ANTISEMITISMUS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1986 erschienen.

Ein heißer Renner im deutschen Laden für politische Kultur
ANTISEMITISMUS

Ein Gespenst geht um in Deutschland-West, und alle guten Deutschen fahnden nach ihm. Es heißt Antisemitismus, und wie bei allen Geistergeschichten scheiden sich die Zeitgenossen in zwei rivalisierende Lager. Die einen wollen das Gespenst gesehen haben, die anderen nicht. Diese anderen stellen sich stur und behaupten, es gäbe den Spuk ja gar nicht. Das macht wiederum die einen schwer betroffen, denn sie haben schließlich einen bösen Geist gesehen, vor dem sie nicht heftig genug warnen können. So legen sie einen Zahn Verantwortung zu und zeihen die Zweifler eines unverantwortlichen Leichtsinns, der dem Gespenst in die Hände arbeite. Denn das eben wäre die Lebens- und Wachstumsbedingung des Antisemitismus, daß ihn so wenige sehen mögen. So könne er sich bequem breit machen, und wie das ausgeht, hat man ja gesehen.

Damit ist das Programm fertig - für

Ein nationales Rührstück

Es handelt in sämtlichen Akten davon, wie "wir" uns an der Befolgung des kategorischen Imperativs zu schaffen machen, der da gebietet, "aus Auschwitz zu lernen". Die Besetzung ist kein Problem, weil so ein Volk eine beachtliche Laienspielgruppe abgibt. Es ist sogar mit dem Vorzug ausgestattet, daß es durch seine gesellschaftliche Gliederung eine natürliche Rollenverteilung aufweist. Die dramatis personae beherrschen zudem ihre Rollen sehr gut, weil das Stück schon seit der Gründung der BRD auf dem Spielplan steht. Die Neuinszenierung 1986 wurde fällig, als zwei C-Politiker Äußerungen taten, die den Juden gewisse moralische Defekte zuschreiben; hinzu kam die Präsentation eines anderen Theaterstücks, in dem es von einem reichen, aber nicht ganz ehrlichen Juden wimmelt.

Im 1. Akt geloben alle, nichts für Antisemitismus übrig zu haben. Selbst die, die ihn angesichts der erwähnten Entgleisungen der Saison nicht am Werk sehen, beteuern laut, daß sie im Falle einschlägiger Entdeckungen schwer was dagegen hätten. Die moralischen Aktivisten dagegen warnen sich und andere dumm und dämlich davor, die Vergangenheit in Vergessenheit geraten zu lassen. Auschwitz und die Namen anderer Konzentrationslager kommen immer wieder als Kürzel dafür vor, wo es hinführt, wenn wir den Antisemitismus übersehen. Dichter und Denker verlangen "Trauerarbeit", manche von ihnen stellen Behauptungen des Typs auf: "Nach Auschwitz kann man nicht mehr..." - dichten, Cello spielen, philosophieren etc. Diese Angeber widerlegen sich gewöhnlich durch ihre hauptberufliche Tätigkeit selber. Manche Teilnehmer der Debatte geraten in den Verdacht, durch ihre frühere Tätigkeit unglaubwürdig zu sein. Ihre Entschuldigung nimmt das Grundthema wieder auf: Sie hätten von der Judenvernichtung nichts gemerkt, weil sie an der Front oder in einem anderen Amt mit ihrer Karriere befaßt gewesen seien. Einigen von ihnen kann bewiesen werden, daß sie as gewußt haben müssen, weil sie beteiligt gewesen sind. Sie wechseln mit Schimpf und Schande das Amt, und sie tragen damit zur optimistischen Grundstimmung bei: Schließlich sind sich alle darin einig, daß die Bundesrepublik kein Drittes Reich nicht ist. Die Debatte zeugt von Wachsamkeit und Besserung eines ganzen Volkes. Der amtierende Bundespräsident faßt in einer Jubiläumsrede das gute Gewissen zusammen, das sich aus dem ausgiebig breitgetretenen schlechten Gewissen zu formen beginnt.

