BORIS JELZIN - PORTRAIT EINES SCHAUMSCHLÄGERS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1989 erschienen.
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Sowjetunion
BORIS JELZIN - PORTRAIT EINES SCHAUMSCHLÄGERS

Seit Wochen und endgültig seit seinem "Erdrutschsieg" wird dieser Mann als politisches Talent gehandelt, zu dem sich die Russen nur beglückwünschen können. Fragt sich nur, was er ihnen zu bieten hat.

Profiliert hat sich Jelzin als ein entschiedener Vertreter des Standpunkts, daß es so nicht weitergeht und alles besser werden muß. Ein enorm übersichtliches Programm, das seinen Verfasser jeder Mühe enthebt, sich über das "es" weiter auszulassen. Diese Überzeugung eint nämlich das ganze Sowjetvolk vom Melker bis zum Generalsekretär, der dieses "es" in seinen vielfältigen Erscheinungsformen seit seinem Amtsantritt beklagt und die Klage zur Leitlinie seiner Partei gemacht hat. Diese neue Sitte, das empörte Aufzählen der allseits bekannten Mißstände als Parteikampagne, die Verwechslung von Beschwerden mit Kritik, die Verwechslung von veröffentlichten Beschwerden mit einem Programm zur Mängelbeseitigung, nennt sich Perestrojka. Und für die ist Jelzin so sehr, wie man nur dafür sein kann.

"Aber was mußte das Volk sehen? Jahrelange Wartelisten für irgendeine Wohnung. Leere Regale in den Läden. Überall Erpressung und Geldgier. Eine anmaßende und immer weiter wuchernde Bürokratie..." (Komsomolskaja Prawda, 31.12.88)

Was es alles an Gütern nicht gibt, welche Untugenden es hingegen überreichlich gibt, Jelzins Beschwerdeliste unterscheidet sich in nichts von der allgemein kursierenden - sich durch die pure Wiederholung des allsowjetischen Klagelieds ein Mandat erteilen zu lassen, darauf kommt es ihm offensichtlich schwer an. Beschwerdeführung als Beruf, öffentlicher Vorjammerer von dem, was alle jammern - eine interessante Dienstleistung fürs Volk.

Dafür daß ausgerechnet er in das Amt muß, dafür daß neben dem Generalsekretär, der diesen Job schon einwandfrei erledigt, höchstpersönlich er dasselbe noch einmal tun muß, dafür hat der neue Mann auch Argumente. Argument 1 ist 'das Volk', das Jelzin wahrhaftig in seinen Tiraden noch häufiger unterbringt als sein oberster Chef, angesichts der traditionellen Parteirhetorik eine echte Leistung. Bestarbeiter in Sachen Volksberufung, das qualifiziert zum Regieren. Wo sich Gorbatschow das Volk, dem unbedingt die wichtigste Rolle in sich selbst gebührt, schon gut doppelt vorstellen kann, wenn er bekannt gibt, "daß die Demokratie... von der Rolle abhängt, die das Volk in der Gesellschaft spielt" (Süddeutsche Zeitung, 1.4.), schafft Jelzin einen Vierfachen mit dem Volk und seinen Organen:

"Die Partei muß für das Volk da sein und für das Volk arbeiten... Sie muß dem höchsten gesetzlichen Organ des Volkes und dem Gesetz unterworfen sein."(FR, 20.3.)

"Schneller", "besser", "mehr"...

Auch mit Argument 2 präsentiert sich Jelzin als besserer Vollstrecker des Volkswillens, nämlich als Kenner der Bedeutung von Geschwindigkeit:

"Die Umsetzung des Reformprogramms... zu langsam... " (SZ, 15.3.), "Man hat dreieinhalb kostbare Jahre verloren... "(NZZ, 1.4.), "Ein präzises Programm ist nötig und muß mit Dringlichkeit in Gang gesetzt werden, denn die Zeit ist knapp ... "(Repubblica, 29.3.)

