"BIOTOPE UND GUTE KAROTTEN"

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1984 erschienen.
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Korrespondenz
"BIOTOPE UND GUTE KAROTTEN"

Zum Artikel "Die verstaatlichte Natur" in MSZ Nr. 4 / April 1984:

"Meine Kritik an der MSZ-Kritik an der 'ökologischen Ideologie' beschränkt sich auf einige Textstellen...

1. Punkt Zitat:

"...erscheint in der korrigierten Naturkunde als ein Modell des wunderbar eingerichteten Kreislaufs: ein Biotop!"

Was ist denn an der (natur)wissenschaftlichen Kennzeichnung einer beschriebenen Lebensgemeinschaft in "niederen " Stufen = Biotop falsch? Nichts! Es ist nun mal in der Natur so eingerichtet, daß Pflanzen und Tiere aufeinander angewiesen sind...

Nun behauptet der Schreiber, die modernen Ökologen machten aus dem Zweck Biotop ein Mittel gegen den Barbaren Mensch, der doch die schöne Natur zugrunde richte, nur um seine primitiven Bedürfnisse zu befriedigen. Auf Deutsch gesagt: Die machen den Bock zum Gärtner.

Soweit sind wir uns ja einig, daß dies den modernen Ökologen den moralischen Beifall einbringt, auf den sie ja nur erpicht sind. Bloß daß die Kapitalisten als Naturbesitzer die Natur nach gewinnbringenden Maßstäben ausbeuten und die nur in der Natur Lebenden auf Geheiß der ersteren das Vernichtungswerk vollbringen, hätte on dieser Stelle klarer gesagt werden können.

2. Punkt Zitat:

"Daß aber noch ein extra Geschäft unter dem Titel 'Reformkost' blüht, dient weniger dem guten Geschmack und der Gesundheit als schon wieder einer Bande von Halsabschneidern."

Lieber MSZ-ler, Du solltest Dich nicht um die fleischigen Genüsse eines Stückes von einer glücklichen Kuh schreiben (bringen). Nimm Dir mal die Zeit und achte nicht auf Deinen schwindsüchtigen Geldbeutel und vergleiche die 'guten' Karotten aus biologisch-dynamischen Anbau mit herkömmlichen aus dem Gewächshaus, dann verstehst Du, warum damit ein glänzendes Geschäft zu machen ist.

Es stimmt einfach nicht, daß die eine neue Sorte von Halsabschneidern sind, die gibt's auch darunter. Es sind vielmehr ehrliche Krämer im Sinne Kants, die's nicht der Pflicht um der Pflicht willen tun, sondern sie bieten in der Regel gute Ware gegen gutes Geld. Die Untersuchung über Schadstoffrückstände ist von den großen Lebensmittelherstellern und Vertreibern halt ein fieses Mittel der Konkurrenz.

Der geschäftliche Hintergrund des Tuns der alternativen Bauern und Händler ist klar: die ökonomische Nische nutzen, nicht die ökologische. Die bietet sich halt an. Und nun der Übergang zum Ideologischen: In einer gut funktionierenden Demokratie gilt ein als Ideologie verbrämtes Geschäftemachen noch immer als konstruktives Mitmachen und ist auch deshalb bei den Kunden sehr gefragt. Bei genauem Hinsehen ist die "edle" Moral in diesem Staat ein taugliches Mittel zum Zweck Geld verdienen...

So auch die Alternativen. In der Konkurrenz ums Geschäftemachen und selbstverständlich auch in Sachen Politik scheuen sie sich nicht, mit exotischen Beobachtungen und Theorien aufzuwarten, um den Gegnern dank besseren Wissens die sauberere Moral vorzuführen, wohl wissend, daß es den Leidtragenden ihres Geschäftes auch auf die moralische Verpackung ankommt.

H.D.K., Augsburg

Mißtrauen angebracht

Lieber H.D.!

1. Natürlich ist es kein Fehler, den "Lebensraum oder Standort einer Tier- oder Pflanzenart oder einer Lebensgemeinschaft von Tier- oder Pflanzenarten" (Erklärung des Stichworts "Biotop" im dtv-Lexikon) zum Gegenstand der biologischen Forschung zu machen und diesen Gegenstand auf griechisch als "Biotop" zu benennen. Mehr ist das aber auch nicht. Für den korrekt arbeitenden Naturwissenschaftler ist so die behaarte Kopfhaut ebenso Biotop der Kopflaus wie die sterbenden Wälder Biotop des Borkenkäfers etc. Da dieser Begriff als solcher somit recht nichtssagend ist, gehen Biologen in der Regel ziemlich sparsam damit um. Wenn neuerdings (von Naturwissenschaftlern!) in der "Natur" - und das heißt hier immer: in der (noch weitgehend) "unberührten" Natur - lauter Biotope entdeckt werden, dann ist durchaus einiges Mißtrauen gegen diese Wissenschaft angebracht, wenn nicht eh' schon alles klar: Dann ist der Ausgangs

punkt hierfür nämlich die Parteinahme für bestimmte Tier- und Pflanzenarten und gegen die Zerstörung ihrer Lebensbedingungen durch "menschlichen Eingriff". Und dieser Parteinahme mögen wir uns überhaupt nicht anschließen. Das Überleben einiger Gattungen aus Fauna und Flora ist uns sogar ziemlich wurscht - in diesem Punkt nehmen wir uns ausnahmsweise die Natur als Vorbild.

