DAS DEUTSCHE VOLK: DER ARSCH DER NATION

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1982 erschienen.

"Spiegel"-Serie "Die deutsche Depression"
DAS DEUTSCHE VOLK: DER ARSCH DER NATION

"Die 'kranke' Gesellschaft und das 'gesunde' Volksempfinden sind Begriffe, die zumeist diffamierend gebraucht werden, nicht beschreibend. Aber nur darum soll es gehen, um den Versuch der Darstellung eines offenkundigen Zustands gestörten und verstörten Verhaltens von so vielen, daß die Kluft zwischen dem geistigen und politischen Klima des Landes und den Realitäten auffällig groß ist und gefährlich weiter aufreißt. Um es mit Helmut Schmidt zu sagen: 'Die Deutschen sind ein kleinmütiges Volk'."

Als die "Angst der Deutschen" vor etwa einem Jahr ins öffentliche Gerede kam, glaubten dessen Initiatoren wohl, damit einen Einspruch gegen eine Politik vorzubringen, die Leib und Leben der ihr Unterworfenen als Material überlegener Kriegsziele ins Auge faßt. Daß es allerdings ein fataler Irrtum ist zu meinen, durch Kundgabe des eigenen Gefühls, Opfer zu sein, dessen tatsächliche Einforderung auch nur in Frage zu stellen, läßt sich daran ersehen, wie sehr den Hütern des "geistigen und politischen Klimas des Landes" das Thema gelegen kam.

Die Betroffenen kamen kaum dazu, ihre Betroffenheit öffentlich zu bedenken zu geben, da war sie auch schon öffentlich bedacht: als geeigneter Anlaß, denen, die ihr eigenes Vertrauen in die Politik gegen deren Konsequenzen reklamieren, selbst die Vertrauensfrage aufzumachen. Wer für seine Unterworfenheit Berücksichtigung beansprucht, der findet sie auch: in der Gegenfrage, ob sein Untertanengeist noch ganz frisch ist.

Eine Gesinnungsprüfung des deutschen Bürgers

Zuletzt hielt es der "Spiegel" für angebracht, mit einer sechsteiligen Serie die Angst-Thematik abzurunden. Daß deren öffentliche Abhandlung ihren Ausgangspunkt längst souverän hinter sich gelassen hat, zeigt sich nicht nur daran, daß unter dem Titel "Die Stimmungslage der Nation" nicht mehr nur einige "Ängstliche", sondern prinzipiell das ganze deutsche Volk einer Gesinnungsprüfung unterzogen wird. Welchen demokratischen Reifegrad die Begutachtung der gefühlsmäßigen Loyalität des Volks zu seiner Herrschaft mittlerweile erreicht hat, kann der Leser insbesondere daran ermessen, daß ihm durch Herrn Leinemanns "Bericht" selbst jede Erinnerung daran, daß das Wollen des gemeinen Volks für die politischen Zielsetzungen seiner Repräsentanten auch nur das Geringste zu bedeuten hätte, gänzlich erspart wird. Wenn der Stimmungsreporter dem deutschen Bürger unters Seelenkostüm schnüffelt, dann beileibe nicht, um irgendwelche "Trends" oder ähnlichen Schnickschnack zu eruieren. Die politischen "Realitäten" stehen schließlich fest, und daß sie nichts als Zumutungen an die Bürger sind, erledigt sich durch eingestreute Ablichtung einiger "Spiegel"-Titel des vergangenen Jahres ("Schlachtfeld Deutschland?", "0% Lohnerhöhung?", "Benzin-Preis: Wie hoch noch?" etc. etc.). Fest steht mit diesem Ausgangspunkt ebenso, daß die deutsche Bevölkerung nur eine Chance hat, die Überprüfung seitens des kritischen Magazins zu bestehen: indem sie eben beweist, daß sie diesen Realitäten gerecht wird.

Klar ist freilich, daß auch diese Chance nur eine theoretische ist: Wer von der "Realität" den Schaden hat, der muß sich schwertun, gegen sie eine gute Figur zu machen. Wer schafft es schon, nicht nur alles wegzustecken, sondern auch sich dabei nicht anmerken zu lassen, daß er etwas wegsteckt? Und selbst wenn er sich nichts anmerken läßt der "Spiegel" merkt es ihm allemal an:

"Einerseits: Läuft nicht wirklich alles ganz normal im Lande? Es wird regiert und gewählt, gereist und gefeiert wie 'eh. Gefeiert sogar mehr als sonst. (...) 'Kein schöner Land in dieser Zeit', singen sie.

