DAS GIFT UND SEINE POLITISCHE VERWALTUNG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 12-1986 erschienen.
Systematik: 

Rhein-Gift-Affäre
DAS GIFT UND SEINE POLITISCHE VERWALTUNG

"Wer Chemie-Altien hat, muß mit derartigen Vorkommnissen rechnen." (Sandoz-Manager Hans Winkler im "Spiegel" 47/1986)

Vor zweieinhalb Wochen brannte bei Basel die Lagerhalle der Chemiefirma Sandoz. Und mit ihr etliche Tonnen phosphorhaltige Pestizide und Quecksilberverbindungen. Ziemlich giftiges Zeug, das mit dem Löschwasser mangels Auffangbecken unter der Lagerhalle in den Rhein gelangte und die Trinkwassemersorgung der Rheinanlieger eine Zeit lang in Frage stellte bzw. in einigen Gegenden völlig ausfallen ließ. Jetzt wird bekannt, wo neben den 200 kg Quecksilber, die den gesamten Nordseefischbestand gefährden, die restlichen 1,7 t von dem Zeug geblieben sind: "Giftwolke über Bayern: überall heimtückisches Quecksilber?" (Bild, 17.11.)

Eine nicht enden wollende Gelegenheit für engagierte Umweltpolitiker, wieder mal ihre informationspolitischen Künste und Fähigkeiten in Sachen "Krisenmanagement" unter Beweis zu stellen. Und die ließen diese Gelegenheit wahrlich nicht ungenutzt.

Das Gift beweist: Die Politik bringt's

Eine öffentliche Debatte wurde inszeniert das soll ja angeblich einer der großen Vorzüge der Demokratie gegenüber der "bürokratischen Geheimnistuerei" im realen Sozialismus sein -, so als ob die öffentlichkeitswirksame Aufbereitung der Giftwelle schon ungefähr dasselbe wie ihre Entgiftung ist. Die öffentliche Aufklärung bestand dann zuallererst darin, daß man vor "Übertreibungen", "Gerüchten" und - obwohl weit und breit keine zu sehen waren -"gefährlichen Stimmungsmachern" warnte.

Ansonsten galt es zu betonen, daß es sich dabei (wieder einmal) um eine originär ausländische Schlamperei handelte. In unserer BRD könne so etwas "im Prinzip" nicht passieren; da seien die "strengen deutschen Sicherheitsbestimmungen" davor. Eine faustdicke Lüge zwar man braucht nämlich nur einmal pro Woche die Nachrichten einzuschalten, um von den verschiedensten "Unfällen" in puncto Umwelt auf deutschem Heimatboden in Kenntnis gesetzt zu werden -, aber das macht gar nichts. Dem kreuzbraven deutschen Wählervolk hat die Versicherung seiner Politiker, daß sie "alles im Griff haben", schon immer ausgereicht, um große und größere Unverschämtheiten ohne Murren zu schlucken. Daß sie alles im Griff haben, daran ließen deutsche Umweltpolitiker keinen Zweifel aufkommen.

Umweltminister Wallmann verkündete stolz, daß "die Schweiz in der Frage von Entschädigungen und der Wiederherstellung des früheren ökologischen Zustandes des Rheins zu Regelungen auf gütlichem Wege bereit ist." Darüber hinaus habe der "Internationale Alarmplan Rhein" auf deutscher (!) Seite reibungslos funktioniert. Auch mit Vorschlägen für die Zukunft wurde nicht gespart:

- Ein professionelles, internationales Störfallmanagement (SPD)

- Freiwillige Verbesserungen der Sicherheitsvorkehrungen der deutschen Chemieindustrie (CDU)

- Überprüfung aller auf dem Markt befindlicher Pestizide (Grüne)

- Kontrolle des Quecksilbergehalts in der Luft und am Boden (Bayerische Staatsregierung)

- Bessere und schnellere Information der Betroffenen (alle)

Daß es die Politiker und Manager an Tatkraft fehlen ließen, diesen Vorwurf kann man ihnen sicherlich nicht machen. Nur, was es mit diesen Taten so alles auf sich hat, sollte einem schon eine kleine Überlegung wert sein.