Auch das eine Bereicherung des politischen Lebens, zu der man den Russen gratulieren darf. Jetzt haben sie nicht nur einen Gorbatschow, der ihnen sagt, daß alle Nachteile ihres Systems weg müssen, damit nur die Vorteile übrig bleiben, und daß das allseitige Jammern über die Nachteile auch schon das richtige Mittel ist, um sie abzustellen - "glasnost" -; jetzt haben sie auch noch einen Jelzin, der sich beim Wiederkäuen derselben Botschaft damit wichtig macht, daß alles noch viel schneller gehen muß.

Die Art Kritik, die immerzu auf die leeren Regale, die fehlenden Wohnungen, auf Korruption und Ausschußproduktion deutet, damit sich auch jeder ordentlich entrüstet und in die Hände spuckt, diese Un-Kritik, die so tut, als ob sich die politische Ökonomie des Sozialismus aus massenhaftem guten Willen von unten und dessen Ermunterung von oben zusammensetzt, wird durch die Forderung nach mehr Tempo auch nicht gerade besser. Aber sich selbst als unentbehrliche politische Kraft präsentieren, kann man damit schon. Auf diese Tour schmarotzt der sowjetische Shooting Star am Fehler der Perestrojka und der Unzufriedenheit mit ihrem schlechten 'Vorankommen'. Immerhin soll sich das Programm in materiellen Erfolgen für die Massen niederschlagen; nachdem es sich mit der ortsüblichen politischen Ökonomie gar nicht befaßt, also auch die wirklichen Gründe nicht beseitigt, kann es das gar nicht; im Gegenteil, der von oben sollizitierte Besserungswille an der Basis mit seiner spontaneistischen Bastelei und die Reformmaßnahmen, die vermehrt ein betriebliches "Selbst" zur effizienteren Erfüllung der staatlichen Wünsche freisetzen wollen, setzen nur einige Gegensätze dieser Produktionsweise ein Stück weit frei und destruieren überall ein bißchen die früher immerhin durchs Plandiktat garantierte Arbeitsteilung, so daß "die Regale" effektiv leerer werden. Daher das politische Thema, warum denn die Perestrojka, wenn doch schon alle dafür sind, "nicht vorankommt". Darauf hat Jelzin die passende dumme Antwort, weil sie nicht schnell genug gemacht wird, und warum wird sie nicht schnell genug gemacht? Das weiß der Konjunkturritter der Perestrojka genau: weil es Verhinderer des Tempos gibt! Argument 3: "Bremser" und zwar solche, die Jelzin tapfer beim Namen nennt. Ligatschow, "etwa 200 Mitglieder des Zentralkomitees, die den gegenwärtigen Reformprozeß behindern" (SZ, 23.3.).

Die Rolle der Persönlichkeit beim Wählereinseifen

Obwohl die Perestrojka immer nicht vorankommt, obwohl es sie also eigentlich gar nicht gibt, kann man hervorragend für sie "kämpfen", "fest hinter ihr stehen" - indem man denunziert. Da braucht man keinen Gedanken an die Widersprüche dieses Programms namens Perestrojka zu verschwenden, geschweige denn an die Zustände, die es bessern will. Mit dem moralischen Schwachsinn, daß die Gutigkeit der Menschen der Hebel zum Besseren ist, daß das Nichteintreten der Besserung also an schlechten Menschen liegen muß, ist die Sachlage geklärt und die politische Karriere gesichert. Jelzin hat den sogenannten "Bremsern" noch kein einziges falsches Argument, keine einzige verkehrte politische Maßnahme nachgewiesen. Die schlechten Menschen n der Führung zu identifizieren und mit Namen zu nennen, damit gegen die Parteisitte des "kollegialen Führungsstils", der Einheit in der Führung zu verstoßen, mit der Technik hat er sich seinen Namen gemacht. Die ehrenwerte Technik, die Konkurrenz der Parteifiguren öffentlich zu machen und damit um Führungsposten zu konkurrieren, hat der Genosse Jelzin in die sowjetische Politik eingeführt, und deshalb lassen ihn seine westlichen Bewunderer wie den neuesten Wohltäter der Menschheit hochleben. Zusätzlich zu und getrennt von Gorbatschow und Kollegen den Charakter der Perestrojka als ein Programm zur moralischen Aufmöbelung der Massen vertreten, sich als entschiedensten Vertreter des schlechten, nämlich abstrakten Willens zur Veränderung profilieren und damit nach oben wählen lassen - einen erregend neuen Wahlkampf hat Jelzin den Russen zu bieten. Das bessert die Lebensumstände in Moskau enorm.