Andererseits: Sie singen es wie mit zusammengebissenen Zähnen. Die Arbeitslosigkeit wächst. Die Zahl der Bankrotte und Pleiten steigt. Der Staat ist überschuldet. Umweltzerstörung wird überall sichtbar. Demonstrationen, Hausbesetzungen, Krawalle. Die Frauen mucken auf. Die Jugend rebelliert oder steigt aus oder funktioniert zu reibungslos (!), ist jedenfalls (!) nicht in Ordnung..."

Bürger '82: "jedenfalls nicht in Ordnung". Daß er seinen Herrschern ungebrochen die Loyalität erweist, indem er sie wählt, mit den Ergebnissen ihrer Herrschaft zurechtzukommen sucht und dabei noch patriotische Lieder singt, hilft da wenig. Mit dem Funktionieren der normalen Formen untertäniger "Realitätsbewältigung" läßt sich Herr Leinemann nicht bescheiden. Mag der Bürger selbst gar nicht zur Kenntnis nehmen wollen, daß er für die Fortschritte des "schönsten Landes in dieser Zeit" den Arsch abgibt - der "Spiegel"-Reporter steigt ihm nach und hält ihm vor, daß er es aber ist! Und als solcher kann er nicht "in Ordnung" sein - das ergibt sich schon aus dem, was er gegenwärtig und in Zukunft auszulöffeln hat. Als abhängige Größe von "Arbeitslosigkeit, Pleiten, Staatsverschuldung" etc. betrachtet, muß "ein großer Teil der Bevölkerung durcheinander" sein, und wenn er gar glaubt, er liege richtig, beweist er gerade dadurch das Gegenteil!

"Jubel, Lieder, Frohsinn. Mehr als 50.000 Tübinger und Zugereiste saufen, fressen und lärmen, daß es der lokalen 'Südwest Presse' unheimlich (!) wird... Tanz auf der Titanic? Auf den ersten Blick sieht es nicht so aus... Aber vergessen? Die Risse, die durch das Land laufen, bleiben sichtbar."

Das vergessen, was er auszubaden hat? Das kann dem deutschen Bürger doch unmöglich gelingen! Umgekehrt: Gerade daß er die für ihn "schmerzliche Wirklichkeit" bewältigen will, zeugt umso härter von seiner

"Unfähigkeit, eine schmerzliche Wirklichkeit zu ertragen, Verluste zu betrauern."

Der deutsche Untertan kann also machen, was er will: da er sich in allem als das Anhängsel erweist, das er ist, bezeugt er die Malaise des deutschen Volks durch alle seine Regungen - und zwar vor allem durch die politisch bedeutungslosesten:

"Von den Brüchen und Defekten im privaten Leben, das von jeher in Deutschland seltsam abgekoppelt erlebt wird vom historischen Schicksal, auf die Stimmungslage der Nation zu schließen, scheint ertragreicher (!), als auf ideologischer Ebene mit AIIgemeinbegriffen wie Staatsverdrossenheit und Generationenkonflikt zu hantieren."

Angst fressen "Orientierung" auf

Das Auspinseln- der Auseinandersetzungen der Bürger mit den "Brüchen und Defekten" ihres "Schicksals" scheint gerade dadurch umso "ertragreicher", daß man sie prinzipiell unter den nationalen Verdacht stellt, einen ebenso kleinlichen wie vergeblichen "Abkoppelungsversuch" von der historischen Schicksalsgemeinschaft darzustellen! Daß das "historische Schicksal" der Republik und die Bemühungen der Bürger, ganz unverdrossen mit dem ihnen in dessen Namen auferlegten Schaden zurechtzukommen, zweierlei sind, möchte der "Spiegel" in jedem Fall zum Nachteil derjenigen ausgelegt wissen, die den Schaden haben. Jeder Regung eines deutschen Untertans begegnet das deutsche Nachrichtenmagazin mit dem impliziten Anspruch, sie habe eigentlich ein nationales Problem zu bemeistern. Und daß sie ihm vor diesem Anspruch per se blaß aussehen, (dis-)qualifiziert sie allemal als Bebilderung der "Risse, die durch das Land laufen". Daß das Privatleben zur Bewältigung nationaler Anforderungen da ist, ist ja auch so selbstverständlich, daß der "Spiegel" ganz unverfroren dessen "Krisen" für sich selbst sprechen lassen kann: als der genuinste Ausdruck - und zugleich der innerste Begriff der "Krisen, die derzeit unser Land belasten".

