AUF EINER WOGE NATIONALER BEGEISTERUNG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 7-1985 erschienen.

Weizsäcker auf dem evangelischen Kirchentag
AUF EINER WOGE NATIONALER BEGEISTERUNG

Daß Kirche und Staat getrennt marschieren, um desto effizienter vereint zuschlagen zu können, haben sie zuletzt wieder einmal am 21. Evangelischen Kirchentag in Düsseldorf bewiesen.

Der Kirchentagspräsident Huber "appelliert an die Politiker: Mit den Christen rechnen, aber (?) auch auf sie zählen!" Und siehe da, die Politiker, die mit diesen Christen gerechnet hatten, waren natürlich längst da, zählten auf ihre jubelnde Unterstützung und landeten so mit dem Redebeitrag des Bundespräsidenten einen eindrucksvollen nationalen Schlag.

"Klare Worte des Bundespräsidenten: 'Die deutsche Frage ist solange offen, wie das Brandenburger Tor zu ist.' Beim Thema Einheit, das ein gesamteuropäisches sei, gehe es nicht darum, Grenzen zu verschieben, 'sondern Grenzen den trennenden Charakter für die Menschen zu nehmen'. Stehend feiern 11.000 Menschen in der Halle 9 den Bundespräsidenten (und noch einmal 8.000 haben ihm über Lautsprecher draußen zugehört) und singen anschließend ,Halleluja', und Richard von Weizsäcker singt mit, während er seine Rede-Zettel zusammenpackt, um sich dann in den Chor einzureihen. Er wirkt erleichtert." (Süddeutsche Zeitung, 10.6.)

Kein Wunder nach dieser gelungenen Inszenierung, wie gut es sei, daß es Deutsche gibt, die über alle bestehenden Systemgrenzen hinweg eine europäische Friedensordnung anpeilen. Die bestehende verdient demnach den Namen nicht, solange nicht auch jenseits der Elbe gemeinsam mit dem westdeutschen Bundespräsidenten gesungen und getanzt werden kann. Kosmopolitisch für die "Wertordnung" der "westlichen Demokratien" zuständig zu sein, ist ein schönes (nationales) Gefühl, "mit dem wir selbst und mit dem die Welt gern und in Frieden leben können" sollen - am besten also, wenn sich bei "unseren näheren und ferneren Nachbarn im Osten" die Einsicht durchsetzt, daß sie ohne Krieg auf ihr Gesellschaftssystem verzichten.

Mit solch dumm dreisten Sprüchen aus der antikommunistischen Kiste trägt sich deutsches Verantwortungsbewußtsein seit der Adenauer-Zeit vor. Nur werden keine Kerzen mehr für die Brüder und Schwestern in der Zone ins Fenster gestellt, sondern der Anspruch auf Revision der Kriegsergebnisse reicht bis zu den "ferneren Nachbarn". Der Bundespräsident läßt seit seiner Vereidigung im letzten Jahr keinen Gedenktag aus, diesen nationalen Rechtstitel zu pflegen und gegenüber dem Rest der Welt als Angelegenheit "deutscher Identität" zu betonen. So etwas gilt hierzulande als überaus seriöses Anliegen: Richard von Weizsäcker wird von Regierung und Opposition, von Gewerkschaften, Kirchen und sonstigen Vereinen zu seinen "befreienden Worten" gratuliert, an denen sich künftige deutsche Politik messen lassen müsse. Dieser Mann verkörpert wie kein anderer vor ihm das mit sich selbst ins reine gekommene, das gute deutsche Nationalbewußtsein. Er ist der gute Deutsche, was die gar nicht gteichgeschaltete Presse zu dem einhelligen Jubelruf inspiriert:

"Die Menschen, die nicht nur auf dem Kirchentag nach Moral und Glaubwürdigkeit fragen, glauben ihm. Dieser Präsident wird offenbar längst nicht mehr als ein Politiker gesehen, und seine Parteizugehörigekeit spielt keine Rolle mehr."

Weizsäcker ist eine nationale Kultfigur, die, wo immer sie auftritt, Parteiungen vergessen machen soll und höchste nationale Verehrung fordert. Ein denkwürdiger Fortschritt: Seine Herren Amtsvorgänger waren Präsidenten, bei denen irgendein Verdienst um die Bundesrepublik Deutschland Respekt erheischen sollte - Heuss stand als Moralist für das gute Deutschland nach innen, Scheel als Diplomat für das gute Deutschland nach außen usw. Ganz anders Richard von Weizsäcker: Er ist als er selber das allerbeste Deutschland, das es nach dem Krieg je gab. In einer Republik, die "wieder wer" ist, kommt sein Nationalismus ganz schlicht daher: Eher nebenbei hat dieser Mensch ein förmliches agitatorisches Anliegen, in der Hauptsache ist er eine "Persönlichkeit", die einfach überzeugt. Ihre nationalen Attribute treten als menschliche auf: "Lauterkeit", "Ehrlichkeit", "Offenheit" usw. Die Nation gratuliert sich in Richard von Weizsäcker zu sich selber: Er ist mit seinem Fleisch und Blut ihre Glaubwürdigkeit.

So präsentiert sich der edle Mann auch in der Öffentlichkeit zur allgemeinen Bewunderung als eine über jeden Zweifel erhabene Gestalt, die einem aus der Seele spricht. Wenn der Präsident z.B. über die "geopolitische Mittellage" der Deutschen in Ost und West schwadroniert, so kann man getrost nicken. Im übrigen ist es zwar ein ebenso alter wie furchtbarer, aber auch ein sehr wohltuender Gedanke, daß "wir" einfach deswegen, weil wir in der geographischen Mitte Europas wohnen, zur Mobilisierung "blocküberwindender Kräfte" und zur politischen Neugestaltung Europas berufen sind. Den Übergang vom einen zum anderen hat der intelligente Dr. Weizsäcker in das ansprechende Bild von "uns" als Weltkind in der Mitten verpackt. Da mag es manchem leichter fallen, sich kindisch darüber zu freuen, an so exponierter und weltpolitisch bedeutsamer Stelle zu wirken!

Die Versammelten sind ihrem Obereinseifer in der Tat dankbar für diese gedankliche Krücke und jubeln ihm zu, guten Gewissens Deutsche sein zu dürfen. Damit sind sie es dann auch und stehen ein für das weltbewegende Programm, das ihnen ihr menschlicher deutscher Führer soeben aufgemacht hat. Seine anmaßende "Frage", die keine ist - wie halten "wir" es denn mit der Nation, bitteschön? -, haben sie akzeptiert und damit gut genug verstanden. Der Hurra-Patriotismus hochgeistiger Prägung mobilisiert eben in aller demokratischen Form den bescheuerten Stolz auf das Gemeinwesen, dem "wir " dienen dürfen. Für diese Anmache ist ein Freiherr im Präsidialamt gerade recht, der ohne Genuschel ein paar Sätze druckreifes Deutsch von sich geben kann, in denen er seinem Volk der Dichter und Denker im Pluralis majestatis "die Wurzeln unseres geistigen und sozialen Lebens" näherbringt:

"So schön Teneriffa ist und so wichtig das Silicon-Valley für unsere Entwicklung auch sein mag, der Neubau der Semper-Oper in Dresden und das Lebens der christlichen Gemeinden in der DDR berühren auch uns zutiefst. (Beifall)" ( Antrittsrede)

Wer's glauben mag.