ANGESTELLTES PROLETARIAT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1981 erschienen.
Systematik: 

Angestelltenrationalisierung
ANGESTELLTES PROLETARIAT

"Der kommerzielle Arbeiter produziert nicht direkt Mehrwert. Aber der Preis seiner Arbeit ist durch den Wert seiner Arbeitskraft, also deren Produktionskosten, bestimmt, während die Ausübung dieser Arbeitskraft, als eine Anspannung, Kraftäußerung und Abnutzung, wie bei jedem anderen Lohnarbeiter, keineswegs durch den Wert seiner Arbeitskraft begrenzt ist. Sein Lohn steht daher in keinem notwendigen Verhältnis zur Masse des Profits, die er dem Kapitalisten reatisieren hilft. Was er dem Kapitalisten einbringt und was er ihm kostet, sind zwei verschiedene Größen. Er bringt ihm ein, nicht indem er direkt Mehrwert schafft, aber indem er Kosten der Realisierung des Mehrwerts vermindern hilft, soweit er, zum Teil unbezahlte, Arbeit verrichtet. Dor eigentliche kommerzielle Arbeiter gehört zu der besser bezahlten Klasse von Lohnarbeitern, zu denen, deren Arbeit geschickte Arbeit ist, über der Durchschnittsarbeit steht. Indes hat der Lohn die Tendenz zu fallen, selbst im Verhältnis zur Durchschnittsarbeit, im Fortschritt der kapitalistischen Produktionsweise." (K. Marx, Das Kapital Bd. 3, S. 311)

Da sage noch einer, Karl Marx habe von den Angestellten keine Ahnung gehabt! Der Vorwurf, die Existenz von Angestellten und deren Charakteristika seien ihm nicht hinreichend bekannt gewesen, gehört zum Standardrepertoire linker wie rechter Marxinterpreten und -widerleger. Freilich: er hat seine Einsichten über den im Kapitalismus herrschenden Klassengegensatz dieser Sorte Lohnarbeiter wegen nicht für "fortentwicklungs-", "revisions-" oder durch ein den Gegensatz in tausend kleine Unterschiede verwandelndes Schichtenmodell ersetzungsbedürftig befunden. Solche Bemühungen hat er offenbar für Käse gehalten und stattdessen den Büroangestellten schlicht ein paar klassenmäßig-ökonomische Bestimmungen verpaßt. Und Recht hat er damit: Es ist schließlich das Kapital, das sich dieser Leute bedient! Der Reichtum, der in der Produktion hervorgebracht wird, will zu Profit gemacht sein, und dieser verlangt Leute, die mit spitzem Bleistift rechnen, die Buchhaltung führen, für den Vertrieb sorgen oder einfach einen Geschäftsbrief tippen können. Und daß ihre materiellen Belange in einem ebenso unguten Verhältnis zu den Gewinnen stehen wie die der Proleten, ist ja auch kein Geheimnis. Mehrwert produzieren sie nicht, die Büroarbeiter, was eben nicht heißt, daß sie für den Profit nicht sehr nützlich wären - und der ist es ja gerade. Naturgemäß hat die BWL ein ausgesprochen realistisches Verhältnis zu dem "Kostenfaktor Angestellte": als Bestandteil der "Gemeinkosten" sind sie - im Unterschied zu den "Einzelkosten" der produktiven Arbeiter - "einem bestimmten Kostenträger nicht direkt zurechenbar, sondern entstehen für den ganzen Betrieb". Dies ist allerdings alles andere als ein Grund, ihnen die Frage vorzuenthalten, ob nicht dieselbe Arbeit von weniger Leuten geleistet werden kann, und auf diese Weise das Verhältnis Kosten/Nutzen bzw. Gehalt/Leistung zugunsten des "ganzen Betriebes" zu verändern. (Die Unternehmensberatungsfirma McKinsey macht mit der radikalen Praktizierung dieser Wahrheit als "Gemeinkostenwertanalyse" in deutschen Großunternehmen seit Jahren ein schönes Geschäft.)