Vergiften ist eine Systemfrage

Vergleiche mit dem Störfall in Tschernobyl blieben nicht aus - aber nur um sie im selben Atemzug zu dementieren. Um einen "falschen Vergleich" soll es sich dabei handeln. Liberal wie unsere Presse nun mal ist, wollte sie nämlich einen Verdacht gleich ausräumen. Während drüben noch die letzte Schnapsleiche ein Fehler des Systems ist, darf diese Logik hierzulande auf keinen Fall Anwendung finden. Da handelt es sich noch bei den größten Sauereien im Umgang mit der Gesundheit der Leute schlicht um ein "Unglück", oder, wie es Minister Wallmann so schön treffend formulierte: "Es kann immer mal was passieren..." Zufall soll es immer gewesen sein. Und selbst wer die Schuldfrage wälzt, wie die Grünen, kommt über den Vorwurf der Fahrlässigkeit und des Verbrechertums nicht hinaus.

Ob Unglück oder Verbrechen - beides leugnet die Notwendigkeit solcher "Katastrophen". Die sind eben alles andere als Zufall - so wie der 6er im Lotto -, sondern haben ihre Grundlage in der geschäftsmäßigen Einrichtung der Produktion, die Profit abwerfen soll. Medikamente und Düngemittel werden nicht produziert, um der Menschheit das Kopfweh auszutreiben oder das Gras wachsen zu lassen, sondern um einen möglichst hohen Preis zu erzielen. Da man den immer der zahlungsfähigen Nachfrage und der Konkurrenz anpassen muß, erzielt man einen hohen Gewinn, indem man die Kostenbestandteile im Preis so niedrig wie möglich hält. Und in dieser Hinsicht sind die Unternehmer sehr erfindungsreich. Kosten werden überall gesenkt. Von den Löhnen der lieben Mitarbeiter bis zu den Kosten für den risikolosen Umgang mit gefährlichen Chemikalien - wie bei der Firma Sandoz, die sich entsprechende Einrichtungen in ihrem Lager, wie Auffangbecken, Sprinkleranlagen etc., einfach schenkte; oder wie bei der Konkurrenz von Sandoz, wo die günstige Gelegenheit zur Gifteinleitung in den Rhein genutzt worden ist. Die modernen "gefährlichen Stoffe" selbst kommen übrigens auch nicht durch die chemikalische Kochkunst allein in die Welt, sondern durch eine gar nicht naturwissenschaftliche Kalkulation: Die Firma will einen Stoff mit Eigenschaften, die sich geschäftstüchtig vermarkten lassen; daß dieselben Eigenschaften ihn zu einem Supergift machen, wird fein säuberlich als "Nebeneffekt", "Risiko" und "Umweltproblematik" davon abgetrennt. Wo das Geschäft für einen Artikel spricht, da sind die gefährlichen Seiten der Sache nie und nimmer ein Grund dafür, von solchen Zeug - erst einmal oder überhaupt - die Finger zu lassen oder auf wirklich perfekter Kontrolle zu bestehen. Die "Bewältigung" der sog. "Nebeneffekte" steht an. Die Kosten dafür dürfen natürlich der Konkurrenzfähigkeit nicht in die Quere kommen. Fertig ist das "Restrisiko"!

Die Folgen dieses Standpunkts sind jedermann bekannt. Am allerbesten den Firmen selbst. Nicht umsonst wollen sie sich für die unvermeidlich folgenden "Unfälle" versichern, um mögliche Haftpflichtforderungen abzudecken. Und macht es die eine Versicherung nicht, die nächste wird's für einen kleinen Risikozuschlag schon richten. Die Kapitalisten wissen also ganz genau um die Risiken, die sie in die Welt setzen. Politiker wissen das auch. Aber ihnen liegt sehr viel am Geschäftserfolg ihrer Wirtschaft. Deshalb lassen sie sich bei "Umweltskandalen" immer etwas ganz anderes einfallen:

Demokratisches Giftmanagement

Das eine ist, sich über die Gründe der Umweltverschmutzung klar zu werden, und damit auch zu wissen, wie man die aus der Welt schaffen kann. Etwas anderes ist es, sich über Alarmpläne, Schadenersatz, Sicherheitsvorkehrungen oder Informationspolitik zu streiten. Diese vorbildlichen Einrichtungen haben nie und nimmer ihren Zweck darin, irgendetwas verhindern zu wollen. Das genaue Gegenteil ist da der Fall: Wer von Alarmplänen, Sicherheitsvorkehrungen u.ä. redet, der kalkuliert laufend mit dem Schadensfall und denkt gar nicht daran, ihn abzuschaffen; bestenfalls will er ihn in für die "Volksgesundheit" erträglichen Grenzen halten. Nur wer dauernd mit dem lebensbedrohenden Gift rechnet, es aber nicht beseitigen will, fordert korrekte und schnelle Informationen - über den aktuellen Grad der Vergiftung. Als wenn das den ehrenwerten Betroffenen noch helfen könnte. Und nur der redet über zukünftige Schadensersatzregelungen, der weiß, daß der Schaden nicht ausbleibt. Um was es also geht bei dem ganzen Hin und Her, ist nichts Geringeres als die politische Verwaltung der diversen Giftmengen, die chemische und andere Industrien in die Luft blasen oder ins Wasser pumpen. Wie es sich für eine zivilisierte Nation wie die unsere gehört, gibt es dafür auch einen extra Umweltminister. Der ist nichts anderes als ein Manager des kontrollierten Vergiftens - schließlich soll die prinzipielle Brauchbarkeit von Land und Leuten fürs Geschäft erhalten bleiben - und der ebenso kontrollierten Abwicklung der laufend anfallenden Umweltaffären und Giftskandale. Daß zu diesem sauberen Geschäft auch die entsprechende Informationspolitik gehört, versteht sich von selbst.

Auf der einen Seite sind da immer ein paar Anordnungen fällig, weil die Leute ihrem Alltagstrott nicht mehr in gewohnter Weise nachgehen können. Ein bißchen mit den Informationen muß man da schon herausrücken. Auf der anderen Seite dürfen die Massen nicht wie ein aufgeschreckter Hühnerhaufen durch die Gegend laufen und womöglich die Amtshandlungen der zuständigen Behörden stören. Deswegen darf man denen auch wieder nicht alles verraten. Ein entsprechend berechnender Umgang mit den Giftwerten ist also gefordert: "Was sagen wir den Leuten?", "Was können wir ihnen zumuten?", "Nichts übertreiben", "Keine Panikmache", mit anderen Worten: Beschwichtigungen und Herunterspielen ist der wesentliche Inhalt der Informationspolitik. Die Leute müssen eben in den passenden, sprich: politikdienlichen Dosen mit den Fakten bekanntgemacht werden. Das schließt ein, daß man auch mal gar nicht mit ihnen herausrückt oder gleich kräftig lügt. Schließlich wird der Bürger von Fall zu Fall darüber aufgeklärt, daß eine "moderne Industriegesellschaft" ohne wisse Lebensrisiken nicht zu haben ist. Die Botschaft ist eindeutig: Ruhe bewahren und volles Vertrauen in die Kompetenz der zuständigen Stellen.

Apropos Quecksilber

Professor Daunderer - einer, der es wissen muß -, er war schon als Berater seinerzeit in Bhopal aktiv - klärt auf:

"Organisches QuecksiLber ist sehr giftig. Es wird am stärksten im Gehirn gespeichert; wie bei einer chronischen Bleivergiftung treten Nervenstörungen, Kopfschmerzen, Schwindel, Nervosität, Gedächtnisstörungen, Zittern und Störung aller Organe auf." (Süddeutsche Zeitung, 17.11.86)

Aber unsere Öffentlichkeit läßt uns, Gott sei Dank, nicht im Stich. Die "Bild"-Zeitung gibt heiße Tips:

- "Obst waschen" - logo!

- "Wer plötzlich unter Gedächtnisstörungen leidet, sollte schnell zum Arzt gehen." - Das mußte einem ja mal gesagt werden!

- "Auch Milch- und Eier-Eiweiß hilft beim Abbau des Quecksilbers" (Dabei aber nicht vergessen, die aktuellen Radioaktivitätsmessungen in der Milch zu verfolgen!)

- "Der Arzt kann auch Cortison gegen Quecksilbervergiftung verschreiben." Die Firma Sandoz und andere Giftschleudern haben ein reichhaltiges Angebot davon im Repertoire. Das führt dann bloß zu Blutbildschädigungen, Knochenentkalkungen, Stammfettsucht und Magengeschwüren!