Der 2. Akt verzeichnet einen jähen Rückschlag. Gewisse ältere Herrschaften, deren Ruf unter der öffentlich-rechtlichen Vergangenheitsbewältigung leidet, sind die Sache leid. Sie halten eine Fortsetzung für übertrieben und ungerecht, und sie sagen es auch mit dem ihnen eigentümlichen Charme, der stets mit einem guten Gewissen einhergeht: Die hätten es leicht, historische Wühlarbeit zu betreiben, die nicht dabei waren. Zumindest sollten die Jüngeren die "Gnade der späten Geburt" schätzen; die hat es ihnen nämlich erspart, die Schwierigkeiten des Mitmachens auf sich zu nehmen. Mit diesem Entlastungsangriff, dem auch Kanzler und Präsident ihre Anerkennung nicht versagen, geraten sie aber an die Richtigen. "Was? Vergessen ?" - "Kommt nicht in die Tüte!", erbost sich das ZK der Juden in Deutschland. Die israelische Kultusgemeinde wird putzmunter, zumal sie sich ideell um eine stattliche Anzahl deutscher Bürger vermehrt, die gerade von einem Holocaust-Film wahnsinnig betroffen sind. Das sitzt. Der Präsident spricht ein schöngeistiges Machtwort - "Wir dürfen und können und wollen und sollen nicht vergessen...", im Fernsehen wird der Holocaust-Film von lauter selbstzerknirschten Schwachköpfen beredet - "Wir sind sprachlos" -, und beim fälligen Israel-Besuch reut den Kanzler und den Kanzlerkandidaten die deutsche Geschichte. Außer einigen Waffengeschäften werden auch noch Kränze hingelegt, während in der alten Reichshauptstadt ein "Zentrum für Antisemitismus-Forschung" die Ernsthaftigkeit des guten Gewissens unterstreicht. Ganz nebenbei kommt über diese Institution ans Licht, daß bislang offenbar überhaupt noch nicht bekannt ist, wie Antisemitismus geht und warum es ihn gibt. Das macht aber den streitenden Parteien gar nichts aus, denn die haben viel zu tun mit der "Verantwortung für die Folgen der Geschichte.

Im 3. Akt erfahren die guten Deutschen, die meinen, mit ihren blendenden Beziehungen zum Staate Israel und ihrem Erinnerungswachhaltungstheater genug der Reue absolviert zu haben, daß sie schief gewickelt sind. Die Initiative geht von noch besseren Deutschen sowie den im Lande organisierten Juden aus. Der Maßstab, den sie an die deutsche Politik anlegen, ist ja offiziell anerkannt worden. Man darf und soll schließlich in diesem Lande verlangen, daß es samt seinen Insassen die Juden respektiert und sich darin wohltuend von seinem Rechtsvorgänger unterscheidet. Dieser Maßstab ist sehr streng, weil er auf jeden anderen Gesichtspunkt verzichtet mit dem man deutsche Politik und Wirtschaftskunst gewöhnlich zu kritisieren pflegt. Seine Anwälte treten als Prüfer der deutschen Szene auf - einer Szene, in der die Distanzierung von den Judenmorden zu Inbegriff der "Faschismuskritik" geworden ist. Und was müssen sie feststellen, die Einpunkt-Saubermänner? Wieder ein alter Nazi immer noch im Amt! Noch eine Hakenkreuz-Schmiererei! Und die lockeren Sprüche von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens! Schließlich kulturelle Entgleisungen wie das Theaterstück mit der falschen Figur! Also schleudern sie ihre trotzigen Parolen denen entgegen, die der Buße genug getan zu haben glauben: "Wehret den Anfängen; sonst geht's wieder los!" Vehement stehen sie zu der Auffassung, daß ein Staat wegen der Duldung antisemitischer Vorurteile schließlich beim Pogrom landet. Das zwingt die Verantwortlichen zum Handeln, und sie machen ein Gesetz gegen die "Auschwitz-Lüge". Die nazistischen Wehrsportgruppen werden kontrolliert und strafrechtlich hergenommen, die entgleisten Beamten werden versetzt und Gerstenmaier wird beerdigt. So haben die bloß guten Deutschen mit ihrem neuen Staat wieder die Initiative an sich gerissen, und alles ist wieder gegen Antisemitismus. Betont wird die Einheit durch noble Gesten von prominenten Deutschen: Sie erzählen bei jeder publikumswirksamen Behandlung der Judenfrage, bei ihnen in der Familie wären schon seinerzeit jede Menge Juden vor dem Zugriff der Nazis versteckt worden. Widerstand muß damals schwer in gewesen sein, bis in die höchsten Sprossen der faschistischen Karriereleiter.