Ist also die Existenz von Angestellten und ihre relativ wachsende Zahl Beleg für die massenhafte Produktion von Reichtum in Form von Kapital, der verwaltet und realisiert gehört - oder Beleg dafür, daß von Klassengesellschaft nicht mehr die Rede sein kann? Was will es denn schon besagen, daß ein normaler Büroangestellter im Vergleich zu einem Fabrikarbeiter rechtlich und im allgemeinen auch finanziell etwas besser "ausgestattet" ist und sich allerlei auf sich, seinen Nutzen und seine Bedeutung für's Unternehmen einbildet? Das Problem, deswegen die Herrschaft des Kapitals in Abrede zu stellen, hat das Kapital nicht. Es überläßt die Befassung damit den dafür zuständigen Wissenschaften und behandelt Arbeiter und Angestellte entsprechend ihrer unterschiedlichen Funktionen für sein Gedeihen gleich, nämlich als Mittel fürs Gewinnemachen - und insofern sind Löhne und Gehälter als Kosten auch gleichermaßen reduzierungsbedürftig. Dies gilt selbstredend nicht erst, seit das Kapital den "Rationalisierungsreserven im Büro" mittels der EDV-Technik massiv zuleibe rückt und nun alle Welt über die Folgen der "Fließbandarbeit im Büro" Klage führt. Denn weit her ist es mit der alten Angestelltenherrlichkeit auch nicht gewesen; daß es ihnen gut ging, heißt ja bei Lichte besehen nur, daß es ihnen nicht so schlecht wie Fabrikarbeitern ging - und an der Zerstörung der Arbeitskraft hat sich auch die herkömmliche Angestelltenarbeit zu schaffen gemacht, was sich ohne Schwierigkeiten dem trostlosen Äußeren eines in die Jahre gekommenen Bürohengstes und den im Vergleich zu Arbeitem durchaus konkurrenzfähigen Frührentnerquoten, mit denen die Renten anstalten kalkulieren, entnehmen läßt.

Was ersetzt die "Technik im Büro"?

Daß mit Computer, Bildschirm und Textautomaten die Technik nun auch das Erscheinungsbild im Büro beherrscht, heißt also mitnichten, es finde dort etwas gänzlich Neues statt. Neu ist lediglich das Mittel, das das Kapital einsetzt, um sich des Kostenfaktors Angestellte in profitlicher Weise zu bedienen. "Die Technik nimmt uns die Arbeit weg", meinen diejenigen, die die Widerlegung dieses Spruchs höchstpersönlich praktizieren, indem sie sich vom Kapital für intensivere Arbeit und Überstunden einspannen lassen, während die anderen auf dem Arbeitsamt die Wirkungen dieser Mehrarbeit fürs Kapital zu spüren bekommen.

Und der DGB haut in dieselbe Kerbe:

"Ein großer Teil des Schriftverkehrs wird direkt durch computerunterstützte Automaten erstellt. Durch solche integrierten Programmsysteme werden Bestellungen, Reklamationen, Mahnungen, Lieferscheine, Rechnungen durch die entsprechenden Programme sofort versandfertig ausgedruckt, ohne daß sie überhaupt ein Mensch bearbeitet." (DGB-Heft "Humanisierung im Büro")

Das soll einem erst einmal einer vormachen! Geglaubt wird dies auch von den Bewunderern des "technischen Fortschritts" im DGB nicht. Denn ihr - dem Lob der Technik komplementäres - ideologisches Gejammer über die "Gefahren für die Arbeitswelt der Angestellten" enthält genügend Hinweise darauf, daß sie den Büroarbeitem zu alles anderem als einem Mangel an Arbeit veihilft. Da sich das Kapital als das Subjekt des "technischen Fortschritts" für die Einsparung von Arbeit nichts kaufen kann, kauft es teure technische Einrichtungen, die billig sind, weil sie es ermöglichen, die Arbeitsteilung im Büro in einer Weise umzukrempeln, daß die Arbeit einer verringerten und schlechter bezahlten Zahl von Gehaltsempfängem anvertraut wird. Datentypistinnen z.B. werden nicht deshalb nicht mehr gebraucht, weil ihre Arbeit entfiele, sondern sie entfällt als Arbeit gesonderter Bereiche, weil sie in anderer Form von den Bildschirmsachbearbeitern miterledigt wird. Und was letztere am Bildschirm zu bewerkstelligen haben, ist auch nicht mehr das, was Sachbearbeitung einmal war. Fundierter kaufmännischer Kenntnisse bedarf es nicht mehr. So erlaubt die EDV-Technik den Unternehmen insbesondere einen Angriff auf gewisse Qualifikationen des herkömmlichen Sachbearbeiters, die ihnen vergleichsweise teuer zu stehen kamen - ein fürs Kapital ärgerlicher Umstand, der durch die (teilweise) Umwandlung von qualifizierter in anlernbare Tätigkeit seine Richtigkeit bekommt: fachliches Können ist in weiten Bereichen nur noch als bildschirmmäßiges gefragt.

