ARBEITERVERTRETER MIT POLITIKERPHANTASIE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1984 erschienen.
Systematik: 

ARBEITERVERTRETER MIT POLITIKERPHANTASIE

Je weiter die Tarifrunde voranschreitet, um so schamloser taktieren die Führungsmannen von der IG Metall. Was im normalen Leben ein notorischer Lügner genannt wird, bei der Arbeiterinteressenvertretung ist das ein anerkannter Tarifstratege. Steinkühler z.B. und seine bayerischen Kollegen, die ihre ganze Phantasie darauf verwenden, so gekonnt wie die großen Politiker zu heucheln, zu taktieren und sich ins rechte Licht zu setzen.

Für die Mitglieder, da hat man immer ein paar radikale Sprüche bereit. Da zeigen Gewerkschaftsfunktionäre, daß ihnen die Lage der Arbeiter gut bekannt ist und daß sie genau wissen, was Unternehmer ihnen zumuten und künftig zumuten wollen. Nein, das machen Steinkühler und Co. nicht mit, in den Tarifnachrichten fürs Fußvolk jedenfalls, das lehnen sie entschieden ab:

- "Flexibilisierung" nämlich -

"Darunter verstehen die Arbeitgeber die Anpassung der Arbeitszeit je nach Arbeitsanfall im Betrieb. Also nichts anderes als Überstunden ohne Bezahlung und Kurzarbeit ohne Kurzarbeitsgeld."

- "Teilzeitarbeit" ebenso -

"Teilzeitarbeit... natürlich mit entsprechend weniger Verdienst. Wer kann sich das leisten?"

- "Vorruhestand" zum Billigtarif ebenfalls -

"...ob ein Arbeitnehmer es sich leisten kann vom 59. bis 63. Lebensjahr mit einem Vorruhestandsgeld, das nur wenig mehr ist als das Arbeitslosengeld, auszukommen. Später muß er sich zudem mit einer geringeren Rente begnügen."

Alles nur zu wahr! Und was folgt für Spitzenmänner der Arbeitervertretung daraus? Gegenwehr? Mayr bewahre! Zunächst folgt einmal, daß man eben das, was so untragbar ist, unter anderem Namen als Gewerkschaftsforderung auftischt: im Namen der Arbeitslosen und der Gesellschaft:

- Mehrarbeit ohne Mehrverdienst nämlich

"Die Mehrarbeit soll... jährlich 60 Stunden nicht überschreiten und durch Freizeit ausgeglichen werden." "Die Zuschlä'ge können ebenfalls durch Freizeitausgleich abgegolten werden."

Das nennt sich auf Gewerkschaftsdeutsch "Abbau von Überstunden" und nicht flexible Arbeitszeit, wie Untemehmer sie verstehen.

- Teilzeitarbeit und -lohn ebenso -

"Kein Tarifvertrag hindert schon jetzt die Arbeitgeber, Teilzeitarbeitsplätze anzubieten. Seit Jahren suchen über eine Viertelmillion Arbeitslose Teilzeitarbeitsplätze."

- Vorruhestand zum Billigtarif ebenfalls -

"Denn für die Gewerkschaften, die sich die Verkürzung der Lebensarbeitszeit aktuell zum Ziel gesetzt haben, wäre der Durchbruch zu einer akzeptablen... Vorruhestandsregelung ein Erfolg, der auf längere Frist allen Arbeitnehmern zugute käme."

Auf Gewerkschaftsdeutsch heißt das also: Keine Konkurrenz zwischen IG Metall und IG Chemie.

Damit noch nicht genug. Im Namen der Volkswirtschaft und des sozialen Friedens wird dann auch noch öffentlich das Angebot an die Unternehmer unterbreitet, über alle Wünsche mit sich reden zu lassen:

"SPIEGEL: Flexiblere Arbeitszeiten sind kein Tabu?

STEINKÜHLER: Nein, durchaus nicht, es gibt ja jetzt schon flexible Arbeitszeiten, auch Samstagsarbeit - das alles waren und sind. keine Tabus. über all diese Dinge kann auch geredet werden, aber zunächst muß das Tabu der 40-Stunden-Woche fallen."

Eigene Wünsche hat man dagegen keine ernsthaften. Weder was die 35-Stunden-Woche betrifft:

"SPIEGEL: Die 40-Stunden-Woche muß aufjeden Fall weg?

STEINKÜHLER: Ja, das ist unuerzichtbar.

SPIEGEL: Heißt das: Bei einer Verkürzung unter 40 Stunden beginnt Ihre Kompromißbereitschaft?

STEINKÜHLER: Das werde ich Ihnen jetzt nicht sagen. Das wird sich am Verhandlungstisch heraustellen." -

Noch in bezug auf den Lohnausgleich: Steinkühler und Vorstandsmitglied Janßen als eingespieltes Doppel bei der Öffentlichkeitsarbeit:

"SPIEGEL: Lassen Sie über den Lohnausgleich mit sich reden?

STElNKüHLER: Wir reden über Metallarbeiter mit 1740 Mark netto, die drei Jahre Reallohnverlust hinter sich haben. Weiterer Lohnverzicht ist da unmöglich."

Janßen betont

"die Bereitschaft der IG Metall, die dadurch entstehenden Kosten in der Lohn- und Gehaltsrunde zu berücksichtigen. 'Wir wissen', sagte er wörtlich, 'daß wir jede Mark nur einmal verteilen können'."

Auf Gewerkschaftsdeutsch heißt das "Kampf für die 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich". Und dieser pfäffische Tarifexperte seiner Gewerkschaft geht noch einen Schritt weiter in der Selbstlosigkeit, die er seinem Fußvolk an der Basis verordnet:

"Statt nun aber die Arbeitslosen die Suppe allein auslöffeln zu lassen, muß die gesamte Arbeiterschaft aus Solidarität dieses Paket mittragen, wobei neben allem Rechenhaften auch nicht quantifizierbare Vorteile winken, nämlich mehr Freizeit für angenehmere Tätigkeiten."

Davon stimmt nur eins, nämlich daß in dieser famosen Welt das Arbeitervolk (mit oder ohne "Arbeitsplatz") exklusiv das ganze Päckchen zu tragen hat und seine Gewerkschaft nach Kräften beim Schnüren mithilft.