BÜRGERLICHES ERNTEDANKFEST

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1981 erschienen.
Systematik: 

Die "Tageszeitung (taz)" vom 24.11.
BÜRGERLICHES ERNTEDANKFEST

Die alternative Berichterstattung der "taz" steht recht souverän über unserer Demonstration. Deren Anliegen hält man in den Redaktionsräumen nicht für falsch, sondern für einen Anlaß, wieder einmal darauf hinzuweisen, wie bedeutungslos wir sind: "... die letzte intakte Endmoräne des einstigen M-L-Gletschers". Feine Fortschrittsmenschen ergießen da ihr bißchen Häme über den geringen Erfolg von Kommunisten in Westdeutschland, von Leuten, die durch ihre Isoliertheit von den Millionen von SPD-Wählern (und taz-Lesern?) allein schon hinreichend beweisen, daß sie kurios und sonst nichts sind. Was hat eigentlich ein Öko-Journalist mit Friedenswünschen dagegen, daß sich ein paar Studierte zu blöd sind, die Elite der Nation zu verstärken?

"Die Münchner Studiosi-Riege um die Altstudenten Fertl, Held und Ebel rekrutiert seit Jahren 'kommunistische Intellektuelle' zwecks ferner Gründung der proletarischen Partei."

Gründen wir ihm die Partei nicht schnell genug? Oder wünscht er uns nur dieselben Fehler und Beichten mit auf den Weg, die er am Scheitern der Revi-Vereine freudig begrüßt? Woher hat er folgende Weisheit aus dem Jahre 1973:

"Bis dahin allerdings wird die hiesige Gesellschaft analysiert und dies unter bewußter Absehung von praktischer Politik."?

Natürlich: ein "taz"-Journalist braucht doch keine Analyse der modernen Ausbeutung und ihrer staatlichen Verwaltung - er muß ja seine Zeitung vollkriegen und nicht darauf sinnen, was er zu welchen Ereignissen in Fabrik und Uni den Betroffenen vermeldet, damit diese sich was einfallen lassen zur Abwendung der ihnen auferlegten Zumutungen! Locker geht ihm die Berichterstattung über unsere Argumente zur westdeutschen Beteiligung an der Kriegsvorbereitung aus der Feder. "Eloquente Entlarvung, deren Kernsatz lautet: 'die BRD' ist imperialistisch'." Was hat er dagegen? Was macht die jedermann in die Hand gedrückte Analyse dessen, was gewählte Faschisten mit ihrem Volk so vorhaben, lächerlich? Natürlich - unsere Ohnmacht, die uns auch noch gleich als Standpunkt untergeschoben wird:

"Die Gesamtbevölkerung weigert sich, die 'Marxistischen Gruppen' zur Kenntnis zu nehmen."

Welch tiefer Gedanke doch im Sektenvorwurf steckt - und welch schönes Kompliment an die "Bild-Zeitung"! Die Gesamtbevölkerung ist schon sehr weise und gut beraten, wenn sie weiterhin ihren Dienst an Kapital und Staat abliefert und nicht auf die Traumtänzer von der Endmoräne hört, nicht wahr! Und vor allem fährt sie so gut dabei, wenn sie uns für verrückt hält und ihren Kanzler für einen Ehrenmann. Das mußte ihr doch von der "taz" wieder einmal bestätigt werden. Schließlich irren wir:

"Dies mag daran liegen, daß es nicht ausreicht, um Politisches in Gang zu bringen."

Schön zu sehen, wie das Fehlen eines Nebensatzes dem Argument der "taz" überhaupt keinen Abbruch tut: was wir tun, reicht nicht aus! Vernichtend, der Befund, fürwahr! Wenn die Herren Ratgeber sich nur einmal dazu entschließen könnten, uns zu erzählen, was wir über die Agitation hinaus und zusätzlich zu demonstrativen Auftritten unternehmen müßten, um es ihnen rechtzumachen. "Politisches in Gang bringen" halten wir nämlich für eine seltsame Zielsetzung, da uns nicht entgangen ist, was da alles in Gang gebracht wird. Vielleicht aber schaffen es die Liebhaber jeder Bewegung, die sich bewegt, aber auch einmal, uns zu sagen, was an unseren Absichten - die wir im übrigen in höheren Auflagen an den (Arbeits-)Mann bringen als die "taz" ihren Kram an die Gesamtbevölkerung - verkehrt ist! Stattdessen begnügen sie sich mit der Information ihrer Leser über einen "trotzigen" Praxisbegriff der MG, der uns - wie interessant - Erfahrungen ersparen soll:

"Aber diese schmerzliche Erfahrung ersparen sich die MGs dank ihres Praxisbegriffes."

Das glaubt ihr doch selber nicht, ihr Knalltüten! Wer ist denn schon so doof und denkt sich einen Praxisbegriff aus, um sich die Illusion eines Erfolgs über alle Absagen seitens seiner Adressaten zu bewahren! Mit dem Spruch von einst, demzufolge unsere theoretischen Bemühungen zu unserer Praxis gehören, haben wir nämlich nur gegen die alte - und bei der "taz" immer noch beliebte - Gegenüberstellung von "Theorietreiben" und "politisch praktisch tätig werden" polemisiert. WVir haben eben einmal sagen wollen, daß es für einen kommunistischen Verein nicht ganz unwichtig ist, die Wahrheit über die Welt des Kapitals zu wissen, gegen die er ankämpft - andernfalls wird er nämlich stets mit verkehrten Argumenten die Menschheit zu betören versuchen; und das wäre ziemlich blöd angesichts der Tatsache, daß selbst gegen richtige Kritik die faktischen Zwänge als Rechtfertigung fürs Mlitmachen üblich sind. Ganz zu schweigen von den kritischen hMenschen, die eine Tageszeitung machen, um ihr Publikum mit der überaus wichtigen Information zu versorgen, daß auf unserer Demonstration nur die mitgegangen sind, die sie für richtig befanden:

"Auch gestern blieb es mal wieder bei der internen Truppenparade."

Eure Zeitung lesen auch nur die, die sie lesen! Und euer Praxisbegriff besteht lediglich darin, das gutzuheißen, was euch von dem gefällt, was andere "politisch in Gang bringen." Bürgerliches Erntedankfest?