Indem die herkömmliche Sachbearbeitung auf die bildschirmmäßige Bedienung des Computers reduziert wird - eine "Erleichterung" der Arbeit, die ihre Verdichtung zum Zwecke hat -, bekommt ein Kriterium der Büroarbeit eine wesentliche Bedeutung: "Wie immer, wenn Qualifikationen überflüssig werden - und das ist am Band so wie im Büro - wird die Belastung größer", heißt es in der "Marxistischen Arbeiterzeitung", und da hat sie recht - weshalb wir der gängigen Diskussion um die Frage, ob die sich spätestens nach ein paar Jahren einstellenden Kopf-, Augen- und Rückenbeschwerden vom Bildschirm oder von Unzulänglichkeiten des Bildschirmsachbearbeiters herrühren, die Bemerkung hinzufügen möchten, daß der Bildschirm selber natürlich nicht schuldfähig ist. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang allerdings noch auf die Verdienste der Ergonomie, die unter dem Stichwort "Keine vorzeitigen Leistungseinbrüche" das Geschäft der Intensivierung der Bildschirmarbeit betreibt, und die deshalb auch die "Mischarbeitsplätze" erfunden hat, die eine nutzbringende Betätigung in den unumgänglichen Pausen "ermöglichen".

Menschliches Zubehör

Dem Büroangestellten, von dessen Geschick und Erfahrung tatsächlich oder eingebildetermaßen noch einiges abhing dafür, daß der Laden läuft, wird diese Sorge mit der "Technisierung des Bürolebens" zunehmend abgenommen. Er wird zum menschlichen Zubehör des Bildschirms, das dem Diktat rentablen Maschineneinsatzes zu gehorchen hat. So entfallen auch alte "Angestelltenprivilegien", sich die Arbeit in gewissem Rahmen selbst einteilen zu können, weil der Computer den Arbeitsrhythmus vorschreibt, was wiederum nicht an jenem liegt.

Die Gewerkschaften beschwören "individuelle Leistungskontrollen" als "mögliche Gefahr" bildschirmmäßiger Sachbearbeitung - und dies nicht aus Sorge um die ins Werk gesetzte verschärfte Ausbeutung, sondern weil ein Mitbestimmungsrecht des Betriebsrats unterlaufen werden könnte. Das Problem ist schnell umgangen: Besonderer "individueller Leistungskontrollen" bedarf es nämlich gar nicht mehr, weil sie erstens stattfinden (das Unternehmen achtet halt darauf, daß die teuren EDV-Anlagen auch mit einer hinreichenden "Auslastungsfrequenz" bedacht werden), weil zweitens die Rückstände peinlich genug sind, wenn man sich dem Computer nicht hinreichend anpaßt, und drittens ohnehin jeder weiß, was gespielt wird und deshalb seine individuellen Leistungsgrenzen testet.

In der Umstellungsphase auf die EDV ist beides fällig: die Arbeit des alten kaufmännischen und die des neuen Bildschirmangestellten - und zwar kumulativ. Hier kann sich der Angestelltenglaube an die eigene Unentbehrlichkeit in Form von Überstunden und Wochenendarbeit angemessen bewähren. Nebenher findet während der Umstellung das statt, was der Zweck der ganzen Veranstaltung ist, nämlich die Senkung des "Personalkostenniveaus." Die Abteilungen werden ausgedünnt durch Einstellungsstops und Ausnützung der "natürlichen Fluktuation", welcher durch Sozialpläne ein wenig auf die Sprünge geholfen wird. Einige Abteilungen entfallen ganz.

