BETRACHTUNGEN ÜBER DIE GRÖSSTE DEMOKRATIE DER WELT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1980 erschienen.
Systematik: 

Indien
BETRACHTUNGEN ÜBER DIE GRÖSSTE DEMOKRATIE DER WELT

Knapp sechs Monate ist es her, seit Indira Gandhi einen "triumphalen Wahlerfolg" errang, dessen Höhe hiesige Kommentatoren denn doch "überraschte" - sie als Inder hätten Indira "nicht so schnell" verziehen. Seitdem regiert sie wieder - und das allein über diesen Sachverhalt Vermeldenswerte ist die spannende Frage, ob sie sich dabei wieder "Exzesse" wie ehedem zuschulden kommen lassen wird, die einer Dame, die in England gesittete Umgangsformen und die demokratischen Spielregeln kennenlernte, doch peinlich sein sollten.

Auch sonst hört man aus Indien nichts Neues. Da "huschen Ratten über den Operationstisch" - und das in Neu-Delhi der Hauptstadt! Da ernährt ein 10-Pfennig-Geld-fälscher in mühsamer und ehrlicher Handarbeit seine vielköpfige Familie jahrzehntelang und verschafft sich durch diese Sorte Selbstausbeutung ein Privileg, das der Mehrzahl der hungernden Inder versagt bleibt. Auf dem Lande sieht es nicht anders aus: "Lebenslänglich für vier Exorzisten", die mit dem bösen Geist auch gleich noch den Lebensgeist der Patientin ausgetrieben hatten; Seuchen, Infektionen, Ernährungsmangel und deswegen soviel Blinde, wie Baden-Württemberg Einwohner zählt, usw.

Was das miteinander zu tun hat? Natürlich nichts. Jedenfalls nicht in einer ihrer Informationspflicht gewissenhaft nachkommenden Zeitung, die zu trennen weiß zwischen Berichten über den Gang der Regierungsgeschäfte und altbekannten Sensationen, das Elend der indischen Massen betreffend. Ersteres findet sich auf den Seiten 5 ff. und gehört zur politischen Pflichtlektüre; letzteres steht als "Kuriosum" auf der letzten Seite unter der Rubrik "Vermischtes" und würde gar nicht zur Kenntnis genommen, wenn nicht auch ein gebildeter Mensch ein Anrecht auf ein wenig Unterhaltung hätte.

Not und Elend: typisch indisch

Wenn der indische Alltag des Hungerns und Verhungerns überhaupt einer Notiz für wert befunden wird, dann lautet sie stets so:

- Pünktlich drei Wochen zu früh sei diesmal die Hitzewelle hereingebrochen, um 4 bis 12 Grad zu stark ausgefallen, so daß die ersten paar tausend Tote bereits zu verzeichnen seien. Da packt niemand das Frösteln vor dem nächsten Winter, der ebenso bestimmt kommt. Schließlich ist das schicksalhafte Walten der Naturkräfte, die sich längst beherrschen lassen, als Argument für das Massensterben in südlicheren Regionen immer angebracht, weil man damit eine Generalerklärung des Massenelends gefunden hat, die auf alle Gründe des bornierten Umgangs mit der Natur und der regelmäßig massenvernichtenden Natur-'Katastrophen' verzichtet und statt dessen gelassen die naturbedingte Abhängigkeit des 700-Mill.-Volkes von den üblen Launen der Natur beobachtet, hersagt und sich bestätigt:

"Experten hatten nach dem im vorigen Jahr ausgebliebenen Monsum für 1980 eine 'Jahrhundert-Katastrophe' mit Wasserknappheit, Dürre und Hungersnot befÜrchtet. Zumindest der erste Teil der düsteren Voraussage scheint sich unterdes zu erfüllen." (Süddeutsche Zeitung)

