ASBEST UND KEIN SCHWELLENWERT

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1981 erschienen.
Systematik: 

ASBEST UND KEIN SCHWELLENWERT

Die wissenschaftliche Befassung mit Asbest geht von dem Wissen um die Gefährlichkeit und von der ganz unwissenschaftlichen Selbstverständlichkeit aus, daß

"wegen seiner ausgezeichneten, oft multifaktoriellen Eigenschaft Asbest in vielen Bereichen nicht substituierbar"

ist.

Auf dieser soliden Wissenschaftsbasis stellt sich das Kernproblem, daß

"kein Schwellenwert für die Konzentration von Asbestfeinstaub angegeben werden kann, durch den das Tumorrisiko ausgeschlossen werden könnte" (Berg, 1981).

Die Wissenschaft schon am Ende, bevor sie angefangen hat? Gegen eine solche Schwarz-Weiß-Malerei, die mit der knappen Feststellung: Asbest verursacht bösartige Tumore! ihren Auftrag für beendet ansieht, ist in allen anderen bekannten Fällen von Gift, Strahlen und sonstigem bedrohlichen Zeug die Erfindung des "Schwellen- oder Grenzwertes" immer die adäquate, differenzierte Antwort gewesen. Mit einem solchen, irgendwie festgelegten Wert wird nämlich auch der bedrohlichste Stoff zu einer aushaltbaren Größe, wenn eben der Schwellenwert nicht überschritten wird. Diese amtlichen Werte haben dann auch in der Vergangenheit immer wieder zu den überraschenden Ergebnissen geführt, daß die Belastungsfähigkeit des Menschen doch jedesmal wesentlich höher lag als zunächst angenommen.

Für eine erfolgreiche wissenschaftliche Bewältigung des Asbestproblems ist es daher zuallererst einmal notwendig, den Zusammenhang zwischen aufgenommener Asbeststaubdosis und resultierender Häufigkeit bösartiger Tumore als

"eine Hypothese einer linearen Dosis-Häufigkeitsbeziehung ohne Schwellenwert"

zu deklarieren. Eine Hypothese schreit, das weiß jedes Erstsemester, nach einer Überprüfung, wobei das Ergebnis dieser Anstrengung von vornherein klargestellt wird:

"Kriterien an die Hand zu bekommen, aus denen sich eine Funktion aus Exposition, Schadstoffkonzentration und medizinischer Diagnose der Arbeitsperson herstellen läßt."

Die schwierige Untersuchung besteht folgerichtig in einem Forschungsprogramm, nach dem

"jedem staubexponierten Mitarbeiter eine Staubkarte zugeordnet wird, in der die Tätigkeit, die Staubbelastung, dle Art des Asbests und die Art der Schutzmaßnahmen eingetragen werden".

Auf die sicheren Ergebnisse braucht man nur noch zu warten, um dann die

"Werte der Staubkarte und den medizinischen Befund zusammenzufahren".

Wesentliche Voraussetzung dieser Wissenschaft im Dienste der Menschheit ist, daß die Asbestverarbeitung weiter läuft - wie sollte man sonst einen Schwellenwert finden können, wenn man nicht sieht, wieviele Leute krank werden und draufgehen. In dem unerschütterlichen Bewußtsein, einen Beitrag zur Humanisierung des Arbeitslebens geleistet zu haben, bietet man dem staatlichen Auftraggeber eine natürliche Zahl an. Wenn der Staat sie gesetzlich festschreibt, ist aus der tödlichen Arbeit mit Asbest ein kalkulierbares Risiko geworden - wissenschaftlich begründet und rechtlich abgesichert. Auch ethisch fundiert:

"Für uns alle ist allerdings ein Leben völlig frei von Risiken nicht vorstellbar und sind Kompromisse bei realistischer Betrachtungsweise oftmals unumgänglich."

Der Autor dieser schwellentheoretischen Grundeinsicht, namens Beck und aus Gießen, ist weder Politiker noch Philosoph, sondern Hygiene-Professor!