Der Spiegel-Redakteur bemüht sich gar nicht erst, die aufgeführten "Phänomene" noch groß umzuinterpretieren. Sie sind für ihn schon der schlagende Beweis dafür, daß in unserem Gemeinwesen so gut wie nichts in Ordnung ist, "also" auch dieses selbst nicht. Das, was sich sonst ins Gewand ökonomischer, psychologischer, philosophischer oder anderer Ausmalungen kleidet, die Sorge um das Gelingen all dessen, was so gerne mit "wir alle", "wir Deutsche" gekennzeichnet wird, das trägt sich hier unverblümt vor. Mit der Plumpheit, die guten Journalismus auszeichnet, walzt der "Spiegel" den Begriff des "Krisen"-Arguments breit: noch die hinterletzte Regung eines der Herrschaft Unterworfenen wird zum Ausdruck eines einzigen Prinzips, das teilnahmsvoll als gefährdet angesehen. wird: die "politische Kultur" der Nation nämlich. Was sich auch tut in dieser Republik, es wird am Maßstab gemessen, wieweit es dem Ideal einer nach innen und außen erfolgreichen Herrschaft entspricht und ihm bewußt dient. Und gerade weil die alltäglichen Formen der "Lebensbewältigung" den Anforderungen der Republik unterworfen sind, sich diese also auch nicht zum unmittelbaren Zweck zu machen brauchen und machen können, blamieren sie sich laufend vor dem anmaßenden Blick des Staatsauguren und reihen sich damit bruchlos in die endlose Reihe "unserer Probleme" ein, mit denen der Staat angeblich so sehr zu kämpfen hat. So verrückt denken politisierte Geister - allerdings auch nur im Geiste -, daß "Arbeitslosigkeit", "Parteienverfall",

"Umweltverschmutzung" und andere in Staatsgefährdungen uminterpretierte Wirkungen erfolgreicher Politik in einem Atemzug mit dem Kegelabend, dem familiären Alltag und den Stammtischsprüchen von Otto Normalbürger aufgeführt - werden alles als "Symptome" innerer Un-Ordrnung. Die maßlose theoretische Anteilnahme am nationalen Leben nivelliert alle Unterschede und Gegensätze. So muß man nur noch irgendwelche Ereignisse bedeutungsvoll und unheilschwanger aufzählen, schon kann jeder Leser besorgt mit dem staatsbürgerlichen Kopf nicken. Mit dem Gestus der Authentizität greift der Depressionsreporter wahllos in die vollen:

"München. Im September. Menschen mit Konfetti im Haar und abwesend (!) lächelnden Gesichtern kommen aus dem Zirkus Roncalli..."

"Münster. Im November. Wer die Nummer des Tiefbauingenieurs Klaus P. anruft, kann sicher sein, daß sich mit matter Stimme die Ehefrau meldet..."

"Vaterstetten bei München. Im Juli 1981, Fortunat Weigel, Jahrgang 1913, erinnert sich an seine Heimkehr nach 13 Monaten Kriegsgefangenschaft..."

"Sankt Augustin. Im Dezember 1981. Die Schülerin Angelika, 16, ist immer seltener zu Hause..."

Alles sehr bezeichnend... - wofür? Daß es die Leute schwer haben? Daß durch die öffentlichen Zumutungen auch die Privatsphäre in Mitleidenschaft gezogen wird? Oder sollte Schülerin Angelika öfter nach Hause kommen und Fortunat Weigel mehr an die Zukunft denken? Und wenn ja, was ginge Jürgen Leinemann das an? Als Summe einjähriger Einzelbeobachtungen zwischen Flensburg und Kiefersfelden präsentiert dieser seine Diagnose:

"Ein Bild (!) zeichnet sich ab: Gedrückte Stimmung. Versteinerung im Verhalten. Abkapselung. Verbitterung. Verlust an Geborgenheit. Ungewißheit. Selbstzweifel. Autoaggression. Selbstvorwürfe. Dazu (!): Nur mühsam unterdrückte innere Unruhe. Die Neigung, allem auszuweichen. Ein Gefühl von Leere. Jammern und Lamentieren. Wahnhafte Ängste um Gesundheit und Besitz. Verlust an Wirklichkeitssinn. Schuldgefühle. Ständige Müdigkeit. Lebensunlust."

Das "Bild", das sich vor Herrn Leinemanns Augen zusammensetzt, wenn er das deutsche Volk in Beobachtung nimmt, besteht aus den "Stichworten des Psychiatrielehrbuchs von Walter Schulte und Rainer Tölle zur Beschreibung von depressiven Neurosen und Melancholie". Die Bescheinigung der Unfähigkeit der deutschen Untertanenschaft, der "Realität" gerecht zu werden, unterstreicht er mit der Klarstellung, daß diese auch wirklich gar nicht anders könne. Das "gestörte" Gefühlsleben, das er am Bürger aufgemacht hat, schleppt dieser als generellen Defekt mit sich herum: Er ist untauglich.