Und auch sonst kann man sich beruhigt zurücklehnen. Denn wenn auch die Inder sterben wie die Fliegen, weil die Hitze dort kein Kraut gegen das Elend wachsen läßt, dieses sich vielmehr auf die allernatürlichste, sozusagen "chronische" Art und Weise von Jahr zu Jahr vermehrt, so tragen sie dank ihrer Menschennatur ihr Los mit bewundernswert viehischem Gleichmut - und falls sie ins andere Extrem umschlagen und sich zu "Ausschreitungen" hinreißen lassen, dann werden sie eben zusammengeballert. Keine Frage: Auch der indischen Regierung kann man kein schöneres Kompliment machen als das, das Volk unter Kontrolle zu haben auch wenn man "die klassischen Methoden der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung", derer sich Frau Gandhi auch diesmal wieder im "chronisch aufständischen" Assam und Westbengalen bediente, nur "wenig einfallsreich" (Neue Zürcher Zeitung) finden kann. Doch so sehr man die "Stabilität" schätzt - und als Verdienst der indischen Regierung würdigt, wenn sich hierzulande niemand um die "größte Demokratie der Welt" sorgen muß, auch wenn sich der Kampf ums überleben dort immer aussichtsloser gestaltet -, so strikt wird die Vorstellung zurückgewiesen, daß die "unvorstellbaren Ausmaße", die die Misere in Indien mittlerweile angenommen hat, Produkt der Regierungspolitik ist. Und mit dem ökonomischen und politischen Treiben der 'entwickelten Industrienationen' hat es schon deshalb nichts zu tun, weil Indien selbständig ist, nicht wie mancher Negerstaat nur vom Abtransport eines Rohstoffs lebt, und immer wieder bevorzugt Hilfslieferungen erhält, die nicht wir, sondern sie verschlampen.

Mit der überheblichen Staatsvernunft von Politikbeobachtern, die auf der Sicherheit beruht, daß der rücksichtslose Einsatz der Herrschaft hier immer noch zu Resultaten führt, die das Volk brauchbar erhalten für die Mehrung des nationalen Reichtums, verschreibt man den 'Verantwortlichen' in Indien die hohe Aufgabe, das Elend zu bewältigen, und entdeckt deswegen in der Rücksichtslosigkeit der indischen Regierung nicht den kongenialen politischen Geschäfts- und Herrschaftssinn, sondern das Gegenteil. Weil das Elend zu Indien gehört wie die Fakire und andere Absonderlichkeiten, die dem 'abendländischen Denken' fremd sind, hat man es hier nicht nur mit einem genuin indischen Phänomen zu tun - schließlich sind mit der Unabhängigkeit des Landes auch die Zeiten 'kolonialer Ausbeutung' vorbei. Die Verelendung des indischen Volkes darf andererseits auch nicht als gelungenes Werk der indischen Regierung betrachtet werden, weil ihre Leistungen danach zu beurteilen sind, was sie zur Entwicklung des Landes beitragen - schließlich hat man sie ja mit dieser hohen Aufgabe in die Unabhängigkeit entlassen. In dieser Sichtweise läßt man sich von den Fakten keineswegs irritieren. Im Gegenteil. Der Umstand, daß sich in Indien in den letzten 30 Jahren alles - bis auf die "erstaunlich" stabilen Regierungen zum Schlimmeren entwickelt hat, bestärkt vielmehr die Auffassung, wie nötig Indien Entwicklung habe und wie schwierig diese in einem Lande sei, wo sich alles gegen sie verschworen hat - bis auf die Regierung. Denn die darf der herzlichsten Anteilnahme professioneller Liebhaber der Macht sicher sein: Der Berg von Problemen, der sich da vor ihr auftürmt, wäre auch mit deutschem Organisationstalent kaum zu bemeistern. Und weil man Frau Gandhi an der verantwortungsvollen Aufgabe mißt, dem Land 'den Fortschritt' zukommen zu lassen, dem mit der Unabhängigkeit der Nation kein anderes Hindernis mehr im Wege stehen soll als die mangelnde Entwicklung, wird ihr bescheinigt, sich im "Kampf gegen" die Armut, den Hunger etc. pp. zu verzehren und mit aller Macht das beseitigen zu wollen, was sie mit ihrer Politik den Indern beschert.

