegeben, einen drohenden Arbeitskampf noch abzuwenden. Die Arbeitgeber erklärten jedoch provokativ, zwischen den Vorstellungen der GHK, den Lebensstandard der Arbeitnehmer abzusichern, und dem, was für die Arbeitgeber der Holzindustrie noch zumutbar sei, liegen Welten.

Mit dieser Haltung machten die Arbeitgeber deutlich, daß sie nicht an einem vernünftigen Tarifabschluß interessiert sind. Zumal ihnen klar war, daß diese sture Haltung einen Arbeitskampf provozieren mußte."

Was "vernünftig" ist, darüber läßt sich bekanntlich streiten, bzw. darüber entscheiden Interessen. Die gemeinsame Vernunft von Gewerkschaft und Kapitalisten besteht auf jeden Fall in einem Abschluß unter der Preissteigerungsrate. Davon hält die Gewerkschaft auch nicht die Entdeckung ab, daß "der Schlichtungsspruch des unparteiischeu Vorsitzenden bereits eine Lebensstandardseukung des Arbeitnehmerhaushaltes um 3% bedeutete."

Linke sind der Auffassung, die Tatsache, daß die Lohnsteigerung hinter der Preissteigerungsrate zurückbleibt, müßte den Arbeitern und Gewerkschaftern erst noch statistisch bewiesen werden, um es zu glauben. Stattdessen sollten sie den Arbeitern erklären, daß ein Lohnverzicht ihre Misere nur noch vergrößert und eine Gewerkschaft, die nicht willens ist eine Lohnsenkung zu verhindern, den Arbeitern nichts nützt.

Bei diesem Tarif"kampf" befinden sich die Arbeiter nun in einer Lage, die schlimmer nicht sein kann, glaubt man den Gewerkschaftern: in einem "tariflosen Zustand". Und nun gilt die ganze geballte Kraft der Cewerkschaft diesen elenden Zustand zu beseitigen und zu einem neuen Vertrag zu kommen (es könnte schon fast egal sein, was darin steht!).

"Aufgrund der Ablehnung der Arbeitgeber sind wir ab 1.1.1982 in einem tariflosen Zustand.

Diesen tariflosen Zustand zu beseitigen und zu einem vernünftigen Tarifvertragsabschluß zu kommen, ist nur möglich, wenn unsere Mitglieder den uns aufgezwungenen Kampf aufnehmen und mit letzter Konsequenz führen. Es ist nun an uns, der anderen Seite klar zu machen, daß man so mit uns nicht umspringen kann. Gemeinsam sind wir stark! Helft alle mlt, einen neuen Tarifvertrag durchzusetzen!"

Damit die leidige Angelegenheit endlich zu einem "vernünftigen Abschluß" kommt, wird noch eine weitere Verhandlung veranstaltet, "eine letzte Chance"!

"Jetzt müssen wir alle gemeinsam das erreichte verteidigen! Warnstreik als letzte Chance.

Am 15. Januar 1982 haben die Unternehmer eine letzte Chance, vor der Möbelmesse einen unbefristeten Arbeitskampf zu vermelden. Die Gewerkschaft Holz und Kunststoff hat sich - ohne Friedenspflicht - zu einer erneuten Zusammenkunft mit den Arbeitgeberverbänden bereit erklärt, um auch die letzte Möglichkeit einer Einigung auszuschöpfen.

Damit die Herren merken, daß wir es ernst meinen, ruft die GHK an diesem Tag alle Kolleginnen und Kollegen zu befristeten Warnstreiks auf."

"15.01.1982. 5. Verhandlung. Arbeitgeberangebot 4,39 Prozent. Am 15. Januar 1982 befinden sich 42 Betriebe im Warnstreik, davon 5 Betriebe den ganzen Tag. Letztes Arbeitgeberangebot 4,4 Prozent. GHK erklärt den Beginn des unbefristeten Streiks. Streikabstimmung 83,4 Prozent für Streik."

