DAS KONSUMIEREN - EIN EINZIGER SKANDAL

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Dieser Artikel ist in der MSZ 9-1985 erschienen.
Systematik: 

DAS KONSUMIEREN - EIN EINZIGER SKANDAL

Da schüttet der Mensch, gemäß einschlägiger Empfehlung, seine Sorgen in ein Gläschen Wein. Er vertraut darauf, daß die zuständige Winzergenossenschaft den nötigen Frohsinn beigemischt hat. Gewitzt durch Erfahrungen mit Sonderangeboten aus der Warenwelt, sucht er sich was Besonderes: Er will ja nicht bloß billig den Durst löschen, sondern einen schönen Abend vergolden. Das läßt er sich auch was kosten. Ein anderes Mittel als mehr Geld hat er ja gar nicht, um sich vorab zu vergewissern, daß das, was er im Laden ersteht, ihm das Reich der nichtalltäglichen Genüsse eröffnet. Schlecht und recht läßt er sich das Ungewohnte schmecken, verbucht die Kopfschmerzen unter die unvermeidliche Kehrseite eines edlen Tropfens - und erfährt aus dem Fernseher, daß er auf ein ganz ordinäres Frostschutzmittel hereingefallen ist. Doch wieder mit einem Sonderangebot hereingelegt, extra auf seinen Geldbeutel zugeschnitten, der - so muß er sich von Kennern, Liebhabern und Fachleuten ohne Geldsorgen sagen lassen - bis zu den wirklichen Genüssen ohne Reue halt sowieso nicht reicht. Es war Gift, was ihm den Frohsinn beschert hat.

Was bleibt dem Menschen übrig: Als Konsument hat er schlechterdings nichts in der Hand - außer u wenig Geld, um sich die reichhaltige Warenwelt dienstbar zu machen. Und: Das Ersuchen an den Staat, allen, die ihn betrügen, das Handwerk zu legen. Der tut das Seine; er säuft ja ohnehin schon 14% von jeder Weinflasche mit. Er bestraft die Bösen, subventioniert die Guten. Er tut was für den guten Geschmack: Er verbietet harmlose Zuckerzusätze - was den Erfindungsgeist deutscher Winzer ja überhaupt erst auf die Idee mit raffinierteren Süßstoffen gebracht hat. Er kümmert sich überhaupt um alles: zählt die Salmonellen in den Tiefkühlhähnchen, prüft das Cadmium in Wildpilzen, erforscht den Hühnerdreck in Nudeln. Alles mit eindeutigem Ergebnis: Es wird noch ein bißchen teurer, einen anspruchsvolleren Geschmack zu haben.

Und damit fängt kein Skandal an. Damit hört der Weinskandal auf.