Wenn dieser Freund des russischen Volkes dessen Beschwerden heftig zitiert und so zum politischen Kampfprogramm verdoppelt, ist das auch nicht gerade ein Programm, sondern eine Anwendung der höchst demokratischen Unsitte, sich den Wählerwillen als Blankoscheck fürs Kommandieren zu besorgen. Insofern läßt sich Jelzin durchaus als gelehriger Schüler der Demokratie bewundern. Wenn man Wähler haben will, muß man sie einseifen. Eine Kritik am Volk, das immerzu alles mitmacht, ein abweichendes Programm mit drei bis vier guten Gründen zur Veränderung von Produktion und Staatswesen, also eine Aufforderung zu begründetem Ungehorsam statt zum Wählen hat der gute Mann nicht aufgelegt. Mehr als den Willen, sich beim Wähler allseits beliebt zu machen, indem er ihm nach dem Maul redet, hat er nicht heraushängen lassen. Sein zügigstes Wahlkampf"argument" war passenderweise die Propaganda, daß "die da oben" ihn nicht wollen.

Seine Entfernung aus dem Politbüro, wirkliche und eingebildete Behinderungen seines Wahlkampfs, ein nicht gewährter Raum für eine Versammlung und dunkle vielsagende Hinweise auf eine Verschwörung des "Apparats" gegen ihn, Konkurrenten nach dem traditionsgemäßen Muster, d.h. Kandidaten "des Apparats", zu dem Jelzin natürlich als Bauminister genausogut dazugehört, als dessen Opfer er sich aber mit seinem gewissen Karriereknick so wunderbar präsentieren kann - damit hat er Sympathien einkassiert. Der schlichte Trick, sich mit Funktionärskritik zum Funktionär bestellen zu lassen, wirkt eben auf russische Gemüter. Und für den Fall, daß jemandem der Opportunismus auffallen könnte, mit dem einer, der immer oben mitregiert hat, damit wirbt, wie sehr ihm das heute nicht mehr paßt, hat er die passende Heuchelei parat:

"Die Delegierren können mich fragen, warum ich dazu nichts auf dem XXIV. Parteitag der KPdSU gesagt habe? Nun, ich kann darauf antworten, und zwar offen: Offensichtlich mangelte es mir damals an Mut und an politischer Erfahrung." (Prawda, 27.2.86)

So läßt sich die Konkurrenz um die Führung als Mittel der Konkurrenz ausnützen: Wenn einer von "denen da oben" sich als einwandfreies "Opfer" von "denen da oben" darstellen kann, ist das die denkbar bequemste Methode, sich als der beste Mann für oben anzupreisen. Wenn man ihn nur gelassen hätte, dann hätte er den Volksbeschwerden doch schon längst abgeholfen! Mehr als die hochinteressante Personalfrage, wer von denen, die regieren wollen, es denn wirklich ehrlich meint, hat dieser Volksbeglücker seinen Wählern also auch nicht zur Entscheidung vorgelegt. Insofern - noch einmal - eine echt demokratische Leistung. Aber er soll ja auch ein paar sogenannte "Sachfragen" gekonnt haben, ein paar zündende Ideen haben, was er machen will, wenn er darf. Zum Beispiel:

Weg mit den Privilegien!

