ALTERSDUSELEIEN EINES ABGEKLÄRTEN AUFKLÄRERS

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1981 erschienen.
Systematik: 

Die 'Altersweisheit' hat zwei für außergewöhnlich geltende und sich verstehende deutsche Wissenschaftler dazu verleitet, ihr Wissenschaftlerleben mit den beiden nachfolgend besprochenen Autobiographien zu krönen. Die Behauptung, daß ihr - entsprechend interpretiertes - Leben für ihre Lehre und ihre - mit dem eigenen Werdegang bebilderte - Lehre für ihr Leben einstünde, beruht auf der unbescheidenen Unterstellung, der Leser werde die Gleichung von Wissenschaft und Bekenntnis schon mitmachen. Denn nur, wer Erklärung und Deutung für dasselbe hält, findet auch zu der Selbststilisierung ergrauter Professoren seine Auffassung bestätigt, sie seien schon immer interessante und großartige Persönlichkeiten gewesen. Weil den beiden aber der Ruf origineller und menschlicher Köpfe vorausgeht, haben sie in aller bekundeten Bescheidenheit die Summe ihres wissenschaftlichen Treibens gezogen und es in zweifacher Hinsicht gekrönt. Erstens haben sie sich ihre eigenen Nachrufe geschrieben und zweitens damit ihrer Interpretation der Welt eine unübertreffliche Geltung verschafft - die, 'gelebt' und 'durchlitten' und damit mehr als nur richtig zu sein.

Es ist allerdings merkwürdig, daß emeritierte deutsche Geistesgrößen sich immer nach Italien zurückziehen müssen -

Mitscherlich: " Das Milieu entspannter Südlichkeit trug dazu bei, daß ich genügend Distanz und Reflexionsbereitschaft aufbrachte..."

König: "...genau hier fand ich die Atmosphäre, die der unbefangenen Entwicklung einer Situations- und Selbstanalyse günstig war." -,

um der Mit- und Nachwelt zu schildern, wie sehr sie gekämpft, gestritten, gefühlt, gedacht und sich zeitlebens für den besseren Fortbestand der Welt gequält haben. Allein das gibt schon zu denken.

Alexander Mitscherlich: Ein Leben für die Psychoanalyse. Anmerkungen zu meiner Zeit

ALTERSDUSELEIEN EINES ABGEKLÄRTEN AUFKLÄRERS

"Ich habe mir in diesen Jahren abgewöhnt, auch nur den Anschein zu erwecken, als wüßte ich, wie 'es' weitergehen soll." (305)

"Trotz Rückschlägen hat aber die Psychoanalyse genügend Fortschritte erzielt, um nicht müde zu werden, mit ihrer Anwendung auch in weiteren zu erschließenden Gebieten die Idee eines aufgeklärten Humanismus fortzuführen." (306).

Was seine eigene Botschaft angeht, die Mitscherlich in einem an Veröffentlichungen reichen Leben an den Mann gebracht hat, weiß er jedenfalls, wie es auch und gerade nach der Emeritierung weitergeht. Die lebenslange 'Erschließung' so ziemlich aller 'Gebiete' für den psychoanalytischen Grundkalauer, daß alles Ausdruck der Zerrissenheit 'menschlicher Identität' zwischen Trieb und Beherrschung sei - ein Langweiler, der Mitscherlich wegen seiner unverdrossenen und gegen jedes 'Gebiet' gleichgültigen Entdeckerfreude (Luther, Sucht, Städte, Nachkriegszeit, verwaltete Welt, Frieden, Krankheit, Toleranz usw.) den Nimbus eines gesellschaftskritischen Aufklärers eingebracht hat -, ließ ihm die Zeit, auch noch das letzte unentdeckte Feld zu erschließen und seine Forscherpersönlichkeit als solche auf den Buchmarkt zu tragen.

