ARBEITSPLATZ: WEISSES HAUS, BERUF: PRÄSIDENT, NAME: RONALD REAGAN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 12-1983 erschienen.
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ARBEITSPLATZ: WEISSES HAUS, BERUF: PRÄSIDENT, NAME: RONALD REAGAN

Von wegen "ein Cowboy als Präsident": Dieser Job bringt es mit sich, daß sein Inhaber die Weltpolitik in der Art und Weise treibt, wie ein Sheriff sein Amt versieht. Er sortiert die Welt nach Gut und Böse und verfügt auch über einiges an Mitteln, Recht zu schaffen. Deswegen braucht Ronald Reagan auch nicht zu beweisen, daß er der beste Präsident für die USA ist. Er ist es schließlich geworden.

Der Arbeitsplatz

"Während Grant raschen Schritts auf das Oval Office zuging, war er sich der Spannung bewußt, die die Atmosphäre des Weißen Hauses bestimmte." (Alfred Coppel, The Dragon)

Der Präsident der Vereinigten Staaten wird von den Bürgern der USA für vier Jahre ins Weiße Haus entsandt, damit er für die Amerikaner tut, was er für notwendig hält. Das Amt vereinigt die Positionen des Staatsoberhaupts und des Regierungschafs in einer Person. Der "Chief Executive" ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte in Krieg und Frieden, ernennt die höchsten Richter des Landes und kann vom Kongreß nicht abgewählt werden. Durch die Techniken und Ideologien der Gewaltenteilung wird er nicht beschränkt. Daß alle Institutionen im arbeitsteiligen Herrschaftsapparat Hilfsmittel der Souveränität sind, ist in den USA so realisiert, daß sie alle vom Präsidenten abhängig sind und ihm zu arbeiten.

Für die Führung der Weltmacht eine durchaus geglückte Regelung: Die Konkurrenz um die Macht im eigenen Land wird so nie zum Hindernis für die Betätigung der US-Macht in der Welt. Die "schicksalhaften" Wirkungen und psychologischen Verstrickungen dieser "Machtkonzentration in einer Hand" liefern jedes Jahr in den USA Stoff für Politthriller, die an der Spitze der Bestsellerlisten rangieren. Gezeichnet wird in ihnen stereotyp das Bild eines von Verantwortung gebeugten Mannes, der tagaus tagein und oftmals noch zu nachtschlafender Zeit die Last der Entscheidung so selbstlos auf sich nimmt, daß man sich fragen muß, wieso sich überhaupt noch Anwärter auf diesen "einsamsten Job der Welt" finden lassen. Jederzeit muß der Mann im Weißen Haus Herr der Lage nach innen und außen bleiben.

Nicht nur 50 Bundesstaaten der eigenen Nation, auch die ganze Staatenwelt will im Griff behalten werden! Erleichtert wird dem Mann im Weißen Haus die Entscheidungslast durch den günstigen Umstand, daß der Globus zum größten Teil schon vor seinen jeweiligen Beschlüssen durch US-Präsenz für diese präpariert ist:

- Ökonomisch hat amerikanischer Kapital längst jeden noch so bescheidenen Rohstoffvorrat seiner aktuellen oder auch nur potentiellen Benutzung erschlossen, und so bekannte Namen wie Coca-Cola legen davon Zeugnis ab, daß der Markt für Waren made in USA mittlerweile auch die Chinesische Mauer überwunden hat.

- Militärisch sind US-Truppen weltweit in den schönsten Gegenden disloziert; um den Frieden zu sichern ("Peace is our profession"). Eingreiftruppen, sogenannte Task-Forces, stehen auf Abruf bereit, und Friedenstruppen, wenn sie wirklich effektiv für Ruhe sorgen sollen, kommen ohne US-Beteiligung nicht aus.

- Politisch ist die Welt ohnehin in Bündnispartner und/oder Freunde der USA aufgeteilt, so daß sich der Feind immer gleich und unmittelbar mit den USA konfrontiert sieht, wenn er irgendwo ihre Interessen stört oder auch nur stören könnte.