Von diesem Geist der Versöhnung ist der 4. Akt getragen. Außer den Semiten sind jetzt - noch so gut wie alle Deutschen Antiantisemiten. Da sie und das Berliner Institut immer noch nicht wissen, wie so eine Sorte Rassismus geht, halten sie das Ganze nach psychologischer Beratung für ein irrationales Vorurteil mit bösen Folgen. Damit sich die Vergangenheit auch in Zukunft nicht wiederholt, beschließen sie, ihre Differenzen bezüglich gesehen/nicht gesehen hintanzustellen. Statt dessen wenden sie sich der vorbeugenden Impfung der Jugend gegen das Vorurteil zu. Dabei kommt es zu einem Dementi des schlechten Juden, dem nur eines zu entnehmen ist: die Logik des Rassismus. Das acht aber keiner Partei was aus, weil ein positiver Rassismus halt eine feine Sache ist. Wenn an den Gebrechen deutscher Geschichte laborierende Köpfe vermelden, soundsoviele Juden wären Soldaten gewesen, gute sogar, mit Auszeichnungen und für Deutschland gefallen, sind alle Beteiligten des Stückes heilfroh. "Jetzt ist das Verbrechen Hitlers und anderer Deutscher aufgedeckt, weil der Dienst von Juden in deutschen Uniformen für die deutsche Sache sein Vorurteil widerlegt!" freut sich Galinski im Gespräch mit seinem Schwager Goldstücker. Und ein Rabbi, der gerade des Weges kommt, kennt alle deutschen Professoren, die Juden waren. Was die Juden der deutschen Kultur alles gegeben haben, weiß er auch - und nur ein zufällig vorübergehender Marxist, der weder über Juden noch über Deutschland Vorurteile hat, wundert sich: "Was ist denn eigentlich daran sympathisch, für Deutschland zu kämpfen, zu fallen oder zu studieren?" murmelt er in seine Flugblätter. Sie handeln von den neuen Sicherheitsgesetzen, von Ausbeutung und Imperialismus - des neuen Deutschland. Auch dessen aktueller Rassismus und seine Auslese kommen vor. Und die Frage, warum es so wenig Anti-Antikommunisten gibt, obwohl doch das Reich mit seinen braven Mitmachern, innen wie außen, nicht schlecht aufgeräumt hat mit Kommunisten...

Beim Anblick dieser Flugblätter fällt es den Fanatikern der Judenfrage wie Schuppen aus den Augen: Wieder einer jener Unbelehrbaren, die das Lernen aus dei Geschichte nicht können; die nicht einmal wissen, wo man die "Kontinuität der Geschichte" hochhalten muß, die deutsche Nation mit Rechten versieht - und wo man sich von Hitler distanziert! Bei den Bolschewiste lag er doch richtig!

Der 5. Akt beschäftigt die Akteure mit der Erarbeitung des letztlichen Ergebnisses jenes Lernens, das aus der Geschichte kommt. Der obligate Philosemitismus wird in öffentlichen Diskussionen mit Zweiflern an der Lektion inthronisiert. Diese schöne Idee, daß man als Deutscher die Juden achten und ehren soll, hat ebenso wenig wie der Antisemitismus etwas mit Rasse, biologisch gesehen, zu tun. Sie kommt auch in unserem Stück richtigerweise mit dem Spruch: "Die sind klasse, die Israelis!" daher - und von lauter Leuten, von denen man anderes erwartet. Zumindest, wenn man sich nicht in Rassismus auskennt.

Um drastische Nachhilfe in Richtung "konstruktiver und zeitgemäßer Rassismus" zu erzielen, bemüht unser Stück die Teichoskopie. Ein Mauerschauer namens Springer unterhält sich mit seinem Kollegen Spiegel. Sie blicken nach Israel, wo das jahrhundertelang geschundene und auserwählte Volk inzwischen einen gelobten Staat unterhält. Sie sehen etwas Krieg, den Israel mit großer Bravour erledigt. Wie der Blitz fährt das kleine, aber tapfere Volk zu Auswärtsspielen - und haut dort Land und Leute kurz und klein. So wird das kleine Land immer größer, mit der Erweiterung seiner Grenzen wachsen auch die Gefahren; es gibt viel zu tun, im Kibbuz und in Wehrdörfern, beim Siedeln und Verteidigen. Zumal ein anderes, in der Gegend verstreutes Volk unverständlicherweise versucht, sich gegen die vorbildlichen Taten der endlich verstaatlichten Juden zu wehren. Aber nach dem Bericht unserer Mauerschauer schiebt sich da nichts, Israel hat Freunde und von denen Waffen und Geld genug, die nationale Gesinnung stimmt obendrein.

