ANTWORTEN AUF GEWÖHNLICHE UNVERSCHÄMTHEITEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1980 erschienen.
Systematik: 

Öffentliche Bürgermeinung
ANTWORTEN AUF GEWÖHNLICHE UNVERSCHÄMTHEITEN

Die Wochenendausgabe der "Süddeutschen Zeitung" vom 10./11.1. veröffentlichte zwei Leserbriefe, die wir nicht ohne Antwort durchgeben lassen wollen.

Ängste vor der Kernkraft

"Unter der Überschrift 'Weisheit oder sträflicher Leichtsinn?' gibt Herr Professor Dr. Robert Jungk in seinem Leserbrief in der SZ Nr. 94 seine Meinung zur Kernkrafttechnik wieder. Ich möchte einige Überlegungen daran knüpfen,

'Das Grundrecht eines Menschen' umfaßt vieles. Auch das Recht auf Irrtum gehört dazu. Es denken nur wenige daran, kaum einer beruft sich darauf. Nun gehöre ich als KWU-Angestellter nach Professor Jungks Meinung zum Kreis 'unausreichend informierter Spezialisten (und) Manager', die 'aus ihrem viel zu engen Fach- und Interessenhorizont heraus entscheiden'. Ich möchte auf die naheliegende Frage verzichten, was Herrn Professor Jungk eigentlich in den Stand versetzt zu verkünden, daß sich 'in Wahrheit die langfristigen Machtansprüche weniger mit den von Ihnen aufwendig propagierten Arbeitsplatzängsten künftiger Opfer verbinden'.

Vielmehr möchte ich die Frage stellen, wie es denn sonst mit dem Machtanspruch weniger steht, zum Beispiel dem kleinen Kreis jener, die das Instrumentarium und die Macht haben, über das Fernsehen ihre Darstellung der Dinge zu verbreiten, wobei die Aufbereitung von Meinung und Fakten entscheidend das Bewußtsein des Konsumenten beeinflußt. Und wie steht es mit den - auch von wenigen - aufwendig propagierten Ängsten vor dem Atomstaat, der atomaren Verseuchung etc.? Ist das Überleben der Menschheit durch den Bau von Kernkraftwerken mehr gefährdet als durch den Verzicht auf die friedliche Nutzung dieser Energiequelle? Gewiß, ich kann mich irren, wenn ich glaube, gute Gründe zu haben, meine Meinung zu vertreten. Aber auch Herr Professor Jungk kann sich irren. Den Anspruch auf Wahrheit hat keiner für sich gepachtet."

R. Christian

Lieber R. Christian,

es ist uns ja ziemlich egal, was der Herr Jungk Ihnen geschrieben hat, aber wieso kommen eigentlich Sie darauf; als KWU-Angestellter mit dem Leib - und Magenspruch der bürgerlichen Wissenschaft um sich zu werfen "Den Anspruch auf Wahrheit hat keiner gepachtet"? Ist Ihnen eigentlich nicht aufgefallen, daß dieses dumme Gewäsch direkt an Ihrem Arbeitsplatz schon längst widerlegt ist? Während Sie sich in einer hochintelligenten Debatte mit Herrn Jungk die Freiheit offenhalten wollen, daß man von Ihrem Job so oder so denken darf, hat der Staat doch schon längst festgelegt, daß es Kernkraftwerke gibt - "gute Gründe" hin oder her. Ist Ihnen eigentlich noch nicht aufgefallen, daß dieser Spruch zur Durchsetzung staatlich festgelegter, ganz und gar eindeutiger "Wahrheiten" gehört wie die Faust auf's Auge? Also machen Sie weiter in Ihrem Kraftwerk - und denken Sie sich einfach mal was Richtiges. "Verpachtet" ist die Wahrheit wirklich nicht, also kann sie sich jeder aneignen. Auf daß Sie mit dem Störfall fertigwerden

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Da werden Menschen zu Hyänen

"Wenn auch nur als kleine Angestellte, in der Prellbock-Position einer Telephonistin, so habe ich in den Tagen am 24./25. April die ganze Wut Tausender Stromloser gleich in der ersten Reaktion voll zu spüren bekommen. Es war nicht nur schrecklich, sondern auch aufschlußreich. Wenn das Verhalten der 'Menschen' in diesen drei Tagen Stromausfall ein Maßstab dafür ist, wie sie sich verändern und in Ausnahmesituationen benehmen, dann bleibt nur der Schluß, daß sich bei der nächstschlimmeren Katastrophe alle untereinander den Schädel einschlagen.

Es spielt für die meisten Menschen keine Rolle, was, wie und warum etwas eingetreten ist, es spielt auch keine Rolle, daß Tausende mit ihnen dasselbe Schicksal teilen, wichtig ist nur, daß 'kein' Licht brennt, daß 'meine' Heizung funktioniert und daß 'meine Tiefkühltruhe voll ist und furiktioniert' und daß 'meine' Kinder zu essen haben. Gott bewahre uns vor einem Krieg. Nicht die Bomben werden wir zu fürchten haben, sondern unseren lieben Nächsten."

Silvi Schubert

Liebe Silvi Schubert,

wieso kommen Sie eigentlich darauf, den Prellbock zum Gärtner zu machen, sprich: den anderen Leuten Vorschriften machen zu wollen, was sie bei einem Stromausfall zu denken haben? Bilden Sie sich doch bloß nicht ein, Sie müßten - bloß weil Sie bei der Post angestellt sind - die Menschen als "Menschen" bezeichnen. Wenn letztere sich darüber sehr zu Recht ärgern, daß ihnen ihr Zeug in der Tiefkühltruhe vergammelt und sich fragen, was der Staat eigentlich mit den teuren Stromgebühren anfängt bzw. warum er die Stromversorgung nicht sichern kann (oder meinen Sie tatsächlich, das wäre ein Problem, das sich technisch nicht lösen ließe?), dann heißt das doch noch lange nicht, daß sich "alle untereinander den Schädel einschlagen". Außerdem kann es einem doch wirklich schnurzpiepegal sein, ob das Ärgernis noch vielen anderen gleichzeitig widerfahren ist - davon wird es doch nicht weniger ärgerlich, oder?

Für den von Ihnen befürchteten Kriegsfall möchten wir Sie auf folgendes hinweisen: 1. wird Sie keinesfalls der liebe Gott davor bewahren; und 2. ist der Witz an einem Krieg doch wohl, daß man sich vor seinem Nächsten fürchten soll - der ist nämlich von seinem jeweiligen Staat dazu aufgefordert, möglichst viel Bomben auf seine Nächsten zu schmeißen. Ob er einen hinterher noch den Schädel einschlägt, kann da wirklich scheißegal sein. Auch an Sie - wie an Herrn R. Christian - eine Aufforderung: nehmen Sie doch die Tatsache, daß Ihnen Ihr Job Unannehmlichkeiten bereitet (hat man nicht Sie zum "Prellbock" gemacht?), nicht noch zum Anlaß, den Job und Ihren Brötchengeber mit allerlei staatsbürgerlichem Gefasel hochzuhalten. Nutzen Sie doch lieber den Job aus, mal kostenlos bei uns anzurufen.

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