Die alternative Erkenntnis von der Abhängigkeit der Lebensprozesse verschiedener Arten voneinander und von äußeren Bedingungen wird zum falschen Argument, weil das eigene Interesse (welche guten Gründe es auch haben mag) dem "Biotop" als dessen - gottgewollter (?) - Zweck "natürliches Gleichgewicht" angedichtet wird, dem sich "der Mensch" gefälligst zu fügen habe. Letzteres hast Du ja wohl auch gemeint mit dem "Zweck Biotop als Mittel gegen den Barbaren Mensch". Dann sollte es Dir doch auch klar sein, daß der Begriff "Biotop" längst und gerade zum Biotop ökologischer Naturverherrlichung geworden ist, die von gesellschaftlichen Zwecken nichts mehr wissen will.

2. Unser ziemlich dringendes Interesse an einem anständigen, unversauten Stück Rindfleisch und gut schmeckendem, nicht "schadstoffangereichertem" Obst und Gemüse läßt sich wohl auch dem Artikel entnehmen. Nur verweist es uns nicht unbedingt auf die Frequentierung von Reformhäusern und Ökoläden, sondern eher ein weiteres Mal auf die Fälligkeit einer ziemlich grundsätzlichen Veränderung. Was aber Deine "ehrlichen Krämer" und unsere "Bande von Halsabschneidern", eben besagte Läden angeht: Im Kapitalismus ist, Kant hin, Pflicht her, jede Ware als Ware so gut wie der Preis, zu dem sie bezahlt wird. Wenn jemand die Bereitschaft von Leuten, für besser schmeckende und weniger vergiftete Lebensmittel teurer zu bezahlen, als gewinnträchtige ökonomische Nische entdeckt, dann ist er eben nur ein alternativer Edel-Aldi. Wenn er auch noch seinen Käufern suggeriert, der Verzicht auf den Einsatz der üblichen produktionssteigernden chemischen Ingredienzien auf seinem Acker mache seine Ware giftfrei und den Konsumenten gesund, wenn er also die universellen Wirkungen der kapitalistischen Produktionsweise auf Natur und Gesundheit kurzerhand leugnet und das "gesunde Leben" zu einer Angelegenheit der "klugen Kaufentscheidung" der Leute selbst, zur Frage ihrer Opferbereitschaft in der Einteilung ihres Einkommens erklärt, dann möge er doch bitte nicht so tun, als diene er mit diesem Marketing-Trick ganz besonders ehrlich und uneigennützig der Menschheit (auch wenn er es selber glaubt).

Und er möge sich auch nicht wundern, wenn die "chemisch" produzierende kapitalistische Konkurrenz ihm eben die Universalität der Schädigung natürlicher Lebensbedingungen durch die Exkremente ihres Produktionsproxesses in Form des Schwermetall-etc.-gehalts seiner "biologischen" Produkte ganz ungeniert als Wettbewerbsmittel um die Ohren schlägt.

MSZ-Redaktion

"Keinen Menschen verletzen oder beleidigen"

An die MSZ

"Ich wäre Euch sehr dankbar, wenn Ihr nachfolgende Mitteilung in der Juni-Ausgabe abdrucken würdet:

Gemeinsam gegen Atomraketen!

Pfingstcamp Mutlangen 9.-12. Juni 1984

Am Pfingstwochenende wird in Mutlangen eine dreitägige gewaltfreie Blockade des Pershing-II-Lagers stattfinden. Das dafür organisierte Friedenscamp soll zu einem Forum für die Weiterentwicklung der Friedensbewegung werden.

BLOCKADE 9.-11.6.

Nach den großen, legalen Demonstrationen und den kleinen, aber spektakulären Blockaden sehen viele in einer solchen großen Aktion Zivilen Ungehorsams eine Perspektive, den Legitimationsverlust der derzeitigen Regierung praktisch zu demonstrieren. Aktionen Zivilen Ungehorsams dieser Art müßten dazu Ausmaße bisheriger Großdemonstrationen erreichen.

Damit dies gelingt, müßten sich alle "Nach"rüstungsgegner - über gesellschaftliche, politische, religiöse Grenzen hinweg - n dieser Blockade beteiligen.

Friedensforum, 9.-12.6.

Das Friedenscamp, das für die Blockade organisiert wird, soll als Forum dienen, in dem die Weiterentwicklung der Friedensbewegung diskutiert und dann auch konkret angegangen wird. Thesen zu folgenden Themen werden erarbeitet: Steuerboykott, Dauerblockade, Kriegsdienstverweigerung, Streiks, Volksbefragung etc. ... In Arbeitsgruppen und großen Foren sollen diese dann in den ersten drei Tagen besprochen und verbessert werden. Am 12.6. sollte daraus ein gemeinsamer Aufruf für den Fortgang der Friedensbewegung herauskommen, der Zielrichtung und konkrete Schritte enthalten und von möglichst vielen/allen Teilnehmern im Camp getragen und weitergetragen werden sollte.