Das alles rührt die deutsche Szene zum Erbarmen. "Geht in Ordnung und ist Recht" lautet eine erste, zurückhaltende Meinung. Dem pflichtet ein ansonsten eher antisemitisch gestimmter Deutscher bei, weil "Blitzkrieg" und "kurzer Prozeß" mit dem Gesindel auch in Bagdad, Entebbe und anderswo. Ein Linker besinnt sich darauf, daß er weniger links als deutscher Antifaschist war und ist. Ihm leuchtet es sofort ein, da er einer geschichtlichen Erblast zufolge Juden gar nicht kritisieren darf. Wenn sich die als nationale Mannschaft benehmen wie die radikalsten Teams zu ihren Blütezeiten, dann heißt's dreimal überlegen. Für die nötige Sensibilität ist ein Mensch zur Stelle, der als linker, deutscher Jude zum Kronzeugen taugt: Während Deutsche schwere Schuld auf sich geladen haben, liegt das Lebensrecht da hinten ganz auf der Seite Israels; licence to kill gehört dazu, wofür sonst soll das gute Volk über Jahrhunderte weg gelitten haben... Schließlich endet das Stück damit, daß ein anderer deutscher Linker von einer Reise ins gelobte Land zurückkommt und vor der israelischen Kultusgemeinde einen Vortrag über den prima Sozialismus hält, den er im Kibbuz, in Wehrdörfern und an der Klagemauer am Sabbat erleben durfte...

Eine Alternative zu diesem Theater?

Die gibt es schon. Aber sie eignet sich nicht für das Theater.

Weder für das von deutschen Nationalisten, die mit einem billigen Geständnis in der Judenfrage das Programm des neuen deutschen Staates hochleben lassen. Worin dieses Programm besteht, erscheint ihnen unerheblich angesichts dessen, daß ein Judenpogrom nicht vorgesehen ist. Deshalb sind sie auch auf diesen nervtötenden Vergleich mit der faschistischen Herrschaft so scharf, den sie Gott und der Welt als Kritik am Faschismus verkaufen.

Noch für das Theater von Leuten, die keinen Satz zustandebringe, ohne "ich als Jude" zu denken. Auch diese Zeitgenossen haben kein Interesse zu prüfen, was die Republik daheim und auswärts im Rahmen ihrer ökonomischen und militärischen Allianzen so anrichtet. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht, mit dem inzwischen der Staat Israel auf Lebensrecht macht. Denn was "unser besonderes Verhältnis zu Israel" anbetrifft, so sind sie sich sicher, daß da eine weltpolitische Buße-Aktion vorliegt. Damit liegen sie voll auf der Linie der Selbstdarstellung, die zwei Staaten ihrer Rolle in einer flotten imperialistischen Arbeitsteilung verpaßt haben. Und sie sehen zielstrebig vom alten und neuen Feindbild ab, das diese wunderbaren Staatswesen exekutieren - die Opfer sind ja diesmal andere, oder? Handelseinig werden sich die beiden Fraktionen allemal - die einen sind begeistert von den schauspielerischen Gesten, mit denen sie ihrer Politik einen guten Geschmack andichten. Die anderen entnehmen diesem Stil das Recht auf eine Anerkennung zumindest im Bereich von Stilfragen. Nur wenn sie dabei übertreiben und immer noch Zeichen von Sühne und Vergangenheitsbewältigung verlangen, wo deutsche Politik mit ihrer handfesten Gegenwart und Zukunft zu tun hat, fallen sie dem einen oder anderen Macher auf die Nerven. Dann wird auch einmal deren stilistische Selbstzensur locker und einer läßt sich mit einem bösen Wort vernehmen, das ein Jude einfach nicht als Kompliment mißverstehen kann.

