BEITRAG ZUR DEMOKRATISCHEN VERBLÖDUNG: UNTERTANENMORAL ALS FORDERUNG DER LOGIK DER WISSENSCHAFTSTHEORIE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 9-1987 erschienen.

Zum 85. Geburtstag: Sir Karl R. Popper
BEITRAG ZUR DEMOKRATISCHEN VERBLÖDUNG: UNTERTANENMORAL ALS FORDERUNG DER LOGIK DER WISSENSCHAFTSTHEORIE

Karl Popper, der am 28. Juli seinen 85. feierte, gilt nicht nur als "der eigentliche Schöpfer der modernen Wissenschaftstheorie" (so DIE WELT vom 6.7.87). Seine Leistungen in dieser Hinsicht haben sogar bei Instanzen Anklang gefunden, die ansonsten recht wenig mit Wissenschaft zu tun haben: Die britische Krone uerlieh ihm 1965 ein Adelsprädikat, und hierzulande zählen sich Bundespräsidenten (v. Weizsäcker: "Er zählt unbestritten zu den großen Geistern unserer Zeit.") wie Altbundeskanzler (Schmidt: "Sie haben mit Ihrer Arbeit den Demokratien des Westens viel geholfen.") zu seinen Anhängern.

Das wäre anders, würde Poppers Wissenschaftsheorie wirklich ihrem Namen gerecht werden. Mit einer Erklärung dessen, was Wissenschaft ist, wie sie geht und - gegebenenfalls - welche Fehler in bestimmten Theorien auftreten, könnten die "Demokratien des Westens" wohl kaum etwas anfangen. Damit ist die Philosophie des Wieners mit den großen Ohren allerdings auch gar nicht zu verwechseln.

Wissenschaft als Charakterfrage

Schon in jungen Jahren beschäftigten Popper diverse "Abgrenzungsprobleme", etwa zwischen "empirischer Wissenschaft" und "Metaphysik" (I, 9) oder zwischen Wissenschaft und "Pseudowissenschaft":

"Damals war ich dabei, meine Ideen über die Abgrenzung zwischen wissenschaftlichen Theorien (wie die Einsteins) und pseudowissenschaftlichen Theorien (wie die von Marx, Freud und Adler) weiterzuentwickeln. Mir wurde klar, daß das Wissenschaftliche n einer Theorie ... n ihrer Fähigkeit lag, das Auftreten von gewissen logisch möglichen Ereignissen auszuschließen..." (II, 52; Hervorh. v. Popper)

Wer so argumentiert, will von Wissenschaft als einer auf Objektivität - die Erkenntnis bestimmter Gegenstände - zielenden Tätigkeit von vornherein nichts wissen. Zur Kennzeichnung der "Pseudowissenschaft" bemüht er nicht die Kritik von Fehlern, sondern die Verletzung eines Maßstabs, den er ganz gewiß weder Einstein - nach welcher "Logik" sollten denn "Ereignisse möglich" sein, deren Unmöglichkeit aus der Physik dieses Herrn zu folgern ist? - noch Marx - dessen Erklärung des Kapitals schließt aus dem normalen Gang der Akkumulation vieles aus, womit andere Gesellschaften zugegebenermaßen ihr Dasein bestritten haben! - abgelauscht hat. Der Mann hat sich was ausgedacht, woran r Pseudo- und Wissenschaft unterschieden sehen möchte - womit er bereits zu erkennen gibt, daß es ihm gar nicht um Wissen über die Sachen zu tun ist, die Marx, Freud und Adler so "pseudo"-mäßig abgehandelt haben, sondern um die Einhaltung gewisser Vorschriften, die (was immer die Theorien ansonsten behaupten mögen) laut Karl R. Popper für die Verleihung des Prädikats "wissenschaftlich" konstitutiv sind. Sein Kriterium lautet schlicht und paradox: Wissenschaft ist, wenn "logisch" begründete Zweifel an ihrer Gültigkeit - was für Popper zusammenfällt mit der Chance, abweichende "Ereignisse" zu entdecken - nicht auszuräumen sind. Jedes Wissen, von der Mechanik bis zu Marx' Erklärung des Profits, ist damit aus dem Reich wissenschaftlicher Erkenntnis hinausdefiniert - sonst aber nichts, vorausgesetzt es findet Gnade vor der philosophischen Instanz, die im Wien der 20er Jahre "das Wissenschaftliche an einer Theorie" aufgefunden hat.

