ARAFAT IN TRIPOLIS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 12-1983 erschienen.

ARAFAT IN TRIPOLIS

Kriegsbilder aus Tripoli, der Hafenstadt im Norden des Libanon, kann man seit Tagen fast täglich im Fernsehen und in Zeitungen genießen.

Verstümmelte Kinder und Panzer in voller Aktion geben anschaulich Zeugnis von einer Schlächterei, die hierzulande als reichlich verrückter "Bruderkrieg der Palästinenser" gehandelt wird. "Den PLO-Chef Arafat ereilt - gerechterweise - das Schicksal, das er anderen bereiten wollte" - in diese Richtung gehen die gemeinsten und populärsten Kommentare.

Wirklich nichts als ein "unsinniger Bruderkrieg"?

Was auch immer Arafat und seine Widersacher gegeneinander auszufechten haben: Ihr Kampf wäre rasch zu Ende, gäbe es kein übergeordnetes Interesse an ihrem Streit; keine Nutznießer, die die verfeindeten Parteien mit Waffen ausstatten und darauf achten, daß bei der ganzen Schießerei ihre Pläne gefördert werden.

Auf die eine maßgebliche Seite wird tatsächlich mit viel geheuchelter Empörung immer wieder hingedeutet: "Die Syrer" hätten sich eingemischt, um die PLO unter ihre Kontrolle zu bringen. Haben sie auch; und ihr Interesse geht unmißverständlich auf stärkere militärische und politische Positionen im Nordlibanon. Nur: Warum Syrien ein solches Vorgehen gerade jetzt für nötig hält, das kommt in den entsprechenden Vorwürfen weit weniger zur Sprache.

Vielleicht deswegen, weil auch das irgendwie auf der Hand liegt. Ganz zu Recht nehmen die Syrer es ernst, wenn der amerikanische Präsident sie als Unruhestifter anklagt und für jeden toten US-Soldaten, egal wer den umgelegt hat, den syrischen "Terroristen" Vergeltung androht. Eine ganze, etliche tausend Mann starke NATO-"Friedenstruppe" bereitet alles dafür vor, demnächst von einem konsolidierten Vasallenstaat "zuhilfe gerufen" zu werden, um mit entsprechender Verstärkung die Machtpositionen Syriens, des letzten sowjetischen Partners in der Region, beiseite zu räumen. Eine ganze US-Flotte ist unterwegs, um entsprechende Erfolge absolut sicherzustellen. Für den Ernstfall steht Israel mit seiner Militärmacht bereit. Deswegen und dagegen sucht die syrische Armee ihre Bastionen zu verstärken - Arafats PLO-Kämpfer sind die ersten Opfer.

Und dienen prompt wieder dem Westen als moralischer Rechtstitel dafür, sein Eingreifen schneller und härter voranzutreiben. Schon ist von einer "Friedenstruppe", ähnlich der in Beirut, für Tripoli die Rede. Wirklich eine gelungene Konzeption: Man setzt den Gegner unter militärischen Druck; und wenn der militärisch reagiert, gibt es neue Anlässe und Gegenden zum "Friedenstiften". Insofern sterben auch die tripolitanischen und Arafats Waffengefährten für die Sache der Freiheit. Sie brauchen davon noch nicht einmal den Schimmer einer Ahnung zu haben.