Mitscherlich ergriff damit die einer Person des öffentlichen Lebens gebotene Gelegenheit, die Tatsache ihres Alterns dazu auszuschlachten, der Um- und Nachwelt ihr persönliches Gewesensein nebst Umständen und Altersinterpretatian als Denkwürdigkeit und Zeiterscheinung anzutragen und bei der Gelegenheit ohne den lästigen Anspruch und Anschein wissenschaftlichen Argumentierens zu erzählen, was er mag und was er nicht mag. Unter dem Titel "Ein Leben für die Psychoanalyse" darf sich jetzt alles, woran sich der Nestor der kritischen Intelligenz noch zu erinnern vermag, der Bedeutung erfreuen, die Mitscherlich zu Schaffenszeiten mit seinen psychoanalytischen Opera erlangen konnte. So konnte es denn nicht ausbleiben, daß noch jede Episode seines an Erlebnissen natürlich reichen Lebens zu einem Dokument der Gefährdung des Menschen und des "Kritischen Humanismus" geriet, mit dem der Emeritus diese Abgründe in und um sich lebenslang kultivierte.

Frühes Leid

Z.B. die Hosen, mit denen Papa Mitscherlich am Tag der Einschulung des kleinen Alexander herumlief. In ihnen gelingt es dem Autobiographen, alle Momente zusammenschießen zu lassen, durch die sich sein weiterer Lebensweg als geprägt durch die "Großprobleme" menschlicher Kultur schlechthin, wie auch als einzigartig ob der eigenen Individualität herausstellen läßt. Schon der erste Schritt aus dem Familienleben hinaus gab Alex die Härte der "Rollenmuster, welche die Gesellschaft dem Individuum regelhaft zuweist" zu spüren - aber auch die Möglichkeit, in Auseinandersetzung damit, seine eigene Subjektivität zur Größe einer Persönlichkeit emporzuarbeiten;

"Ein wenig verängstigt durch die für mich neue Situation ging ich schulwärts. Als ich vor dem Schulgebäude angekommen war, erregte ich augenblicklich den Spott und den Zorn der anderen Kinder, zugleich erschrak ich über die vielen, die sich dort eingefunden hatten. Sie scharten sich um mich und riefen monoton: 'Engländer, Engländer!' Das hatte darin seine Bewandtnis, daß mein Vater aus englischen Breechesstoffen gefertigte Hosen trug, die ihn eben als einen Herrn vom besseren Stande auswiesen. ... Der Effekt war, daß ich bereits mit dem ersten Schulbesuch durch ein feindliches Schema abgestempelt wurde... So verfestigte sich in mir mit sechs Jahren das Gefühl, zum Einzelgänger verurteilt zu sein..." (17 f.)

- Was für den kleinen Alexander schmerzlich gewesen sein mag, gibt dem ergrauten Biographen ein solides Motiv ab, all seinem späteren Schaffen die stille Größe eines einsamen Ringens mit den Widrigkeiten der Welt und den Uneinsichtigkeiten der Zeitgenossen in die Zeitprobleme zu attribuieren. Schließlich konnte er nur als Einzelgänger den Weg finden, den er schließlich ging:

"Erst wenn der Einzelgänger für sich selbst zu gehen lernt, wird er zum eigentlichen, zum erprobten Einzelgänger."

Da Alexander schon auf Kindesbeinen erkennen mußte, daß die Läuterung des Einzelgängers zum Einzigartigen nur besteht, wer einzeln geht, konnte es seinem späteren Lebensweg nur zugute kommen, daß er sich entsprechend frühzeitig als "auf sich gestellte Figur" (zu zweit mit seinem besseren Ich geht sich's auch als Einzelgänger besser) begriff.

Als erprobtem Psychologen fällt es Mitscherlich nicht schwer, in der Rückschau sein ganzes Erleben zum Durchleben einer inneren Berufung auszugestalten@ mit dem weidlich ausgeschlachteten Vorteil, "angewandte Psychologie" zu sein: Insofern noch jede der erinnerten Episoden von irgendwelchen Personen handelt - mindestens der eigenen -, fällt dem Autobiographen mit jedem Einfall unweigerlich das Thema zu, dem er sich zeitlebens verschrieb: "der Mensch". Und das gleich so, wie er ihn sehen will: Seine Erinnerungen wären schließlich nicht die Erinnerungen des Mitscherlich, mündeten sie nicht mit penetranter Regelmäßigkeit in Sentenzen über die tiefen Geheimnisse des Humanums, welche dieser Sorte Lebewesen seit es auf zwei Beinen steht ("Man kann sich wahrscheinlich den Übergang von der Altsteinzeit zur Ackerbaukultur, die immer aggressionsanfälligere Situationen geschaffen hat, nicht nachhaltig genug vorstellen.") so viele seelische Gattungsprobleme wie zugleich Anlässe zu deren humaner Bewältigung bescheren. Am eindruckvollsten lassen sich solche Tiefgründigkeiten am eigenen Ego belegen, zeugt dies doch von einer zutiefst reflektierten Lebenspraxis, wie es andererseits dem aufgeworfenen Menschheitsproblem besondere Unergründlichkeit verleiht.