Nun würde man freilich noch gern erfahren, welcher tiefgreifenden Einsicht in den Gang der Theoriebildung sich Poppers wissenschaftliche Scheidemarke überhaupt verdankt. Die Antwort ist verblüffend einfach:

"Unser Abgrenzungskriterium wird also als ein Vorschlag für eine Festsetzung zu betrachten sein. Über die Zweckmäßigkeit einer Festsetzung kann man verschiedener Meinung sein; einen vernünftigen, argumentierenden Meinungs(!)streit kann es jedoch nur zwischen denen geben, die denselben Zweck verfolgen; die Wahl des Zwecks aber ist allein Sache des Entschlusses, über den es einen Streit mit Argumenten nicht geben kann.... Wir geben also offen zu, daß wir uns bei unseren Festsetzungen in letzter Linie von unserer Wertschätzung, von unserer Vorliebe leiten lassen." (I, 12)

Wie unterscheidet man also die Wissenschaft von Metaphysik und Pseudowissenschaft? Man bezieht sich auf eigene Erwartungen, die man an die Theorie heranträgt, vergewissert sich der Maßgeblichkeit der eigenen Meinung darüber, daß sie von anderen geteilt wird, und setzt das, was Wissenschaft heißen soll, dann so fest, wie es den subjektiven Vorlieben der Teilnehmer an einem vor- und unwissenschaftlichen "Meinungsstreit" entspricht! Zweifellos ist mit diesem Bekenntnis zum Bekenntnischarakter aller Erkenntnis das "Auftreten" richtiger Schlußfolgerungen und sonstiger "logisch möglicher" wissenschaftlicher "Ereignisse" ausgeschlossen; insofern genügt Poppers Erkenntnistheorie ihren eigenen Grundsätzen. Zugleich ist freilich klargestellt, daß diese Doktrin sich durch solche abweichenden Verstandesleistungen, deren Resultate man Popper in Form zahlreicher Lehrbücher vorlegen könnte, weder korrigieren noch anfechten läßt. Poppers Vorliebe gilt dem skeptischen Vorbehalt; einer Einstellung, die keine theoretische Leistung darstellt, sondern in der Verweigerung des theoretischen Mit- oder Nach- oder überhaupt Vollzugs von Argumenten und Erkenntnissen sowie dem kindischen Willensakt besteht, allem, was wie Theorie klingt, ein "Vielleicht aber auch ganz anders!" nachzurufen.

Sowenig dieser atheoretische Starrsinn zu widerlegen ist, sowenig ist er zu begründen - außer mit moralischen Argumenten ad hominem. Folglich erzählt Popper, wann immer er seine "Erkenntnistheorie" vorstellt, mit Vorliebe aus seinem Leben, das er sich im nachhinein als antikommunistisches Aha-Erlebnis zurechtlegt:

"Meine Begegnung mit dem Marxismus war eines der wichtigsten Ereignisse meiner intellektuellen Entwicklung. Sie lehrte mich Dinge, die ich nie vergessen habe; sie lehrte mich die Weisheit der sokratischen Bemerkung 'ich weiß, daß ich nichts weiß'; sie machte mich zu einem Fallibilisten, und sie lehrte mich, wie wichtig intellektuelle Bescheidenheit ist. Und durch sie wurde mir der Gegensatz zwischen dem dogmatischen und dem kritischen Denken bewußt." (II, 45)