Notwendiges Scheitern bester Absichten

Doch da Indien in tropischen Gefilden liegt:

"Die Zentralregienng hat ein Sofortprogramm zur Bekämpfung der extremen Trockenheit verkündet; den Monsum vermögen hingegen wohl auch Indira Gandhi und ihr dynamischer Filius Sanjay nicht herbeizuzaubern, auch wenn dieser seinen Erstgeborenen soeben nach dem Regengott Varuna benannte." (Süddeutsche Zeitung)

und die Inder mit ihrer lethargischen Mentalität den Willen zur Entwicklung vermissen lassen, indem sie sich immer noch schneller vermehren als sterben; da Frau Gandhi also mit ihrem segensreichen Wirken immer nur auf 'Schwierigkeiten' reagiert, die nicht sie, sondern das unentwickelte Monstrum Indien auf die Tagesordnung setzt, ist ihr Scheitern beschlossene Sache:

Obwohl die Getreideproduktion dermaßen angekurbelt wurde, daß Indien sich Weizenhilfe nach Bangladesh, Verkauf von Saatgut und Nahrungsgetreide nach Pakistan und Vietnam und Weizenexporte in der Größenordnung von mehreren 100.000 Tonnen leisten konnte, ist

"Indien trotzdem noch ein Hungerland oder gar dazu verdammt, es zu bleiben". (Stuttgarter Zeitung)

Denn seltsamerweise

"habe in den reichen Anbaugebieten des Punjab in Indien die neue Technik der 'grünen Revolution' zwar zu einer Steigerung des Pro-Kopf-Realeinkommens um 26 Prozent geführt, der Anteil der Landbevölkerung, der unter der Armutsgrenze lebe, habe sich aber gleichzeitig von 18 auf 23 Prozent erhöht." (Süddeutsche Zeitung)

Man bringt also Verständnis auf für das Mißlingen der Gandhischen Bemühungen, das Elend zu verringern, zumal ja die 'entwicklungspolitisch interessante' chinesische 'Alternative' Indien ebenso aus Gründen des weltpolitischen Gleichgewichts bedauerlicherweise versagt bleiben muß, wie ihr Gottseidank schon der jeder Änderung abholde indische Mensch entgegensteht. Indien wäre eben nicht mehr Indien, wenn die "Probleme" kleiner statt immer mehr würden, weil Indien - das ist, wenn ein paar hundert Millionen zuviel Betel kauend in einer Sonne vor sich hindösen, die einfach u heiß ist. Man gestebt Gandhi auch zu, daß unter indischen Verhältnissen nicht selten das "Nicht-Handeln " die humanste Lösung ist: Schließlich ist es schon als Erfolg zu werten, wenn das Elend (angeblich) nicht vermehrt werde:

"Indische Regierungsbeamte gingen gegen die - gesetzlich verbotene - Kinderausbeutung mit der Begründung nicht schärfer vor, weil sie 'sich nicht vorwerfen lassen wollen, daß sie die Menschen um ihr tägliches Brot bringen'." (Tagesanzeiger)

Mangelndes Organisationstalent

So sehr man also davon überzeugt ist, daß 'der Entwicklung' mit Indien ein unbezwingbares Hindernis entgegensteht, so streng legt man aber auch an jede Regierung den fortschrittverheißenden Maßstab der Entwicklung an. Und da kann man der Regierung Gandhi ein paar harte Worte denn doch nicht ersparen:

Ob sie sich dem Fortschritt ihres Landes wirklich beherzt und energisch genug verschrieben bat, muß man da schon einmal bezweifeln dürfen:

"Warten auf Resultate der Regierung Gandhi" (Neue Zürcher Zeitung)!

"Zwanzig Wochen" an der Regierung - und immer "noch keine wegweisenden innenpolitischen Maßnahmen ergriffen" (Neue Zürcher Zeitung), eine Schande! Und so sollte sich eine um das Wohlergeben ihrer zu entwickelnden Bevölkerung besorgte Regierung nicht den Schnitzer leisten, keine "ausgefeilte Wirtschaftspolitik" und auch bei der Gesundheits- und Erziehungspolitik nur ein "vollständiges Vakuum" (Neue Zürcher Zeitung - Hervorbebung im Original) vorweisen zu können. Was muß denn da das Ausland von ihr denken! Die Kritik der westlichen Beobachter wirft ibr also vor, daß sie sich bei der ihr zugeschriebenen Aufgabe der Verminderung der Armut, also der hiesigen Vorstellung von einem indischen Sozialstaat, der mit hiesigen Modellen nicht vergleichbar ist, nicht genug hervortut, da sie sie nicht mit der erforderlichen "Effizienz" anpackt, sondern sich dabei allzusehr an die notorisch gschlamperten indischen Zustände anpaßt:

"So mußte ein Teil der letztjährigen Kartoffelernte von den Bauern untergepflügt werden, weil man keine Abnehmer fand und die Kühlhäuser voll waren." (Stuttgarter Zeitung)

Ein bißchen mehr Organisationstalent würde in Indien nämlich doch Wunder wirken!

Erst läßt man die Regierung also zur Lösung des "Kardinalproblems der Ernährung ihrer Bevölkerung" antreten, um dann "Resultate der Regierung Ghandi" vermissen zu können.

Keine Demokratie nach westlichem Muster

Beinahe noch faszinierender ist das Verfahren, den indischen staatlichen Gewaltapparat - getrennt davon, wofür er eingesetzt wird als eine besonders aparte Abart der Demokratie daraufhin zu überprüfen, ob er dem hier gesetzten Standard entspricht. Ein neckisches Spielchen. Steht doch von vornherein fest, daß die andere Seite dem Vergleich nicht standhält. Und so wird noch jedesmal die Prozedur mit der Beteuerung eröffnet, die beiden Systeme keineswegs miteinander vergleichen, sondern sich dieses Mal den Spaß verkneifen zu wollen, die eigene Vorbildlichkeit an einem mißratenen Abklatsch zu bespiegeln:

"Es ist eine Illusion zu glauben, daß eine Demokratie nach westlichem Vorbild in einem Land wie Indien mit seinen Klassen- und Religionsgegensätzen überhaupt funktionieren kann." (Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt)

Schließlich ist man ja als Demokrat kein sklavischer Verfechter der eigenen Staatsform, wenn es um die Beurteilung der Funktionstüchtigkeit anderer Staaten geht. Egal ob Diktatur, Militärregime oder Demokratie - nicht diese flüchtigen Erscheinungsweisen des Staates, sondern dessen Stabilität hat hier als oberstes Prinzip zu gelten. Und da Indien zumindest in dieser Hinsicht anderen als Vorbild dienen kann, werden der indischen Demokratie ein paar notwendige Abwandlungen konziliant zugestanden. Die funktioniert nämlich prächtig dort - ganz ohne demokratisches Staatsvolk. Wo die Massen es nur zur Meisterschaft im Hungern bringen, weil für ihre Arbeit keine Verwendung ist, da kommen staatsbürgerliche Illusionen erst gar nicht auf. Wo nichts ist - und damit die Alternative Nutzen oder Schaden nicht zur Debatte steht -, kommt niemand auf die Idee, sich von der Wahl die Verminderung seines Schadens durch die Entscheidung für die richtige Partei zu erwarten. Von der erwartet er sich allenfalls eine Suppe. Der Staat seinerseits sieht keinen Grund, den politischen Willen zu bilden - schließlich lohnt sich dies aufwendige Geschäft nur für einen Staat, der mit der Zustimmung der Bürger, um der staatlichen Notwendigkeiten willen auf ihren Vorteil zu verzichten, seine eigene Stärkung bewerkstelligt. Deshalb hat die indische Demokratie außer besagter Suppe noch Schlägerbanden als Argument, damit das Kreuz an der richtigen Stelle erscheint.

Hiesigen Kommentatoren ist also durchaus bewußt, daß eine "Demokratie nach westlichem Muster" in Indien unangebracht ist. Weder gibt man sich der Täuschung hin, daß die Reife des Volkes auch nur den geringsten Beitrag zum Gelingen der Herrschaft leistete; so macht man auch kein grofes Trara drum, wenn die Wahlen dort mit denen hier nicht viel mehr als die Tatsache gemein haben, daß der Wähler ein Kreuz malt, sondern bescheinigt mit einer kleinen Wählerbeschimpfung generös auch dem Analphabeten seine Reife:

"Die Leichtgläubigkeit der Wähler ist nicht nur ein indisches Phänomen. Wann ist ein Volk 'reif' für die Demokratie? Müssen indische Wähler bis 1.000 zählen können, bevor sie ihre Stimme abgeben dürfen, oder genügt es, wenn sie bis 100 kommen?" (Frankfurter Allgemeine)

Noch hält man es dringend für erforderlich, mucken, ist das Zusammenschießen Belehrung genug, bei der allenfalls die Phantasielosigkeit mißfällt.

