DAS NEUESTE VOM FEIND

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Dieser Artikel ist in der MSZ 7-1984 erschienen.
Systematik: 

DAS NEUESTE VOM FEIND

Da die "Bildzeitung" in letzter Zeit die Sache mit den Russen ziemlich nachlässig gehandhabt hat - vor lauter Streikgemecker hätte man ja fast vergessen können, daß wir einen Hauptfeind haben! -, muß das mal wieder zurechtgerückt werden. Bei der Gelegenheit ein kritisches Wort an die "Bild"-Redaktion: Kann man denn da nicht wenigstens ein paar Zusammenhänge aufdecken? Daß der KGB die 35-Stunden-Woche ausgeheckt hat? Oder daß Steinkühler/Ferlemann eine Oma in der DDR haben die ihnen am Telefon gesagt hat: "Streik nur, Bub, streik nur!"? Oder daß der rote Stoff für die Gewerkschaftstransparente 1. direkt aus Leningrad geliefert wird und 2. nicht mal reißfest ist? Das finden wir schon sehr bedenklich, daß "Bild" ihre Informationspflicht in dieser Frage so vernachlässigt hat.

Zurück zur Sache: Den Hauptfeind gibt es immer noch, und einige der gegen ihn laufenden Vorwürfe müssen einfach wieder einmal in Erinnerung gebracht werden. Er hat Soldaten, er läßt seine Soldaten marschieren, und er läßt sie auch noch preußisch marschieren:

"Wie am Schnürchen gezogen

Preußischer Drill und Stechschritt bei der Wachablösung der DDR-Volksarmee vor dem Mahnmal gegen Faschismus und Militarismus in Ostberlin."

Das ist ja wohl das Letzte. Unsere Soldaten ("größte Friedensbewegung"...) haben weder Drill noch Preußentum nötig. Und wenn die marschieren - Hut ab! Schneidig, unsre Jungs.

Sie wollen Frauen in die Bundeswehr, pardon: in die Nationale Volksarmee stecken. Man denke nur, Frauen! Und "BamS" hat aufgedeckt: Eine diesbezügliche, hintertückische Kampagne läuft schon unglaublich lange.

"Im Dezember 1972 war auf dem "AR"-Titelblatt ein Pärchen abgebildet: Eine üppige Blondine im Dreß eines Unterfeldwebels wird gerade von einem Soldaten mit einem (zivilen) Motorrad abgeholt. Kein Text, keine Bildunterschrift."

Raffiniert! So übertölpelt man die DDRFrauen zum Kriegsdienst.

"Mitte 1976 - also erst vier Jahre später - kam der nächste 'Test': Titel und Reportage über Unterfeldwebel Silvia Fritzlar aus der Nachrichtenzentrale der Armee.

Anfang 1981 füllte ein Foto der Feldwebelin Angelika Andres in Farbe die ganze Rückseite der 'Armeerundschau'."

Und jetzt kommt der absolute Hammer: Obwohl sie einerseits diese raffinierte Werbung machen, um die Frauen in die Armee zu kriegen, und die Musterexemplare auf Titelblättern öffentlich herzeigen, wollen sie uns andererseits verheimlichen, wieviel sie haben:

"Wieviele Soldatinnen in der "DDR"-Armee sind, ist drüben natürlich Staatsgeheimnis. Vor drei Jahren sollen es rund 3000 gewesen sein. Bei uns in der Bundesrepublik ist die Sache kein Geheimnis: in der Bundeswehr gibt es rund 80 Soldatinnen, alle freiwillig, alle im Sanitätsdienst..."

Aber bei uns - bei uns dürfen die Mädels demnächst zum Bund! Ganz viele und ganz öffentlich.

"Mit diesem Gruppenfoto in der Zeitschritt 'S und T' (Sport und Technik) hat jetzt die "DDR" zum ersten Mal öffentlich zugegeben, was sie seit Jahren ängstlich geheim hält - die Existenz von Kampfschwimmern!"