"Zeichen sexueller Untaten"

Ein bißchen demonstrative Ehrlichkeit und psychoanalytische Selbstanalyse eröffnen das Buch. Am eigenen Leib konstruiert er sich die Lüge vom faschistischen Vaterkomplex, der ihn ein paar Jährchen und ein lebensabendliches reifes Bedauern kostet:

"Spät im Leben begann ich zu verstehen, daß es Erfahrungen einer ziemlich unglücklichen Kindheit gewesen sind, die in eine auch politische Widerstandshaltung führen können... So übte etwa mein von mir später so heftig abgelehnter Vater in meiner Pubertät... in seiner einsichtslos konservativen Art und antidemokratischen Gesinnung dazumal eine starke Anziehungskraft auf mich aus. Ich sympathisierte deshalb ganz konsequent mit den damaligen Freikorps und anderen paramilitärischen Gruppen, denn diese repräsentierten die gleichen Ideale, wie sie auch mein Vater vertrat. Zum Beispiel weiß ich noch, daß ich mit einem dieser Grüppchen(!)führer... lange Briefe wechselte, die von außerordentlicher politischer Unreife (!) gezeugt haben müssen. Rückschauend tut es mir leid, daß ich solche Dokumente später, einer alterstypischen Anpassungsschwierigkeit folgend, schamhaft verschwinden ließ." (9) (Du hättest halt eher an Deine Autobiographie denken sollen, Alexander!)

Ein bißchen aufproblematisierter Schlafzimmerklatsch belebt das hintere Drittel: Nach ein paar obligaten Mahnungen zu "Sexualität und Destruktion", "äußere und innere Freiheit", "Schamverlust" pro und contra, "Reifung - Zeichen wirklicher Humanität" - und "Verrohung" liefert Mitscherlich ein paar schöne Beispiele intellektuellen Schamverlustes:

"Für mich hatte die sexuelle Liebe eine vielfach mein Leben bestimmende Bedeutung. Glück und Rausch war nicht selten mit ihr verbunden. Sie löste aber auch oft Verwirrungen und tiefe Schmerzen aus... Wie die Studenten eigentlich nicht wußten, wie sich auf der Universität zurechtfinden, so waren wir auch unerfahrene Liebespartner... Ich heiratete deswegen schon mit 23 Jahren, da ich meine Freundin, die ein Kind erwartete, nicht im Stich lassen wollte... Würde ich mein eigenes Leben nach Zeichen sexueller Untaten durchforsten, so käme ich ganz gewiß nicht mit jener Qualifikation davon, die nach dem zweiten Weltkrieg Anwendung fand, nämlich 'nicht betroffen'. Aber ich versuchte zumindest, mich dagegen zu wehren, Liebe und Sexualität voneinander zu trennen. Liebe ist ein Kunststück... Es dauerte mehrere Jahre, bis ich mich dazu überwinden konnte, meinem Partner und den Kindern aus der vorhergehenden Ehe den mit einer endgültigen Trennung verbundenen Schmerz zuzufügen... Ich hoffe, ein wenig von meinem eigenen Kampf mit den erotischen Triebkräften, meinen Schwierigkeiten in der Partnerwahl sowie dem Partnerwechsel und den damit verbundenen Schmerzen und Entscheidungsnöten aber auch Glückserfahrungen dargestellt zu haben... den gedanklichen Fortschritt von christlicher Intoleranz zu größerer Lebensfreundlichkeit habe ich zu meinem Teil mitvollzogen..." (273 passim)

Angesichts eines beherzten Faustschlags auf die Nase eines Mitschülers, mit dem sich der von den "Schmuddelkindern" ständig gepiesackte Alexander den notigen Respekt verschaffte, um fürderhin unbehelligt nach Hause und einzelgehen zu können, ("Meine Brutalität war unmittelbar verstanden worden"), entdeckt der lebensweise Selbstdarsteller die zerstörerische Unbändigkeit des Gattungswesens:

"Ich weiß es, als ob es gestern gewesen wäre... Im Grunde eine schreckliche Erfahrung für mich, ein Schaubild unvergänglicher Zerstörungskraft, die immer wieder aus den Hintergründen unserer Kultur hervorbricht." (19) (Kraftprotz!)

