ANTWORTEN AUF BRENNENDE FRAGEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1983 erschienen.

Nobelpreisträger zur Wirtschaftskrise
ANTWORTEN AUF BRENNENDE FRAGEN

Die Zeitung "U.S. News und World Report" befragte sechs amerikanische Nobelpreisträger, wie denn die Krise zu überwinden sei. Dies verschafft uns Aufklärung über brennende Fragen der Ökonomie der Neuzeit.

Muß die Geldmenge steigen oder fallen?

Sowohl (Friedman, Samuelson, Stilger, Klein, Arrow, Tobin) als auch (Friedman, Samuelson, Stilger, Klein, Arrow, Tobin).

Was ist Inflation?

Sie ist weder ein "Krebs, den man auf einen Schlag loswerden muß" (sonst frißt er einen auf), noch "die Blattern, die man durchstehen muß" (dann ist man immun) - sie ist vielmehr ein Gewichtsproblem: "Tatsächlich ist die Kontrolle der Inflation dasselbe wie Gewichtskontrolle - eine Aufgabe, die niemals beendet ist". (Samuelson)

Was stört das Gleichgewicht?

Zu hohe Steuern (Friedman, Stilger). Zu niedrige Steuern (Samuelson, Klein).

Die Regierung:

"An der amerikanischen Wirtschaft ist nichts faul, was nicht eine Dosis guten Regierens heilen könnte. Damit meine ich eine Dosis weniger Regierens." (Friedman)

Die Leute:

"Die menschliche Rasse hat mehrere Millionen Jahre überlebt, ohne Regeln des Regiertwerdens zu brauchen. Jetzt wollen wir plötzlich so viele davon." ( Stilger)

Ist die Depression eine Depression oder ein Aufschwung?

"Ja, ich sage Depression." (Arrow)

"Wir starten an einem sehr tiefen Punkt. Wir stecken in einer weltweiten Depression." (Tobin)

"Der Aufschwung hat begonnen, oder wird es bald." (Friedman)

"Der Rest des Jahrhunderts stimmt mich nicht pessimistisch. Aber wir kriegen sicherlich nicht die Wachstumsraten der 50-er und 60-er Jahre." (Samuelson)

"Wir haben eine weinerliche Wirtschaft. Das Wachstum wird um einen vollen Prozentpunkt niedriger sein als in den 50-er und 60-er Jahren... Kluge Regierungspolitik wird uns ein optimistischeres Scenario vermitteln. Es gibt keinen Grund, warum die 80-er und 90-er Jahre nicht eine Wiederholung der 50-er und 60-er Jahre sein sollten." (Klein)

Wie kommt wieder Wachstum zustande?

"Das Beste, sowohl für unsere absteigenden, wie auch unsere neu entstehenden Industrien, wäre wirtschaftliches Wachstum. So krank wie unsere Wirtschaft ist, erwarte ich die Erholung zuversichtlich für 1984." (Arrow)

"Gesundes Wachstum ist das beste Aufputschmittel für die amerikanische Industrie." (alle, laut Mitteilung des Einleitungstextes)

Auf welchen Prozentsatz darf die Arbeitslosigkeit auf keinen Fall steigen?

Von 10,8 auf 11,5% (Samuelson)

Was sind wir?

LangsameF, gebrechlicher, weniger anpassungsfähig. (Stilger)

Was brauchen wir?

Einen stabilen Geschäftsrahmen. (Stilger)

Was noch?

Bessere Balance. (Klein)

Welche Medizin sollten wir nicht einnehmen?

Die falsche Medizin. (Tobin)

Ist die amerikanische Zentralbank ein schlechter Autofahrer?

Will man dem ADAC glauben, ja. Denn gleiten spart Benzin.

"Die Zentralbank (Fed) wird gezwungen sein, scharf auf die Bremse zu treten, wie sie es wiederholt in den letzten drei Jahren getan hat: Sie fällt von einem Extrem ins andere." (Friedman)

Trägt die Zentralbank die richtigen Kleider?

Ja:

"Die Fed hat die Zwangsjacke abgeworfen." (Samuelson)

Gibt es Kommunisten in Amerika?

Ja:

"Eine Zielvorstellung, die auf eine Inflationsrate von Null Prozent hinauswill, widerspiegelt einen ideologisch-doktrinären Verfolgungswahn." (Samuelson)

Was ist Präsident Reagan nicht - das aber gut?

"Kürzlich gab ich Präsident Reagans Wirtschaftspolitik die Note 'ungenügend'. Aber wir führen Präsidenten nicht als Schüler der Volkswirtschaftslehre; wir müssen sie als Politiker begreifen, die tausend Zwängen ausgesetzt sind und nur über ein sehr zerbrechliches Kommando über die Ereignisse verfügen. Auf dieser Grundlage würde ich der jetzigen Politik Reagans die Note 'gut' geben." (Stilger)

Fazit:

Es sind sich also alle einig, daß ihrem geballten Sachverstand die Zeitläufte nicht widerstehen werden können: Es muß etwas geschehen und es wird etwas geschehen. Ebenso ist sich jeder einzelne sicher, daß er in seiner Analyse gar nicht schief liegen kann: Entweder macht der Präsident, was man ihm vorschlägt, oder auch nicht; dann funktioniert es, oder auch nicht. Dann hat die Theorie entweder recht gehabt - oder der Präsident hat sich der falschen bedient, oder er hat die richtige falsch angewendet. Auf jeden Fall kann dann jeder wieder Noten zwischen 'sehr gut'und 'ungenügend' verteilen, womit die Wissenschaft ihrer Aufgabe nachgekommen wäre.