BLINDES VERTRAUEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 11-1983 erschienen.
Systematik: 

BLINDES VERTRAUEN

Wenn die Politik den Leuten besonders übel mitspielt, weil sie "schwere Zeiten" fürs einfache Volk beschlossen hat, und wenn eben dieses Volk daraus den Schluß zieht, gerade jetzt wären Politiker nie so wertvoll wie heute, zu den Wahlurnen eilt und jene wählt, die sich besonders erfolgreich beim Leuteschröpfen hervorgetan haben - dann handelt es sich zweifelsfrei um eine Demokratie. Und wenn die Politiker ausgerechnet mit ihrer Arbeitslosenproduktion und ihren "Sparprogrammen" im Wahlkampf Punkte machen, der Gemeinste sich als der "Ehrlichste" feiern lassen darf, dann leben wir in einer "lebendigen" Demokratie mit lauter extrem zuverlässigen demokratischen Bürgern.

Ihre bedingungslose Zuverlässigkeit hat diesmal, eigenem Bekunden nach, selbst einen derart abgebrühten Schreibtischtäter wie Hans Koschnick verblüfft - zumindest tat er so: In die hingehaltenen Fernsehkameras stellte er eine "tiefempfundene innere Bewegung" dar über ein ihm entgegengebrachtes Vertrauen, das wirklich stockblind war:

"Ich bin sehr überrascht. Ich hatte gedacht, die Auseinandersetzungen der letzten Woche gerade über die Werftkrise würden gegen mich ausgeschlachtet werden, aber die Wähler haben begriffen, daß es um mehr geht."

Und wie! 51% begriffen, daß ihre "Sorge um die Arbeitsplätze" zwar "berechtigt" sei, aber verblassen muß angesichts der Sorge des Hans Koschnick um seine Wiederwahl. 33% fehlt zum Glück nur noch eins, eine CDU-geführte "Wende" auch im Norden. Und immer noch 4,6% können sich kein Leben ohne FDP vorstellen. Was ist schon das Problem eines Bremer Werftarbeiters, sich selbst, Frau und mit Pech auch noch Kind mit immer weniger Geld und demnächst auch noch arbeitslos durchzubringen, verglichen mit der Aufgabe, Bremen zu regieren? Es sieht fast so aus, als hätte sich die Bremer Arbeiterklasse mehrheitlich geschämt, mit ihren Wehwehchen dem Koschnick die politische "Arbeit" so schwer gemacht zu haben, weswegen sie am Sonntag ergriffen in sich ging und dem Manne huldigte, der ihr "schonungslos die Wahrheit" gesagt hat. Die "Wahrheit" des Koschnick ist natürlich nur die halbe: Richtig ist, daß den Werftarbeitern niemand helfen wird; frech gelogen ist hingegen, daß alle, von der SPD bis zur CDU, ausgerechnet dies wollten und leider nur aufgrund "systemimmanenter Zwänge" (Koschnick) nicht könnten. Systemimmanent ist auch in Bremen, genauso wie anderswo in der schönen Welt von Demokratie und Kapital, der Zwang, mit dem Arbeitskräfte, die sich nicht mehr rentieren, auf die Straße geworfen werden; systemimmanent ist erst recht die landesväterliche Pflicht von Typen wie Koschnick, dies als "vorausschauende regionale Strukturpolitik" durchzusetzen. Zwei Tage nach den Wahlen erfolgte das Ultimatum der Werksleitung an die Besetzer von AG Weser, und es hätte von keiner demokratischen Partei auch nur noch ein Fünkchen Verständnis für eine Belegschaft gegeben, die jetzt nicht gespurt hätte.

"Jetzt mit der Arbeit in aller Offenheit zu beginnen, ist nun das einzig Wichtige."

So Koschnick noch in der Wahlnacht - und keiner will die darin enthaltene Drohung hören: Der Mann hat ein erneuertes Mandat, also einen vom Stimmvolk mit einem Kreuz gezeichneten Blankoscheck, "die strukturellen Probleme anzugehen". Also weiter Massenentlassungen aus "wirtschaftlicher Vernunft" und aus den gleichen "Gründen" Kürzertreten bei allen, die von eigener Arbeit leben müssen, damit ihre Politiker ein Werk fortsetzen können, das sie schamlos ihre "Arbeit" nennen.