BIS ZUM BITTEREN ENDE...

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1981 erschienen.
Systematik: 

Rudolf Augsteins Kommentar zum "Doppelbeschluß"
BIS ZUM BITTEREN ENDE...

hält da einer, der die Prinzipien demokratischer Kritik sozusagen lupenrein in seinem "Nachrichtenmagazin" vorgeführt hat, dem Staat seiner Wahl die Treue. Mitten im Kommentar steht da ein Satz, der in diversen Abwandlungen zwar in jeder Ausgabe mehrmals vorkommt, heutzutage aber eine geradezu ungeheuerliche Lüge darstellt:

"Die Regierenden blicken über den Tellerrand nun einmal nicht hinaus."

Da arbeiten die USA seit nunmehr 35 Jahren an ihrem Plan, das große Ärgernis vom Erdball wegzufegen, da nehmen die Deutschen seit spätestens 1954 militärisch-aktiv an diesem Vorhaben teil, und da kommt einer daher und behauptet, die imperialistischen Politiker wären in kleinlichen Interessen befangen, wären aus welch' provinziellen Gründen auch immer in die jetzige "Weltsituation" hineingeschlittert. Als ob es dem Augstein jemals ein Rätsel gewesen sei, daß der "Teller" des Imperialismus die ganze Welt ist, als ob er in seiner Zeitung nicht seit Jahren auf die hinterfotzigste Tour gegen die SU hetzte, als ob er nicht jeden imperialistischen Erfolg der BRD mit begeisterten Lobeshymnen und einem kleinen, kritischen Fragezeichen versehen hätte! Jetzt aber kommt er daher und behauptet, das könne alles gar nicht wahr sein, niemand könne es so gemeint haben bzw. wer es so meint, also tatsächlich auf bedingungsloses Niedermachen der SU mit ganz viel Vernichtung und erst nachrangiger Berücksichtigung der Verluste setzt, der könne nicht ganz dicht sein; mit einer den Zeitläuften entsprechenden Vehemenz zieht der kritische Begaffer seinen alten Stiefel ab vom Politiker, der eigentlich seinen Aufgaben nicht gerecht werde, der also die Politik im Sinne nationalen Erfolgs verderbe:

Helmut Schmidt hat "Angst", wußte nicht, was er tat ("Die Brisanz der Frage hat er ohne Zweifel falsch beurteilt" - damals, als der Beschluß gefaßt wurde), ist von "Überreaktionen" besessen, ist ein "Demagoge", steht - es muß gesagt werden - am Rande des Wahnsinns:

"Er stößt den Schrei jenes Arrapahu-Kriegers aus, der mit seinem Pferd eine zwanzig Meter breite und vierzig Meter tiefe Schlucht überspringen muß."

Das Prinzip nationaldemokratischer Kritik wird hier unmittelbar geständig; ist doch die Beschimpfung des Kanzlers nichts anderes als ein einziger dramatischer Appell, die vermeintlich an die Amis verlorene Handlungsfreiheit wieder für deutsch-nationale Durchbrüche, wie Augstein sie sich vorstellt, zurückzugewinnen.

Dieses "Magazin", das seine Existenz nur der Existenz von Politikern verdankt und deswegen auch seine oberste Aufgabe im Befördern von Politikerauswechslungen sieht, dieses "Magazin" behauptet nun, daß Politik zwar von den Politikern besser gemacht werden könne, zugleich aber etwas "Unfaßbares" sei:

"Sie verstehen mehr von Politik, das ist ihr Beruf, aber die Politik als solches ist nichts Faßbares."

Was ist denn nun das "nicht Faßbare"? Den Nutzen der Nation kann er nicht mehr er kennen, der Rudolf - es ist ihm nämlich aufgefallen, daß beim gegenwärtigen Stand der Dinge die Bundesrepublik dran glauben muß:

"Das gefährdetste Gebiet der westlichen Welt wäre die Bundesrepublik Deutschland."

