DER 2. WELTKRIEG - EINE KLARE SACHE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1985 erschienen.
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DER 2. WELTKRIEG - EINE KLARE SACHE

Deutschland war zu klein - schon damals. Es war zwar noch weit größer als die BRD heute, Aber schon in den 30er Jahren war der politisch mitdenkende Mensch höchst unzufrieden mit der europäischen Landkarte.

Zwar hätte auch damals niemand zu sagen gewußt, warum eigentlich Westpreußen und Bayern unbedingt in einem Staat "zusammen-"leben sollen; oder gar, was ein Schlesier davon hat, wenn er nach denselben Gesetzen und von denselben Herren regiert wird wie ein Rheinländer. Aber schon damals wurde diese Frage gar nicht gestellt.

Statt dessen gab es eine "offene deutsche Frage". Die lautete: Gehört Posen nicht eigentlich zu "uns"? Und das Memelland? Und Elsaß-Lothringen? Und Österreich? Und die DDR - auch, nein, das kam erst später. Aber jedenfalls: das Sudetenland? Und Südtirol? Natürlich war das keine Frage, schon gar keine offene. Der deutsche Staat erhob den Anspruch, über Leute und Landstriche zu gebieten, die dummerweise seinen Nachbarn gehörten oder gar einen Extra-Staat darstellten.

Warum dieser Anspruch? Gewiß nicht einfach, weil einige der schmerzlich vermißten Gebiete noch ein paar Jahrzehnte vorher von einem deutschen Kaiser mitbefehligt wurden. Solche Liebhaber alter Atlanten sind nicht einmal Staatsmänner - wenn sie einmal am Erobern sind, halten sie sich ja auch an keine traditionelle Grenzlinie. Der Hinweis, daß etwas früher einmal so oder so gewesen sei, taugt als "Argument" für die "Wieder-"Herstellung dieses Zustandes nur, wenn man es ohnehin so haben will.

Für die Staatsmänner des unzufriedenen Deutschland ist die Weltlage insgesamt durch einen schreienden Widerspruch gekennzeichnet, den sie ganz einfach nicht mehr aushalten. Auf der einen Seite verfügen sie über ein Volk von solcher Größe und über eine kapitalistische Produktionsweise, die die Masse dieses Volkes so produktiv verwendet, und noch dazu lassen ihre Massen sich dermaßen viel gefallen - selbst die Arbeitslosen kennen nur einen Anspruch, nämlich, den auf alsbaldige Wiederverwendung! -, daß sie ihre Staatsmacht nach Reichtum und Gewaltmitteln durchaus mit den mächtigsten Nationen der Welt vergleichen können. Ihre nationale Geschäftswelt, die das Volk so vortrefflich ausnutzt, hat auch höchst produktive Interessen im Rest der Staatenfamilie anzumelden; die Staatsgewalt hat also ungemein viel zu überwachen und zu schützen; sie braucht den Zugriff auf ausländische Souveräne, den sie sich wenigstens ebensogut leisten kann wie die größten Konkurrenten. Auf der anderen Seite läßt man die Deutschen nicht, wie sie wollen und könnten eine Folge des Siegs im Weltkrieg gegen das Deutsche Kaiserreich, die der demokratische Nachfolgerstaat auszubaden hat: Böse Nachbarn setzen dem Wachstum deutscher Machtmittel und eines speziell deutschen Imperialismus enge Grenzen; sogar die Benutzung des einheimischen Menschenmaterials leidet unter der Einschränkung des Wirkungskreises deutschen Reichtums und deutscher Macht - es gibt Millionen Arbeitslose! -, und die konkurrierenden Mächte ziehen daraus den Nutzen.

Was ist da zu tun? Man frage die Nachfolgepolitiker der zweiten deutschen Niederlage, Männer wie Helmut Schmidt oder Helmut Kohl, Manfred Wörner oder Hans Apel, Heiner Geißier oder Franz-Josef Strauß. Oder man schaue sich an, wie die ihr - im NATO-Bündnis anders gelagertes - "offenes deutsches Problem" lösen. Und dümmer als die war Adolf Hitler auch nicht, geschweige denn verrückter oder weniger zielstrebig. Er hat eins nach dem andern erledigt, wie Deutschlands verhinderte Macht und Herrlichkeit es verlangte:

Er hat aufgerüstet und sich einen Dreck um irgendwelche Auflagen der gegnerischen Mächte gekümmert.

Dann hat er alle "entmilitarisierten" Gebiete seines Reiches wieder mit Militär vollgestellt.

Gleichzeitg hat er die nötigen Rüstungsindustrien und strategischen Autobahnen bauen lassen.

Dafür hat er einen Reichsarbeitsdienst eingerichtet und die Gewerkschaften abgeschafft - auf deren Opportunismus wollte er sich doch lieber nicht verlassen.

Außerdem hat er im eigenen Land den Krieg gegen alle diejenigen geführt, die er im Verdacht hatte, der Fesselung der deutschen Macht im Lande selbst Vorschub zu leisten. Vor allem gegen die vaterlandslosen Kommunisten, die damals noch zahlreicher waren als heute, und gegen undeutsche Elemente im Volkskörper.