Das will der "Spiegel" freilich "nicht diffamierend" gemeint haben. Will heißen, daß ihm die Realitätsuntüchtigkeit des Untertans nicht von ungefähr kommt. Dieser leidet ja - und zwar unter dem schmerzlichsten Verlust, der einen Untertan nur treffen kann: an dem Verlust an "Orientierung". Und in diesem Leiden kann er mit dem vollsten Verständnis Herrn Leinemanns rechnen. Die reale Einbuße, die der kleine Mann heute hinzunehmen hat, Wt die der unhintergehbaren Gewißheit, woran er sich halten soll:

Diese Vorstellung ist dem Reporter so wertvoll, daß er neben den eigenen auch alle verfügbaren Idiotien anderer berufener Geister mobilisiert, um Deutschland '82 zu einem einzigen irrlichtemden Unding zu stilisieren:

"Alles ist in der Schwebe, verlagert sich, 'unfixiert wie Quecksilber', hat der Soziologe Urs Jaeggi erkannt (!)..."

"Nichts stimmt mehr... Die Verhältnisse geraten ins Rutschen..."

"Wer weiß schon, wer wirklich 'ganz der alte' geblieben ist?..."

"Dieses Land ist keine Bühne (!), auf der die klassischen Dramenregeln der Einheit von Zeit und Raum gelten. Zeit wird seltsam beliebig, Jahrzehnte, Jahrhunderte rutschen - ineinander..."

"Kein Zitat, keine Zahl, kein historisches Datum, keine lebende oder tote deutsche Persönlichkeit, kein Dokument ist wenigstens soweit unumstritten, daß ein Mindestmaß an Verständigungsmöglichkeiten erkennbar wird..."

Zu solchen angestrengten Verrücktheiten versteigt sich ein gebildeter Mann, wenn er sich den Geisteszustand des gemeinen Volks so vorstellt, als wäre es der eigene. Doch er hat den "Bezug zur Realität" ja nicht verloren. Daß sich das Arbeitsvolk noch nie nach Dramenregeln richten mußte, ist ihm durchaus noch geläufig. Denn - "Schwebe" hin, "Quecksilber" her - darauf, wie der Normalbürger sich selbst die Verhältnisse zurechtlegt, konnte man sich ohnehin noch nie verlassen. Was er schon immer gebraucht hat und nun entbehrt, ist: Bescheid gestoßen zu kriegen, wo's längsgeht:

"Vor allem deshalb erscheint immerzu die Wirklichkeit auf den Kopf gestellt, weil nicht mehr verbindlich ist, was oben und was unten ist, was recht und was unrecht, was links und was rechts."

Mit den Worten d es Polizeipsychologen:

"Tatsächlich 'hat niemand mehr die Macht', sagt der Psychologe Georg Sieber, 'verbindlich die Situation zu definieren. Es gibt zu viele Mitdefinitoren'."

Mit zielsicherer Geradlinigkeit spitzen sich die eingebildeten Drangsale mangelnden Durchblicks auf den Punkt zu, für den sie allemal stehen sollen: Der Durchblick ist eine Frage der Interpretation, und diese wiederum eine Frage der Macht, die bekanntlich unteilbar ist. Die bedingungslose Unterwerfung ist es also, woran es dem bundesdeutschen Volke derzeit so fatal mangelt! Die Sicherheit des Bürgers besteht in der Durchsetzung der staatlichen Ordnung gegen ihn: Diese vermißt Herr Leinemann so gründlich, daß er die "offene Gesellscflaft" zu einem hoffnungslos wirren Haufen erklärt, indem er sie an seinem Ideal einer absoluten Ordnung bemißt. Vom Standpunkt des ausgesucht borniertesten moralischen Vorurteils betrachtet, diskreditiert sich jedes Ereignis als eine einzige Abweichung:

"Eine angeblich unduldsame etablierte Gesellschaft regt sich über Rudel von Nackten in den Parks der Großstädte kaum auf. Abiturienten rechnen schon ihre Pension aus. Rentner treten in Hungerstreiks, ein Behinderter geht auf den Bundespräsidenten mit der Krücke los."

"Subversiv geht es zu", urteilt Herr Leinemann, und meint das ganz konsequent: Überall ist Subversion am Werk, die deutsche Nation ein einziger Zerfallsprozeß. Pluralität als Grundlage von Ordnung? Unter der Hand bringt das Intellektuellenmagazin auch die deutsche Ideologie auf den neuesten Stand, indem es selbst die bloße formelle Verschiedenheit der Teile des Volkskörpers als Indiz für dessen Zersetzung brandmarkt:

"Die westdeutsche Gesellschaft zerfällt (!) in Kleinfamilien und Einzelhaushalte..."

"...abgekapselt in Szenen, Cliquen, Stämme (!), Banden (!!)..."

