ARBEITSPLATZ BUNDESWEHR ODER DER GANZ NORMALE MILITARISMUS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 12-1983 erschienen.
Systematik: 

ARBEITSPLATZ BUNDESWEHR ODER DER GANZ NORMALE MILITARISMUS

"Eine Armee aus dem Discount-Laden gibt es nicht! Es wird Geld kosten." (Bild am Sonntag)

Dann hat der Steuerzahler aber auch ein Recht zu erfahren, ob für sein Geld das Maximum an "Sicherheit" produziert wird.

Nach vorübergehenden Schreckensmeldungen über Gammlertum und Alkoholismus in den Kasernen und den darauffolgenden Klarstellungen, daß dies der Erfüllung der Arbeitsplatzanforderungen nur teilweise widerspricht bzw. Abhilfe geschaffen wird, nun die Mitteilung, daß der soziale Friede gerade an den qualifiziertesten Arbeitsplätzen ausgezeichnet funktioniert:

"Alle Flugzeugführer, die zur Zeit auf dem Tornado eingesetzt sind, sind von dem Flugzeug begeistert; sagte Luftwaffeninspekteur Eberhard Eimler."

Der technische Fortschritt wurde hier ganz in den Dienst der Sicherheit am Arbeitsplatz gestellt, denn endlich müssen die Flugzeugführer kaum mehr Abstürze in Friedenszeiten befürchten:

"Eine Krise wie seinerzeit Mitte der 60er Jahre beim Starfighter sei 'auf keinen Fall zu befürchten'."

Damit nicht genug - auch riskante Manöver werden ihnen durch ein neues Zusatzgerät erspart:

"Ein neuartiges System zur vollautomatischen Panzerabwehr aus der Luft hat MBB vorgestellt...

Für die Piloten bedeutet die Automatisierung nach den Worten des Führers des Experimentalflugzeuges eine 'wesentliche Erleichterung' und ein vermindertes Sicherheitsrisiko, da man zum Einsatz uon Bomben, Kanonen oder Raketen bisher gezwungen gewesen sei, die Maschine hochzuziehen und genau auf das Ziel auszurichten. Nun entfalle dieses umständliche Verfahren und damit die Gefahr, früher vom Radar der gegnerischen Flugabwehr entdeckt zu werden."

Das ganze läuft also auf eine Vereinfachung der Arbeit hinaus:

"Die unter den Tragflächen angebrachte Waffe sucht, erkennt und bekämpft 'Ziele' ohne menschliches Zutun."

Während die Arbeiter in den gewöhnlichen Fabriken der Republik regelmäßig die Erfahrung machen müssen, daß Vereinfachung der Arbeit durch neue Maschinerie ihre Handgriffe nur stumpfsinniger und keineswegs leichter macht oder den Arbeitsplatz gleich ganz beseitigt; hat man von Entlassungen bei der Bundeswehr noch nichts gehört; vielmehr sind die neuen Geräte ausschließlich dazu da, das Wohlbefinden der Piloten zu erhöhen, und sie ermöglichen ihnen, die leidige Ausschußrate zu senken:

"Ein Phantom-Jagdbomber erzielte mit der Anlage in einem Anflug mit drei Schussen drei Treffer auf drei verschiedene 'Ziele', die in einem Abstand von 50 Metern seitlich leicht versetzt von einer Überfluglinie aufgebaut worden waren."

Damit werden technische Mängel im Produktionsapparat "Sicherheit" aufgedeckt zunächst beim Feind, dann aber auch bei der eigenen Panzerwaffe, die ja ähnlichen Erfindungen des Feindes zu widerstehen hat:

"Die Übungsgeschosse schlugen von oben ein, also dort, wo Tanks wegen der geringen Oberflächenpanzerung am verwundbarsten sind."

So erhärtet die Bundeswehr schließlich den Lehrsatz, daß technischer Fortschritt und "Innovationskraft" die Stützen der internationalen Konkurrenzfähigkeit sind (die Funktionstüchtigkeit der Belegschaft vorausgesetzt):

"Luftwaffeninspektenr Eimler glaubt, daß wir mit diesem System (Tornado) wirklich an der Spitze der westlichen Luftwaffen marschieren'."

Der internationalen Konkurrenzfähigkeit ist freilich abträglich, daß Qualifikationen verschleudert werden. An bestimmten Arbeitsplätzen empfiehlt sich die Einführung von Leichtlohngruppen.

"Wehrbeanftragter Wilhelm Berkhan hielt dagegen Frauen in den Schreibstnben für eine Möglichkeit, männliche Soldaten für die Truppe freizumachen."

"In vielen Einheiten sehe ich knackige jnnge Unteroffiziere mit Sportabzeichen nnd schlankgewachsene Wehrpflichtige, die Wochen und Tage nichts anderes tun, als Karteikarten anszufüllen. Und ich frage mich, ob man das nicht auch mit einer zivilen Arbeitskraft tun kann?"

Das Phänomen der Arbeitsunfälle ist allerdings auch der Bundeswehr nicht unbekannt. Anläßlich des Granatenunglücks bei Münsingen wollte sich eine geschmäcklerische Kritik anmelden, ob wegen des "Show-Effekts" Zivilisten in Mitleidenschaft gezogen werden mußten - Soldaten müssen beim Üben wohl mal dran glauben, Zivilisten aber doch erst bei der wirklichen Show... Das Verteidigungsministerium wies darauf hin, daß o die Frage nach der Effizienz der Bundeswehr genau falsch gestellt ist. Man kann ihr doch unmöglich den Vorwurf machen, daß sie Betriebsbesichtigungen durchführt, die wiederum auf ihrem ausgesprochen demokratischen Selbstverständnis beruhen. König Kunde hat ein Recht, die Leistungsfähigkeit seines Sicherheitsproduktionsapparates zu kontrollieren - kleinere Pannen eingeschlossen:

"...werden anch zivile Gäste als Zuschauer eingeladen... Die Schießausbildung kostet den Stenerzahler viel Geld. Er hat daher ein Recht, sich von der Leistnngsfähigkeit der Trnppe ein eigenes Bild zu machen. Das tragische Schießunglück... darf uns nicht dazu verleiten, die Öffentlichkeit künftig von der Kontrolle der Einsatzbereitschaft der Trnppe auszuschließen."

Der kontrollierende Bürger weiß, daß er sich an eine vorgezogene Front begibt und ist wegen der Bedeutsamkeit seines demokratischen Auftrages auch bereit, Gefahren auf sich zu nehmen:

"Dies geschieht, weil von Seiten der Bürger immer wieder die Bitte vorgebracht wird, sich von der Ausbildung der Bnndeswehr und den Bedingungen des Wehrdienstes einen Eindruck verschaffen zu können. Diesen Bürgern Schaulust zu unterstellen, läßt auf eine geringe Sorgfalt in der Kommentierung schließen."

Wenn überhaupt, liegt ein Fehler beim Steuerzahler, der für die Bundeswehr nicht genügend leistet:

"Wegen dei begrenzten Übungsränme, Munitionsvorräte und Schießzeiten..."

Nachweis der Zitate:

Luftwaffeninspekteur: "Tornados haben sich hervorragend bewährt" (Süddeutsche Zeitung, 31.10.)

"Automatische Panzerabwehr aus der Luft" (Süddeutsche Zeitung, 3.11.)

Leserbrief des Leiters des Informations- und Pressestabs im Bundesministerium der Verteidigung, Oberst i. G.: Jürgen Reichardt (Bild am Sonntag, 9. und 30. Oktober.)