DAS IDEAL DER WÄHRUNGSREFORM - EINE STUNDE NULL FÜR EINEN KAPITALISMUS IN POLEN

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1989 erschienen.
Systematik: 

DAS IDEAL DER WÄHRUNGSREFORM - EINE STUNDE NULL FÜR EINEN KAPITALISMUS IN POLEN

Westliche Durchblicker informieren über den elementaren Zusammenhang von Ware, Geld und Menschennatur

Das untaugliche polnische Geld mit einem Schlag aus dem Verkehr ziehen, damit ab dann alles im kapitalistischen Lot wäre, ist einerseits eine bestechende Idee:

"Können Polen und Ungarn den Rahmen herrichten, in dem westliche Hilfe Frucht und nicht Frust hervorbringt?... durch eine Währungsreform wie anno 1948 in der Bundesrepublik, die den gewaltigen Geldüberhang vernichtet und dafür Güter auf den Markt lockt..." (Joffe SZ 6.9.)

Andererseits ist die Theorie übers Geld, daß es dann, wenn es ganz wenig ist, scheue Güter raffiniert herauslockt, doch nicht ganz plausibel:

"In der noch jungen Bundesrepublik habe man 1948 die Produkte nur auf den Markt zwingen müssen, die in Kellern und Schobern versteckt gewesen seien; im Polen von heute seien jedoch nicht nur Keller und Schober, sondern auch Lager und Fabrikhallen leer." (SZ 31.10.)

Und ein ganz kluger Kopf kommt sogar darauf, daß Güter nicht durchs Verstecken in Kellern und Schobern entstehen, sondern durch so etwas wie Produktion, die er sich dann allerdings wieder als ein System von Anreizen vorstellt, die "stimmen" müssen:

"Hinzu kommt, daß selbst eine drastische Geldreform keine Garantie für einen Zugewinn an Effizienz bietet, solange die Wirtschaft nach den alten Mustern funktioniert. Ganz abgesehen davon, daß bessere Rahmenbedingungen und materielle Anreize verpuffen, wenn sie sich nicht mit der Leistungsbereitschaft der Bevölkerung verbinden. Ansonsten ist kein Deut an Produktivitätszuwachs zu erreichen." (Uhlmann, SZ 3.11.)

Darauf daß Produktivität im Grunde dasselbe wie Leistungsbereitschaft ist, kann man sich immer gut einigen:

"Eine ganz einfache Lösung für die Polen: Sie sollten doch ganz einfach mal arbeiten." (SZ 31.10.)

Was ist aber, wenn

"...man sich im Osten für den Lohn der Arbeit, der in diesen Währungen bezahlt wird, auch nicht das kaufen kann, was man braucht und wünscht"? "Wer aber will sich schon ewig für einen Fetzen Papier ins Zeug legen? Die wenigsten. Das ist menschlich." (Thoma SZ 14.10.)

So geht die Leier dann wieder von vorne los: Erst gutes Geld, dann gute Arbeit; aber erst gute Arbeit schafft gutes Geld, obwohl bloß gutes Geld gute Ware herbeizwingt... Eine Eigenschaft zeichnet den Kapitalismus, der ja jetzt angeblich einwandfrei gesiegt hat, wirklich aus: Von seinen Lobhudlern ist er nicht erfunden worden, auch wenn sie immer so tun. Deren Blödheit paßt genau zu einer Produktionsweise, deren Erfolge auf einem unbegriffenen Zwangsverhältnis beruhen.