DDR-RÜBERGEMACHTER, OPERNANZÜNDER!

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Dieser Artikel ist in der MSZ 12-1987 erschienen.

DDR-RÜBERGEMACHTER, OPERNANZÜNDER!

Du mußt da was falsch mitbekommen haben: Wenn unsere regierung immer so tut, als kümmere sie sich pausenlos um Wohl und Wehe von Euch DDR-Bewohnern, dann heißt das noch lange nicht, daß sie jedem von Euch eine prima Existenz garantieren würde, wenn sie nur könnte. Wenn dieselbe regierung Dich höchstpersönlich aus einem DDR-Knast freigekauft hat, dann war das doch nicht der Anfang einer wunderbaren Freundschaft, sondern eine Investition in Sachen ideologische Klarstellung, wo Unrecht und wo recht herrscht und welche der beiden deutschen Staatsgewalten die einzig Befugte über alle Deutschen ist. Wenn Du danach zielstrebig eine Karriere in Richtung Obdachlosigkeit eingeschlagen hast, dann ist das eben Deine Sache und keine vernachlässigte Sorgfaltspflicht unserer Regierung. Bei uns herrscht nämlich Freiheit statt Sozialismus und da mischt sich eine ordentliche Regierung nur soweit ein, als sie alle ihre Bürger darauf festlegt, sich selbst um ihr Auskommen zu kümmern. Und wenn sie das nicht schaffen, weil der segensreiche Arbeitsmarkt kein Bedürfnis nach ihrer werten Person verspürt, dann ist das eben ihr Bier. Schließlich: menschlich verständlich mag es ja sein, daß Du als Obdachloser keinen Sinn für solche Baulichkeiten wie Opernhäuser hast. Aber mit der Auffassung liegst Du völlig schief, daß man bei uns Opernhäuser anzünden muß, nur um darauf aufmerksam zu machen daß es Obdachlose gibt. Stell Dir vor, das ist allgemein bekannt, auch in Bonn. Stell Dir vor, das gehört hierzulande zu den anerkannten faux frais einer freien Marktwirtschaft. Und wer die zu kritisieren wagt, bekommt hundertprozentig den Hinweis zu hören: Geh doch nach drüben! Aber Du darfst ja jetzt erst einmal einen westdeutschen Knast von innen kennenlernen - immerhin ein Obdach - und dem westdeutschen Publikum als ein unterhaltsaimes Beispiel dafür dienen, wie lebensuntüchtig und weltfremd der DDR-Sozialismus mit seiner sozialen Betulichkeit seine Bürger macht.