Friedensforum und Blockade sind gleichberechtigte, sich gegenseitig ergänzende Teile des Pfingstcamps.

GRUNDSÄTZE: GEWALTFREIHEIT, OFFENHEIT

OBERSTER GRUNDSATZ: Während unserer Aktion werden wir keinen Menschen verletzen oder beleidigen!

OFFENHEIT: Öffentlichkeit incl. Staatsgewalt werden über alle wichtigen Schritte informiert.

Anmeldung: Bitte meldet Euch, bevor Ihr kommt, an! Pressehütte Mutlangen, Forststr. 3, 7075 Mutlangen, Tel. 07171/76210 Sprecherrat Mutlangen

So das wär's, wenn Ihr Interesse an einer Dokumentation habt, könnt Ihr die in der Pressehütte bestellen. Und falls Ihr mal wieder etwas über uns schreiben bzw. drucken wollt, wäre ich oder wahrscheinlich auch andere aus der Pressehütte sicher gern dazu bereit, mal eine Sehilderung aus unserer Sicht dazuzuschreiben. Mit friedlichen Grüßen, und in der Hoffnung, daß Ihr meine Mitteilung abdruckt

A.M., Pressehütte Mutlangen

Protesthaltung an christlichen Feiertagen

An A.M.

Kein Grund zur Dankbarkeit. Von eurer aktuellsten Friedensaktivität halten wir überhaupt nichts. Drei Tage lang wollt ihr zu Pfingsten das Pershing-II-Lager "blockieren ". Daß ihr nicht wirklich blockieren könnt, machen wir euch nicht zum Vorwurf. Daß ihr dies allerdings noch extra als besonderen Vorzug eurer Demo herausstreicht - "gewaltfrei" -, verweist auf den schiefen Zweck der Aktion: In Mutlangen stehen die Raketen und ihr steht drei christliche Feiertage wieder mal drumherum - als gewaltfreier moralischer Vorwurf an ein Stück NATO-Gewalt. Euer "Ungehorsam" ist wirklich sehr zivil, wenn Protest sich mit einem "Legitimationsverlust der Regierung" rechtfertigt. Mit dieser These wollt ihr euch doch ins eigentliche Recht setzen gegen das vermeintliche Unrecht Pershing II. Was muß der Staat euch eigentlich noch servieren, damit ihr an Recht und Regierung überhaupt irre werdet? Wo die NATO-Herren aus Bonn und Washington aus politischen Absichten zum Krieg rüsten, weil sie einen gesellschaftlichen Gegensatz auf der Welt gewaltsam zum Verschwinden bringen möchten, wobei ihnen nicht zuletzt die Religion als Ideologie dient - da ruft ihr dazu auf, die gesellschaftlichen und politischen Grenzen niederzureißen. Und was ist, wenn es sie gibt und die Adressaten eures Protests mit aller Gewalt darauf bestehen? "Diskutieren" wollt ihr zwar auch über "Streiks", nur meint ihr damit nicht die Aufkündigung des "sozialen Friedens", sondern nur eine weitere Demo in einer Reihe mit "Volksbefragung" und "Dauerblockade". Das Ganze sieht uns sehr nach einer friedlichen Koexistenz mittels an Feiertagen inszenierter Protesthaltung aus. Ihr bestätigt das nachgerade mit euren "Grundsätzen": Daß ihr keine Menschen "verletzen" wollt, ist ein schöner Zug eurerseits - aber irgendwie grotesk, daß euch ausgerechnet vor den einsatzbereiten Pershing II das Bekenntnis zu eurer Gewaltlosigkeit als Allerwichtigstes einfällt. Nicht mal "beleidigen" wollt ihr euren Nächsten. Wir erwarten gar nicht, daß ihr euch für Kohl und Reagan scharfe Schimpfwörter ausdenkt - aber die Wahrheit über solche Figuren möchten wir erst mal hören, die sie nicht für eine Beleidigung halten. (Das würden wir uns dann selber in der "Pressehütte" abholen.) Und warum wollt ihr unbedingt "die Staatsgewalt über alle wichtigen Schritte informieren"? Doch nur, um öffentlich zu dokumentieren, daß ihr keineswegs vorhabt, ihre Zuständigkeit in Frage zu stellen. Euer Widerstand kommt uns so vor, als wäre dabei Schneider und Schwarz angesagt - gegen euch! Und darin soll gerade seine ungeheure moralische Wirkung liegen. Deswegen habt ihr wohl auch eine "Pressehütte" aufgebaut, weil ihr die Anerkennung eures Standpunkts in den Spalten der demokratischen Presse für die einzig erwünschte Wirkung haltet. Sicher erachtet ihr eine Berichterstattung, in der ihr als idealistische Idioten vorkommt, für ein mittleres Kompliment. Deshalb könnt ihr euch die "Schilderung aus eurer Sicht" sparen.

MSZ-Redaktion