Zwar folgt aus den Irrtümern einer Wissenschaft nicht, daß fortan "intellektuelle Bescheidenheit" - was immer diese Kombination des Verstandes mit der Tugend des Verzichts sein soll - angesagt ist; noch erlaubt die Entdeckung irgendeines Dogmas - sollte dies Popper je gelungen sein - den Schluß auf ein dahinterliegendes "dogmatisches Denken" als Grund. Und erst recht ist es eine denkbar fragwürdige "Induktion", die Begegnung mit sturen Parteifunktionären - gesetzt, sie ist Sir Karl Raimund widerfahren - zu einem philosophischen Pauschalurteil über Wissenschaft zu "verallgemeinern". Dadurch kann dem Leser aber bewußt werden, daß das "kritische Denken" des Meisters ein Dogma ist, und ein verkehrtes noch dazu. Der Widerwillen gegen den Marxismus ist ihm zu einer denkmethodologischen Grundsatzentscheidung geraten und diese zu einem Weltbild, das durchaus keine Kritik verträgt und die Tugend des Zweifels auf sich selbst nicht anwenden läßt. Das Gebot der Selbstrelativierung des Denkens ist durchaus absolut gemeint; die erkünstelte Alternative "Dogma oder Kritik" will als Gretchenfrage an jeden Gedanken Gültigkeit besitzen und duldet nicht, daß man sie als wenig hilfreiches Räsonnement - geschweige denn als die philosophische Albernheit, die sie ist - auf sich beruhen läßt. Wer nicht den Eid auf Poppers Evangelium der Skepsis leistet, der hat keinen "Streit mit Argumenten" und keine Widerlegung mehr verdient, sondern steht mit seinem schlechten dogmatischen Charakter schlechthin außerhalb der Wissenschaft.

"Forschungslogik" I: Was Wissenschaft nicht kann

Popper wäre gleich fertig gewesen mit seinem Lebenswerk, hätte er sich nicht das Paradox zum Anliegen gemacht, den Aufruf zur Bescheidenheit als verpflichtender Wissenschaftsmoral doch auch als Resultat von Erkenntnis, so wie er sie beständig leugnet, mit "weil" und "daher" vorzutragen: seine methodischen Festsetzungen als der Sache "Wissenschaft" einzig angemessene Bestimmungen.

Die Beweisführung ist danach.

Sie gilt zuallerers der "Einsicht", daß eine Theorie grundsätzlich nicht in der Lage ist, die Identität ihres Gegenstandes zu erfassen. Ihr Material findet die Argumentation an den verkehrten Problemstellungen, die Popper bereits als festes Repertoire der Philosophie vorfand. Am besten gefiel ihm von Anfang an das "Induktionsproblem": die traditionsreiche Suche nach einem sicheren Verallgemeinerungsverfahren, das aus einzelnen Vorstellungen wissenschaftliche Urteile mache. Popper kritisiert diese Problemstellung - allerdings weder das Anliegen, ein Verfahren des Erkennens jenseits der theoretischen Befassung mit den jeweiligen Erkenntnisobjekten zu (er)finden, noch die Mißdeutung der Allgemeinheit wissenschaftlicher Erkenntnisse als Verallgemeinerung einzelner Vorstellungsbilder, also im Sinne der vorwissenschaftlichen Abstraktionsleistungen der Einbildungskraft, der Erfahrung. Beide Fehler macht Popper mit, um das Gegenteil dessen zu "beweisen", worauf die Erfinder der "Induktionstheorie" hinauswollten: die Unmöglichkeit gesicherter Erkenntnis.

"Als induktiven Schluß oder Induktionsschluß pflegt man einen Schluß von besonderen Sätzen, die z.B. Beobachtungen... beschreiben, auf allgemeine Sätze, auf Hypothesen oder Theorien zu bezeichnen. Nun ist es aber nichts weniger als selbstverständlich, daß wir logisch berechtigt sein sollen, von besonderen Sätzen, und seien es noch so viele, auf allgemeine Sätze zu schließen. Ein solcher Schluß kann sich ja immer als falsch erweisen: Bekanntlich berechtigen uns noch so viele Beobachtungen von weißen Schwänen nicht zu dem Satz, daß alle Schwäne weiß sind." (I, 3)

