"AUCH NOT UND SORGE MITEINANDER TEILEN"

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1985 erschienen.
Systematik: 

Nicht nur zur Weihnachtszeit
"AUCH NOT UND SORGE MITEINANDER TEILEN"

Alle Jahre wieder hat in der Vorweihnachtszeit die Nächstenliebe Konjunktur. Sie spendenwirksam in Fahrt zu bringen, sehen traditionsgemäß neben den Kirchen auch die weltlichen Betreuer der staatsgläubigen Untertanenmoral, die Tageszeitungen, als ihre weihnachtliche Bürgerpflicht an.

In ihren bekannten Advents-Hilfsaktionen stellen sie "Schicksale" von in Not geratenen Mitbürgern vor, leisten also ihren Beitrag zur vorweihnachtlichen Selbstlosigkeit, indem sie anderen die Gelegenheit zu helfen geben, in Gestalt eines kleineren Geldbetrags, zu überweisen auf eines der zahlreichen Spendenkonten.

Ohne fürchten zu müssen, eine Welle der Empörung in der aufgebrachten Bevölkerung auszulösen, führen die humanitär gesinnten Elendsreporter ungerührt die ganze Brutalität unseres sauberen Klassenstaates vor. Zeitungen, die tagaus, tagein gegen überzogene Ansprüche einer verwöhnten Bevölkerung hetzen und ihr das Engerschnallen des Gürtels dringend anraten, schildern plötzlich Alter und Krankheit als eine Katastrophe, die den Betroffenen das bloße Existieren schier unmöglich macht. Alter? Das Alter wäre doch wohl weiter nicht tragisch, wenn man genug Geld und Kraft hat, um sich das Leben gemütlich zu machen! Was ist am Alter schlimm, wenn man geruhsam gelebt hat? Man sehe sich nur einmal die kraftstrotzenden Endsechziger und Mittsiebziger Willy Brandt oder Ronald Reagan an, die einfach nicht altern wollen! Krankheit? Dafür gibt es doch wohl die Ärzte, die dazu da sind, einen zu betreuen.

Am bloßen Altsein oder der Krankheit liegt es eben auch nicht, wenn beides sich bis hin zur Bestreitung der Überlebensmöglichkeit zerstörerisch auswirkt. Die Beispiele, die zur Stimulierung der Spendenbereitschaft dem mitleidigen Publikum ausgemalt werden, lassen da keine Zweifel:

"Karins Vater wurde krank, mußte seinen Beruf aufgeben. Seitdem lebt das Ehepaar mit seinen drei kleinen Töchtern von einer kleinen Rente. Der Umzug in eine viel zu kleine Wohnuwg wurde notwendig..." usw. usf.

Diesen Menschen wird das Notwendigste zum Leben verweigert, nachdem sie das Pech hatten, nicht mehr brauchbar zu sein. Dauert eine Krankheit erst einmal länger, und ist sie schwerer als der winterliche Schnupfen, dann hat das ersprießliche Dasein als Lohnempfänger schnell sein Ende. Nach der Entlassung gerät der für unbrauchbar Befundene in die Maschen des sozialen Netzes, und da vollstreckt der Staat an ihm dasselbe Urteil noch einmal: Geld für überzählige Esser bloß zum Leben... - dafür ist eigentlich jede Mark zu schade.

Weshalb auch der Nachweis der Anspruchsberechtigung als Hindernislauf organisiert ist. Frau F. (79), der es gar nichts nützt, daß sie "noch rüstig" ist und "bei schönem Wetter die fünf Kilometer bis zum Arzt im nächsten Ort noch zu Fuß läuft", durfte der "Frankfurter Rundschau" folgende Erfahrung mit der staatlichen Sparpolitik berichten:

"Von einer Stelle wurde sie zur nächsten geschickt. Eingetragen hat ihr das insgesamt etwas über 600 Mark. Die Miete allein beträgt seit der Renovieru g ihrer Wohnung bereits 400 Mark."

Die staatlichen Gemeinheiten der Alten gegenüber so ungeschminkt auszuposaunen, ohne daß dabei dem Staat auch nur ein einziges böses Wort nachgesagt wird, unterstellt, daß es in unserer schönen Republik jeder für normal hält, daß man mit den staatlich gesetzten Existenzbedingungen zurechtkommen muß. Daß diese Normalität auf Armut beruht, auf dem dauerhaften Ausschluß von Reichtum also, ohne den der Gang zur Arbeit nicht täglich aufs neue notwendig wäre, stört denjenigen nicht, der schon zufrieden ist, wenn man überhaupt zurechtkommen kann - welche Kunststücke man sich dafür auch immer einfallen lassen muß. Wirkliche Armut fängt für ihn erst dann an, wenn beim besten Willen das Zurechtkommen nicht mehr geht. Das gilt dann als "Extremfall", als Ausnahme, mit der die gewöhnliche Fretterei des Lohnarb eiterdaseins nichts zu tun hat. Diese kann man nämlich aushalten, also sind Zustände, die man nicht mehr durchsteht, auf keinen Fall einfach die Auswirkungen des täglichen Knochenhinhaltens gegen eine kümmerliche, keine Zukunftsabsicherung zulassende Entlohnung, sondern etwas ganz anderes: Not. So ist der Grund für die Elendsfälle, an denen sich die Vorweihnachtschristen das Herz erwärmen, glücklich um die Ecke gebracht, indem die Lohnarbeit und ihre Folgen nach dem Grad ihrer Aushaltbarkeit auseinanderdividiert werden. Not wird als Unglück angesehen, das einen Menschen grundlos trifft, als Folge des zufälligen Zusammentreffens vieler verschiedener widriger Umstände. Arbeitslosigkeit als Schicksal, die knappe Rente als zusätzliche erschwerte Bedingung, die zur Einsamkeit und den Depressionen dazukommt, der Tod des Mannes, die Scheidung der Tochter - all das taucht friedlich und gleichberechtigt nebeneinander auf. Ein Unterschied zwischen Ursache und Wirkung ist nicht erkennbar.

