CHRISTLICHER PROTEST FÜR RÜSTUNGSABSTINENZ

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1981 erschienen.

CHRISTLICHER PROTEST FÜR RÜSTUNGSABSTINENZ

Protest gegen den NATO-Doppelbeschluß meldet auch die christliche Friedensbewegung an. Wie die Krefelder sehen sie in der möglichen Störung eines vorgestellten Gleichgewichts einen möglichen Kriegsgrund, weshalb sie für Abrüstung und Entspannung eintreten. Dabei steht für sie auffer Zweifel, daß die bisherige BRD-Politik mit Aufrüstung nichts zu tun hat, auch wenn Apel und Schmidt das Gegenteil beteuern; zweitens sind sie voller Verständnis für die Sicherheitsinteressen der Nation, die gegen einen möglichen Angreifer aus dem Osten gerüstet sein muß, wenngleich nach Auffassung der Evangelischen Studentengemeinde ein um 3% gekürzter Wehretat den deutschen Friedenswillen noch um einiges besser ausschauen lassen würde; drittens unterstellen sie der atomaren Aufrüstung in der BRD den christlichen Zweck, für den Schutz der Bevölkerung dazusein, so sehr dies auch von den Politikern relativiert wird, wenn sie die Opfer kalkulieren, die sie sich den Sohutz der Nation kosten lassen wollen.

Diese Generalabsolution der eigenen Nation ist freilich erst die halbe Klärung der Schuldfrage. Mit christlicher Radikalität machen sie sich jetzt daran, die Wurzel jeglicher Kriegsgefahr aufzuspüren. Ihre Kampagne gegen die Nachrüstung "zielt" von vornherein "auf mehr als auf die Verhinderung der Stationierung neuer Mittelstreckenraketen". "Letztendlich" nämlich sind die westlichen (wie die der SU) Atombomben wie überhaupt Krieg, Ehekrach und sonstige Disharmonien auf die "Unfriedensstrukturen" (altmodisch: das Böse) zurückzuführen, die "überall schrittweise abzubauen" die Friedensbewegung angetreten ist.

Rüstungsopfer für den Friedenswillen

Gleichgültig gegenüber den Zwecken, die die NATO in Europa gegenüber der SU verfolgt, sehen sie in Rüstung per se einen Verstoß gegen das christliche Gebot, demzufolge dem Gegner beide Backen zum Draufhauen hinzuhalten sind, und führen ihren Kampf, die Kriegsvoibereitungen des Westens zu verhindern, als einen für die Erfüllung des Friedensgebots. Da fangen sie dann gleich bei sich selbst an, und wenn es auch dabei bleibt, haben wenigstens sie ihren Friedenswillen durch ihre Bereitschaft zu Opfern unter Beweis gestellt. Das macht den lieben Gott ein bißchen weniger zornig.

Ihren Appell "Ohne Rüstung leben" richten sie konsequenterweise nicht an die Politiker, die die Raketen anschaffen, sondern an sich und ihresgleichen. Sie machen ernst mit dem falschen Urteil, daß Kriege aus lauter Egoismus entstehen, und unterziehen sich einer eingehenden Gewissensprüfung.

"Wir haben uns daran gewöhnt zu sagen:

Rüstung hilft den Frieden erhalten...

Rüstung schafft Arbeitsplätze...

Rüstung hilft Gewalt eindämmen..."

Die Heuchelei, mit der jeder brave Staatsbürger die Aufrüstung seiner Nation mit guten Gründen versieht, machen sie zu deren Grund - geradeso, als ob der Apel durch Millionen Bittschriften zum Kauf der Tornados gezwungen worden wäre -, um dann mit der Ausmalung von lauter schrecklichen Wirkungen die trägen Gemüter wachzurütteln und zum "Umdenken" zu bewegen:

"...aber bedroht sie nicht das Leben aller Menschen?

...aber entzieht sie nicht Millionen von Hungernden das Brot?

...aber ruft sie nicht Kriege und Terror auf den Plan?"

Dabei entspringen diese angeblichen Wirkungen von Rüstung (!!) ausschließlich ihrer christlichen Phantasie von dem, was der liebe Gott nicht wollen kann: Weder bedroht die Rüstung das Leben aller Menschen - durch atombombensichere Bunker für die komplette Regierung ist längst dafür gesorgt, daß die wichtigen Menschen gleich wieder einsatzfähig sind; andererseits besteht das strategische Konzept der NATO ja gerade darin, den Feind schnell kalt zu machen, damit von den eigenen Leuten möglichst viel übrig bleiben -, noch sind am Hunger in Indien und sonstwo die Pershings und Cruise Missiles schuld - als ob nicht hierzulande, neben den jährlichen 40 Milliarden für Rüstung, ein ungeheuerer Überfluß an Butter und Milch ein vielbeklagtes Ärgernis wäre. Nichts einfacher, als täglich eine Lufthansaflotte in die Sahel-Zone zu schicken - wenn es darum ginge! Ihr eigner Herr Jesus hat solche Parteinahme für die Armen als Heuchelei gegeißelt, als ihm ähnliche Menschheitsfreunde beim Einsalben seiner Füße Verschwendung vorwarfen. Sollen sie halt einfach gegen die Rüstung sein und die Neger aus dem Spiel lassen:

"Wir haben bisher unsere Hoffnung auf die Abrüstung gesetzt, - aber werden nicht immer perfektere Waffensysteme entwickelt?"