Gerade weil sie sich so sicher sind, worauf es in Indien ankommt, dürfen sie auch mal die Phantasie spielen lassen und so tun, als ob man es dort wirklich mit einer Demokratie zu tun hätte. Da geht's dann zu - fast wie bei uns. Aus Analphabeten werden Demokraten, die die Weichen der Politik stellen dürfen:

"Die Demokratie" (ein interessantes Subjekt!) "hat es schwer in den meisten Ländern der 3. Welt. ... In Indien aber hat die Bevölkerung das Wahlrecht noch, und so kann sie, wenn auch auf bescheidene Weise, an der politischen Willensbildung mitwirken." (Frankfurter Allgemeine)

Die Regierung aber versündigt sich wider den Auftrag politischer Willensbildung, wenn sie dem Volk seinen Wunsch, sechs Banken verstaatlicht zu bekommen, aus billiger "Popularitätshascherei" (Neue Zürcher Zeitung) erfüllt.

Daß allerdings soviel Klarheit herrscht daß die Engländer ihr System parlamentarischer Umgangsformen ihren Nachfolgern nicht mit der Auflage vermacht haben, den demokratischen Reifeprozeß des Volkes in Gang zu setzen, merkt man daran, worauf sich die Journalisten bei der Besprechung der indischen Demokratie mit Vorliebe stürzen. Weder auf das Volk noch das Verhältnis Volksregierung richtet sich das Interesse, sondern die Politiker - allen voran die stets "Ausnahmezustand-Rückfall" gefährdete Frau Indira Gandhi - werden daraufhin begutachtet, ob sie die Finessen des demokratischen Procedere beherrschen, ja ob sie für die Demokratie überhaupt schon reif sind. Der Zweck des parlamentarischen Brimboriums ist kein Geheimnis:

"...ist ihr Erfolg in dem Bestreben augenscheinlich, so rasch als möglich die eigene Machtbasis auszubauen... Schläge gegen die Opposition... sorgfältig geplante Massenübertritte... Auflösung der Parlamente und Regierungen in neun anderen Gliedstaaten... Weg zu ungestörten Änderungen der Verfassung freimachen... Alte Kampfgefährten aus der Notstandszeit mit hohen Posten belohnt... andere versetzt..." (Neue Zürcher Zeitung)

Wozu sonst sollte eine Demokratie, die nicht auf die Errungenschaft stolz sein kann, den Willen des Volkes für die Staatsgewalt einzuspannen, auch taugen, als ganz legal die eigene Macht im Kreis derjenigen, auf deren Willen es ankommt, auszubauen und alle Opponenten aus dem Weg zu räumen:

"So hat der Minister für Energie und künstliche Bewässerung, Choudhury, ungeniert geäußert, das Zentrum werde nicht ruhen, bis die marxistische Regierung Westbengalens in den Golf von Bengalen getrieben worden sei." (Neue Zürcher Zeitung)

Dennoch beschwört man diesen Gebrauch der Demokratie als deren stete Gefährdung. Andererseits ist die Auflösung der Länderparlamente aber nicht einfach ein Putsch, sondern ein "verfassungsmäßiger Putsch" (Neue Zürcher Zeitung), weshalb man für die Demokratie in Indien doch noch hoffen darf. Und so muß man bei der Untersuchung, ob sich die Regierungschefin innerhalb ihres legalen Rahmens bewegt, zum einen das Urteil bemängeln, wonach "Schmuggler, Profitjäger und Schwarzhändler ohne Gerichtsverfabren" (Handelsblatt) ins Gefängnis gesteckt werden können, auf der anderen Seite lobend hervorheben, daß es sich die indische Gerichtsbarkeit nicht immer so leicht macht, sondern in einem immerhin

