DAS PERSONAL DES KRIEGES

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1980 erschienen.
Systematik: 

DAS PERSONAL DES KRIEGES

"Wenn der Geist einer Nation etwas verlangt, so bändigt ihn keine Gewalt." (Hegel)

Es soll Leute geben, die atomare Waffen nicht für das fortschrittlichste Mittel effektiver Kriegsführung halten, sondern für das Unterpfand der Verhinderung des Krieges, andere meinen, die Gefahr liege darin, daß irgendein verantwortungsloser Politiker oder Computer aus Versehen den berüchtigten Knopf betätigen könnte und schlagartig die ganze Welt untergehen würde. Wieder andere meinen, ein eventueller Krieg werde per Knopfdruck in Null-komma-nix abgewickelt sein, und sehen dabei geflissentlich über das riesige Arsenal konventioneller Waffen und das gewaltige Potential von Soldaten hinweg, als wenn die eigentlich überflüssig wären. Ihnen und allen anderen stellen wir hier ganz unideologisch das Personal des Krieges vor, damit jeder ganz speziell sich einmal vor Augen führt, was dann alle zu tun haben.

Den Posten des

Obersten Kriegsherrn

hat der Bundeskanzler inne. Das deshalb, weil in der demokratischen Bundesrepublik die Wehrmacht sich ganz der Politik unterzuordnen und gemäß den Zielen der höchsten Gewalt zu handeln hat, was ungemein neu ist. Der Bundeskanzler wird also seinen Generälen das durch die Gemeinsamkeit aller Demokraten zustandegekommene Kriegsziel angeben: Sieg über den Gegner! Die Generäle werden darin einer Meinung mit dem Kanzler sein und darlegen, welche Strategien und Mittel sie dafür parat haben und wie die Lage ist (denn die prinzipiellen Pläne kennt der Kanzler schon zu Friedenszeiten)! Der Kanzler geht mit seinen Generälen zum Kartentisch und läßt sich die Dicke, Länge und Durchschlagskraft der manövrierenden Pfeile zeigen. Eine Entscheidung kommt immer zustande, eben im Sinne der verteidigungsoffensiven Kriegsziele.

Das Kanzlerhauptquartier heißt nicht Wolfsschanze und liegt auch nicht in Ostpreußen, sondern an einem gesicherten Ort in der Eifel. Es funktioniert selbst dann noch, wenn ganz Westdeutschland Kriegsschauplatz ist, weil Ausweichquartiere im verbündeten Hinterland vorhanden sind. Demokratische Führer sind zwar auswechselbar, aber das heißt doch nicht, daß es auf sie nicht ankäme und man sie wie Hinz und Kunz opfern würde.

Die

Generäle

des Generalstabes und darunter besitzen in der Regel auch das Abitur und erfüllen ihre Aufgabe auch in sicheren Bunkern. Sollte einer von ihnen aber beim Besuch der Truppe einen abkriegen, so macht das nichts. Die Zeiten sind vorbei, da man mit der Erledigung eines Feldherrn eine ganze Schlacht gewinnen konnte. Die Generäle des Generalstabes und die anderen dieses Grades haben zu entscheiden, wie sie das Kriegsziel verwirklichen, also welche Divisionen sie mit welchem Material wohin werfen wollen, wie sie diese Operationen mit Bombern und Raketen unterstützen wollen und was am Feind ihnen vordringlich zu vernichten ist: Ob der Verlust der einen oder anderen Division einen strategischen Vorteil erbringt; ob Schleswig-Holstein erst einmal 'besser' aufzugeben ist, um dann in einer Zangenbewegung mit konzentrierten Kräften...! Ihre Befehle lauten etwa so: Unternehmen Freies Leipzig, Null Uhr 15 NATO-time, 4. Division bildet Brückenkopf im Gebiet Z... Wie der oberste Kriegsherr entscheiden Generäle über Leben und Tod gegnerischer Soldaten und Zivilisten sowie über Leben und Tod der eigenen...

Die

Offiziersränge,

die darunter liegen, entscheiden immer weniger, obwohl auch sie meistens die Matura in der Tasche haben. Sie kriegen ihre Befehle und müssen zusehen, wie sie erfolgreich damit fertigwerden. Je weniger sie entscheiden, desto eher geraten sie in Gefahr, selbst draufzugehen. Der Leutnant mit seinem Zug steht da am schlechtesten da. Er kann sich freilich sagen, daß er zur kämpfenden Truppe gehört und nicht wie die Generäle im sicheren Unterschlupf zu den 'Etappenhengsten'. Auf dem Felde der unteren Offiziersränge blühen Heldentaten, daß es nur so kracht. Stoff für die Landserhefte nach dem 3. Weltkrieg.

