AUCH EINE KRIEGSKRITIK: MENSCH, BESSERE DICH!

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Dieser Artikel ist in der MSZ 11-1983 erschienen.
Systematik: 

Der freie Geist
AUCH EINE KRIEGSKRITIK: MENSCH, BESSERE DICH!

Die Streitschrift des christdemokratischen Journalisten Franz Alt gegen die Kriegspolitik in West und Ost bringt uns in den Genuß einer "religiösen Argumentation gegen Atomrüstung." Diese hat so ihre Konsequenzen.

"Nachrüstung" ist bei Alt nicht die Ideologie der NATO, sondern eine Unsitte, die Jesus bereits in seiner Bergpredigt gegeißelt hat. Nicht so sehr die Kosten für die Menschheit stehen im Vordergrund des missionarischen Anliegens von Alt, das drohende Verhängnis eines großen Krieges abzuwenden; die Menschheit selbst (mitsamt ihren Staatsmännern und Militärs) findet sich hier mit ihrem Sündenregister vor dem obersten Richter ein. Aufrüstung und Atomwaffenstrategie, bekanntlich die beliebtesten Hobbys des kleinen Mannes, werden von Alt gerecht erklärt als Symbole maßloser Selbstüberschätzung des Menschen; beim III. Weltkrieg geht es nicht um Fragen der Weltherrschaft, sondern um den ebenso leichtfertigen wie ungläubigen, ja heidnischen Umgang mit der Schöpfung - "Der Bau atomarer Angriffswaffen ist Ausdruck modernen Heidentums" -; um praktizierten Nihilismus - "Atomkrieg ist gegen die Schöpfung und damit gegen den Schöpfer" (als hätte der nicht noch etliche Milchstraßen zum Spielen); die "heutige Politik plant das Ende allen Lebens, das schiere Nichts."

Und die Botschaft erst, mit der uns Alt erleuchten und aufwecken will: Nicht Haß auf jene, die mit dem Krieg kaltblütig kalkulieren, erscheint unserem religiösen Eiferer angebracht - wen wundert's. Alt will die Menschheit umdrehen, indem jeder Einzelne von uns mehr als bisher mit sich selbst ins Reine kommt, ausgeglichener, ruhiger, kurz: friedlicher wird. Er meint ganz ohne Spaß: Elend, Gewalt und Krieg können nur dadurch überwunden werden, daß jeder Mensch in sich geht und "das Böse" bei sich entdeckt. "Wer das Böse überall sucht, nur nicht in sich selbst, baut schließlich Atombomben, die er bei anderen natürlich verurteilt...". Das läßt sich nicht widerlegen - Alt predigt eben den Glauben.

Die Politiker und ihre Aufrüstungstaten stellt Alts Predigt mit keinen Widerspruch duldenden Worten auf den Prüfstand einen moralischen Prüfstand allerdings; und dies ist beileibe nicht dasselbe wie die Kritik falscher Vorstellungen und Illusionen, die Bürger sich über die Politik tatsächlich machen. Auch mit einer Abrechnung mit den Politikern hat es nichts zu schaffen, wenn Alt mit dem Gestus 'Ich aber sage Euch: Macht Euch nichts vor!' spricht: "Politiker, die den totalen Atomkrieg geplant und 'geprobt' haben, werden kaum davon abzuhalten sein, ihn auch zu führen, wenn sie sich und ihre Macht bedroht fühlen."

Ein "Argument", das von Verständnis überfließt! Es lautet im Klartext: 'Glaubt nicht dem Gerede der Politiker, daß sie alles tun werden, um einen Atomkrieg zu vermeiden. Denn ob sie wollen oder nicht, dazu sind sie gar nicht in der Lage. Wenn sie zu ihm gezwungen werden, werden sie ihn auch machen. Welcher Mensch läßt sich schon freiwillig erpressen? Politiker täuschen sich allenfalls in ihrem Vermögen einzulösen, was sie versprechen; die Politik hat nur gute Absichten, sonst aber nichts: Ihre Geschäfte gehen nicht auf.' - So lautet die Weisheit des Predigers Alt, die einem verdächtig bekannt vorkommt, nicht nur aus Gesprächen mit der weltkriegserfahrenen Großmutter. "Fast alle Politiker, die bisher Krieg geführt haben, waren für Frieden. Die meisten Kriege waren nicht gewollt, aber sie wurden trotzdem geführt."