Und dann gibt es noch den CIA, der vorsorglich darüber wacht und den Präsidenten rechtzeitig informiert, wenn die "Lage" irgendwo außer Kontrolle geraten könnte. In manchen Fällen reicht auch schon die Tätigkeit dieser "Intelligence Agency", wieder für korrekte Verhältnisse zu sorgen, auf daß die Truppen zuhause bleiben können, die Politik nicht offiziell involviert wird und das Geschäft seinen geregelten Gang geht.

Die "größten Präsidenten" der USA waren allesamt Leute, die sich angesichts "komplizierter Lagen" zu Entscheidungen "durchgerungen "haben, die dafür sorgten, daß die USA zu den Herren der Welt wurden: Ungezählte Millionen Tote rangieren in amerikanischen Präsidentenbiographien als "mutige Entschlüsse" von Männern, die es sich nicht leicht und dafür vielen anderen sehr schwer gemacht haben:

- Lincolns Angriffsbefehl gegen die Konföderierten (Süd-) Staaten,

- Wilsons Eintritt in den 1. Weltkrieg,

- Trumans grünes Licht für die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki,

- Kennedys Entfesselung der "Kuba-Krise."

Und später einmal:

- Reagans Entschlossenheit...

Der Präsiderit der Vereinigten Staaten kann in jeden Teil des Erdballs (noch gibt es ein paar Ausnahmen, an denen gearbeitet wird) Truppen entsenden, und sein Amtseid schreibt ihm vor, daß er das auch muß, wenn er die "nationale Sicherheit" für gefährdet hält. Er kann sowohl Entwicklungshilfe für die "Dritte Welt" als auch Lebensmittelmarken für hungernde Amerikaner ebenso gut einführen wie streichen, und die von ihm vertretene Außen- und Innenpolitik der USA beweist die Notwendigkeit solcher Maßnahmen. Er kann auswärtige Regierungen einsetzen, unterstützen, unterminieren oder stürzen. Aus solchen Maßnahmen werden dann gleich Staatsdoktrinen der USA, die - meist nach US-Präsidenlen benannt - von der Welt verstanden und berücksichtigt werden als Recht der USA und als Pflicht ihres Präsidenten zum Handeln. Er kann schließlich auf den berühmten "roten Knopf" drücken, und die Freiheit auf der Welt verlangt, daß er sich dazu unter Umständen gezwungen sieht.

Der Job besteht in überhaupt nichts anderem als ausschließlich Alternativen der vorliegenden Art zu entdecken und sich zur Entscheidung vorlegen zu lassen. Und diesen Arbeitsplatz haben die USA geschaffen, weswegen er krisensicher ist, solange es diese Vereinigten Staaten von Amerika gibt. Es ist der Erfolg der USA auf den Schlachtfeldern der Welt und auf dem Weltmarkt, der garantiert, daß dieses Land nur mehr oder weniger erfolgreiche Präsidenten gehabt hat - zumindest, solange sie im Amt waren. Deshalb wird dieser Arbeitsplatz auch nie abgebaut, sondern höchstens ein neuer Inhaber gewählt. Wie bei jedem anderen Arbeitsplatz auch sind jedoch die Qualifikationen des Inhabers durch die Tätigkeit vorgegeben.

Der Beruf

"Die ganze Kunst des Regierens besteht in der Kunst, ehrlich zu sein." (Thomas Jefferson in: Great Thoughts of Great Americans)