Die Offiziere der unteren Ränge haben sich sehr dafür zu verantworten, ob das Verheizen einer ganzen Kompanie oder auch nur eines Zuges notwendig und erfolgreich war. Das verbindet sie irgendwie mit den

Unteroffizieren und Mannschaften,

die sich verheizen lassen müssen. Ihre Freiheit besteht darin, darauf zu achten, daß nicht sie, sondern die Feinde getötet werden. Für die Ausführung dieses Befehls nehmen sie tapfer Risikos auf sich, die, soweit sie nicht tödlich enden, nachher zu Stolz und einigen Orden Anlaß geben; sonst zu Ehrungen am Kriegerdenkmal oder Grab des unbekannten Soldaten. Unter den Gegebenheiten dieses tödlichen Risikos, mit dem das Volk seinen Friedensbeitrag leistet, stellen sich die soldatischen Tugenden, die man gelernt hat, ganz von selbst wieder ein. Absurd, aher auch persönlicher Stolz kommt auf: auf die Scheiße, bei der man noch einmal davongekommen ist; auf den Dienstgrad; auf die Belohnung für Tapferkeit durch entsprechende "Kreuze". Freude stellt sich ein über einen Tag, an dem nicht gekämpft wird und der mit genügend Schlaf und Schnaps - wie Weihnachten ist.

Im Unterschied zum Frontsoldaten dürfen die an der

Heimatfront

als Zivilbevölkerung zum aktiven Gelingen des Krieges beitragen. Wegen der Abwanderungen an die Front und der Verluste in den eigenen Reihen gibt es viel zu tun für Jung und Alt. Alle haben gefälligst zu arbeiten und zwar für den nationalen Zweck - in den kriegswichtigen Industrien, für ihre Volksgenossen an der Front, beim Luftschutz usw. Auf ein paar geliebte demokratische Freiheiten von Person, Meinung und sogar Eigentum muß man da schon verzichten. Schließlich ist über sie entschieden worden, daß sie nicht zum Töten wichtig sind, sondern für die Voraussetzungen, damit dies Geschäft läuft. Außerdem haben sie sich an die Anweisungen zu halten - Luftschutzkeller, Verdunkelung, keine Hamsterkäufe... - und ihre Verluste hinzunehmen, damit die Heimatbasis steht und der Moral der kämpfenden Truppe kein Dolchstoß versetzt werde. Alle kämpfen an der Heimatfront, aber dennoch wird Unterschiedliches von ihnen verlangt.

Die

Mütter

dürfen auf die Feldpost warten, sich freuen, wenn sie doch noch kommt, ihre Angst steigern, wenn seit 4 Wochen vom Sohn nichts mehr vernommen wurde, weinen, wenn ihnen mitgeteilt wird, daß der Bub tapfer für's Vaterland gefallen sei. Die

Frauen

ihrer Männer ungefähr genauso. Ebenso die Bräute ihrer Bräutigame im Feld. Die Freude über den kurzen Heimaturlaub des Mackers gibt zu unverantwortlichen Hochzeiten und Zeugungen Anlaß. Nicht weil der Führer Soldaten geschenkt bekommen möchte, sondern so sorgt auch im Krieg das Volk für seinen Nachwuchs. Die jungen, aber reifen

Mädchen,

die noch frei sind, werden sich auf die Situation, daß die Hauptmacht des männlichen Potentials Soldat ist, einstellen und ihren Geschmack entsprechend umdisponieren. Die

Väter,

die an der Heimatfront ihren Mann zu stehen haben, besänftigen die trauernden Mütter. Die heranwachsende

männliche Jugend

versucht sich entweder (in der Minderheit) vom drohenden Kriegsdienst abzuseilen oder stellt sich (in der Mehrheit) verantwortungsvoll der Einberufung. Die

Kinder

nehmen den staatsbürgerlichen und vaterländischen Blödsinn zur Kenntnis, den ihnen Schwester, Bruder, Vater, Mutter, Oma und Opa vorerzählen und finden das noch spannend. Die Omas und Opas und die

Veteranen,

die das damals alles noch miterlebt haben, erinnern sich und sagen, daß es damals so wie heute ist oder etwas anders. Damit haben sie einerseits recht, andererseits fällt auf, daß sie nichts dazugelernt haben. Auch sie - wie alles Personal des Krieges - halten den Krieg für eine Notwendigkeit: damals für den Führer, heute für Frieden und Vaterland. Sie wollen nicht darauf kommen, daß ein Krieg ohne Personal, das mitmacht, nicht geht.