Dabei wäre die Alternative so einfach. Man braucht nur einmal die Pflege der Staatsmoral zu lassen und zu klären, warum das Dritte Reich die Juden verfolgt hat. Welche Maßstäbe einen Staat und seine elenden Mitmacher dazu bewogen haben, diesen Rassismus zu praktizieren. Und schon wird eine Besonderheit des Nazi-Staates alles andere als ein guter Grund dafür, seine Prinzipien zu übersehen, wenn sie von ein paar demokratischen Herrschaften weltweit praktiziert werden:

Gerechtigkeit oder: Der faschistische Staat vollzieht seine Auslese über Rassismus, Holocaust

Am Kriegsprogramm und den für es zu erbringenden Leistungen, die der Führer ganz gerecht von jedem Stand nach seinen Möglichkeiten forderte, wurde das Volk gemessen. Sämtliche "wirren Ansichten" und "Wahnsinnstaten" des NS-Staates, die von humanitären Bestaunern des Dritten Reiches so gerne gesammelt und dokumentiert werden, um mit der Empörung über derartige "Unmenschlichkeiten" ein bißchen Freude zu stiften über die Menschlichkeit der demokratischen Alternative, verdanken sich diesem Prinzip. Es ging um die banale Be- und Verurteilung sämtlicher Zeitgenossen gemäß der Antwort auf die alles entscheidende Frage: Wer ist bereit, bei diesem Staatsprogramm mitzumachen? Mit der Bereitschaft war erst einmal der Wille gefragt. Wer sich nicht positiv zu seinem Lebens- und Kampfauftrag stellte, zog sich den Verdacht der maßgeblichen Instanzen zu, ein Feind zu sein. So hatte jedermann den Beweis anzutreten, daß er dem Volk angehört, dessen Erhaltung die definierte Aufgabe des Staates war; denn als Anwalt von Interessen, womöglich gar wirtschaftlicher und die Volksgemeinschaft entzweiender Anliegen haben sich der Führer und die Seinen nicht verstehen wollen. Der politische Wille der Untertanen hatte sich als das Merkmal ihrer politischen Natur zu erweisen.

Andererseits wollten die Nazis die Führer eines großen, zu seiner Erhaltung berechtigten und fähigen Volkes sein, mochten also dem Augenschein eines "verwirtschafteten", "verweichlichten", "verwahrlosten", der meisten Tugenden baren Volkes nicht ohne weiteres trauen. Ging nicht vieles, was ihnen an der moralischen Verfassung ihrer Zeitgenossen, an den Sünden sämtlicher Stände mißfiel, auf das Konto der Tatsache, daß denen schon seit längerer Zeit die richtige Führung gefehlt hatte? Wer sich zu der Mission entschließt, Millionen dahin zu bringen, den richtigen Werten zu reben, sie zur Erringung des ihnen gemäßen "höchsten Menschentums" anzuleiten, "geistige Führung" (nicht Kohl, sondern Hitler, MK, 482) zu üben, und dabei dauernd behauptet, der Volksgemeinschaft zu ihrem Glück zu verhelfen, der kann nicht an der Tauglichkeit der für den Kampf vorgesehenen Massen leichtsinnig zweifeln. Eine gewissenhafte Auslese tut not, eine Überprüfung, ob die politische Natur der Geführten der gar nicht völkischen Umwelt stattgehabter Staatszerrüttung zu verdanken ist oder auf Anlage beruht, also nur ihrer Natur entspringt. Der Rassismus der Nazis ist schließlich keine unglaubwürdige, durch irgendeinen biologischen Beweis je abgestützte Irrlehre, sondern eine sehr glaubwürdige staatsmoralische Auffassung von Tauglichkeit bzw. Untauglichkeit des Menschen für ein Staatsprogramm. Der Übergang von der schlechten Meinung über Individuen, Familien, Sipp- und Völkerschaften, die den an sie gerichteten Ansprüchen nicht entsprechen, zu dem Befund, sie seien so, ist übrigens amerikanischen Christen wie persischen Moslems, aber auch deutschen Demokraten genauso geläufig wie einst dem Gröfaz. Daß er als Führer des Deutschen Reiches mit dieser blutigen Ideologie ernst gemacht hat, hat ihm den Ruf eingebracht, kein respektabler Staatsmann gewesen zu sein. Zu Lebzeiten war er allerdings einer, wie andere auch, die gelegentlich Tausende und Millionen dafür bestrafen, daß sie einen falschen Herrn haben, also Feinde sind.