Verständnis ist für Moralprediger aber noch lange nicht gleich Billigung, also bleibt es bei Alt nicht bei der Diagnose, daß der Frieden, den die Politiker der Menschheit versprechen, nur ein leeres Ideal sein kann. Er übt Kritik, indem er die Wahrheit auf den Kopf stellt, daß die Worte der Politiker allemal auch gleich Taten sind, schon weil sie Gewalt ausüben; ihre "Erklärungen" - siehe "Kriegserklärung" - schaffen Fakten, nicht Einsichten; umgekehrt tun sie also auch sehr wohl, was sie sagen, wenn sie Frieden ohne Gewaltanwendung für unvorstellbar befinden; Krieg ist niemals ihr Schicksal. Genau das Umgekehrte bescheinigt Prediger Alt der Politik: Er wirft ihr das Auseinanderfallen von Wort und Tat vor und prangert die Politiker mutig als Sünder vor dem Herrn an, weil diese partout keine Neigung zeigen, über das von ihnen an den Tag gelegte Mißverhältnis von Wort und Tat ein schlechtes Gewissen zu bekommen. "Die 'falschen Propheten' erkennt man an dem, was sie tun. 'An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.' Das heißt: Politiker, die nur vom Frieden reden, aber ständig Kriegsvorbereitungen treffen, werden niemals Frieden schaffen können. 'Jeder gute Baum bringt gute Früchte hervor, ein schlechter Baum aber schlechte.' Frieden fängt innen an, die Wurzeln sind entscheidend." Für diese Unmoral der Politiker läßt der Prediger keine Entschuldigung gelten, auch nicht den Hinweis auf den bösen Nachbarn, gegen den man sich wappnen müsse. Alts Richterspruch über's Nachrüsten fällt unwiderruflich aus - und etwas komisch zugleich, wenn er notorischen Aufrüstern wie Kohl und Wörner ausgerechnet mit der Drohung kommt, sie würden den Konsequenzen ihres Tuns nicht entgehen können. "Wer jetzt in Westeuropa noch mehr Raketen, Waffen und Bomben will, wird ernten, was er sät. Er wird mitschuldig. Daß die andere Seite auch schuld hat und sündigt, kann niemals die Rechtfertigung für eigene Schuld und Sünde sein." Gut gesprochen! Etwas wehmütig wird uns allerdings ums Herz ("Warum die Bergpredigt? Sie ist eine Chance zur Veränderung der Welt. Aber die Welt wird nur verändert durch eine Umkehr der Herzen."), da wir konstatieren müssen, daß Bruder Alt selbst eine doppelte Moral sein eigen nennt. Kaum hat er nämlich die Schlechtigkeit der Politiker in wohlgesetzten Worten gegeißelt, da nimmt er auch schon ihre komplette Ehrenrettung vor - Gott allein wird wohl den Grund dafür wissen. "Das Ziel des Kampfes gegen Atomrüstung ist nicht die Verurteilung der Politiker, sondern die Rettung der Welt. Es geht um einen Kampf für etwas. Politiker sind nicht Feinde in unserem Friedenskampf, sondern Konfliktpartner." Man sieht: So radikal sich der moralische Maßstab auch ausnehmen mag, bei dem die Nachrüster in aller Welt nicht die Spur einer Chance haben zu bestehen - wegen ihrer extra moralischen Verantwortlichkeit die Nachrüster des Westens schon gleich nicht -, so wenig hat das Bad der Bergpredigt, das den Reporter Alt nach eigenen Angaben so erfrischt hat, es doch vermocht, ihm die Staatsbürgertugend der bundesrepublikanischen Demokratie wegzuwaschen, die da lautet: Kein böses Wort über unsere Politiker; keine Kritik ohne ihre unbedingte Anerkennung und respektvolle Unterordnung! Diese trotz unbezweifelbarer Unbestechlichkeit verbliebene Unreinheit beim Bruder Alt darf man ihm allerdings nicht persönlich ankreiden - das bringt die "religiöse Argumentation" von Natur aus mit sich, daß die von ihr vorgeschlagene "Umkehr der Herzen" halbherzig bleiben muß, weil sie schon immer auf die Versöhnung mit dem Irdischen hinauslief. Der Friedensschluß mit der etablierten politischen Macht, der Alt all das verdankt, worüber er sich entsetzt zeigt, ist eben das höchste christliche Gebot.

Dank solchem Realismus inmitten allen moralischen Eiferertums bleibt der erweckte Prediger Alt wenigstens das praktische Rezept für die Friedensbewegung nicht schuldig: "Nachdem uns die Profis der Politik an den Abgrund geführt haben, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als vielstimmig zum gemeinsamen Rückzug zu blasen." Die Tuba bläst der Huber, und der Kohl bedient die Trompete...