Es ist schon komisch mit dieser DDR, daß sie erst immer alles "ängstlich geheim hält" und dann alles öffentlich auch noch mit Fotos "zugibt". Irgendeiner muß da spinnen. Jedenfalls haben sie sich nun perfiderweise Froschmänner zugelegt. Gott sei Dank haben wir die auch. Und wir können auf deren Leistungen stolz sein, "BamS" zitiert ausnahmsweise die DDR-Zeitung mit freudiger Zustimmung:

"Wie ein heimliches Kompliment klingt der Satz: 'Diese besonders aggressiv orientierte Bundeswehreinheit hat heute einen Leistungsstand erreicht, der ihr einen der vorderen Plätze unter den gleichartigen Einheiten der NATO einräumt!'"

Die Östler scheuen nicht einmal vor den übelsten Kampftechniken zurück: Guerillakrieg m eigenen Land!.

"Rote Guerillas

Tokio - Die Sowjets haben Spezialeinheiten für den Guerillakampf in Sibirien stationiert, meldet die japanische Zeitung 'Yomiuri'."

Was soll man jetzt davon halten? Gegen wen machen die Russen in ihrem eigenen Sibirien eine Guerillakrieg? Gegen die friedlichen Tundra- und Taigajäger? Oder wollen sie später einen machen? Wenn wir sie erobert haben? Das wäre ja unglaublich. Die wollen sich einfach wehren in ihrem eigenen Land und bilden dafür ihre Armee aus. Den "Roten" ist wirklich jede Gemeinheit zuzutrauen. Sie sind aggressiv und furchterregend, aber im Vertrauen: Es ist nicht viel mit ihnen los. "Bild" weiß Bescheid, genau besehen, ist alles Ramsch. Zum Beispiel der "rote Wunderpanzer". Erst bauen sie einen Wunderpanzer, und dann leisten sie sich einen "tödlichen Konstruktionsfehler":

"Die 125-mm-Munition liegt ungeschützt im Turm, unterhalb des Kanonenverschlusses - ein tödlicher Konstruktionsfehler!

Im deutschen "Leo 2" etwa, lagert die Munition im Turmheck, abgesichert durch ein Panzerschott."

Und unsere guten Freunde, die Israelis, haben auf ihre unnachahmlich clevere Tour den "Konstruktionsfehler" entdeckt:

"Erstmalig setzten die Israelis eine neue Spezialmunition ein, die auch von der NATO verwendet wird: Pfeilgeschosse, die während des Fluges durch herausklappende Flossen stabilisiert werden.

Das Geschoß, das fünffache Schallgeschwindigkeit erreicht, enthält keine Sprengladung, sondern einen Kern aus Schwermetall, der auch die dickste Panzerung wie Butter zerschneidet."

Lustig, gell?

Auch die Ostblockarmeen sind der reine Schrott. Zum Beispiel die Tschechen: "Während des Zweiten Weltkriegs" hatten sie noch "tapfer und unter hohen Verlusten gekämpft." Aber jetzt "wirkt die gegenwärtige CSSR-Volksarmee nur noch wie ein Schatten ihrer selbst. Waffen gehen schon mal spurlos verloren, Munition verschwindet. Verpflegung dagegen wird überreichlich geliefert." Der Grund ist sonnenklar:

"NATO-Experten schätzen die CSSR-Volksarmee als ein Potential ein, das, auf sowjetischen Befehl eingesetzt, keinen Schruß Pulver wert ist. Wenn es um das eigene Land geht, könne jedoch der Kampfwert blitzschnell steigen..."

Das ergibt also eine reizvolle Aufgabe für unsere NATO-Experten. Man muß die Tschechen erobern, damit sie ihren Schlendrian aufgeben und wieder tapfer "um das eigene Land" gegen die Russen kämpfen können.

