AUSGESAUGT, EINGESARGT UND HEIMGESCHICKT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 11-1984 erschienen.
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Ein Gast aus Transsylvanien
AUSGESAUGT, EINGESARGT UND HEIMGESCHICKT

Welcher Figur da die Ehre zuteil geworden ist, immerhin mit Bundeskanzler Kohl auf dem Sofa vereint die Titelblätter deutscher Tageszeitungen zu zieren und über den längsten roten Teppich in der Geschichte der BRD stolpern zu dürfen - darüber war das deutsche Volk zuvor gründlich und unter tatkräftiger Unterstützung der Protokollabteilung des Außenministeriums aufgeklärt worden.

Von Kohl will er abgeholt werden, sein Quartier ist ihm nicht recht und obendrein noch eine gemeinsame politische Erhlärung? Größenwahn! Während nämlich Weizsäcker, Kohl, Genscher und Strauß auf ihren Auslandsvisiten vor staatsmännischer Bescheidenheit nur so strotzen, so daß Präsidenten, Minister und rote Teppiche von ganz allein angerollt kommen; während Kohl seinerseits in seiner Begrüßungsrede einfach ankündigt, daß er im Frühjahr nach Rumänien zu reisen gedenkt und es sowieso als größte Selbstverständlichkeit erachtet, daß ihn seine Reiseroute zu den deutschen Vorposten in Siebenbürgen führen wird, hat die absichtsvolle Unhöflichkeit, das jedem Staatsbesuch vorausgehende Protokollhickhach in die Öffentlichkeit zu lancieren, Klarheit über Ceausescus Staatsbesuch nach der Absage von Honecker und Schiwkoff geschaffen.

Wir, "wir" großgeschrieben, sind für unseren Dialog mit dem Ostblock doch nicht auf deren Staatsbesuche angewiesen. Im Gegenteil, die dürfen dankbar sein, wenn wir sie überhaupt empfangen.

Herzlich lachen durfte deshalb das gelehrige Volk über die nun jedermann ins Auge fallende Diskrepanz zwischen dem 500m Teppich und dem kleinen rumänischen Möchtegern-Potentaten; so darf es die Feinheiten unseres diplomatischen Geistes mitgenießen.

Nachdem er gehörig und in aller Öffentlichkeit deklassiert worden war, durfte er dann kommen, denn - Kohl nachher - "allein schon in der Entscheidung, hierherzukommen, liegt eine Bedeutung dieses Besuches."

Uns geht es nämlich furchtbar darum, "etwas für die Verbesserung der Ost-West-Beziehungen zu tun", "Beziehungen zu pflegen", "wieder dahin zu kommen, daß dieser Dialog eine ganz normale Sache wird."

Und so ein Dialog geht folgendermaßen: Man läßt Ceausescu anreisen, um ihn die abermalige Zurückweisung der Revanchismusvorwürfe von seiten der Sowjetunion entgegennehmen zu lassen.

Gebietsansprüche - wir doch nicht! Einmal Weizsäcker, einmal Kohl. Ceausescu dazu: Eine "klare Perspektive"! Wir wollen doch "bloß" alle Deutschen unter unserer Fuchtel vereinen und in ganz Europa für Deutschland die Grenzen fallen lassen.

Diese Klarstellung hat Ceausescu überhört. Seitdem figuriert er als Bürge für die völlig unrevanchistischen Pläne der BRD, die Nachkriegsordnung betreffend.

Das war denn auch der wesentliche und einzige Ertrag des Treffens zur "Verbesserung der Ost-West-Beziehungen".

Der Dialog, zweiter Teil, brauchte schon deshalb nicht in einem gemeinsamen Kommunique zusammengefaßt zu werden, weil er vor allem aus ziemlich einseitigen Zurechtweisungen bestand.

Eine Friedens- und Raketenerklärung für den weltpolitisch ambitionierten Ostblockabweichler war nicht drin, weshalb zielstrebig das Gerücht verbreitet wurde, er hätte nicht gedurft:

"Doch gerade in der Raketenfrage hat sich Ceausescu zuletzt eher auf sowjetischer und weniger auf westlicher Linie bewegt. Jedenfalls hat er sich nicht in einer Vermittlerrolle befunden." (Süddeutsche Zeitung)

"Es war wohl so, daß Nicolae Ceausescu bei aller diplomatischen Verschlagenheit, die ihn auszeichnet, eine sowjetische Mitschuld am Wettrüsten nicht unterschreiben durfte..." (Frankfurter Rundschau)

Tatsächlich hat Ceausescu soviel "gedurft" wie immer; nur reicht das nicht für eine Unterschrift der Bundesregierung unter ein gemeinsames Kommunique. Alles von Seiten Ceausescus, was unter einer Brandmarkung des eigenen Militärbündnisses als eigentlicher Gefahr bleibt, gilt mittlerweile als historisch überholt. Da Ceausescu keine neuen Argumente zur ökonomischen und militärischen Selbstaufgabe seines Blocks zu bieten hatte, schickten ihm unsere "gewöhnlich gut unterrichteten Kreise" noch ein paar Ohrfeigen auf die Heimreise über die Karpaten nach:

"Zudem ist Nicolae Ceausescu nicht der Bote, den eine selbstbewußte Außenpolitik sich wünschen kann. Dazu fehlt ihm bei seinen Verbündeten einfach die Statur. Die Misere in seinem Land, von der verfahrenen Wirtschaftslage bis zu den unschönen Zuständen in der Behandlung der 'mitwohnenden Nationalitäten' und der Intellektuellen, von der Familienherrschaft des Conducator-Clans bis zu dem Ärger über seine gelegentlichen Auftritte unter Genossen - all das prädestiniert ihn eigentlich nicht zur Maklerrolle.