Die Welt steht für den Gewerkschafts-Outsider Kopf: Am 17.12. wurde ein Schiedsspruch mit durchschnittlich 4,4% von den Kapitalisten a bgelehnt und der Gewerkschaft angenommen und jetzt am 15.1. gerade umgekehrt. Ist der Gewerkschaft etwa mittlerweile die ursprüngliche Forderung nach 7,5% wieder eingefallen, für die zu "kämpfen" sie vorgab und die sie jetzt durchsetzen will? Mitnichten!

Der Grund zum Streiken ist weitaus "gewichtiger". Bei dem Schiedsspruch von 4,9% in zwei Stufen (durchschnittlich 4,4%) liegt die Ausgangsbasis für die nächste Tarifrunde um 0,5% höher. (Nächstes Jahr gilt dieses 0,5% als "Argument" die Forderung tiefer zu stapeln!)

Und jetzt geht wieder das Geseiche über die "Schlechtigkeit" der "Arbeitgeber" und die "Gutmütigkeit" der Gewerkschaft, der ständig ein "Kampf aufgezwungen" wird, los.

"Arbeitgeber haben letzte Chance zur Einigung platzen lassen.

Die Gewerkschaft Holz und Kunststoff hat bei den Verhandlungen am 15. Januar 1982 in Stuttgart den Arbeitgebem die Möglichkeit gegeben, einen Arbeitskampf in der Holzindustrie Baden-Württemberg noch abzuwenden. Die Arbeitgeber erklärten jedoch provokativ: Zwischen den Vorstellungen der Gewerkschaft Holz und Kunststoff, den Lebensstandard der Arbeitnehmer abzusichern und dem, was für die Arbeitgeber der Holzindustrie noch zumutbar sei, liegen Welten."

"Dieser Arbeitskampf ist von der GHK nicht gewollt, sondern wurde uns durch die Haltung der Arbeitgeber aufgezwungen."

Der vernichtende Vorwurf: "Sie sind an einem Tarifabschluß nicht interessiert. (Was so das schlimmste Vergehen eines "Tarifpartners" ist, das es nur gibt: nicht daran interessiert zu sein, daß dieser "unfriedliche, tariflose Zustand" beendet wird!) treibt die Gewerkschaft, bzw. "zwingt" ihnen, die Urabstimmung auf. Kein Wimder. daß bei soviel moralischem Rückenwind dann auch prompt 83,4%o der Gewerkschafter für einen Streik stimmen.

Den Arbeitern will es einfach nicht auffallen, daß sie ein Kreuz unter einen Text machen, der etwas beinhaltet, um das es in diesem Streik überhaupt nicht geht:

"Ich bin bereit, für unsere gewerkschaftlichen Forderungen zur Sicherung des Lebensstandards in den unbefristeten Streik zu treten."

Und in der Gewerkschaftspresse werden massenweise Lügen über das Ziel des Streikes verbreitet:

"Streik in der Holzindustrie Baden-Württemberg. 4000 Holzarbeiter streiken für die Sicherung der Realeinkommen!!!"

"Die Streiksituation selbst erfordert vollen Einsatz, in dem jeder genau wissen muß, wo es lang geht. Wo es lang geht, haben auch die baden-württembergischen Kolleginnen und Kollegen begriffen. Mit fast 85 Prozent sprachen sie sich in einer Streikabstimmung gegen die Machenschaften der Arbeitgeber und für einen unbefristeten Streik aus. Dieses klare Ergebnis zeigt, daß die Rechnung der Arbeitgeberseite nicht aufgegangen ist."

Von Kollegen, "die wissen, wo es lang geht", und denen partout nicht einfallen will, diesem ganzen Theater den Rücken zu kehren, kann dann auch "heroisches" berichtet werden.

"...machte sich in der Nacht zum Dienstag ein Bus mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Streikgebiet auf den Weg nach Köln. Sie nahmen die Strapazen der nächtlichen Fahrt auf sich, um morgens am Eröffnungstage der Möbelmesse in Köln für ihre berechtigten Forderungen zu demonstrieren."