Bedenkliche Erscheinungen haben unsere Spezialisten auch bei der berüchtigten Sowjetmarine ausgemacht:

"Sowjets sollen üben

Honolulu - Auf die Frage "Was halten Sie von der Sowjetmarine?" antwortete der Chef der US-Pazifikflotte, Crowe: Üben, üben, üben. Sie sind zwar gut, sitzen, aber zu lange in den Häfen.

Der Admiral hätte das aber lieber nicht öffentlich sagen sollen. Schließlich brauchen wir unsere Weltmeere für unsere Manöver, und dabei kommt es ohnehin leicht zu "Zusammenstößen", die wir gar nicht leiden können.

Es gibt also ziemlich viel Schwachstellen beim Feind, und das ist beruhigend. Aber man darf auch wieder die andere Seite nicht vergessen, der Feind ist gefährlich.

"Die Sowjets rüsten ihre Kriegsflotte in so atemberaubendem Tempo auf wie einst Kaiser Wilhelm II. die Kaiserliche Marine. Noch bedrohlicher für den Westen aber ist die unaufhaltsam nach vorn marschierende rote Handelsflotte!"

Denn diese Handelsflotte benimmt sich einfach wie eine stinknormale Handelsflotte. Sie macht es für Geld: "Sie kassieren wertvolle Devisen." Sie macht uns, uns!, einfach Konkurrenz mit unserem Rezept: Attraktive Preise. "... fahren zu Dumping-Preisen, mit denen kaum ein westlicher Reeder mithalten kann..." Und sie leisten sich schließlich eine Wirtschaft, die einfach konkurrenzfähig ist: "Wegen planwirtschaftlich bedingter kostengünstiger Baufinanzierung, geringer Personal- und niedriger Versicherungskosten können die Sowjet-Frachter zu Dumping-Preisen fahren..." Das Letzte hat uns einigermaßen erschüttert. Bisher hatte "Bild" uns immer mit trostreichen Schilderungen der Planwirtschaft versorgt, in der vom Bleistift bis zum Panzer nichts funktioniert. Und jetzt müssen wir auf einmal erfahren, daß es gerade andersrum ist:

"Der Westen steht dieser unheilvollen Situation vorläufig machtlos gegenüber aüs marktwirtschaftlichen Gründen: Die deutschen, westeuropäischen und amerikanischen Werften und Reeder sind im Vergleich zu ihren planwirtschaftlich organisierten kommunistischen Konkurrenten schlicht zu teuer..."

Jetzt hatten wir immer gedacht, weil unser System so Klasse ist, leistungsfähig usw., soll man gegen die Russen sein. Und jetzt sollen wir "aus marktwirtschaftlichen Gründen" die Versager sein? Vielleicht überlegen sich die "BamS"-Leute die Sache nochmal, sonst kommen wir sehr in Verwirrung oder machen sogar rüber zum besseren System. Vorläufig halten wir uns erstmal an andere, gesicherte Erkenntnisse, zum Beispiel, daß das System drüben böse ist. Es läßt sich auch noch an den allerunschuldigsten Kreaturen aus, z.B. an Kindern. Entweder müssen sie mit ihren kleinen Händen schwere Gewehre tragen:

"Kinder als Agenten

Kabul - Die Sowjets haben mehrere hundert afghanische Kinder ihren Eltern weggenommen und zu Agenten und Scharfschützen ausgebildet, berichtet der Londoner "Daily Express"."

oder es wird ihnen kurzerhand der vater aberkannt:

"Es war Liebe auf den ersten Bllck zwischen Celles Bundesliga-Turner Kjellruner Johannessen (26) und Heike Kunhardt (23) aus der "DDR". Eines Tages gestand Heike ihm: "Ich bekomme ein Kind." Kjellruner war außer sich vor Freude: "Jetzt darfst du bestimmt ausreisen." Die "DDR" lehnte wieder ab. Sie erkannte sogar seine Vaterschaft nicht an."

oder sie werden schon im Embryo-Zustand tiefgefroren und vermarktet:

"Der CDU-Abgeordnete Rödler will bei seinen Nachforschungen über den Embryo-Handel erfahren haben: "In Frankreich wird Frauen fast 13000 Mark geboten, wenn sie per Kaiserschnitt abtreiben. An den lebenden Embryos werden dann Experimente gemacht."