Falls die Bundesregierung seine Möglichkeiten überschätzt haben sollte, wäre dieses ein Zeichen von Dilettantismus." (Frankfurter Rundschau)

Zurechtweisungen hatte Ceausescu des weiteren entgegenzunehmen, was seinen hausinternen Umgang mit unserem vorgeschobenen Außenposten deutschen Volks in Siebenbürgen und im Banat betrifft. Versuche, aus den verrückten Sachsen und Schwaben immerhin noch ein Geschäft zu machen, dulden wir nicht. Und überhaupt bestehen wir darauf, daß sie jetzt schon an Ort und Stelle präventiv ihr Deutschtum kultivieren:

"Die Menschen würden zu Bürgern der einen, uns allen gemeinsamen Heimat Europas." (Kohl)

Da hat Ceausescu auch seine zitierte "betretene Schweigsamkeit" nicht genützt:

"Wir haben festgestellt, daß die rumänische Seite willens ist, die getroffenen Vereinbarungen und Abmachungen einzuhalten." (Kohl)

Zurückweisungen gab es schließlich auch. für das Ansinnen, handelspolitische Erleichterungen zur Aufbesserung der rumänischen Devisenbilanz zu gewähren.

"Bangemann hielt dem, nach Angaben seines Ministeriums, Klagen der deutschen Wirtschaft über die mangelnde Flexibilität auf rumänischer Seite entgegen." (SZ)

Offene Häme wurde hier einem Staatschef zuteil, der vormals als erster Ostblockabweichler mit außenpolitischem Lob und Kredit reichlich versorgt wurde. Eben deshalb läßt sich nun so zufrieden-selbstsicher auf die rumänische Wirtschaftsmisere als das "Resultat größenwahnsinniger ökonomischer Blütenträume" herabsehen. Die Kreditgeber haben sich einen so dauerhaften und grundsoliden Anspruch auf die rumänische Volkswirtschaft erworben, daß diese, mittlerweile absolutes Schlußlicht und untaugliches Mitglied im RGW, seit Jahren hauptrangig dafür eingesetzt wird, den Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.

So hämisch, wie es öffentlich inszeniert und ausgekostet wurde, daß ein sozialistischer Staat nichts mehr zu bieten hat und nur noch zu bitten hätte, so souverän handhaben die zuständigen Stellen mittlerweile die Resultate ihrer "konstruktiven Beziehungen". Ökonomisch längst unter IWF-Verwaltung, ist der sozialistische Staatenlenker als Mitglied auch des östlichen Militärbündnisses von bleibendem Wert als Nichtmitmacher und Hindernis für die dort fälligen militärischen Anstrengungen. Nur soll er sich nicht, wie ihm auch jetzt wieder beschieden wurde, einbilden, deswegen auf ein besonderes Entgegenkommen seitens der ach so dialogwilligen BRD rechnen zu können. Dann ehrt man die eigene Kreatur mit einem extra langen roten Teppich. Und die gut geschulte demokratische Öffentlichkeit läßt sich schleunigst einfallen, daß es sich bei unserem guten Freund um einen

"Größenwahnsinnigen mit einer eher balkanisch-byzantinischen Bräuchen entlehnten Variante von Politik" (SZ)

handelt.

Ungemein völkerverständigende Gedanken zum Verlauf der Donau

Aus den Tischreden zum Gast Ceausescu

"Verbunden durch den Strom der Donau - er entspringt bei uns, bei Ihnen mündet er ins Meer - sind wir Nachbarn in Europa." (Weizsäcker)

"Natürliche Verkehrsadern wie die Donau haben die friedliche Begegnung von Menschen und den friedlichen Austausch von Gütern und Ideen begünstigt: Aber die Länder Mitteleuropas waren auch immer im Kreuzungsbereich vielfältiger, miteinander konkurrierender Interessen... Deswegen kommt heute Europa, den europäischen Menschen und den Regierungen in besonderem Maße Verantwortung zu, eine europäische Friedensordnung anzustreben. Dies würde auch über die Grenzen Europas hinaus die Zukunft der Menschen sicherer gestalten." (Kohl)

Würden diese festredner sich nur auf den friedlichen Austausch ihrer Schwachsinnsideen beschränken, würden nicht einmal wir gegen den Austausch weiterer Peter Maffays etwas einzuwenden haben. Aber die Kunst, in zwei Sätzen ohne einen Übergang aus dem blindwütigen Drang der Donau nach unten die gesamtdeutsch-gesamteuropäische Weltherrschaft herauszuleiern, sollte auch einem Rumänen zu denken geben.