ARBEITSLOSIGKEIT STATT ARBEITSERLEICHTERUNG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 12-1983 erschienen.
Systematik: 

Eine zivilisatorische Errungenschaft des Kapitalismus
ARBEITSLOSIGKEIT STATT ARBEITSERLEICHTERUNG

Was gibt es besseres als Arbeitsautomaten? Wenn Maschinen den Menschen die Arbeit abnehmen: Was wäre dagegen einzuwenden? Statt zu schuften, schaut man den Apparaten bei der Herstellung nützlicher Güter zu und macht im übrigen mit den Produkten, was einem gefällt.

Jeder weiß, daß das in unserem besten aller möglichen Gesellschaftssysteme überhaupt nicht so ist. Durch Roboter mit Mikrochips im Leibe wird hier nicht den Leuten Arbeit abgenommen, sondern entlassenen Arbeitern ihr Lohn. Der maßgebliche Standpunkt ist der des Unternehmens, das Arbeitsautomaten und Beschäftigte nach ihren Kosten vergleicht: Anschaffungs- und Wartungskosten hier, Lohnkosten da. Ist die Maschinerie rentabler als die Lohnkosten, die sie erspart, dann wird sie angeschafft; und die überflüssigen Leute werden entlassen. Den Weiterbeschäftigten bleibt überhaupt nichts erspart - außer dem Anblick etlicher Kollegen; die Arbeit wird für sie allenfalls anders, nicht weniger. Denn wer noch Lohn bekommt, muß dafür nach wie vor so viel leisten, daß die Bezahlung seiner Arbeit sich für das Unternehmen lohnt. Umgekehrt bleibt den Entlassenen das Arbeiten gleich ganz erspart - um den Preis, daß ihr Einkommen entfällt: Darum war es ja gegangen, daß das Unternehmen die Kosten für ihre Entlohnung los wird. Ihr Lebensunterhalt ist wirtschaftlich überflüssig gemacht; sie sind zuviel.

Einige Jahrzehnte lang hat in der Bundesrepublik die Ideologie gegolten, "Vollbeschäftigung" sei ein erstrangiges wirtschaftliches und wirtschaftspolitisches Ziel, allgemein steigender Unternehmergewinn dafür das bestgeeignete Mittel. Diese Ideologie konnte sich darauf berufen, daß deutsche Unternehmer in ihren heimischen Fabriken und mit einheimischem, später sogar aus Europas Süden zugewandertem Menschenmaterial ihre Geschäfte gemacht und über den ganzen Globus ausgeweitet haben. Die BRD wurde Exportnation, und dafür "durften" alle ran. Inzwischen bestreiten bundesdeutsche Unternehmen längst ihr weltweites Geschäft nicht mehr bloß von bundesdeutschem Boden aus. Ihre Exporttüchtigkeit hat sie zu "Multis" gemacht - soweit sie das nicht von Anfang an waren -, die sämtliche Länder der Welt nach Standortvor- und -nachteilen durchgemustert haben und keine Chance auslassen, um ihren Konkurrenzkampf in jeder Hinsicht universal zu machen. Der historische Zufall, daß der Aufschwung des nationalen Kapitals der BRD mit der vollen Inanspruchnahme der nationalen Arbeitskraft - mit "Vollbeschäftigung" - zusammenfiel, ist vom Normalfall einer führenden Weltwirtschaftsmacht abgelöst. Der unter Benutzung sämtlicher Völker und Nationen geführte Kampf gegen die Lohnkosten schließt aas Brotlos-Machen ansehnlicher Teile der heimischen Arbeiterschaft als selbstverständliche Notwendigkeit mit ein. Die alte "Vollbeschäftigungs"-Ideologie überlebt nur noch in der lächerlichen Form eines haltlosen Vergleichs: 'Was wäre erst, wenn...? Die Einsparung von Arbeitsplätzen ist nötig, damit der Rest der Belegschaft auch sicher weiterbeschäftigt werden kann' - bis zur nächsten Entlassungsaktion... Der weltweite Konkurrenzkampf geht nämlich ohne Unterbrechung weiter, dafür ist die "Marktwirtschaft" ja da; und in dem gehören Massen von Lohnarbeitern ohne Lohn und Arbeit zur Regel.

Vom Arbeiterstandpunkt aus gesehen eine reichlich verkehrte Welt, diese unsere schöne "Marktwirtschaft". Die Leute hängen mit ihrem Lebensunterhalt vom Lohn für ihre Arbeit ab - Arbeit und Lohn sind aber gar nicht ihre Angelegenheit, sondern eines der Mittel, die ein Unternehmer anwendet - oder auch nicht, um sein Geschäft zu machen; konkurrenztüchtig gegen andere Firmen, die haargenau dasselbe tun. Eine saubere Gesellschaftsordnung, die die Arbeit als Geschäftsmittel der Unternehmer organisiert, damit zu einer dauerhaften Last für die Arbeiter macht - und eben deswegen müssen die Arbeiter der Arbeit hinterherlaufen, als wäre sie eine einzige Gunst und Gnade für sie, ausgerechnet weil ihnen kein anderes Mittel für den Lebensunterhalt offensteht. Eine gelungene Eipressung ist nichts dagegen!

Für deren Erfolg ist auf Seiten der Betroffenen allerdings doch noch eines nötig: daß sie sich die Erpressung mit dem "Arbeitsplatz" gefallen lassen; daß sie sich auf die "Erfordernisse" eines weltweit geführten Konkurrenzkampfes einstellen, anstatt die Erfordernisse eines anständigen Lebens dem entgegenzusetzen. Denn wehrlos sind die Lohnarbeiter nicht - solange das Kapital sie braucht. Und sobald sie anfangen, aus dem freien, geschäftstüchtigen Umgang der Unternehmen mit dem "Faktor Lohnarbeit" die richtigen Schlüsse zu ziehen.