"An der Grenze Schweit/Frankreich wurde ein Lastwagen aus der DDR mit einer Ladung tiefgefrorener Embryos sichergestellt."

"Tatsächlich hat das Bonner Gosundheitsministerium einer Firma in Lich in Hessen bereits nachgewiesen, daß sie ein Verjüngungsserum mit menschlichen Embryos hergestellt hat."

Man sieht, wozu skrupellose DDR-Geschäftemacher ehrbare westdeutsche Pharmaunternehmen verführen... Und ebenso rücksichtslos wie an den Kindern vergeht sich das System drüben an der Natur. Zwangsumsiedlung von Bibern:

"Die Biber in der Elbe müssen nach einer Meldung der Ost-Berliner Nachrichtenagentur ADN ihre Plätze verlassen und sollen an der Oder angesiedelt werden.

Der Wechsel sei notwendig geworden, weil das alte Einstandsgebiet der Biber an der mittleren Elbe "intensiv bergbaulich genutzt" werde. In den nächsten zwei Jahren sollen noch etwa zwanzig Biber an der Oder seßhaft werden."

Verhökerung von wehrlosen Fischen:

"Honecker lockt mit Fischen

Wenn dle Elb-Grenze in die Flußmitte gelegt wird, sollen unsere Fischer wieder vor der mecklenburgischen Ostseeküste fischen dürfen, sagt Schleswig-Holsteins SPD-Chef Jansen. Das hätten Verhandlungen zwischen Honecker und SPD-Fraktions-Chef Vogel ergeben."

Brutale Aufzucht von Schafen:

"Drüben mehr Schafe

Berlin - in der Magdeburger Börde und in der Altmark wurden 316000 Schafe gezählt - Rekord."

Und dann reinigen sie die Ostsee -

"Ostsee sauberer

Berlin - Die ostsee ist sauberer geworden, stellte "DDR"-Umweltminister Reichelt fest. gefährdete Tiere wie Kegelrobben und Seeadler (Foto) vermehren sich wieder."

- um sie sofort wieder mit Umweltschmutz zu verdrecken:

"Vorsicht, Sowjet-Bomben!

Berlin - Die Ostsee treiben nach Ostblockmanövern rote sowjetische Markierungsbomben (sehen aus wie kleine Raketen). An den Strand getriebene nicht anfassen!"

Zum Abschluß noch eine Meldung aus der Kulturszene. Wie ein sowjetischer Emigrant glaubhaft versichert, malträtieren die Russen ihre Künstler bösartigst damit, daß sie es ihnen einfach zu gut gehen lassen.

"Das Leid von dem Sinowjew sprach, trägt keine Märtyrerkrone. Es besteht im Elend einer offiziellen Literatur, deren staatlich geförderte und vom Leser begünstigte Machtposition das Mittelmaß erzeugt; sie kann nicht gut sein, weil es ihr zu gut geht."

Wenn unser Außenminister Genscher nicht bald durchsetzt, daß die Russen ihre Künstler in Gulags stecken, ist es mit der russischen Kunst aus. Und das wollen wir ja wohl alle nicht.

Eine allerletzte Meldung:

"Tote auf Transit

Berlin - Auf der nassen Transitautobahn schleuderte ein Westberliner mit seinem Honda in ein "DDR"-Auto - 3 Tote."

Wir vermissen allerdings die Auskunft auf die Frage, wer war schuld. Die DDR, weil sie so langsame Autos baut, die einem beim Schleudern immer im Weg stehen? Die DDR, weil man zwischen der BRD und Westberlin durch sie durch muß? Oder die DDR, weil sie bei Regen die Autobahnen glitschig werden läßt?