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hat in der Regel kein Problem damit, daß er auch so redet, wie er handelt: Die Macht des Staatswesens, die ihm zur Verfügung gestellt wird, sorgt dafür, daß er wahrmachen kann, was er sich als notwendig denkt. Er kann tun, was er sagt, weil die USA gemäß seinen Entscheidungen jene Weltlage und ihre Veränderungen herstellen, auf die sie sich politisch beziehen. So ist der "Beweis" für sowjetische "Vorrüstung" die westliche "Nach"rüstung, und der CIA sorgt für den "Widerstand", der in Nicaragua die Existenz eines freiheitsfeindlichen Regimes belegt. Der Führer der Freien Welt muß überhaupt nichts vom "Sowjetsystem" begriffen haben, um Moskau zum "Zentrum des Bösen" auf der Welt nicht nur zu erklären, sondern die UdSSR auch entsprechend zu behandeln. Geuauso wenig muß er wissen, wie Geschäft und Gewalt in der Welt von Demokratie und Kapital funktionieren, um zu entscheiden, was dafür hinderlich und dafür förderlich ist. Der Glaube an die Durchschlagskraft des Kapitals und an die "Berufung Amerikas" versorgt seine Kompetenz mit den nötigen Richtlinien. Als Chef des "Landes der unbegrenzten Möglichkeiten" verfügt er über die nötigen Mittel, und wo sie nicht ausreichen, gibt er neue, bessere Mittel in Auftrag: z.B. Pershing und MIX. Dabei müssen die Mittel und Möglichkeiten der USA dem Präsidenten nicht einmal alle bekannt sein: Seine "Fähigkeit" bewährt sich in der Auswahl seiner Berater. Mit ihrem know-how der Macht erstellen sie seine Erfolgsbilanz. Rückschläge und ärgerliche Hindernisse führen zu Korrekturen, am Personal und in den Maßnahmen.

Die Kompetenz des Mannes für den Beruf testet die amerikanische Demokratie: Er muß es schaffen, als Präsidentschaftskandidat aufgestellt und gewählt zu werden. Dieses Kriterium für Qualifikation ist ebenso effektiv wie gerecht:

- Effektiv, weil ein Presidential Hopeful in seiner Kampagne leisten muß, was Mr. President später beherrschen muß: Die Auswahl der richtigen Freunde, die Beschaffung und den Einsatz der notwendigen Mittel für den Erfolg und die richtigen Entscheidungen im rechten Moment.

- Gerecht, weil sich zwar viele auserwählt fühlen mögen, aber nur einer gewählt wird. Das Volk hat das Recht, sich für die ihm mehrheitlich "vertrauenserweckendste, sympathischste usw." Persönlichkeit zu entscheiden, und damit auch die Pflicht, alle vier Jahre einen Präsidenten der USA an die Macht über sich und die Welt zu bringen.

Seinen Charakter als Garantie für den Erfolg von Politik den von ihr Betroffenen so nahe zu bringen, daß Begeisterung für die Gewalt in Ansehung der Person aufkommt - das ist die Lebensleistung eines demokratischen Staatsmanns. In den USA ist die Demokratie mit dem Erfolg des Staates zu einem so erfolgreichen politischen System geworden, daß ihre führenden Personen ausschließlich danach beurteilt werden, wie erfolgreich es ihnen gelingt, das zu inszenieren, was Karl Marx Charaktermaske genannt hat: die individuelle Ausgestaltung von Ausbeutung und Herrschaft, bei der der Charakter eins geworden ist mit der Sache, die er vertritt.

Ronald Reagan

"Ron hat eine stattliche Figur und ein ehrliches Gesicht. Er haßte die Rolle und im Film können Sie das bemerken." (Don Siegel über die Rolle Reagans im Film "Tod eines Killers".)

Der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika heißt Ronald Reagan. Und die in Europa gepflegte Kritik an ihm ähnelt der Ignoranz von Kritikern, die das schlechte Drehbuch dem Hauptdarsteller anlasten - mit einem entscheidenden Unterschied: Reagans Kritiker haben nichts gegen den Film, sie vermissen Qualität bei den Dreharbeiten! So kommen sie nie im Leben auf die Idee, sich einmal zu fragen, warum ein ehemaliger Schauspieler, der statt als "bad guy" im Kino zu wirken, einmal den Guten im wirklichen Leben spielen wollte, dies machen kann, ohne aus der Rolle zu fallen. Reagan ist ein "weltweit anerkannter Staatsmann", und die Wiederwahl durch das eigene Volk ist ihm so gut wie sicher. Von Dieter Hildebrandt im Fernsehen ("Ein Verrückter") bis zum "Spiegel" in einer ganzen Kalifornien-Serie entfachen "kritische" Intellektuelle einen negativen Personenkult um die Führungscharge der Weltmacht Nr. 1, als wäre die Figur, ausgerechnet, der Grund für die Politik der USA. Solche Stilkritik an der Person speist ein grenzenloser Respekt vor dem Amt, das man für unwürdig besetzt hält - und dabei fällt kein einziges richtiges Urteil, weder über die USA und die aktuelle Politik des Westens, die ihr Präsident führend vertritt, noch über den Präsidenten selbst. Da reibt man sich am "Cowboy" Reagan, am "Kalifornier" Reagan, am "Rechtsextremisten" Reagan - und das ist das Gegenteil einer Kritik daran,