In welcher Wissenschaft - außer der Wissenschaftstheorie - Popper den Satz, daß alle Schwäne weiß sind, "beobachtet" haben will, ist uns ein Rätsel. Selbst die Zoologie dürfte über das vorwissenschaftliche Sammeln und Vergleichen einzelner Erfahrungsdaten hinaus sein, sich also mit dem Federkleid von Schwänen nur befassen, insofern es gattungs- oder artspezifisch ist. So grundlegend der Unterschied der notwendigen und zufälligen Eigenschaften einer Sache dort ist, wo wirklich Wissenschaft betrieben wird, so gleichgültig ist er einem Wissenschaftstheoretiker, der nichts dabei findet, sich das Schließen als rein mechanische Tätigkeit - zu der kein Denken nötig ist vorzustellen. Das schließen wir wiederum nicht daraus, daß es bei Popper öfter vorkommt, sondern entnehmen es seiner Charakterisierung der "Theorien" als "allgemeiner Sätze", die sich nicht durch ihren Erkenntnisinhalt, sondern durch ihren Anwendungsumfang von Beobachtungen unterscheiden sollen.

Aus dieser Mißdeutung wissenschaftlicher Erklärung zieht Popper einen Schluß, den er weder für einen induktiven noch überhaupt für einen Schluß hält, sondern frank und frei zum Fakt erklärt, obwohl es sich noch nicht einmal um eine Beobachtung, sondern um einen verneinenden All-Satz handelt.

Popper triumphiert siegreich über eine falsche Manier objektive Wissenschaft als möglich , nachzuweisen, und schreitet zu einer grundsätzlichen Neufestsetzung des wahren, objektiven Verhältnisses zwischen wissenschaftlichen Theorien und deren Gegenständen, die er längst unterderhand mit "Beobachtungssätzen" über sie identifiziert hat. Genau andersherum, als die Induktionisten es sich gedacht haben, gefällt ihm das Verhältnis zwischen Wissenschaft und -"Empirie" viel besser, weil - dann gleich jeder sieht; daß das Begreifen der Realität gar nicht geht:

"Die 'Erfahrung' erscheint in dieser Auffassung als eine bestimmte Methode der Auszeichnung eines theoretischen Systems... Die Erkenntnislogik, die diese Methode, das Verfahren der Auszeichnung der empirischen Wissenschaft zu untersuchen hat, kann als eine Theorie der empirischen Methode bezeichnet werden - als die Theorie dessen, was wir 'Erfahrung' nennen. " (I, 4) Daß die modernen Wissenschaften sich ihre programmatische, anti-metaphysisch gemeinte Bezugnahme auf "die Erfahrung" als unterscheidendes Merkmal in den Titel geschrieben haben, hält Popper glatt für die Wahrheit über ihre Vorgehensweise: Erst käme "die Theorie", dann das Problem ihrer Bewertung und Unterscheidung, und dann käme als Kriterium dafür "die Erfahrung" ins Spiel. Die steht dann gerechterweise in Anführungszeichen, weil es sich dabei eben nicht einfach um die Erfahrungen handeln soll, die die Menschen so machen, sondern um das methodische Konstrukt eines Theorietreibens, das sich damit den Maßstab setzt, durch dessen Beachtung es sich auszeichnen möchte...

Natürlich ist die Namensgleichheit mit der Erfahrung, wie sie jeder kennt, weil er sie macht, beabsichtigt. Doch täuscht sich, wer meint, das aus der Erfahrung Bekannte wäre das Material, an dessen Erklärung der wissenschaftliche Verstand sich zu schaffen macht. Und zwar täuscht sich der nicht bloß über die Wissenschaft, sondern schon über seine Erfahrungen. Schon die vorwissenschaftliche Kenntnis der Dinge nämlich darf nicht als Kenntnis der Dinge gelten; sonst wäre damit doch wieder ein Stück Objektivität in die Welt des Denkens eingeführt und damit der gefährliche Gedanke, Wissenschaft wollte erklären, was es gibt. Also berichtet Popper aus dem Schatz seiner Lebenserfahrungen, daß schon die Erfahrung so funktioniert, wie es die "empirische Wissenschaft" seiner Deutung zufolge treibt: Sie sei freie Deutung, und zwar nicht von etwas sondern nach Geboten, denen weiter keine Gültigkeit zukommt außer der, die ihnen jeweils beigelegt wird. Das soll durchaus keine bloße Fiktion und Hypothese sein:

"Da ich Zugang zum psychologischen Laboratorium hatte, führte ich einige Experimente durch, die mich rasch davon überzeugten, daß es Sinnesdaten, 'einfache' Ideen oder Empfindungen und andere derartige Dinge nicht gibt. Sie sind fiktiv..." (Il, 103) "Was immer uns 'gegeben' ist, ist bereits theoretisch interpretiert, entschlüssett, von Hypothesen durchtränkt." (II, 201)

Die Unverfiorenheit, ausgerechnet den Irrationalismus, den Glauben an die Untauglichkeit des Denkens zur Erkenntnis der Welt und seine Ersetzung durch zweckdienliche Betrachtungsweisen, rational, mit Argumenten begründen zu wollen, erreicht hier ihren Höhepunkt. Die Berufung auf wissenschaftliche Einsichten - oder was Popper dafür hält: psychologische Experimente - dient ihm ohne weiteres dazu, der Erkenntnis schon an ihrem Material jede Aussicht auf Objektivität zu bestreiten. Daß alle Überzeugungen von Anfang an hypothetisch sind und kein Wissen repräsentieren können, davon hat sich Karl Raimund überzeugt - wissenschaftlich objektiv!

Die naheliegende Frage, wo die "Theorien" und "Hypothesen" dann eigentlich herkommen, wenn sie schon immerzu der Erfahrung vorausgehen und diese bestimmen, läßt sich übrigens auf dieselbe Weise behandeln. Wissenschaftliche Exaktheit und Blödsinn wachsen dann proportional zueinander:

"Fast alle Philosophen gehen davon aus, daß wir unser Wissen durch Intuitionen, durch Anschauung der Außenwelt bekommen. Das halte ich - mit Kant - für falsch. Ich glaube (!), es ist heute sonnenklar (!), daß wir mit bereits fast allem unserem Wissen geboren werden. Fast all unser Wissen ist in der genetischen DNS gespeichert." (III)

"DNS" - das fällt nicht in die Rubrik der theoretischen Fiktionen; das klingt unanfechtbar objektiv und verleiht der Botschaft von der Zweifelhaftigkeit allen Wissens eine unwiderlegliche Würze.

"Forschungslogik" II: Was Wissenschaft doch kann

Die Wissenschaft ist mit diesem Abstecken ihrer Grenzen darauf festgelegt, eine Verallgemeinerung von Tatsachen gemäß vereinbarter Regeln zu sein, die sich weder Objektivität noch Urteile über die Sachen erlauben kann, mit denen sie sich befaßt. Diesen Unsinn - mit dem sich der Philosoph verrät, der nie im Leben das kleinste bißchen Wissenschaft getrieben hat, vielmehr "glaubt, im Kampf mit Ideen und im Kampf um Ideen sein Glück gefunden zu haben" (II, 287) - präsentiert Popper selbstbewußt als denkerisches Zwischenergebnis:

"Unsere Theorien sind unsere Erfindungen. Sie mögen oft nichts Besseres sein als schlecht durchdachte Mutmaßungen. Sie sind nie mehr als kühne Vermutungen, Hypothesen. Aus diesen erschaffen wir eine Welt; nicht die wirkliche Welt, sondern Modelle; von uns gemachte Netze, mit denen wir die wirkliche Welt einzufangen versuchen." (II, 80)

Ein zumindest gleichgültiger Zeitvertreib, könnte man meinen. Vermuten läßt sich freilich alles mögliche, ob schlecht durchdacht oder kühn; wenn's aber bei der Vermutung bleibt und eh nichts Gewisseres nachkommt, dann könnte man sich das Herumrätseln ("Wir wissen nicht, sondern wir raten." I, 223) doch genausogut schenken.