Mit seinem Gezeter gegen die Spezialläden für Funktionäre hat Jelzin Punkte gemacht. Offensichtlich hat sich das verehrte Volk auch nicht überlegt, was es davon hat. Entweder die Läden werden zugemacht, dann gibt es sie zwar nicht mehr, aber deswegen auch woanders noch lange keinen Überfluß. Oder alle einfachen Russen dürfen rein, dann sind sie auch gleich leer. Dieses politische Genie hat offensichtlich wenig Interesse zu ermitteln, was wo falsch läuft, wenn seine Russen nicht genug zum Kaufen haben. Er spult immer nur das eine Thema ab: die Verteilung von Rechten, Pflichten und Macht.

"Wenn es uns an etwas mangelt, dann sollte es Arbeitern, Ministern und dem Generalsekretär an denselben Dingen mangeln." (SZ, 13.3.)

Ein hervorragender Plan. Wenn auch noch Michail und Raissa Schlange stehen müssen, steigt das Bruttosozialprodukt garantiert. Mit dem, was die da oben an Normen und Kennziffern für die Produktion erlassen, will sich so ein politischer Vordenker nie befassen. Daß die unerfreulichen Resultate des Plans vielleicht etwas mit diesem Plan selbst und seinen merkwürdigen Vorschriften zu tun haben könnten, abwegig. Aber daß die da oben den Mangel nicht genauso spüren wie das einfache Volk, das hat ein russischer Kommunist der 80er Jahre als guten Grund dafür anzubieten, daß Mist produziert wird.

Daß sich der Rubel irgendwie nicht besonders gut zum Kaufen eignet, weiß Jelzin durchaus, das Warum ist ihm scheißegal. Sein Angebot heißt: Wenn schon Mangel, dann gerecht! An den Privilegien hat er nämlich zu beklagen, daß dadurch das gute sozialistische Prinzip "jedem nach seiner Arbeit" beschädigt würde.

"Das bedeutet als Lohn und nicht als Güter und Dienstleistungen. Der Zugang zu Waren und Diensten muß alle dasselbe kosten. Der Rubel eines Ministers darf nicht mehr wert sein als der einer Wäscherin. Man kann nicht leugnen, daß der Rubel heutzutage dadurch entwertet wird, daß weniger Waren als Geld zirkulieren. Ist das gerecht, daß einige den vollen Wert ihres Geldes realisieren können und andere nicht? " (Komsomolskaja Prawda)

Das ist natürlich zutiefst ungerecht, aber wenn alle den Wert ihres Rubels gleichermaßen schlecht realisieren können, können die Massen wenigstens wieder an die Gerechtigkeit ihres feinen Staatswesens glauben. Auch das ist eine probate Methode, dem Beschwerdewesen im Volk recht zu geben, ohne irgendetwas zu verändern. Das Volk schimpft auf die Bonzen und ihre Läden - dem Volke kann geholfen werden: Weg mit den Läden! Niemand hat irgend etwas davon, aber eine Mordsungerechtigkeit ist beseitigt.

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Ignoranz in Sachen politische Ökonomie man in diesem Staat, der sich ja immer noch irgendwie auf Marx berufen will, leitender Funktionär werden kann. Wenn Jelzin da Vorschläge macht, wird es furchtbar.

Vorrang für die Konsumgüterindustrie!

"Kurz gesagt, ich schlage vor, die Wirtschaft entschieden auf die wirklichen Bedürfnisse der Leute auszurichten. Die Investitionen müssen überprüft und auf drei entscheidende und vorrangige Sektoren konzentriert werden: Lebensmittel, Konsumgüter und Dienstleistungen, Wohnungsbau." (Repubblica)