"Rückzug, Selbstisolierung, Abkapselung, Selbstzerstörung, Aussteigen und Auswandern häufen sich in einer Weise, daß die Frage sich aufdrängt, wer sich eigentlich noch 'drin' fühlt. Von welcher Bevölkerungsgruppe könnte man das noch uneingeschränkt behaupten?"

Wenn jemand seine ganze Phantasie dem Anliegen verschreibt, die Aushöhlung der nationalen Einheit an die Wand zu malen, dann "drängt" sich ihm gleich noch ein weiteres auf: Die Zersetzung eines Volkes war bekanntlich noch immer Resultat der Sittenlosigkeit seiner Mitglieder. Der "Spiegel" eröffnet eine neue Rubrik, den Sitten-"Spiegel":

"...der pöbelnde, hetzerische, hämende Grundton der öffentlichen Auseinandersetzungen..."

"...mitleidslose und sich selbst abschottende Teilnahmslosigkeit..."

"Kampf mit allen Mitteln... jeder schlägt zurück, am besten noch vor dem anderen..."

"...Unterbewußtsein verschmutzt durch kurzlebige faszinierende Sensationsmeldungen..."

Eine deutschnationale "Depression"

In der Beschwörung der ganzen moralischen Niederträchtigkeit, als die ihm das partikulare Hin und Her vorkommt, reklamiert der "Spiegel" ganz unverblümt die Volksgemeinschaft als den Inhalt aller Moralität - eine Tugend, die er am deutschen Volk so gründlich vermißt, daß er es als ganz - und gar untauglichen Agenten seines "historischen Schicksals" ausgemacht hat. "Keine Chance, die Gegenwart auch nur halbwegs verbindlich zu beurteilen" gibt er dem Bundesbürger weil dieser in seinem Innersten schon seit langem hoffnungslos fehlgeleitet sei: Die realen Schwierigkeiten, mit denen der Bürger derzeit zu tun hat, sind schließlich nichts anderes als die Quittung für seine charakterliche Verbildetheit. Warum ist das Volk so "kleinmütig"? Wie heißt es doch: "Das deutsche Volk ist verwöhnt".

"Sie haben viel zu verlieren."

"Weitgehend verlorengegangen ist den Menschen die Scheinsicherheit ihres Wohlstandes und ihres satten Friedens."

Schadenfreude liegt hier nicht vor. Der Spott, für den derjenige nicht zu sorgen braucht, der den Schaden hat, nimmt sich harmlos aus gegen den Bescheid, den Herr Leinemann dem deutschen Volk erteilt. Daß dieses "über seine Verhältnisse gelebt" habe, ist hier ein matter Kalauer. Der "Spiegel" weiß nicht nur, daß die deutsche Bevölkerung das "Streben nach Wohlstand überzogen" hat, er weiß dieses Streben selbst als krankhafte Neigung, indem der Bürger sich damit von einer verhängnisvollen Illusion abhängig gemacht habe. Auf deren Konto geht schließlich, wenn sich nun die "Realität" Geltung verschafft: Wer je gemeint hat, er könne in Frieden leben und Wohlstand haben, der hat es nun: den Beweis, daß er damit schiefgelegen ist. Daß solche "Sicherheiten" hier nicht erhältlich sind, brauchte der "Spiegel" nicht erst dem großen Kanzlerwort entnehmen; er hat es schon immer gewußt:

"Vielen dämmert erst jetzt die Erkenntnis, daß diese Republik dreißig Jahre lang anscheinend vor allem durch das zusammengehalten wurde, was jetzt gleich von zwei Seiten in Frage gerät und bedroht wird: materieller Wohlstand. (...) Vergeblich halten Politiker wie Bürger nach Traditionen und Zielen Ausschau, in denen sie Identität finden können."

Wenn der "Spiegel" frei daherphantasiert:

"In den ersten Jahrzehnten deckten sich staatliche und private Interessen aufs Haar",

dann will er damit beileibe keinen Beitrag zur Verklärung der Adenauer- und Erhard-Ära geleistet haben. Er setzt diese Idylle vielmehr in die Welt, um sie als falsche und verhängnisvolle Idylle anzuprangern. Zwar kann sich Herr Leinemann freilich nichts Schöneres vorstellen als eine haargenaue Deckung von staatlichen und privaten Interessen.

Aber daß der Staat "den Wünschen der Wirtschaftswunderschaffer entsprochen" haben soll, indem er sie schaffen ließ, erscheint ihm als schweres vaterlandsloses Versäumnis. Indem er nämlich der "Besessenheit" Vorschub leistete, "den materiellen Aufstieg allein für Wert und Sinn der neuen Demokratie zu halten", sorgte er dafür, daß die Zuverlässigkeit des Volks fär diese Demokratie "bisher keiner emsthaften Prüfung unterzogen worden" ist. Dabei hätte er zu solchen Prüfungen reichlich Gelegenheit gehabt. Insbesondere am Faschismus, aus dem sich vieles hätte machen lassen, zumal solange er noch ganz frisch war. Die Klage über die "unbewältigte Vergangenheit" liest sich 1982 folgendermaßen:

"Keine bejahte (!), erlittene (!), erfahrene Geschichte steht dazwischen. Nichts ist trauernd verarbeitet."