Oder sollte in dem bescheuerten Bild vom "Netz", mit dem "die wirkliche Welt" versuchsweise "eingefangen" werden soll, doch noch eine Erinnerung daran auftauchen, daß Wissenschaft auf den Begriff ihrer Gegenstände aus ist und per Urteil und Schluß die Bestimmungen der jeweiligen Objekte in ihrem wirklich maßgeblichen Zusammenhang ermitteln will -? Einerseits kommt nicht einmal Popper ganz ohne die Vorstellung aus, daß die "theoretischen Modelle" aus der wissenschaftlichen Werkstatt durchaus der "wirklichen Welt" immer besser entsprechen sollten, also irgendwie irgendwas mit Wahrheit zu tun hätten. Diese Vorstellung braucht er, um überhaupt verständlich zu machen, daß seine Theorie nicht von Romanen und Denksportaufgabenheftchen handelt, sondern von dem, was jeder als Wissenschaft kennt. Er benutzt sie andererseits, um sie zu dementieren und aus diesem Dementi seinen gar nicht hypothetischen Begriff des wissenschaftlichen Bemühens zu entwickeln. Seine Erkenntniskritik zielt nämlich mit ihrem programmatischen Irrationalismus nicht darauf ab, die Wissenschaft zu verwerfen und alle weltlichen Forschungsinstitute zu schließen. Sie will vielmehr der Wissenschaft die Dienstbarkeit für geistige Bedürfnisse der unwissenschaftlichen Art als ihre eigentliche, objektive Zweckestimmung nachweisen. Die Leugnung aller Ansprüche auf richtige Schlüsse und stimmige Begründungen macht die Bahn frei für Überlegungen, die endgültig die Zweckmäßigkeit zum Hebel der "Erkenntnis" machen:

"Wir können zwar eine Theorie - oder genauer, unseren Glauben an ihre Wahrheit - nicht rational rechtfertigen, aber wir können es gelegentlich rechtfertigen, daß wir die eine Theorie einer anderen vorziehen..." (II, 145)

Dem wissenschaftlichen Pluralismus, dem gleichgültigen Nebeneinander gegensätzlicher Theorien über denselben Gegenstand, das es auch ohne Popper schon längst gibt, ist mit diesem neuen Begriff wissenschaftlicher " Rationalität" der methodologische Segen erteilt: Wenn die Wissenschaft sowieso nichts herauskriegen kann, ist ein Streit um die Sache gleich überflüssig und die freimütige Auseinandersetzung, welche Kriterien man bei ihrer theoretischen Zurichtung "bevorzugt", noch das Rationalste!

Poppers Vorzug gilt dabei

"der kritischen Methode, der Methode von Versuch und Irrtum. Es ist die Methode, kühne Hypothesen aufzustellen und sie der schärfsten Kritik auszusetzen, um herauszufinden, wo wir uns geirrt haben." (II, 118)

Daß selbst in der Welt einer pluralistischen Wissenschaft kein Mensch so verfährt - es wäre ja auch verrückt, sich erst etwas beliebig Kühnes auszudenken und sich dann wieder auf den Boden der Tatsachen bzw. geläufigen Meinungen herunterholen zu lassen -, macht gar nichts. Die Anwendung dieser Methode besteht schließlich nicht darin, Wissenschaft zu betreiben, sondern n der Wissenschaft die "kritischen", also guten Denker von den bösen "Dogmatikern" und "Pseudowissenschaftlern " zu unterscheiden:

"Wenn jemand eine wissenschaftliche Theorie aufstellt, dann soll (!) er, wie Einstein, die Frage beantworten: 'Unter welchen Bedingungen würde ich zugeben, daß meine Theorie falsch ist?' Mit anderen Worten: welche möglichen Tatsachen würde ich als Widerlegungen (als 'Falsifikationen') meiner Theorie akzeptieren?" (II, 53)