Dieser Mensch hat von Ökonomie noch weniger Ahnung als ein Kohl von High tech, und es fällt ihm nicht einmal auf, wie oft haargenau dieselbe Leitlinie in der Geschichte der KPdSU schon ausgegeben worden ist. Alte Fehler neu auflegen, dafür besitzt er offensichtlich eine Spezialbegabung. Nach seinem Vorschlag verhalten sich das Produzieren von Produktionsmitteln und Konsumtionsmitteln wie zwei Bestandteile eines Topfs zwischen denen sich gut umverteilen läßt Weniger Produktionsmittel = mehr Konsumgüter und vice versa. Plausibel macht er diesen Unsinn durch die auch hierzulande bekannte und beliebte Floskel von "Großinvestitionen", die "man gleich hätte streichen müssen".(NZZ, 1.4.) Ein höchst glaubwürdiges Rezept, daß das den Lebensstandard erhöht, wenn der Ausbau der Eisenbahn in Sibirien gestoppt wird. Soll er doch Fernseher in Handarbeit statt am Fließband herstellen lassen. Richtiger wird die Sache auch nicht dadurch, wenn er sich für Kürzungen in der Rüstungsindustrie und Raumfahrt stark macht. Als Erklärung genommen, heißt das nämlich schon, daß das, was auf russischen Feldern geerntet und in russischen Fabriken schlecht produziert wird, in Baikonur verschwendet wird. Daß Rüstung und Raumfahrt einen Abzug am Reichtum der sowjetischen Nation darstellen, mag ja seine ökonomische Wahrheit haben. Aber daß deshalb, weil in den Raketenfabriken nur erste Wahl produziert wird, bei Schuhwerk und Radios Ramsch produziert werden muß, wird er ja wohl selber nicht ernsthaft glauben. Das Rechnungswesen, von dem die Rüstungsindustrie ausgenommen ist, so daß sie ungehindert auf Qualitätsware achten kann, und das in der zivilen Industrie eine Produktion von Gewinnen in Gestalt mieser Produkte "stimuliert", interessiert ihn aber nicht. Populär macht man sich nämlich auch im Vaterland der Werktätige nicht mit Kritik der Politischen Ökonomie, sondern mit moralischer Kritik der Politik. Daß die da oben ihrem Volk wegen Rüstung und Raumfahrt ein gutes Leben verweigern, zieht allemal und zeugt von Talent zur demokratischen Volksbetörung. Bloß das Teflonpfannenargument der guten Demokraten geht Jelzin noch ab. Daß die Souveränität und allseitige Schlagkraft der Nation die wichtigste Dienstleistung für ihre Bürger ist und deshalb der Rüstungshaushalt sakrosankt zu sein hat, zu der Einsicht hat er es in seinem System noch nicht gebracht. Umso glatter geht ihm die traditionelle Gemeinheit über die Lippen, daß es auf den Konsum der Massen auch nur sehr bedingt, nämlich nur insofern ankomme, um sie bei der Stange zu halten.

Mehr Konsum, damit die Massen für die Perestrojka sind!

"Aber noch dringlicher ist eine soziale Wende, um den Lebensstandard anzuheben. Es geht darum, auf die Psychologie der Leute einzuwirken, um sie wirklich für die Perestrojka zu gewinnen. "(Repubblica)

"Wir müssen einsehen, daß die Perestrojka nicht gelingen wird, wenn die Leute nicht sofort irgendwelche konkreten Fortschritte feststellen." (Komsomolskaja Prawda)

Das bekannte Karussell des realen Sozialismus beherrscht Jelzin auch. Damit sich das Leben bessert, müssen die Massen sich mehr anstrengen; damit sie sich mehr anstrengen, müssen sie glauben, daß es sich lohnt; damit sie das glauben, muß sich das Leben bessern... Fraglich ist natürlich, ob das Volk begeisterter Wohnungen baut, wenn es welche hat oder wenn es welche braucht. Aber um ein ökonomisches Programm im engeren Sinne handelt es sich bei diesem Kurs auf mehr Konsum ja auch nicht, sondern um die Handhabung der Volkspsychologie, wie der Verfasser ehrlicherweise dazu sagt. Wenn das Volk über Mängel im Konsum klagt, dann macht man sich glaubwürdig als Politiker, wenn man die Beschwerden laut und deutlich wiederholt. Und wenn man dem Volk noch dazu sagt, daß man die Mängel abstellen will, damit es begeistert zu seiner Führung steht, dann ist das ein echtes politisches Programm - bessere Führung tut not. Nachdem man sich schließlich gute Führung in der Sowjetunion als die Ausgabe zündender Parole vorzustellen pflegt, die die begeisterte Mitmacherei der Massen hervorrufen, hat sich Jelzin auch daraus seine Masche gestrickt und sorgt sich ständig und öffentlich darum, daß "das Volk nicht mehr an die Parolen glaubt und jede Begeisterung verloren hat." (Komsomolskaja Prawda) Echt glaubwürdig.

