DAS ÖKO-SYSTEM IM RHEIN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 12-1986 erschienen.
Systematik: 

Der am meisten betränte Tote der Woche
DAS ÖKO-SYSTEM IM RHEIN

Das ist den Giftwellen aus Basel zum Opfer gefallen. Wobei sich ein unvoreingenommener Beobachter zuerst einmal darüber wundern könnte, daß es in diesem mitteleuropäischen Industrie-Abwasserkanal überhaupt noch ein solches "System" ausgehalten hat. Wenn sich Aale und anderes Geziefer da bislang fröhlich getummelt haben, dann beweist das jedenfalls, wie borniert sich diese Natur, pardon: das Öko-System aufzuführen pflegt. Das läßt sich von lauter leicht bis äußerst giftigen Substanzen nicht daran hindern, sich wohnlich auszubreiten. Das ist von einer solchen Zähigkeit, daß es sich auch da noch vermehrt, wechselseitig auffrißt und einfach vor sich hin biotopt. Und ausgerechnet dieses begriffs- und anspruchslose Dahinvegetieren soll man sich furchtbar zu Herzen nehmen?!

Jetzt ist es weg, und wen stört das? Wer vermißt den idyllischen Kreislauf von "Wasserflöhen, Krebsen, Asseln, Larven und Aalen"? Fehlen den Rheinuferbewohnern demnächst die sommerlichen Mückenschwärme? Eine sehr ideologische Sorge, die die katastrophenbeflissene Öffentlichkeit da umtreibt. Im Fernsehen wird gezeigt, wie die Spezies Mensch zum Trinkwasserabholen antritt und fröhlich, in Reih und Glied, eine gelungene Notstandsübung absolviert. Dem soll man entnehmen, daß die staatlichen Stellen alles wieder mal im Griff haben, daß sich niemand über die Schädigung seiner Lebensumstände beschweren darf - unsere Obrigkeit tut ihr Bestes. Deshalb heißt es Kopf hoch, ein bißchen Quecksilber mehr im Trinkwasser hat noch niemand geschadet, das verzehrt man ja schon seit Jahren im Thunfisch. Und was sonst noch alles an Wasserzusätzen erst gar nicht bekanntgegeben worden ist, bewegt sich ohnehin garantiert unter den eigens dafür angesetzten Grenzwerten.

In dieser Hinsicht ist alles bestens geregelt. Allergrößte Sorgen machen darf und soll man sich demgegenüber - um den Rhein, um das gemordete Öko-System. Da versteigt sich ein Naturanwalt der "Süddeutschen Zeitung" zu der tiefsinnigen Klage, daß die Natur keine Prozesse führen kann. "Anspruch auf eine Entschädigung hat bloß, wer seinen Schaden belegen kann - die Natur aber kann das nicht." Aber was sollte der Rhein denn auch mit dem Geld anfangen.

Der Vorteil dieses moralischen Hirngespinstes einer leidenden Natur besteht eben darin - und das erklärt die Lust daran, sich zu dessen Anwalt aufzuschwingen -, daß es eine so moralisch einwandfreie, über jeden Verdacht auf Egoismus erhabene Beschwerde erlaubt. Garantiert nicht zu verwechseln mit den ordinären Sorgen von Leuten, die zusätzlich zu ihren "Berufs-" und "Kulturkrankheiten" noch ein bißchen mehr Schadstoffe verabreicht bekommen.

Und jetzt soll keiner kommen und irgendwelche Zusammenhänge zwischen dem Ökosystem und der Genießbarkeit der Natur für menschliche Bedürfnisse herleiern. Die gibt es unter Garantie. Aber da muß man sich schon entscheiden, ob man gegen eine Naturverhunzung etwas einzuwenden hat, weil davon reelle Interessen geschädigt werden, oder ob man im Namen eines moralisch unverdächtigen, weil gar nicht existenten Subjekts namens Natur herumjammert. Im zweiten Fall kann man sich übrigens wieder abregen: Laut Auskunft der versammelten Umweltminister leben immer noch gewisse Bakterien im Rhein. Und das ist doch auch schon ein Ökosystem, oder?