"Der Jude"

ist den Nationalsozialisten überall unangenehm aufgefallen. In jeder Abteilung der von ihnen übernommenen kapitalistischen Gesellschft konnten sie Leute ausfindig machen, die sich am Ideal der Volksgemeinschaft, dem Nutzen des Staates vergangen haben. Agenten des gemeinschaftszersetzenden Klassenkampfs, des materiellen Egoismus fanden sich in den Reihen der Besitzenden, wo sie auf Kosten der völkischen Schaffenskraft spekulierten, den verantwortlichen Gebrauch des Eigentums behinderten, eine Zinsknechtschaft ins Leben riefen, welche es den nationalen Arbeitgebern verwehrte, ihrem Auftrag - Brot und Arbeit - nachzukommen. Darunter hat die Nation, eben die Volksgemeinschaft gelitten und die Vorsehung beauftragt, einen Führer ins Amt zu winken, der dem kosmopolitischen Gebrauch des Geldes, un-deutschen Kapitalisten also, Einhalt geboten hat. Undeutsch und dennoch in Deutschland zugange, das hieß, Anwälte einer fremden Nation und Mitglieder eines fremden Volkes mitten unter uns; nicht bei sich tätig, da gar nicht willens, eine eigene Nation zu schaffen; nicht einmal fähig dazu, weil längst als Parasiten eingehaust bei fremden Völkern zu deren Schaden.

In den Reihen der Arbeitenden ließen sich ebenfalls Leute entdecken, die es auf die Leistung für die Gemeinschaft, welche diesem Stand zukommt, überhaupt nicht abgesehen hatten. Als Gegner des Dienstes armer, ehrbarer, für die Nation aber unentbehrlicher Leute haben sie freilich keine Sympathie für die Schaffenden, die ihnen umgekehrt auch kein Wohlwollen zuteil werden lassen - es sei denn, die Schaffenden werden von der Parasitenabteilung I daran gehindert, für die Nation schaffen zu dürfen. Dann müssen sie nämlich für die Arbeit nicht nur leben, sondern auch um sie kämpfen; und diesen Kampf ums Brot mißbrauchen un-deutsche, der Nation nicht zugetane und zugehörige Volksfremde zur Stärkung ihrer internationalen Macht wider die Gesundung der Nation. Daß auf diese Gesundung von den verantwortlichen Politikern nicht besser geachtet wurde, erlaubt angesichts solch ungeheuerlicher Umtriebe nur einen (Be-)Schluß: Die Verwaltung des Staates ist selbst unterwandert - von Juden, denen an der Pflege "wehrhafter Demokratien" weniger liegt, um so mehr an pazifistischer Aufweichung.

Internationales Geschäft und internationaler Klassenkampf, Bolschewismus und Wertpapierhandel sind dingfest gemacht als Schädlinge der Nation; vermeintliche wie tatsächliche Wirkungen ihres Treibens werden Individuen nicht nur zur Last gelegt; die einmal ermittelte negative Wirkung ihrer Taten wird zum unausweichlichen Resultat einer natürlichen Eigenschaft der Urheber erklärt. Der wie auch immer durchgeführte Nachweis für die Zugehörigkeit zu einem Volkscharakter war ein vollzogener Schuldbeweis. Blut steht contra Nation, die ihre Rasse verteidigt und weiß, was sie zu tun hat. In diese Falle ist über die Untauglichkeit für den nationalen Auftrag durch den Stammbaum entschieden, der Beweis praktischer Gegnerschaft zum Staat des Volkes überflüssig. Das hat viele Juden das Leben gekostet, obgleich sie auf Widerstand gegen die neuen Herren gar nicht verfallen sind.

PS:

Daß diese Erklärung zu einfach ist, stimmt nicht. Auch wenn der scharfsinnige Einwand durch die Lande geistert, Antisemitismus hätte es doch auch schon vor Kapitalismus und Hitler gegeben. Diese Überlegung bildet den Auftakt zur Behauptung, daß tiefere und "allgemeinere" Gründe vorliegen müssen, wenn auf Juden losgegangen wird. Leider können wir diesem Übergang zur welthistorischen Motivsuche, die allemal beim "Menschen" und seiner Irrationalität landet, nicht zustimmen. Sollen die Denker ihre Bedenken doch dadurch ausräumen, daß sie klären, vor welchen Maßstäben und herrschaftlichen Ansprüchen sich die Juden in Altertum und Mittelalter unbeliebt gemacht haben. Vielleicht kriegen sie sogar raus, was religiöse Überzeugungen schon damals mit Lebensrechts- und -raumansprüchen in der Welt, bei Herr und Knecht zu tun hatten!