Mehr Rechte für die Nationen!

"Alle Völker der UdSSR haben das Recht auf volle wirtschaftliche, kulturelle und politische Unabhängigkeit." (Repubblica)

Während andere politische Figuren unentwegt an der Teilung Deutschlands, Europas und letztlich der Welt leiden, macht dieser Russenführer auf Unabhängigkeitsfanatiker. Ob er denn nun wirklich dafür ist, daß sich die sowjetischen vielen Völker gründlich auseinanderdividieren, daß die Balten ihr Getreide allein auffressen, dafür aber auch nicht mehr mit russischem Strom versorgt werden, so genau legt er sich natürlich nicht fest. Auch die interessante Frage, hinter welche Unabhängigkeit welcher Nation er sich denn stellen möchte, wenn Armenier und Aserbeidschaner, Georgier und Abchasen sich deswegen gerade einmal die Köpfe einschlagen wollen, hat er nicht berührt. Für wen und zu was mehr "Unabhängigkeit" überhaupt gut sein soll, braucht ein Berufspolitiker nicht anzugeben. Er macht sich ja nur die dürftigste Kennzeichnung von dem zu eigen, was diverse Nationalisten sich als Unrecht zurechtlegen, um auch die Stimmen einzusammeln. Wenn es sie jetzt gibt, die nationalen Bewegungen, gehört sich auch auf sie berufen genauso wie aufs Volk, egal ob das Volk in seiner Eigenschaft als Völker gerade meint, sich wechselseitig totschlagen zu müssen.

"Im Volksdeputiertenkongreß will er sofort ein politisches Bündnis mit den fortschrittlichsten Abgeordneten und mit den Vertretern der nationalistischen Bewegungen im Baltikum und den anderen Republiken schließen." (Repubblica)

Als Fraktion für Jelzin taugen die allemal. Und weil es auch sonst noch einige neue Bewegungen gibt, hat er die entsprechenden Parolen auch alle auf der Latte, "warnt" vor ökologischen Katastrophen, will wie Sacharow, alle AKWs einbuddeln, will ein Gesetz für die Jugend, für die Kulturschützer usw. usf.

Und überhaupt: Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle...

"Dem neuen Parlament sollten auch die Politbüromitglieder bis hin zum Generalsekretär rechenschaftspflichtig sein... er werde weiterkämpfen, um die Partei zu reformieren und der Kontrolle des Volkes zu unterwerfen... Die Partei muß für das Volk da sein und für das Volk arbeiten. Sie muß dem höchsten gesetzlichen Organ des Volkes und dem Gesetz unterworfen sein." (FR, 20.3.)

Es ist schon ein Fehler, wenn der Generalsekretär dieser Partei als Grund für die Mißstände in seiner Nation das fehlende Recht auf Kritik ausgemacht hat. Das Recht ist nun gewährt damit alles besser werden soll, was aber aus gutem Grund nicht passiert. Dafür müßte ja die Kritik was taugen! Angesichts dieser Tatsache läßt sich der Fehler noch steigern, indem man als Jelzin für das Recht auf Kritik noch lauter notwendige zusätzliche Institutionen erfindet und einfordert. Es wäre zwar viel einfacher gleich eine Liste von all dem aufzumachen, was nicht stimmt, und dazu zu sagen, was deshalb in Fragen der Produktion und Leitung geändert werden muß. Aber in Rußland denkt man lieber kompliziert und verkehrt. Nicht einmal soviel, was nach welchen Kriterien kontrolliert werden soll, ist von Jelzin zu erfahren. Daß man die Instanzen, mit denen sich das Volk erst regiert, mit denen es sich dann beim Regieren kontrolliert usw. usf., ganz gut noch weiter vermehren könnte um etliche solcher Organe, steht ja letztlich auch nur dafür, daß "neue Leute", namens Jelzin z.B., gegenüber dem "alten Apparat" die beste Hebung des Lebensstandards darstellen, die sich das Volk nur wünschen kann.