Theoretisch ein ziemlicher Humbug - Gedanken ob richtig oder falsch, lassen sich nun ein, mal nur durch andere Gedanken widerlegen, da den Tatsachen ihr Begriff nicht auf der Stirn geschrieben steht. Selbst Popper weiß, daß sein Kriterium praktisch darauf hinausläuft, nicht "die Tatsachen", sondern eine andere Auffassung von ihnen zur Geltung zu hringen. Darin sieht er aber nicht seine Widerlegung, sondern nur eine Aufgabe der methodischen Präzisierung. Die Bedinung, unter der die "Falsifikation" doch möglich sein soll, verrät zugleich das ganze Geheimnis der "kritschen Methode":

"Die Basissätze" (die zur Falsifikation benötigt werden, d.h. die als Widerlegung gültigen Tatsachen) "werden durch Beschluß, durch Konvention anerkannt, sie sind Festsetzungen.... Die Festsetzung der Basissätze erfolgt anläßlich einer Anwendung der Theorie und ist ein Teil dieser Anwendung, durch die wir die Theorie erproben... Die Theorie ist ein Werkzeug, das wir durch Anwendungen erproben und über dessen Zweckmäßigkeit (!) wir in Zusammenhang mit seiner Anwendung entscheiden." (I, 71 und 73)

"Anders ausgedrückt, die Objektivität der Wissenschaft ist nicht eine individuelle Angelegenheit der verschiedenen Wissenschaftler, sondern eine soziale Angelegenheit ihrer gegenseitigen Kritik." (IV, 112)

Mit anderen Worten: 1. Was jedem einzelnen Wissenschaftler für sich und mittels seiner Theorie unmöglich ist: die Gültigkeit seiner Auffassung zu beweisen und andere zu widerlegen, das ist der "intersubjektiven" Beschlußfassung der Wissenschaftlergemeinde sehr wohl möglich, wenn sie 2. ihre "gegenseitige rationale Kontrolle durch kritische Diskussion" (I, 18 Fn.) entlang dem Gesichtspunkt ausübt, was sich mit der Theorie anfangen läßt. In der Bereitschaft, allseits anerkannte Probleme aufzugreifen und sich konstruktiv an ihrer nie abzuschließenden Behandlung zu beteiligen, liegt das letzte Kriterium für Wissenschaftlichkeit.

"Undogmatisches Denken" - noch eine Moral der Ergebung

Poppers Wissenschaftstheorie beschreibt nicht, wie Wissenschaft geht - bestenfalls bietet sie eine Karikatur der Debatten, die gewisse, von der Produktion theoretischer Fehler zur philosophischen Faselei fortgeschrittene akademische Kreise sich liefern. Sie gibt auch kein Rezept für das Betreiben von Wissenschaft an die Hand, noch nicht einmal der allerverkehrtesten. Mit ihrem Skepsisgebot, mit ihrer Dialektik von Kühnheit und Bescheidenheit, mit ihrer Auflösung von Erfahrungstatsachen in Konventionen, an denen eine gleichgesinnte Forschergemeinde Theorien "scheitern" läßt, formuliert diese Philosophie eine Moral des Denkens. Als Haltung, die der Verstand vor und bei aller Betätigung einzunehmen hat, schreibt Popper die Selbstgenügsamkeit des privaten Spintisierens in Gemeinschaft vor und den gründlichen Verzicht, sich theoretisch auch nur im geringsten an der Realität zu vergreifen.

Was Popper dazu getrieben hat, zum Propheten eines solchen Ethos der geistigen Zurückhaltung zu werden, ist kein innerwissenschaftliches Interesse und noch nicht einmal der Fehlschluß von etwa festgestellten Irrtümern oder Fehlern beim Wissenschaftstreiben auf dessen grundsätzliche Mangelhaftigkeit. Sein Engagement lebt von der

"Überzeugung, daß Ideen, deren wir uns oft gar nicht bewußt sind, wie insbesondere unsere Ideen über die menschliche Erkenntnis und deren zentrale Probleme ('Was können wir wissen?', 'Wie gewiß ist unser Wissen?'), für unsere Einstellung zu uns selbst und zur Politik entscheidend sind." (II, 163)

So albern der Einfall ist, Lebensprogramme und politische Standpunkte aus erkenntnisphilosophischen Grundsatzentscheidungen herleiten zu wollen - das "unser" meint ja keineswegs bloß die kleine radikale Minderheit betriebsblinder Philosophiefunktionäre! -, so klar ist die Botschaft. Mit seinen Vorschriften für den rechten Gang der Wissenschaft will Popper durchaus alle politischen und lebensprogrammatischen Grundsatzfragen mit entschieden haben, und zwar im Sinne eines denkbar zurückhaltenden Verstandesgebrauchs.