Im Kapitalismus gilt das Gesetz: Wer nicht arbeitet, obwohl kein anderer Erwerb für ihn vorgesehen ist, hat nichts zu essen. Das radikale Staatsbürgerbewußtsein verschärft dies zu der moralischen Losung: Wer nicht arbeitet, verdient nicht zu essen. Entsprechend hat der moderne Christenmensch in Sachen Mitleid so seine Ansprüche. Nicht jeder Fall von Armut regt sein Mitleid an. Ein "Dauerstudent" z.B., der sich mehr schlecht als recht mit Gelegenheitsarbeiten durchschlägt, oder ein Asylbewerber, den man als "Wirtschaftsflüchtling" "entlarvt" hat, wird, statt Mitleid zu erwecken, eher den Vorwurf zu hören bekommen, zum "arbeitsscheuen Gesindel" zu zählen. Man sieht also: Die Menschlichkeit richtet sich keineswegs bedauernd auf jedwede Not, sondern sie macht da ihre deutlichen Bedingungen: Mitleid verdient nur, wer nachweislich schuldlos in Not geraten ist. Die Lebensgeschichte eines Elendsopfers ist eigentlich erst dann wirklich rührend, wenn sie zeigt, daß sich hier einer den Brutalitäten, die der Kapitalismus für sein Arbeitermaterial so auf Lager hat, bis zum bitteren Ende unterworfen hat. Die weihnachtlichen Hilfsaktionen tragen dieser brutalen Bedingung christlichen Mitleids vorbildlich Rechnung, indem sie vorwiegend von Fällen berichten, bei denen die Betroffenen Höchstleistungen in Sachen Aushalten von Zwängen erbringen; z.B. in der "Frankfurter Rundschau":

"Auch die neue Arbeit nahm sie mit großer Energie wieder auf, packte zu, veränderte, was ihr nötig erschien. 'Ich hab' gearbeitet wie ein Mann; erzählt sie. Irgendwann hat aber dann der Körper nicht mehr mitgemacht."

Hier liegt eindeutig echtes Unglück vor. Weihnachtsseliger Drang zu helfen stellt sich ein, der sich in klingender Münze niederschlägt.

Dieser Griff zum Geldbeutel soll Hilfe sein? Wenn man das ernst nähme, üßte man schier verzweifeln. Das Almosen ändert ja nichts an den Ursachen der Not, sie bleibt nach seinem Verzehr genau dieselbe wie davor. So macht das gute Gewissen des weihnachtlichen Menschenfreunds meist schon beim Gang auf die Bank und beim Ausfüllen des Spendenformulars nicht mehr so recht froh. Die unchristliche Lauheit in Sachen Spendenlust während des sonstigen Kirchenjahres muß einem ja hier wohl oder übel einfallen - auch ein Punkt, an dem man merken könnte, daß Almosen die Not nicht verkleinern, sonst müßten sie nicht dauernd wieder gegeben werden. Statt sich ein schlechtes Gewissen zu machen und sich mit der Mutter Teresa zu vergleichen, die das gänze christliche Jahr hindurch mit der Betreuung kapitalistisch produzierter, weltweiter Leichen beschäftigt ist, sollte man hier eine kurze Denkpause einlegen: Sollte man wirklich die Herstellung der Not durch Staat und Kapital mit seinem eigenen schlechten Gewissen begleiten, damit diese um so ungenierter weitermachen können? Letztlich ergänzt man doch bloß die Opfer, zu denen andere gemacht worden sind, durch sein eigenes. Man sollte sich also nicht vormachen lassen, daß den "Armen" eigentlich nur unsere Hilfe abgeht, und sich gegen solch zynische Vorstellungen wie die folgende verwahren:

"Hilfe kann bereits ein Schritt im Gedränge sein, eine Geste, ein einfacher Satz, ein Zeichen, daß man den Mitmenschen sieht, nicht an ihm vorbeiblickt. Hilfe... bewirkt mehr als nur die Linderung der akuten Not. Sie nimmt auch jenes so verzweifelte Gefühl der völligen Verlassenheit..." (Süddeutsche Zeitung)

Kaltschnäuzig wird hier vorgeschlagen, man solle einer x-beliebigen Oma, die zu spüren kriegt, daß kein Bedarf nach ihr besteht, einfach so zum Spaß vormachen, sie würde doch noch gebraucht und geliebt werden (eine saubere Liebe, auf die man als Dank für Dienste Anspruch erhebt!).

Damit ist Hilfe auf ihren dürftigen Kern gebracht: Sie ist die geheuchelte Anerkennung des moralischen Werts des Hilfsbedürftigen.