"Die Frauen waren bei diesem Streik besonders aktiv dabei, sogar als Streikposten bei klirrender Kälte."

Es wird ihnen soviel Honig um den Mund geschmiert, daß es schon zur Verarschung wird.

Laut HZ müssen die Gewerkschaften in Baden-Württemberg es mit besonders blöden Kapitalisten zu tun haben. Diese bringen es nämlich tatsächlich fertig, am 15.1. ein Angebot" von 4,4% zu machen und am 18.1. zu versuchen, den

"Arbeitskampf durch 'freiwillige' Zusage von 4,2 Prozent Tariferhöhung zu verhindern."

Eine Woche wurde gestreikt. Und mit Erfolg!

"Die Warnstreiks, der einwöchige unbefristete Arbeitskampf der 4600 Kolleginnen und Kollegen und die planniäßige Ausweitung des Streiks auf weitere Betriebe der Holzindustrie und des Schreinerhandwerks in Baden-Württemberg zeigen Wirkung. Die Arbeitgeber mußten von ihrem hohen Roß herunter! Ihre Spekulation ging nicht auf! Die Gewerkschaft Holz und Kunststoff war nicht bereit, in Baden-Württemberg zu kapitulieren!"

Zu was haben "die Kollegen die Unternehmer gezwungen", nachdem ihnen der Arbeits"kampf" aufgezwungen wurde? Gezwungen

"an den Verhandlungstisch zurückzukehren!"

So geht das Verhandlungsgerangel mit dieser 6. Verhandlung In seine Endphase. Und die "Tarifpartner" machen es sich bei Leibe nicht leicht; es sind noch "acht Stunden zähes Ringen" notwendig, um die Lohnsenkung perfekt zu machen.

"22.01.1982. Arbeitgeber bieten Zusammenkunft um 12.00 Uhr an. Für die GHK verhandelten die beiden Vorsitzenden der betrieblichen Streikleitungen Moser (Durmersheim) und Benz (Nagold), der Vorsitzende der Stuttgarter Streikleitung und zwei Mitglieder der zentralen Streikleitung. Acht Stunden zähes Ringen. Neues Arbeitgeberangebot 4,7 Prozent Lohnerhöhung und 4,6 Prozent Gehaltserhöhung ab 1. Januar 1982. Einseitige Erklärungsfrist für die GHK bis Dienstag, 26. Januar 1982. 14:00 Uhr,"

Nachdem die "Arbeitgeber" so einsichtig waren (4,7%) kann die Mitgliedschaft der Gewerkschaft wieder zur Abstimmung antreten, um dieses "Kampf"ergebnis abzusegnen und dem elenden Dasein der Arbeitsniederlegung ein Ende zu setzen. Bedauernd stellt die Gewerkschaft vor dem Abstimmungsergebnis noch fest, daß noch einige Kollegen in den Genuß der Freizeit gekommen sind. Eine kleine Panne!

"25.01.1982. Die vorbereitende Ausweitung des Streiks auf 6600 Streikende läßt sich nur zum Teil rückgängig machen."

58% sprechen sich für die von Kapitalisten und Gewerkschaft lang ersehnte Hoffnung aus:

"27.01.1982 Wiederaufnahme der Arbeit in allen Streik betrieben."

Spätestens am Arbeitsplatz wird den Arbeitern auffallen, wie schön die Zeit war, in der sie von den Kapitalisten "gezwungen" waren, nicht zu arbeiten und soviele "Strapazen" auf sich nehmen mußten, daß es ihnen schon fast wieder gefallen hätte. Aber leider liegt es als Manövriermasse der Gewerkschaft nicht in ihrer Hand, in welchem Zustand sie sich gerade befinden: Die Gewerkschaft mobilisiert, die Gewerkschaft bläst ab!