Ob Herr Leinemann am Faschismus noch etwas anderes zu "betrauern" hat, als daß er den Nachkriegsdeutschen Anlaß gewesen sein soll, "ihre Erinnerung mit Wohlstand zuzuschütten", sei dahingestellt. Jedoch läßt sich der Unerträglichkeit, die letzteres offensichtlich für ihn darstellt, immerhin entnehmen, daß ihm - in Anbetracht der Unfähigkeit des deutschen Volkes zu gemeinsamer "Betroffenheit" - die Fortdauer des Faschismus gegenüber seiner Beendigung als das geringere Übel erschienen wäre. Da hätte sich doch noch so manches "bejahen" und "erleiden" lassen! So aber konnte sich das Volk bequem der Aufgabe entziehen, die bereits geschaffene Volksgemeinschaft an der nachträglichen "trauernden Verarbeitung" des Faschismus zu bewähren, und stattdessen die "Vorgeschichte des Nazireiches als störend und schmerzlich verdrängen".

Bei einem so krassen "Unverhältnis zur jüngeren Geschichte, das sich im Ausbleiben des "Ja zur eigenen Vergangenheit" dokumentiert, entringt es dem "Spiegel" auch nur noch eine resignierende Geste, daß das Volk schließlich auch noch bei der "Teilung Deutschlands ohne andere als deklamatorische Trauer" geblieben ist und

"ziemlich ungerührt die Elbe als Grenzfluß gegenüber 'dem Osten' hingenommen"

hat. So führen die Betrachtungen der "Stimmungslage der Nation" geradewegs zu dem Punkt, von dem "chauvinistische Vertriebenenfunktionäre" - im selben Atemzug vom "Spiegel" abfällig kommentiert - nur träumen konnten. Mit dem Vorwurf der Gleichgültigkeit der Westdeutschen gegenüber der "Teilung Deutschlands" (welche andere als "deklamatorische Trauer" wäre denn da angebracht gewesen?) macht das deutsche Nachrichten-Magazin Großdeutschland als den Standpunkt auf; vor dem sich die BRD als eben nur die BRD nicht bewähren kann. Was drückt da die "deutsche Depression" schlagender aus, als daß "die Bürger tatsächlich schon darüber sich uneins sind, wie sie das Gebilde (!) nennen sollen, in dem sie leben"?

Nicht das ganze Deutschland und damit eine echte Nation zu sein, ist das Handicap, das die BRD nicht loswird und das der "Spiegel" dem vorhandenen bundesdeutschen Nationalismus als Manko vorrechnet. "Dabei fehlt es nicht an Versuchen, eine nationale Identität zu schaffen", registriert er; diese "Versuche" bleiben jedoch allemal eine matte Angelegenheit, solange "die verdrängten Phasen der jüngsten Vergangenheit einfach übersprungen werden". So durchschaut der "Spiegel" das "Preußenjahr" als bloße "Ersatzfunktion für das, woran es eigentlich fehlt". Das allseitige Bekenntnis "von rechts und links" zu den "preußischen Tugenden und Traditionen" blamiert sich für ihn als bloßes Bekenntnis schon dadurch, daß es eben immer noch verschiedene Seiten seien, die in diesen Tugenden ihre "Identität" suchten:

"Daß die Preußen-Betrachtungen die allgemeine Ratlosigkeit und Zerstrittenheit verringert hätten, darf bezweifelt werden. ... viel abstrakte Sinnstiftung, viel Werthudelei..."

Klare Grenzen

Wer an den Idealen des Nationalismus moniert, daß es nur Ideale seien, der läßt sich von der Nation nur in einer Weise zufriedenstellen: durch einen Nationalismus der Tat. Daß es nicht die Bevölkerung ist, von der entsprechende Initiativen zu erwarten sind, ist dem "Spiegel" ebenso klar, wie er deren Alltag unter keinem anderen als eben diesem Kriterium beleuchtet. Durch das Urteil der privaten Borniertheit und nationalen Orientierungslosigkeit, das auf diese Weise zustandekommt, soll sich ja gerade dessen Unfähigkeit erweisen, das "historische Schicksal" selbstbewußt in die eigenen Hände zu nehmen. So verweist den "Spiegel" die "Stimmungslage der Nation" folgerichtig auf deren Herrscher. Die "deutsche Depression" findet darin ihren Begriff, daß er jene als "ratlose Horde" ausgemacht hat:

"Politisches Handeln verkümmert zu hektischer Bewegungslosigkeit... klischeehafte Bekenntnisse und Distanzierungen... verbales Gezänk..."

