CHILENISCHES LEXIKON

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1985 erschienen.
Systematik: 

CHILENISCHES LEXIKON

Central Nacional de Inteligecia (CNI)

Geheimdienstzentrale, die nicht nur gegen Staatsfeinde ermittelt, sondern auch beauftragt ist, Staatsfeinde zu erledigen. An ihrer Spitze steht ein dem Staatschef ergebener Offizier. So ergeben, daß er ohne weiteres seinen Posten räumt, falls ein prominentes Opfer gewisse diplomatische Komplikationen verursacht. Er wird als Attache in die BRD, nach Südafrika oder zu einer anderen befreundeten Nation geschickt. Der neue Chef kann so unbelastet und mit dem nötigen Eifer die Arbeit fortsetzen.

Chicago Boys

Leitende Beamte im Wirtschaftsministerium. Als Studenten in den USA besuchten sie die Vorlesungen von Milton Friedman an der Universität von Chicago. Friedman betrachtet den Kapitalismus ausgerechnet vom Standpunkt des Geldes und seiner Vermehrung aus und beobachtet in der Praxis des Kapitalismus eine ständige Mißachtung dieses Standpunktes. Das leuchtete seinen chilenischen Schülern ein, zumal die chilenische Wirtschaft ohne eine eigene harte Währung mehr schlecht als recht versorgt war. Die Regierung der Waffenträger war auch schnell überzeugt von dieser Kritik, die den Weg zu einem harten Peso wies. Die Aussicht auf einen harten Peso ließ die Augen der Generäle funkeln. Was kann man nicht alles für einen harten Peso kaufen! U-Boote bei Herrn Koschnick, Fregatten bei Mrs. Thatcher... Die Sache wär für die Chicago Boys in Chile einfach, weil es eigentlich schon eine harte Währung gab, über die Kredite und Außenhandel abgewickelt wurden: den Dollar; es genügte, den Peso fest an diesen anzuketten, und das Werk war fertig. Der Rest - Produktion und Konsum - war eine Frage der Anpassung. Die Überwachung der staatlichen Gelddruckerei wurde von Pinochet persönlich übernommen. Die Anpassung gelang, machte aber keinen Halt vor dem "harten" Peso. Als das Werk in die Phase der Kreditamortisierung eintrat, mußte der Peso dringend ruiniert werden, um den Export anzukurbeln. Die Generäle, beraten von ihren Chicago Boys, wollten das aber nicht sofort einsehen, bis sie sich vor die Alternative gestellt sahen, entweder als unfähige Staatsmänner abzutreten oder einer weiteren Kreditierung unter neuen IWF-Auflagen zuzustimmen. Selbstverständlich wollten die Generäle den großen Wirtschaftskrach wegen seiner politischen Konsequenzen vermeiden, und so trennten sie sich von ihren Wirtschaftsberatern.

Es wäre verkehrt, die Chicago Boys als Versager abzustempeln. Das System, dem sie dienten, ist international, und wenn eine Nation den Schaden trägt, trägt eine andere den Nutzen. Im Spiegel der erfolgreichen Konkurrenten sieht sich Chile ziemlich am Ende. Für einen Chicago Boy steht aber fest: Es muß wieder von vorne anfangen.

Doctrina de Seguridad Nacional (DSN)

Nationale Sicherheitsdoktrin. In Militär- und Polizeischulen gültige Lehre, die davon ausgeht, daß sich die Freie Welt im Krieg gegen den Kommunismus befindet. Der innere Feind ist "jede Person, die eine radikale Änderung der Gesellschaftsform anstrebt", so die offizielle Definition. Die Lehre ist keine chilenische Erfindung, sondern ein US-Fabrikat. Der Waffenlieferant schickt mit den Geräten auch die Zielscheiben gleich mit.

Mapuche

Bewohner Chiles indianischer Abstammung, auch Araukaner genannt. Jahrhundertelang ein Sicherheitsproblem der spanischen Kolonialherren. Pater Molina wußte von ihnen in seiner "Geschichte von Chile" aus dem Jahre 1788 folgendes zu berichten: "Die Herren (gemeint sind die Häuptlinge, die von den Spaniern einiges gelernt hatten), die Geschmack an ihrer Herrschaft gefunden haben, hätten gerne ihre Macht vergrößert und als absolute Herrscher regiert. Das Volk aber, das noch nicht fähig ist, den Despotismus zu ertragen, läuft ihnen vor solchen Ansprüchen davon, zwingt sie, sich zu beherrschen und ihre Macht im Rahmen der alten Sitten zu gestalten."