"Rätselhafte Phänomene"

Ein willkommenes Exempel an der eigenen Subjektivität, der trotz der besten Absichten solch Übles entfuhr, um an ihm das Generalthema des weiteren Mitscherlichschen Lebensweges anzuschlagen, dem er sich nach diesem Erlebnis unwiderruflich stellen mußte: das "Großproblem der Aggression". Dieses stellt man dadurch als unergründliches Geheimnis in den Raum, daß man über die gar nicht rätselhaften Zwecke der von Mitscherlich in der Folgezeit zur Genüge miterlebten Gewalttätigkeiten geflissentlich hinwegsieht, um angesichts dieser stets von neuem vor der "Aggression" als einer bleibenden Quintessenz der menschlichen Seele zu erschaudern.

"Wer einmal seine Gleichzeitigkeit mit Millionen Erniedrigter und Beleidigter erlebt hat, möchte meinen, daß alles, was sich da abgespielt hat, sich nicht wiederholen könnte. Aber es war möglich... Die große Rätselfrage liegt darin, daß wir nicht vorauswissen können, wann die sublimierenden Fähigkeiten des Menschen angesprochen werden und wann die destruktiven durchbrechen." ( 296 f.)

Des Menschen Wege sind unergründlich - mit solchen seelentheologischen Kniefällen zelebriert dieser Mann sein 'Miterlebt'-Haben nach und gibt damit ein Beispiel davon, zu welch abgeklärter Dummheit sich das Lebensvermächtnis eines gealterten Aufklärers zusammenzieht. Mit seinen Ergebenheitsadressen an das Mysterium der menschlichen Seele, zu denen er die kleinen und großen Ereignisse seiner Lebenszeit aufgestaltet -

"Die Tatsache, daß in den beiden verfeindeten Weltteilen, Rußland und Europa, annähernd zur gleichen Zeit Diktatoren von entsetzlichem Zerstörungswillen erschienen - Stalin und Hitler gehört zu den großen und rätselhaften Phänomenen unserer Zeit" -

bekundet er nicht mehr als die Fadenscheinigkeit seines penetrant zur Schau gestellten Anspruches, sein Leben lang schwer an der Last der

"Großprobleme sozialer Art"

getragen zu haben. In der Pose des altersweisen Maliners liest er im Kaffeesatz seiner "Lebenserfahrung" ("Es ist auch heute noch zu befürchten, daß wir keiner durch Menschenliebe gemilderten Zukunft zustreben") - was dabei herauskommt, sind die ungenießbaren Zeugnisse des Auguren eigener Eitelkeit, die Bekenntnisse einer moralischen Kämpfernatur, mit denen er seinem Publikum zu verstehen gibt, daß ihm die Welt seit jeher ganz besonders zu denken und zu leiden gibt:

"Das Problem des destruktiven Nationalismus hat mich seit den 30er Jahren, die es uns besonders kraß vor Augen führten, nicht losgelassen. Gemeinsam mit der Frage nach dem Schicksal kollektiver Verdrängungen führte es uns auch zur Frage nach der aus der Lähmung des Gewissens entstandenen 'Unfähigkeit zu trauern'... Ich kann vor meinem innersten Gewissen selbst einen Freiheitskämpfer wie Ho Chi Minh, der mit Recht gegen einen grausamen Kolonialismus aufstand, dennoch nicht unkritisch salvieren vor der Weltgeschichte für die riesigen Opfer, die sein und andere Freiheitskriege im Lauf der Geschichte gefordert haben." (239)