Die Härten der Umstellungsphase bewirken zwanglos die Differenzierung der verbliebenen Belegschaft entsprechend dem neuen Arbeitsmittel: Das Gros bekommt einen Bildschirm, weniger belastbare Mitarbeiter werden in "Depperlabteilungen" abgeschoben, sofern es diese noch gibt (in beiden Fällen findet Dequalifikation und - durch Sozialpläne "abgefederte" - tarifliche Abgruppierung statt) oder frühverrentet. Schließlich bietet das neue Arbeitsfeld auch die Möglichkeit des Aufstiegs, wozu schon gehört, daß man nicht absteigt, also einen Bildschirmarbeitsplatz zugewiesen bekommt, sondern die verbleibenden nicht computerfähigen Vorgänge bearbeiten darf. Gruppenleiter z.B. wird man mit der herkömmlichen Tour alleine freilich nicht mehr. Während man seinerzeit den beruflichen Aufstieg mit solidem fachlichen Können und besonderem Einsatz und/oder Demonstration selbiger Vorzüge inklusive Schleimerei und Intrige bewerkstelligte, ist heute ein sehr objektives Kriterium besonders gefragt: man braucht Ideen für die EDV-mäßige Beseitigung von Planstellen. Überdies ist der Aufstieg nicht leichter geworden, weil sich mittlerweile auch Betriebswirte und Juristen mit EDV-Zusatzkenntnissen für derlei Jobs interessieren.

Bei alledem wird das vielbelaberte Angestelltenbewußtsein harter Schläge teilhaftig. Der Überzeugung von der eigenen Wichtigkeit fürs Unternehmen wird durch die Tatsache, daß man durch jeden anderen, der nicht gerade auf den Kopf gefallen ist, ersetzbar ist, augenfällig die Grundlage entzogen, was sich jedoch keineswegs in praktizierter Widerspenstigkeit gegen die Bildschirmarbeit, sondern in verschärftem Einsatz am Bildschirm niederschlägt - ergänzt durch die gelegentliche Demonstration, daß man den Bildschirm als eine einzige Beleidigung seiner Person empfinde sowie heftiges Geschimpfe auf die "Unfähigkeit" der Unternehmensleitung und die "Unzweckmäßigkeit" ihrer Maßnahmen (womit man indes sehr schnell aufhört, wenn der Chef erscheint). Dies die dem Fortschritt im Büro angemessene Betätigung des Angestelltenbewußtseins.

Ideologische Begleitmusik seitens des Kapitals

Sprüche des Inhalts, daß der Fortschritt im Büro doch nur die "Unterstützung der Arbeit mit elektronischen Hilfsmitteln" bedeute, daß er für die Befreiung von "geisttötender Routine" und für "ergonomisch einwandfreie Arbeitsplätze" (letzteres ist übrigens nicht unbedingt gelogen, nur hat so ein lohnarbeitender Mensch davon ganz falsche Vorstellungen) sorge, werden mittlerweile von den Vertretern des Kapitals nur noch sehr verhalten zum Besten gegeben. In der Gewißheit, daß dies von den Betroffenen akzeptiert wird, teilt man ihnen die vorgesehenen Rationalisierungsmaßnahmen als "Notwendigkeit" mit, referiert auf Betriebsversammlungen über Personalkostenniveaustatistiken und schließt mit der Bemerkung, daß "wir immer noch ungünstiger liegen als die Konkurrenz, aber es schon schaffen werden." Dafür spendet ein Angestellter Beifall.

...und der Gewerkschaften

Mit der Devise, daß der "technische Fortschritt notwendig und im Interesse der Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen und damit unserer Arbeitsplätze auch wünschenswert" ist, "aber in seinen Folgen nicht einseitig zu Lasten der betroffenen Arbeitnehmer gehen darf" (Vetter), kämpft der DGB nun schon "seit Jahren dafür, daß der technische Fortschritt im Büro so sinnvoll gestaltet wird, daß er nicht zwangsläufig (!) zu einem sozialen Rückschritt wird " (DGB-Heft "Rationalisierung im Büro"), so daß wirklich nur der notwendige soziale Rückschritt eingetreten ist und eintritt, dem der DGB allerdings Erfreuliches abgewinnen kann: er verhilft den Angestellten zu "gewerkschaftlichem Bewußtsein", so daß diese nun "solidarisch mit den Arbeitern, mit gestärkten Gewerkschaften" für "sozialen Fortschritt" kämpfen können. Mit dieser eigentümlichen Dialektik ist sowohl den Gewerkschaften als auch dem Kapital geholfen.