Diese Zeiten sind in Chile längst vorbei. Was die Häuptlinge nicht schafften, hat die moderne chilenische Staatsgewalt in den letzten Jahren mit besonderer Zielstrebigkeit verwirklicht. Denn diese Indianer waren eine bevorzugte Zielgruppe der Volksfrontregierung gewesen. Die hatte sie in Kooperativen organisiert, ihnen Schulen, Traktoren und kostenlose Milchspeisungen für die Kleinen gebracht - und damit "ihre kulturelle Identität zerstört" und, als Schlimmstes, Haß gegen die Großgrundbesitzer eingeimpft.

Die Militärregierung beendete diese "Misere" militärisch, löste die Kooperativen auf, verhaftete oder liquidierte die Anführer von Landbesetzungen und die Volksfrontagitatoren, aber nicht mit dem Ziel, "das Rad der Geschichte" einfach zurückzudrehen. Die Rechtslage der Indianer wurde auf ganz moderne Weise revolutioniert. Die Reservate wurden aufgelöst, die Gemeinschaften als Rechtspersonen abgeschafft und der Indianer als moderner Bürger und Steuerzahler Chiles mit Rechten und Pflichten ausgestattet. Aus einem Reservat entstanden so viele kleine Ländereien, das Land wurde aufgeteilt, und da die neuen Bürger kein Geld hatten, wurde ihnen eine Hypothekarschuld auferlegt. Als Getreideanbauer und unverbesserliche Selbstversorger waren sie für die Nation wertlos, so daß sie schnell ihre Schulden, ihr Hab und Gut los wurden und so dem harten Dasein eines armen Bauern entrinnen konnten. Sie landeten in den Slums der kleinen und großen Städte, wo einige Staatsfeinde wurden und andere einen kulturell einwandfreien Alkoholismus pflegen. Ihre Nachkommen steigen als Bettler in das freie Leben ein. Deren Seele ist gerettet, denn "Junge Pioniere" sind sie nicht geworden, und das ist es schließlich, worauf es ankommt.

Poblaciones

Elendsviertel. Nationales Erbe, das die Militärregierung durch ihre Wirtschaftspolitik vermehrt hat und nun als Sicherheitsproblem behandelt. Die Regierung, die das Wachstum der Armut so entschlossen fördert, vemachlässigt andererseits nicht die Bekämpfung der Armen. Bei ihren sicherheitspolitischen Aktivitäten in den Elendsvierteln fühlt sie sich von der Kirche belästigt. Diese Institution erhebt nämlich den Anspruch, das Elend zu betreuen, ihm eine religiöse Würde zu geben, und mit Volksküchen und Almosen der Staatsgewalt zu zeigen, daß auch dort Bürger Chiles leben, die sich wie jeder anständige Bürger verhalten, sobald eine Überlebenschance in Aussicht ist. Das Militär weist solche kirchlichen Ambitionen als unrealistisch zurück und besteht auf einer periodischen militärischen Behandlung dieser Sorte von Bürgern, die es als Kriminelle und Politkriminelle einstuft. Nach einem Polizeibesuch im Elendsviertel, angesichts zerschlagener Hütten und weinender Frauen, die um ihre verschleppten Angehörigen trauern, passiert es manchmal, daß ein Kirchenmann seine christliche Beherrschung verliert und, anstatt wie sein Bischof jede Gewaltanwendung zu verurteilen, sagt, man sollte sich das alles eigentlich nicht mehr gefallen lassen. Bei der nächsten Sicherheitsoperation ist er dann dran.

Schuldenmanagement

Techniken zur Verwirklichung des hochsten wirtschaftlichen Ziels der chilenischen Nation: die Befriedigung anderer Nationen. Das erfordert eine genaue Kenntnis dessen, was diese Nationen von der eigenen wollen. Deshalb wäre der Idealmanager der Gläubiger selbst, was aber wegen der Machtfragen, die sich daraus ergeben würden, ein Ideal bleibt. In Zeiten der nationalen Insolvenz kann die Befriedigung des fremden Interesses nur durch eine sehr genaue Abstimmung zwischen beiden Seiten erfolgen.

Aus der Konkursmasse, die die chilenische Wirtschaft darstellt, soll sich der Kreditgeber weiter bedienen; gleichzeitig sollen die Unterhaltskosten gesenkt werden. Da der gesamte Außenhandel der Schuldner von Gläubigern finanziert wird, muß der Schuldner Handelsbilanzerfolge erzielen. Im Fall Chiles muß er den Abtransport von Rohstoffen, Lebensmitteln und Agrarprodukten so gestalten, daß er immer lieferfähig bleibt. Er muß immer bedenken, daß die Preise dieser Produkte Kosten für die Gläubiger sind, also je niedriger, desto besser für die Weltwirtschaft.

Der imperialistische Erfolg ist dann perfekt, wenn es gelingt, diese Handelsbilanzüberschüsse für den Schuldendienst optimal einzusetzen. Das verlangt rechtliche Modifikationen in der Gesetzgebung des Schuldnerlandes; bei Streitfragen zwischen inländischen und ausländischen Rechtspersonen soll die Justiz der Gläubiger entscheiden.