"59 Seiten langen schriftlichen Urteil feststellte, daß die Urteile gegen Frau Gandhi... als grundlos betrachtet werden können." (Süddeutsche Zeitung)

Wenn so von denjenigen, die sich der Demokratie bedienen, eine permanente Bedrohung für dieses zarte Pflänzchen ausgeht, so ist das zwar schade. Doch bedenkt man, daß auch die Politiker Inder sind, denen die Demokratie fremd ist, so sind ihre Bemühungen um Recht und Gesetz auch recht beachtlich. So suspekt einem also die indischen Politiker auch sein mögen

"Nicht Prinzipientreue, Aufrichtigkeit und ideologische Bindungen, sondern gerissene Grundsatzlosigkeit und opportunistische Wendigkeit zeichnen den erfolgreichen Berufspolitiker aus." (Süddeutsche Zeitung) -,

irgendwie passen sie doch nicht schlecht zu Indien, diesem Land mit Tradition:

"Das skrupellose Taktieren und Finassieren, der Kauf von Überläufern und die Koalitionsabsprachen mit dem Gegner von gestern stehen in bestem Einklang mit den Jahrtausende alten Hindu-Lehren von der Philosophie des Erfolgs und der Funktion des Verrats. 'Trag deinen Feind auf deiner Schulter, bis du von ihm hast, was du willst. Dann wirf ihn ab und zerschmettere ihn wie einen irdischen Krup an einem Felsen', rät schon das berühmte Helden-Epos Mahabharata. Natürlicher Egoismus, Täuschungsmanöver, das Einschläfern des Opfers und die hohe Kunst der Intrige gehören zu den 'ewigen Werten' im 'Kampf der politischen Mächte'." (Süddeutsche Zeitung)

Bei all den Klagen über "die Unfahigkeit der Politiker, dem Land Führung und Richtung zu geben", sind die Kommentatoren unseres Landes insgesamt mit Führung, Geführten und natürlich auch mit der Richtung recht zufrieden. So konnte Dregger, der Frau Gandhi nach seinem Besuch Käse schickte, lobend berichten,

"daß auch Frau Gandhi dem sowjetischen System skeptisch gegenübersteht." (Süddeutsche Zeitung)

Was will man auch mehr? Ein Land von ein paar hundert Millionen, in dem der Staat das Massenelend nicht nur verschärft, sondern unter Kontrolle hat, bei dem auch keine Gefahr besteht, daß es ins andere Lager abrutscht, ist wirklich nicht mehr Beachtung wert. Solange dies so bleibt, kann man sich vielmehr den Luxus gönnen, über die Lage der Bevölkerung und deren Regierung getrennte Spekulationen anzustellen und beide für gleichermaßen kurios zu befinden.

Ärzteschwemme in Indien

Einen überraschenden Hinweis zur Hintergrundklärung der Probleme Indiens lieferte WHO, die Weltgesundheitsorganisation der UNO:

"Indiens Ärzte sind zu gut. WHO: Qualifikation nicht im Einklang mit den Bedürfnissen. In Indien gibt es etwa 80.000 Ärzte zuviel, von denen viele für die Bedürfnisse des Landes zu hoch qualifiziert sind. Dem Report zufolge werden an den Hochschulen des Landes Ärzte ausgebildet, die 'häufig außerstande sind, unter den Bedingungen zu arbeiten, die in einem armen Land wle Indien vorherrschen, vor allem in den ländlichen Gebieten.' Auf Grund des geringen Ansehens der Krankenpflege gebe es dagegen viel zu wenige Krankenschwestern und -pfleger. Von den rund 180.000 Ärzten Indiens waren nach Angaben der Regierung vom letzten Jahr 11.400 arbeitslos. Der WHO zufolge ist Indien der größte 'Exporteur' von Medizinern: etwa 15.000 indische Ärzte arbeiteten im Ausland." (Süddeutsche Zeitung, 24.6.80)

Einleuchtend: Gegen die Haupttodesursache in diesem Lande, den Hunger, nützt die gediegenste medizinische Ausbildung nichts, und wo der Arzt von der Heilkunst nicht leben kann, weil seine Patienten nicht mal sich selber durchbringen können, wird die medizinische Ausbildung zum Hemmnis für die Medizin.