Der kritische Humanist weiß eben bei allem, was imperialistische Politik auf dem Globus zustandegebracht hat, die Pose des zerquälten Abwägens "Freiheit - zwar aber" einzunehmen, die Last des eigenen besseren und weiterblickenden Gewissens der ganzen Welt zu demonstrieren, und über die Fährnisse der 'immergleichen Menschennatur' zu räsoniieren, die all das verschuldet haben soll. Und andererseits schwingt sich seine von der 'zivilisatorischen Radikalität' der Zeitläufte angerührte und zum Sinnieren aufgerufene intellektuelle Seele zu so großartigen Analysen auf wie: "In meiner Lebenszeit sind mit Beschleunigung viele und sehr unterschiedliche Phänomene von radikaler Neuheit entstanden. So haben wir uns zum Beispiel an die Existenz von Flugzeugen, die immer größer und schneller werden, ohne große Anpassungsschwierigkeiten gewöhnt... Wir müssen Verständnis aufbringen sowohl für bisher noch nie Dagewesenes wie für Regressionen zu längst überwunden geglaubtem Verhalten. Vorbilder sind verloren gegangen (Beckenbauer?), an denen wir uns orientieren konnten. Wir suchen nach neuen Paradigmen (Beckenbauer!), denn wir werden mit Entwicklungen konfrontiert, die uns angst machen. (Beckenbauer!!!)" (242)

Wer die dunkle Ahnung als Haltung pflegt, in der er die Zeitläufte verfolgt, dem ist der nachträgliche Hinweis, es ja schon immer geahnt zu haben, ebenso teuer, wie er für ihn jederzeit billig zu haben ist. Geschichtsbewußt wie er ist, schlachtet Mitscherlich diesen Gratisbonus dazu aus, zum Faschismus schon gar nichts anderes mehr vermelden zu wollen, als daß für ihn "der Januar 1933 keineswegs aus blauem Himmel kam".

Welch ein Glück für den autoschwadronierenden Menschenkenner, daß er eines Tages "noch vor der Machtergreifung, die Würfel waren noch nicht gefallen"! - im Münchner Cafe Annast dem nachmaligen Führer vis-a-vis zu sitzen kam:

"Ich sehe die Szene noch vor mir, wie Hitler ruhig zusah, wie irgendwelche SA-Führer miteinander Schach spielten. Über diesen Mann ist mittlerweile so viel geschrieben worden, daß für mich aus meiner Erinnerung an ihn nicht viel Neues zu sagen bleibt. Wichtig ist mir aber, daß ich als ahnungsloser Student vollkommen sicher in meinem Urteil war, hier hätte ich es mit einem grauenhaften Menschen zu tun. ... Warum hatte ich dieses Urgefühl von Abscheu und hatten viele andere Intellektuelle von nicht geringerem Urteilsvermögen es offensichtlich nicht? Es erstaunt immer wieder, daß gegen Verblendung sogenannte Intellektuelle, also 'Einsichtige', keineswegs gefeit sind. (Derwall?)" (92 f.)

"62 Jahre wie ein Tag"

Es erstaunt immer wieder, mit welcher Unverfrorenheit Mitscherlich auf jeder der 323 Seiten seiner Lebens-Nachbetrachtungen alles, was nicht seinem eigenen Hirn entsprang, mit dem Ausdruck unterschiedsloser Verwunderung quittiert. Indem er Gott und die Welt in notorischer Frageform als "eigentümliches Phänömen" registriert, das ihn ein um's andere Mal in seinen Lieblingszustand "Angst", "Betroffenheit" versetzt, und indem er vor vorschnellen Antworten warnt, setzt er sich als "kritischer Humanist" in Szene und erweckt den Eindruck ganz vornehmer Bedächtigkeit und aufrichtiger Selbstzerquälung vor dem sich der Rest der Welt als eitles Gewimmel vielfältiger "Selbsttäuschungen" ausnimmt.