- daß die USA keinen Tag vergehen lassen, an dem nicht irgendwo in Asien, Afrika und Lateinamerika der SU im Zuge irgendeiner "Friedensregelung" ein neuer Kriegsgrund vorgesetzt wird,

- daß die USA ihre weltweiten Waffenarsenale stündlich erweitern, nach der Maxime: so viel wie möglich in möglichst kurzer Zeit,

- daß die USA ihr eigenes Volk dafür einem "Sparprogramm" unterwerfen, das für eine Hungersnot in Detroit sorgt,

- daß das Programm der Freiheit den mit ihr Beglückten und vor kommunistischer Unfreiheit Geretteten Tod und Elend bringt.

Dies alles zählt ja zu den unabänderlichen "Sachzwängen" bzw. "Verstrickungen", in die sich die Pflicht von "Freiheits- und Friedenssicherung" weltweit begibt. Anstoß erregt lediglich ein Reagan-Spruch dazu, ein Widerspruch, der seiner Administration bei der Begründung einschlägiger Maßnahmen, Beispiel Grenada, unterläuft oder ein unnötiges Risiko in Sachen weltweite "Konfliktverschärfung", das der Mann im Weißen Hause "fahrlässig" eingehe.

Offenbar ist die Distanzierung von einem Mann, dessen Politik sich aus seinem Naturell ergeben soll, gerade das Richtige für Bündnisnationalisten. Die Übereinstimmung in der Sache, die sie den Werken ihrer eigenen Regierung, zumal der in Bonn, entnehmen könnten, läßt sich so bequem übergehen. Die "schlechten Wirkungen" freiheitlicher Politik werden auf das Sündenkonto eines Mächtigen geschrieben, dem es an Geist und Profil fehle - welch grandiose Entschuldigung demokratischer Weltpolitik!

Andererseits: Welch gelungenes Kompliment an all die europäischen Führungsfiguren, deren "Vernunft" und "Besonnenheit" diesen Kritikern des Manns im Weißen Haus offenbar nicht genug zum Zuge kommt. Denn soviel verrät die Geschmacks- und Stilkritik am Chef der USA durchaus: Hochachtung vor der gemeinsamen Aufgabe des Westens und der Führungsrolle der USA. Da wird dem Amt des US-Präsidenten doch glatt das Wohl der Menschheit ins Aufgabenbuch geschrieben, die Zuständigkeit dafür seinem Träger bescheinigt und der Mann an einer Idealvorstellung gelungener westlicher Weltpolitik gemessen. Kein Wunder, daß man daran die "Fähigkeiten" eines jeden amtierenden US-Präsidenten nach Belieben blamieren kann. Am Ende gilt ein Mann wie Reagan sogar als Gefahr für das System.

Welch eine Differenz zu demokratischen Betrachtungen über den Osten: Dort ist das System ein Fehler, und deshalb werden alle Generalsekretäre der KPdSU als Verkörperung einer untergehenden Politik und Ökonomie beschrieben, deren Verfall sich in den Spekulationen über den Gesundheitszustand Andropows symbolisch bebildern läßt.

So hat Ronald Reagan in der "kritischen Öffentlichkeit" der BRD (siehe "Spiegel") eine schlechtere Presse als Erich Honecker - und gerade so ist die "Systemfrage" eindeutig zugunsten der richtigen Seite entschieden.