So hat er seinem Volk beigebracht, daß die Feinde Deutschlands nur die "Sprache der Gewalt" verstehen - und daß die keiner so gut beherrscht wie er. Die Deutschen jedenfalls haben ihren Führer damals so gut verstanden wie ihre gewählten Führer heute.

Dann hat er in verschiedenen Nachbarstaaten, die ähnliche Probleme hatten wie die Deutschen, gleichgesinnte Parteien aufgebaut oder unterstützt. Viele unzufriedene Nationalisten gab es überall.

Dann hat er Österreich angegliedert. Das hat alle guten Deutschen begeistert - und dem Ausland fast so viel Eindruck gemacht wie später das bundesdeutsche "Wirtschaftswunder". Die Deutschen waren endlich "wieder wer".

Dann hat er die Sudeten- und, Böhmen-Frage gestellt und beantwortet. Die Leute in Deutschland hatten davon genau zweierlei: mehr Opfer zu tragen - und einen Führer, der mit wachsenden Erfolgen immer anspruchsvoller wurde. Letzteres fanden sie immer besser, je härter die Opfer wurden.

Dann hat er Polen erobert und massenhaft Juden dorthin abgeschoben.

Dann hat er aus strategischen Gründen Dänemark und Norwegen besetzt.

Dann hat er es gewagt, sich mit dem nächsten imperialistischen Konkurrenten zu messen, und es ist vom deutschen Standpunkt aus gutgegangen: Er hat Frankreich erobert, einschließlich einiger afrikanischer Besitzungen. In Frankreich und auf dem Balkan mußte er außerdem seinem Bundesgenoisen Mussolini helfen.

Die "Schande von Versailles" war damit getilgt. Festlandeuropa war deutsch wiedervereinigt. Der Weltmacht Großbritannien war Hitlers Europäische Gemeinschaft ökonomisch und militärisch überlegen auch wenn der Luftkrieg über England nicht gewonnen wurde.

Dann kam er endlich "zur Sache": Er hat riesige Teile der Sowjetunion erobert. Die "Systemfrage" war ihm dabei weniger wichtig als ein "Europa freier Völker" bis zum Ural - wenigstens -, das Deutschland endlich endgültig zur Weltmacht machen sollte, die durch nichts und niemanden mehr zu beschränken und in ihrem Anrecht auf den Globus zu behindern war.

Dann hat er, irgendwie sehr folgerichtig, dem verbliebenen Konkurrenten um die Weltmacht schlechthin, den um Ostasien kämpfenden, Großbritannien unterstützenden USA, den Krieg erklärt.

Dann hat sich herausgestellt, daß die Rote Armee doch noch nicht am Ende war, und daß das besetzte Rußland noch nicht als Quelle deutscher Macht funktionierte, sondern die immer weiterkämpfende Wehrmacht vor beträchtliche Versorgungsprobleme stellte. Die Schlacht um Stalingrad ging verloren.

Dann zog sich die Schlächterei tief in der Sowjetunion blutig in die Länge, weil Hitler immerhin im Westen "den Rücken frei" hatte und nur in Afrika mit angelsächsischen Gegenangriffen zu tun bekam. Es blieb Zeit für einen totalen, total erfolgreichen Vernichtungskrieg gegen Millionen von Juden und Millionen von sowjetischen Kriegsgefangenen. Dieser Erfolg war den guten Deutschen auch recht.

Dann eroberten die Westmächte von Süden her Italien.

Dann begann der Bombenterror der westlichen Weltmächte gegen Hitlers Untertanen. Letztere hatten nie einen Unterschied zwischen sich und ihrem krieg-führenden Führer gemacht. Die alliierten Bomber machten auch keinen. Die guten Deutschen machten daraufhin erst recht keinen - nur ein paar extra gute Deutsche fingen an, ihrem Führer seine Niederlagen an der Ostfront und im Luftkrieg über Deutschland zu verübeln.

Dann rückte die Rote Armee in riesigen Kesselschlachten bis in ehemals polnische Gebiete vor.

Dann griffen die Westmächte auch in Frankreich an, um die Eroberung des deutschen Reiches nicht den Sowjets zu überlassen.

Dann versuchte Hitler wenigstens noch die alten Reichsgrenzen zu retten und vor allem die Rote Armee und den Kommunisus zu schwächen. Deswegen trafen sich Ost- und West-Alliierte doch ziemlich weit östlich, an der Elbe.

Damit war Hitlers Krieg um eine Neuaufteilung der Weltherrschaft zugunsten Deutschlands zu Ende. Er hatte verloren; den Vorteil hatten andere.

Sehr ärgerlich - vom Standpunkt des deutschen Nationalismus aus. Aber: Wie hätten deutsche Staatsmänner denn sonst, ohne Gewalt, den Widerspruch lösen sollen, daß Deutschland viel zu klein ist für seine wahre imperialistische Größe?!

*

Heute sieht das, gottlob, ganz anders aus. Die "offene deutsche Frage" stellen mit uns alle wichtigen kapitalistischen Nationen der Welt. In deren Bündnis spielt die BRD die wichtige zweite Geige; da braucht nicht allzu viel allzu dringlich ganz neu geordnet zu werden. Die Feindschaft gegen die Sowjetunion eint als "Systemfrage" alle Teilhaber der westlichen Weltherrschaft.

Diesmal muß es einfach klappen - das Europa freier Uölker bis nach Afghanistan.