"Ob in Bonn noch einer weiß, wie so etwas ankommt 'draußen im Lande'? All die Ratschläge von Ratlosen an Ratlose? Die Beschönigungen und Beschwichtigungen? Die Appelle und Bekenntnisse? Die Deklamationen? Der ganze Schwall von Worten, der an die Stelle von Taten getreten ist?"

Daß es heutzutage als das Vergehen gegen die demokratische Verantwortung eines Politikers gilt, dem Volk irgendwelche "Versprechungen" zu machen (außer dem, regiert zu werden); daß die Politiker darum konkurrieren, wer den Untertanen am ungeschminktesten sagt, was man auf sie zukommen lassen will - das ist auch dem "Spiegel" nicht entgangen. Es ist ihm vielmehr Anlaß, als Avantgarde nationaler Stimmungsmache noch eins draufzulegen: Ihm mißfallen diese Ankündigungen so sehr als bloße Worte, daß er gar die praktischen Verfügungen, mit denen sie einhergehen, überhaupt nicht als Taten anerkennen will. Was will der "Spiegel" eigentlich, so muß man fragen, wenn er das gegenseitige Hervorkehren der Führerqualitäten demokratischer Politiker als "Gezänk" denunziert und anstelle der Entscheidungen, die diese treffen, "Taten" fordert? Nein, nicht daß er andere Taten für erforderlich hielte: bei seinem Plädoyer für beherztes Zupacken kann er sich ja gerade dessen sicher sein, daß, worin die Nation sich zu bewähren habe, eine ausgemachte Sache ist. Er hält es vielmehr für angebracht klarzustellen, daß diese nationalen Aufgaben ihrem Wesen nach keinerlei auch nur formelle Differenzen zulassen. Dabei ist es gar keine Ironie, wenn er sich an dieser Stelle der Stimme des Volkes bedient:

"Die Mehrheit will klare Grenzen" (Sicherlich nicht an der Elbe.) "Ohne Wenn und Aber. Sie will Eindeutigkeit. Sie will Berechenbarkeit. Sie will Garantien für Sicherheit. Sie hätte am liebsten eine Scheidung der Welt in Gut und Böse, so klar, wie sie nur in Wildwest- und Kriegsfilmen vorkommt."

Was will der "Spiegel" sagen, wenn er sich den Faschismus des 'kleinen Mannes', dem er "ein Stadium der Unreife" attestiert, auf der Zunge zergehen läßt? Daß das gemeine Volk eben unverbesserlich sei? Oder daß dessen Ruf nach einem "starken Staat" nur allzu verständlich sei? Er will in der Tat beides sagen: Das "unreife" Volk mit seinen faschistischen Sehnsüchten ist an die Kandare zu nehmen - und zwar, indem man den Inhalt dieser faschistischen Sehnsüchte als Auftrag demokratischer Führer in die Tat umsetzt. Die "Eindeutigkeit", die das Volk an Kriegsfilmen so schätzt, soll es auch ohne Kino haben.

Das "Spiegel"-bild politischer Besorgnis über den Gesamtzustand der Republik ist also durch und durch geheuchelt. Wenn der "Spiegel"-Mann den geistigen Untergang des deutschen Abendlandes genüßlich bebildert, dann, weil er weiß, was er sich und seinem Publikum schuldig ist: ein Sittenbild politischer Gefolgsamkeit mit all ihren unerfreulichen Seiten bis in die letzten Winkel des Familienlebens hinein - aber mit der demonstrativ zerfurchten Stirn intellektueller Zweifel an Volk und Führer. Die "Bildzeitung" vertritt sehr kongenial-kollegial denselben Anspruch an und für ihr Publikum gegenwärtig mit der Fortsetzungsserie: Gibt es noch glückliche Menschen in Deutschland? Was Wunder, daß sie im angeblichen Sumpf der Unzufriedenheit welche findet, an denen sie den lebendigen Beweis führt, daß es sich jenseits aller Opfer lohnt, diesem Staat in dessen "schweren Zeiten" die Treue zu halten. Zufriedenheit mit dem politisch schwer gemachten Leben fürs einfache Volk, Bedenken über den Erfolg nationaler Lebenskultur fürs höhere Volk - das sind die zwei zeit- und klassengemäßen journalistischen Inszenierungen desselben dummdreisten Gedankens: Deutschland, Deutschland über alles...