Aber der "Einsatz hat sich gelohnt"; es gibt einen "neuen Vertrag"! Die Gewerkschaften haben für sage und schreibe 0,03 DM eine Woche lang gestreikt. Ein wahnsinniger Erfolg! Angesichts dieses Ergebnisses müßte jedem Gewerkschafter doch sofort auffallen, wie verschwenderisch mit seinem Beitrag umgegangen wird und er vielleicht mehr davon hätte, wenn er sein Geld zinsgünstig anlegen würde.

Leider ist aus der Gewerkschaftspresse nicht zu erfahren, ob die Streikzeit von der Gewerkschaft oder von den Kapitalisten bezahlt wird. Auf alle Fälle gucken die Arbeiter, die "freiwillige" Zulagen erhalten, am Monatsende dumm aus der Wäsche. Um sie aber darüber hinwegzutrösten, macht die Gewerkschaft ihnen eine typische Bilanz auf:

"Der Streik der Kolleginnen und Kollegen in Baden-Württemberg ging nicht nur um einige zehntel "Prozente" Tariferhöhung - die natürlich auch erst durch den Arbeitskampf zugestanden wurden. Hierbei ging es auch um einige Grundsatzfragen der Tarifpolitik und des Umgangs miteinander in den Betrieben."

Da diese Lohn"erhöhung" jedem Arbeiter die Tränen in die Augen treiben muß, muß es um höhere Ideale der Arbeiterbewegung gegangen sein. Wer denkt da schon an den schnöden Lohn!

"Die wichtigsten Erfahrungen waren: 1. Auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten wissen sich die Mitglieder der Gewerkschaft Holz und Kunststoff ihrer Haut zu wehren."

Und das sehr "erfolgreich" (siehe Ergebnis).

"2. Streiks sind auch bei Kurzarbeit möglich."

Gerade dann, sie schaden den Kapitalisten am wenigsten.

"3. Die GHK schluckt keine Unternehmer-Diktate."

Sondern will auf jeden Fall mitbestimmen, wenn es um die Höhe der Lohnsenkung geht.

"4. Wenn den Arbeitern und Angestellten ein Streik aufgezwungen wird - wie in Baden-Württemberg - dann stehen die Kolleginnen und Kollegen den Arbeitskampf mit Hilfe ihrer GHK erfolgreich durch."

Ohne GHK hätten sie sich weder einen Streik aufzwingen lassen noch ihn "erfolgreich" durchgestanden. Es lebe die GHK!!!

"5. Die Frauen waren bei diesem Streik besonders aktiv dabei, sogar als Streikposten bei klirrender Kälte.

6. Jede Spekulation der Unternehmer, sie könnten einen Keil zwischen Deutsche und Auslände treiben, lag daneben."

Diesen und den Ausländern hätte man es am wenigsten zugetraut, zumal gerade die Ausländer dafür bekannt sind, sich wenig um die Gewerkschaftsideale aber umsomehr sich um das schnöde Geld zu kümmern. Eben auf eine typische Art und Weise, die übrigbleibt, wenn der Tariflohn von den Gewerkschaften so niedrig ausgehandelt wird, daß der Arbeiter gezwungen ist, auf die Zumutungen, die ihm "freiwillig " angeboten werden, einzugehen: Kloppen von Überstunden, Schichtarbeit, Gruppenakkord etc.

"7. Der Streik war vielfach auch die Quittung gegen den unzumutbaren Leistungsdruck, für Akkordkürzungen, den Abbau übertariflicher Einkommen und Schikanen einiger Vorgesetzter."

Dafür wurde zwar nicht gestreikt, aber wenn die Gewerkschaft schon am bilanzieren ist, soll es auch mal gesagt werden. Und schließlich, was auf keiner anständigen Gewerkschaftsbilanz fehlen darf, mit einem kräftigen hipp-hipp-Hurra:

"Erfolgreich sein: Mit der GHK

Gemeinsam sind wir stark!

Gewerkschaft Holz und Kunststoff"

"8. Die GHK und die Belegschaften gehen gestärkt aus dieser Provokation der Arbeitgeberverbände hervor."

Quellen:

  • Holzarbeiter-Zeitung 2/82
  • Flugblätter der GHK
  • druck und papier 25/26/81