Es mag ja sein, daß zuviel Macht an einer Stelle im Interesse dieser Stelle ausgenützt werden kann. Aber das heißt umgekehrt noch lange nicht, daß Verschiebungen der Machtbefugnisse, die Erlaubnis zu ganz viel kritischen Meinungen und die Einrichtung kritisch kontrollierender Organe zu brauchbaren Änderungen führen. Die Enthaltsamkeit in Fragen, wie denn eigentlich die Einrichtung der Produktion auszusehen hätte, so daß alle Russen zu ihren Wohnungen kommen, kombiniert Jelzin mit der langweiligen Erfindungsgabe aller basisdemokratischen Denker. Mit dem demokratischen Fehler, nach dem die Methode der politischen Entscheidungsfindung deren Qualität verbürgt, hat er das Schweizer Modell als Mittel zur Kriegsverhinderung entdeckt:

"Darüberhinaus muß schnellstmöglich ein Gesetz über Volksabstimmungen beschLossen werden, um den Bürgern die Möglichkeit zu geben, ihre Meinung zu den Fragen, die alle betreffen, zum Ausdruck zu bringen. Afghanistan... Solche Entscheidungen müssen von allen getroffen werden, nicht nur von vier bis fünf Leuten an der Spitze. Nur so lassen sich Kosten vermeiden wie die 15000 Soldaten, die in Afghanistan gestorben sind, deren tiefe Ungerechtigkeit das Volk spürt." (Repubblica)

Das wäre wirklich ideal, Volksbefragungen der Machart: Massen, wollt ihr, daß wir einen Krieg anfangen, den wir hinterher verlieren? Mehr als die Kritik an Mißerfolgen der Politik beherrscht Volksfreund Jelzin auch nicht. Und was seine Neigung zu Entscheidungen an der Basis durch die Basis betrifft, soll er doch die Methode des Volksentscheids vor Ort von Letten und Russen, Armeniern und Aserbeidschanern, Georgiern und Abchasen einmal anwenden lassen.

Die Widerlichkeit der ewigen Methodenfragen besteht schließlich darin, daß mit mehr Volksvertretung dem Volk nur mehr Vertreter versprochen werden. Reüssiert hat Jelzin mit der Lüge, ihn und seinesgleichen in der Politik mehr machen zu lassen, wäre dasselbe wie eine Garantie für die Wiederbelebung der Nation. Statt sich auch noch eine langweilige Verdopplung der Führung durch eine nicht eben übermäßig nützliche Konkurrenz zur alten Führung zu wählen, sollten sich die Jelzin-Fans lieber einmal überlegen, ob nicht ihre Perestrojka deshalb so langsam vorankommt oder gar nicht stattfindet, weil sie bloß aus solchem Theater besteht.

Daß schließlich die Westler ausgerechnet diese realsozialistische Schießbudenfigur so sehr mögen, liegt wirklich nicht daran, daß er etwas besonders Gehaltvolles zu vertreten hätte. Der Antikommunismus schätzt seinen demokratischen Methodenquark als einen Störfaktor für die Führung der Partei. Seine Konkurrenztechniken und sein demagogisches Rumfuhrwerken lassen darauf hoffen, daß er dem Mißtrauen gegenüber der Partei weiterhilft, für Streit und Mißstimmigkeiten, also eine Schwächung des Sowjetstaats sorgt. Deshalb hat man ihn im Freien Westen jetzt schon zum Chef der offiziellen Opposition, wenn nicht zum alternativen Führer befördert.