Durch Angst und Hoffnung gestärkt in die Zukunft

Für die Psycho-Illustrierte "psychologie heute" bietet das Thema "Die Angst der Deutschen" natürlich ein gefundenes Fressen. Zuletzt inspirierte sie die Frage:

"Woran orientieren wit unser Handeln, zwischen Angst und Hoffnung, zwischen dem Wissen um Vergeblichkeit und Nicht-Machbarkeit und dem Gefühl einer Verantwortung gegenüber denen, die nach uns kommen?"

zu einer Umfrage unter neun hervorragenden Personen des öffentlichen Lebens:

"Personen, die selbst Verantwortung übernommen haben oder 'Seismographen' der gesellschaftlichen Befindlichkeit sind."

Diesen gab sie durch sechs Fragen Gelegenheit, ihre Befindlichkeit auf die nationale und globale "Lage" hin zu definieren. Daß dieses Unterfangen gar nicht "vergeblich" blieb, vermögen schon zwei der Fragen (nebst Antworten) hinlänglich zu dokumentieren.

Auf die Frage 1:

"Mit welchen Gedanken und Gefühlen blicken Sie in die Zukunft? Sind Ihre Erwartungen eher von Angst oder von Hoffnung bestimmt?"

ergab sich zunächst folgendes Zwischenergebnis: 5 1/2 : 3 1/2 für Hoffnung gegen Angst. (Dieses kommt dadurch zustande, daß Alice Schwarzer für beides votierte: "Ich blicke mit gemischten Gefühlen in die Zukunft".) Eine gewisse Klarheit erhält dieses auf den ersten Blick zwiespältige Bild dadurch, daß die Voten immerhin zwischen den "Verantwortlichen" (Unternehmer, Politiker) und den "Seismographen" (Wissenschaftler, Schriftsteller ) eindeutig verteilt sind: "Verantwortliche" pro "Hoffnung"; "Seismographen" eher für "Angst".

Endgültige Klarheit ergibt sich jedoch schließlich aus Frage 6. Schon auf den ersten Teil dieser Frage:

"Haben sie das Gefühl, für die gegenwärtige Lage der Gesellschaft mitverantwortlich zu sein?"

erkannten bereits acht der neun Befragten auf "mitverantwortlich". (Der Psychoanalytiker Parin entzog sich der Verantwortung; er lebt in der Schweiz.) Die zweite Teilfrage:

"Welchen Beitrag glauben Sie selbst für die Zukunft dieser Gesellschaft noch leisten zu können?"

erbrachte folgende Antworten: Heinz Dürr, Elektro-Unternehmer:

"Als Unternehmer kann man einen wichtigen Beitrag für die Zukunftsgestaltung leisten."

Ingeborg Drewitz, Schriftstellerin:

"Ich habe, seit ich erwachsen war, durch meine Schriftstellerarbeit gegen eine neue Katastrophe noch unvorstellbaren Ausmaßes zu sensibilisieren gehofft... Ich werde so weitermachen."

Paul Parin, Psychoanalytiker und Wahl-Schweizer:

"Für die Zukunft kann ich nur warnen und auf selbstgemachte Gefahren hinweisen."

Alice Schwarzer, Emanzipatorin:

"Für mich gehört die Emanzipation der Frauen unlösbar zu den übrigen Fragen, die unsere Zeit bewegen."

Helmuth Buddenberg, Benzin-Unternehmer:

"Für die Zukunft glaube ich der Gemeinschaft dann den größten Dienst erweisen zu können, wenn es mir gelingt, mein Unternehmen auf die veränderten Umweltbedingungen hin umzustrukturieren."

Dorothee Sölle, Theologin und Schriftstellerin:

"...habe ich mich entschlossen, den Rest meines Lebens durch Schreiben und Reden, Lehren und Handeln für den Frieden zu arbeiten."

Wolf Graf von Baudissin, Friedensgeneral:

"Als Direktor des IFSH geht es mir vor allem um Anregung erhöhter Rationalität in der Betrachtung sicherheitspolitischer Fragen..."

Hugo Brandt, SPD-Vorsitzender, Rheinland-Pfalz:

"Meine Aufgabe sehe ich darin, politisch deutlich erkennbare Probleme frühzeitig zur Diskussion zu stellen..."

Klaus Holzkamp, Psychologe:

"Psychologie als Subjektwissenschaft! (Ob das nun gerade das Entscheidende ist, um die Katastrophe zu verhindern, kann man natürlich bezweifeln. Aber ich habe nichts anderes gelernt, und dies ist das beste, was ich zu bieten habe.)"

Wenn das kein überzeugendes Ergebnis ist: Alle neune! Alle sind "mitverantwortlich" für die kommende "Katastrophe", und um dieselbe zu verhindern, machen alle dasselbe wie bisher. Na wenn alle so sind, wird sich die Verantwortung doch wohl auch gemeinsam tragen lassen!