ANWAR AS-SADAT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1980 erschienen.
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ANWAR AS-SADAT

"Der Welt bedeutendster Friedensstifter, der einnehmendste Staatsmann der Welt, die telegenste Persönlichkeit auf der Weltbühne" (Spiegel 7/1978), übernahm am 15. Oktober 1970 die arabische Republik am Nil, deren Haupteinnahmequelle, eine Wasserstraße zwischen dem Mittelmeer und dem Indischen Ozean, ungenutzt versandete, und deren einzige Ölquellen vom damaligen Hauptfeind Israel ausgebeutet wurden, der einen Teil des nationalen Territoriums besetzt hielt. Kein leichtes Erbe, das Nasser, Begründer des "arabiachen Sozialismus", seinem Kampfgefährten aus der "Vereinigung der Freien Offiziere", die 1952 den König von Englands Gnaden, einen kleinen Dicken namens Faruk I., gestürzt und die Republik ausgerufen hatten, hinterließ.

Sadat schlug sich schon in jungen Jahren auf die richtige Seite: Mit 20 bereits Offizier der britischen Kolonialarmee, lernte er früh, die Weltpolitik nach passenden Bündnispartnern zu sondieren:

"Die Weltereignisse entwickelten sich zu unseren Gunsten. Die Armeen Hitlers stürmten durch Europa, und unerwartet schnell wurde die Position der Engländer an allen Fronten schwächer." (Memoiren, in Spiegel 12-19/1978)

Die "Weltereignisse" entwickelten sich dann bekanntlich anders. Sadat schlug abwechselnd Hungeraufstände der Nilbauern gegen England nieder bzw. stellte sich die Frage, ob

"das Erschießen einiger britischer Soldaten die richtige Methode war, um Ägypten zu befreien,"

wurde dieses Gewissenskonflikts durch den Abzug der Engländer enthoben und schloß sich der Verschwörung des Obersten Nasser an, der ihn allerdings bei der Postenverteilung nach dem Putsch übers Ohr haute, obwohl

"in den frühen Tagen der Revolution Anwar-as-Sadat der einzige Revolutionsführer war, der der Öffentlichkeit bekannt war."

Die Jahre der nasseristischen Blockfreiheitspolitik mit starker Anlehnung an die Sowjetunion muß Sadat als Vizepräsident in der inneren Emigration verbracht haben, weil er mit tiefer Besorgnis das

"Aufreißen einer Kluft zwischen Ägypten und den USA"

beobachtete und sich schon damals mit der

"Erweckung antisowjetischer Gefühle"

befaßte.

Nach seinem Machtantritt schloß der Mann, der von sich sagte:

"Ich bin bereit, gegen Israel bis zum Ende der Welt zu kämpfen, nicht aber gegen Amerika." (Spiegel 42/1974),

erst einmal einen "Freundschaftsvertrag" mit der Sowjetunion, appellierte gleichzeitig an die USA, auf Israel Druck bezüglich einer Räumung der besetzten Gebiete auszuüben und setzte als flankierende Maßnahme mehr als die Hälfte des "Obersten Exekutivkomitees der arabischen sozialistischen Union" hinter Gitter, weil er in ihnen lauter "Sowjetagenten" entlarvt hatte.

Nachdem Israel sich weigerte, dem Rodgers Plan des damaligen US-Präsidenten Nixon zuzustimmen, der eine "Räumung besetzter Gebiete" gegen die arabische Anerkennung des Judenstaates vorsah, warf er seine von der Sowietunion aufgerüsteten Truppen in den Jom-Kippur-Krieg, demonstrierte den USA, daß der Zionismus in der Region einen militärisch ernst zu nehmenden Konkurrenten bekommen hat, wies die Russen kurz nach dem "Sieg" aus dem Land und offeriertc Ägypten als zweiten Brückenkopf in der Region gegen eine Räumung des Sinai, mindestens aber eine Wiederinbetriebnahme des Suezkanals. Die abwartende Haltung der USA, die erst mal sehen wollten, wie weit Sadat gehen würde, veranlaßte ihn zur

"größten Tat, der am wenigsten erwarteten, der phantasiereichsten, hoffnungsvollsten und kühnsten",

zu seiner Reise nach Jerusalem mit Küßchen für Begin, Golda Meir und Moshe Dayan. The Rest is History.

Während diesem Friedensstifter über die Leichen von 600.000 Ägyptern und für den wohlfeilen Preis der Palästinenser -

"Ihre nationalen Rechte sind das Blut des ägyptischen Volkes wert." (Sadat) -

seitens der westlichen Menschheit der Nobelpreis zuteil wurde - allerdings noch nicht allzuviele von den erhofften Dollars-, beschimpfen ihn seine "arabischen Brüder" als eine "Kreatur des Imperialismus", die die "arabische Sache" verraten und verkauft habe. Dabei hat Anwar-as-Sadat in dem "Weltereignis" imperialistischer Regelung des Nah-Ost-Konflikts nur die Optionen wahrgenommen, die ein arabischer Staatsmann in ihnen besitzt.

Die Ägypter selbst, durften ihn unlängst per Akklamation zu ihrem "Präsidenten auf Lebenszeit" machen, und die außenpolitischen Erfolge ihres "Größten Sohnes" bieten den Anlaß für Masseninszenierungen, bei denen das Volk dem großen Anwar trotz eskalierendem Massenelend bei jeder seiner Heimkünfte von Camp David oder Tel Aviv gleich dreimal zujubeln kann, in Alexandria, Kairo und Gizeh, wo sich dieser Nachfahre der Pharaonen einen Landsitz erbauen ließ. So kann man also zum Friedensstifter werden, indem man seine Untertanen in den Krieg schickt, ein einnehmender Staatsmann, wenn man die Konditionen des Imperialismus ohne Bedingungen annimmt, und die Telegenität stellt sich von selbst ein, wenn man nur oft genug mit dem US-Präsidenten und sogar mal mit Franz Beckenbauer auf dem Bildschirm erscheint und bei alledem

"ein Ägypter (bleibt), dessen Leben aufs innirste mit dem Leben seines Landes verbunden ist."

Klar, ohne "Weltereignisse", die da unten Ägypten eingerichtet haben, wäre Anwar-as-Sadat nicht einmal ins Fernsehen gekommen, und mit dem Lauf der Ereignisse schwindet seine Telegenität zusehends, was wiederum nicht an ihm liegt.