Nun gibt die generelle Warnung davor, nach richtigen Gründen leben und sich einmischen zu wollen, zwar noch lange keinen Leitfaden für Politik und Lebensführung her, noch nicht , einmal für eine Einstellung dazu; Poppers Irrationalismusgebot ist insofern inhaltsleer. Das macht aber nichts - und es macht Popper zu Recht nichts aus -, alldieweil Leben und Politik ja ohnehin ihren Gang gehen und "wir" so ziemlich alles fix und fertig vorfinden, worauf und wozu "wir uns" einzustellen haben: Die im Namen wahrer Wissenschaft herausgegebene Direktive, Urteile wären erst dann fertig und zulässig, wenn sie sich selbst zurücknehmen, ist die durchaus hinreichende Moral für die Mitglieder einer Gesellschaft, die am besten funktioniert, wenn ihre Mitglieder nicht wissen, was sie tun. Sie ist der philosophisch verdrechselte Einspruch gegen das Vorhaben - das Popper zu Recht nur bei Marxisten entdeckt hat -, die Mitglieder dieser Gesellschaft dazu zu bringen, daß sie es mit sich, der Politik und ihren Lebensbedingungen umgekehrt halten.

Popper beherrscht diese Ableitung des demokratischen Toleranzgebots, mit dem der Kapitalismus und die bürgerliche Staatsgewalt prächtig fahren, aus einer entsprechend zurechtkonstruierten Wissenschaftstheorie rückwärts genauso gut wie vorwärts: Wissenschaftliche Redlichkeit verbietet nicht bloß unbescheidene Versuche der Einmischung mit Argumenten als Dogmatismus, sie verlangt auch einiges, nämlich offizielle und wirksame Vorkehrungen gegen alles, was Popper als Dogmatismus inkriminiert. Denn weil "die Objektivität der Wissenschaft", wie gesagt, "eine Angelegenheit ihrer (der verschiedenen Wissenschaftler) Kritik" ist,

"hängt (sie) daher von einer ganzen Reihe von gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen ab, die diese Kritik ermöglichen." (IV, 112)

Ein bißchen Unterdrückung marxistischer Umtriebe: Darauf muß und darf ja wohl der freie Poppersche Wissenschaftlergeist demokratisch Anspruch erheben!

Die demokratischen Unterdrückungsinstanzen haben auf solche philosophische Ermunterung nicht gewartet. Aber sie haben sie gut gebrauchen können. Als gutes Gewissen der Berufsverbote, als Prinzipienreiter garantiert botmäßigen Denkens, als Zitatenquelle für regierende "Verantwortungsethiker" - und gar nicht einmal vorrangig als Wegbereiter der pluralistisch-skeptizistischen Verwahrlosung aller wissenschaftlichen Sitten - hat der Sir erst vor ein paar Jahren seine größte Zeit gehabt. Der Niedergang radikaler Opposition hat ihn dementsprechend auch wieder aus dem Mittelpunkt der aufgeregten Methodendebatten herausgerückt. Um zu funktionieren, braucht die Demokratie nicht einmal von Popper erst zu erfahren, mit wieviel Borniertheit sie am besten funktioniert.

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Zitate aus:

I K. Popper, Logik der Forschung, 4.Aufl. 1971

II ders., Ausgangspunkte. Meine intellektuelle Entwicklung, 1. Aufl. 1979

III Interview mit K. Popper, DIE WELT v. 6.7.87

IV. Th. W.Adorno u.a., Positivismusstreit, 1972