Es bedarf schon einer tiefen Überzeugung von der eigenen Schlechtigkeit, wenn man sich gleichzeitig des Strebens nach Auf- und der Hoffnung auf Abrüstung bezichtigen läßt. So genau kommt's aber auch wieder nicht drauf an. Wichtig ist nur, daß der Christ seine Schuld "ganz konkret" erkennt, weshalb ihm jetzt sein "ständiger Beitrag zur Kriegsgefahr" in Mark und Pfennig präsentiert wird: ein Drittel seiner Steuern legt er in Leos u.ä. an! Eine Aufforderung zur Steuerhinterziehung will diese Abrechnung nicht sein (Wie auch! Wo sich der Staat mit der Lohnsteuer bedient, ob man will oder nicht!). Im Gegenteil: Jetzt gilt es, auch zum Frieden einen ganz "konkreten Beitrag" zu entrichten:

"Ich bin bereit, ohne den Schutz militärischer Rüstung zu leben. Ich will in unserem Staat dafür eintreten, daß Frieden ohne Waffen politisch entwickelt wird."

Die Schuld, die der Christ sich mit seiner Finanzierung des Wehretas in die Schuhe schieben läßt, kann er vor Gott und seinem Gewissen dadurch bereinigen, daß er zwar weiterhin der Obrigkeit gibt, was der Obrigkeit ist, für sich aber auf jeden Schutz der mit Abzügen von seinem Lobn erworbenen Waffen freiwillig verzichtet (wofür die sowieso nicht da sind).

Persönliches Engagement für inneren Frieden...

Diese Friedensfreunde sind für die Durchführung des Nachrüstungsbeschlusses kein Hindernis. Ihre Gegnerschaft faßt sich zusammen in das Angebot an den Staat, doch bitte ihretwegen keine Ausgaben für Rüstung zu tätigen. Mit ihrem guten Gewissen sind sie desbalb aber noch lang nicht fertig. Da machen sie sich's nicht leicht: "Wir wissen, daß in diesem Kampf um den Frieden von jedem Christen ein persönlicher Einsatz an Arbeit, Zeit und Geld gefordert wird. Der Friede ist es uns wert! Wir sind bereit!" (Christen für Abrüstung, 1980)

Allenthalben bietet der Unfriede ihnen ein reiches Betätigungsfeld: Sie leisten Konsumverzicht, damit die Neger auch was haben; sie kümmern sich um die vielen Sozialfälle, für die der Staat kein Geld ausgeben will, weil er besseres damit vorhat; gemäß ibrer Devise "Friedenschaffen ohne Waffen" setzen sie sich dafür ein, daß der Frieden im Innern der Nation (wo von Staats wegen Waffen sogar verboten sind!) erst mal ordentlich funktioniert.

...eine staatsfeindliche Anmaßung?

Trotz so viel Botmäßigkeit sieht sich die christliche Friedensbewegung massiven Angriffen seitens des Staats ausgesetzt: sie reichen vom Vorwurf der Naivität über Spinnerei und Verantwortungslosigkeit bis bin zum Verdacht gefährlicher Staatsgegnerschaft, gar des Kommunismus. Wo ihre christlichen Politiker ihnen mit der Vorschrift, der Glaube habe sich aus der Politik gefälligst rauszuhalten, den Mund verbieten, fällt den so Zurechtgewiesenen nicht einmal ein, daß die gleichen Politiker sich öffentlich begeistern über den Kampf der katholischen Kirche gegen den polnischen Staat. Friedlich, wie sie sind, geben sie in die Verteidigung und versichern sich gegenseitig, daß die Bibel aber doch wobl auch beanspruchen dürfe, bedeutsam für die Politik zu sein. Das muß der Apel doch zugeben, wo er Kirchenvorstand ist! Und überhaupt: Wenn man uns als Gesinnungspazifisten beschimpft, versprechen wir hoch und heilig, daß wir allein die eigentlichen Verantwortungsethiker sind. Und nicht nur das:

"Gerade die Kritiker der Auf- und Nachrüstung argumentieren mit den Fragen, die das Wettrüsten für die Friedenssicherung und ein Atomkrieg für das Überleben der Menschheit hat. Sie bewegen sich also im Bereich der Verantwortungsethik!" (Leserbrief aus'"Süddeutsche Zeitung", 2./3.5.81)

Richtig kämpferisch werden die Christen, wo sie den Beweis antreten, daß ihrer Welt der höheren Vernunft eine Realität zukommt, an der sich die ganze Aufrüstung als illusionär blamiert.

"Weil Frieden möglich (!) ist, gehört es zur Pflicht eines jeden, ihn mitzuschaffen und zu vervielfachen." (Pax Christi)

Mit einer Kritik an der Nachrüstungspolitik sind sie angetreten - und haben jetzt vorrangig das Problem, eben jenen Politikern klarzumachen, daß sie keine Spinner sind und schon gar keine bösen Absichten haben. Daß der Staat sie in die Ecke seiner Gegner stellt, macht sie weder an ihm und seinen guten Zwecken irre, noch wollen sie deshalb ihren Dienst am Frieden, der dem Staat nützt, aufkündigen. Seine Anfeindungen nehmen sie als Beweis, daß sie auf dem rechten Weg sind. Wahrhafte Protestanten, die ihrem Ahnherrn Ehre machen:

"Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Ding und niemand untertan.

Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Ding und jedermann untertan." (Martin Luther)