Jetzt, wo er befürchten muß, daß für die BRD aus dem nächsten Krieg nichts herausspringt, sucht er verzweifelt nach einem Sinn, kann nicht einsehen - wie auch -, daß der Verlust der BRD eben einkalkuliert und die Kalkulation des H. Schmidt die ist, innerhalb der NATO-Kalkulation durch heftiges Mitmachen einige Berücksichtigung seines Staates herauszuschinden. Überhaupt die Vorstellung, daß die Staatsmänner eben für den guten Zweck auch das ganze Staatsgebiet und das ganze Staatsvolk in die Waagschale zu werfen bereit sind, macht den Bewunderer nationalen Fortschritts so irre, daß er nur auf alte Ideologien zurückgreifen kann; zustimmend zitiert er den frühen Schmidt:

"Landgestützte Systeme gehören nach Alaska, Labrador, Grönland oder in die Wüste Libyens oder Vorderasiens, keineswegs aber in die dichtbesiedelten Gebiete. Sie sind Anziehungspunkte für die nuklearen Raketen des Gegners."

Menschenskinder, Augstein, merkst du denn nicht, daß diese absurde Militärlogik - die Russen schicken ihre Raketen auf Grönland, die Amis ihre in die Wüste Gobi, und wer dann noch eine über hat, hat gewonnen?! - von der NATO mittlerweile offenherzig als ihre eigene Ideologie von vorgestem bezeichnet wird und daß jetzt ebenso offen das Prinzip imperialistischen Krieges als nun anstehendes herausposaunt wird: Dem Feind muß klargemacht werden, daß man selber ungeheure Opfer in Kauf zu nehmen bereit ist, ihm aber noch viel größeren Schaden zuzufügen gedenkt - und die "Option" auf das völlige Aus muß dabei offen bleiben. Vielleicht ist folgendes Szenario hilfreich: Da sitzen ein paar Burschen im Pentagon - einer von der Hardt-Höhe dabei - und sagen "Erzählen wir doch einfach die Wahrheit über den modernen Krieg, das glaubt uns keiner" - und dann lesen sie solche Kommentare und grinsen zufrieden. Und kugeln sich vor Lachen, wenn sie sich solches Zeug zu Gemüte führen wie: die "Nachrüstung" sei "militärtechnisch überflüssig", mache "militärtechnisch keinen Sinn":

"Wir müssen uns freimachen von dem Gedanken, daß es eine schlüssige Doktrin für milititärstrategische Fragen heute noch geben kann."

Ja, wärst Du denn zufrieden, Augstein, wenn es eine "schlüssige Doktrin" gäbe? Ist dir denn noch nie aufgefallen, daß auf diesem Felde bürgerlicher Wissenschaft die Praktiker ganz unmittelbar auch die Theoretiker sind und umgekehrt? Eine sehr rhetorische Frage angesichts eines solchen Menschen, der sich nach dem guten alten Krieg zurücksehnt, wo mit 10 Millionen toten Deutschen noch eine echte Aussicht (seiner Meinung nach) auf nationalen Erfolg besteht (diesmal sind die Amis ja für uns!), wo eine gutgerüstete konventionelle Armee der Bundesrepublik ausreicht -

"Was gebraucht wird, ist vorhanden, nämlich eine gutgerüstete konventionelle Armee der BundesrepUblik." -,

wenn einem die Amis nicht wieder dazwischenpfuschen -

"Gebraucht wird ferner eine Eingreifreserve der Vereinigten Staaten, wo es nicht genügt, vierzig Prozent mehr Material einzuplanen, wenn nur fünf Prozent Manpower rekrutiert werden können." (Noch nie was von Rationalislerung gehört?) -,

und wo ein Krieg noch ordentlich nach militärtechnischen Gesichtspunkten und nicht nach "psychologischen" und "politisch erpresserischen" geführt wird:

"Nicht gebraucht werden Overkill-Waffen, die in erster Llnie aus psychologlschen, politisch erpresserischen, und nicht aus militärtechnischen Gründen zu Lande disloziert werden."

Die erpresserische Gewalt von Waffen will ihm deswegen noch nie zuvor aufgefallen sein, weil er jetzt plötzlich eine ganz ungewohnte Erpressung entdeckt:

"So machen dle Leute um Reagan in ihrem Sinne Interessenpolitik, die nicht funktionieren mag, der wir aber zu folgen haben."

Doch: Entdecken wir in der seltsamen Formulierung "die nicht funktionieren mag" nicht einen klitzekleinen Ansatz zu einer ganz großen goldenen Brücke? Was ist denn, wenn eindeutig und unwidersprechbar festgestellt wird, daß diese Interessenpolitik funktioniert?