"Gerade das Wissen um die Gefahr des Selbstbetruges, dem man immer wieder anheimfällt, hat im Laufe des Lebens meinen Hochmut gedämpft und mich schließlich zu Skepsis mir gegenüber grbracht. Es erschreckt mich deshalb jetzt nicht mehr, von der einen Seite als Vertreter der Libertinage, von der anderen als ängstlicher Moralist oder elitärer Idealist eingeschätzt zu werden." (299)

Wir wollen ihm weder die eine noch die aridere Beschimpfung antun. Er ist halt bloß ein zu einigem Renommee gelangter zeitkritischer Psychologe, der sich als moralinsaurer Zeitgenosse mit einer besonderen 'Fähigkeit zum trauern' vorführt, und am Schluß seines Buches in einer geistigen 'Tour d'horizon' durch die "Großprobleme" galoppiert, daß es vor Senilität nur so staubt:

"Sehr weit von der Mode des 16. Jahrhunderts scheinen wir heute in unseren modischen Bedürfnissen nicht entfernt zu sein, wenn wir an die plastischen Hervorhebungen in den Blue jeans vorne und hinten, männlich und weiblich denken... (275)

Kommen wir nochmals auf die gelockerten sexuellen Sitten zurück. (277)

Die Versagungen, die man als Analytiker auf sich nehmen muß im Rahmen der Übertragung und Gegenübertragung, sind ungewöhnlich... (292)

Ein Großproblem ist zweifellos die Aggression... (293)

Hat sich auf der geschichtsfähigen emotionalen Seite des Menschen wirklich seit der Altsteinzeit nichts geändert? Es hat sich gewiß vieles verändert zahlreiche Wandlungen haben stattgefunden. Allein die Tatsache, daß die Menschheit sich seit der Altsteinzeit um ein Vielfaches vermehrt hat... (295)

Unbestritten ist es, daß Tugenden wie Treue, Selbstüberwindung und Opferfähigkeit zu den großen Leistungen gehören, die im Rahmen der Kultivierung des Menschen entscheidende Bedeutung gewonnen haben... (298)

Als das vielleicht schmerzlichste der psychologischen Großprobleme empfand ich die zunehmende Entleerung der menschlichen Gefühlswelt...(299) zunehmende Zahl der Süchtigen, Bürokratie... verhilft zur emotionellen Versteinerung und ist damit das Gegenstück zur Sucht. Das ist eine verblüffende Einsicht..." (300) usw. usw.

Mit der ständigen Beteuerung, daß er so viele "Krisen" erlebt habe, daß ihn nichts mehr schrecken könne, trägt der gealterte Allerwelt-Psycholog der Nachwelt das Vermächtnis an, daß er mit der Welt im Reinen ist, wobei er sich nicht scheut, seinen eigenen Nachruf mit einem "Epilog" zu krönen, in dem er mit weinerlicher Akribie die Entwicklung seines körperlichen und geistigen Verfalls schildert.

"Mit sechs stopften sie einem die spitze Tüte in den Arm und schickten einen zur Schule. Und dann wird man eines Tages (vor Mitscherlichs Lebenserfüllungslauf sind 62 Jahre wie ein Tag) gezwungen, seinen Schreibtisch leerzuräumen - beides im Grunde eine Zumutung." (307)

Er hat sich's nicht verdrießen lassen und seinen geistigen Schreibtisch abgeräumt. Das Ergebnis: Ein kunterbuntes Sammelsurium von intellektuellen Standardseichtigkeiten, mehr psycho- als logisch vorgebracht als Lebensvermächtnis eines gealterten Kämpfers wider die "Unvernunft", der vom Aufklärer und Tabubrecher zur Abgeklärtheit einer geistigen Größe fortgeschritten ist, die niemandem weh und allen wohltun will; der nichts 'Menschliches' fremd ist, weil ihr allus zu 'Großproblemen', also zum Teil ihrer kulturkritischen Weltschau wird. Um diese ist - wie jede Kulturkritik - das geistlose Vermächtnis eines Möchtegern-Propheten, dem nichts mehr weiter einfällt als der ewig grüne reaktionäre Dualismus von 'Erneuern und Bewahren in einer heillosen Welt'. Vom krittelnden Psychoanalytiker zum schon leicht verschrobenen Prediger in der Unwirtlichkeit unserer Gesellschaftswüste ist also nur ein Schritt: Man muß sein Lebensanliegen nur als solches aussprechen und an und mit der eigenen Person bekennen, dann zieht sich ein ganzes vorbildliches bürgerliches Wissenschaftlerleben auf so umwerfend originelle Botschaften zusammen wie:

"In den Kosmos unserer Wertwelt sind fundamentale Einbrüche erfolgt, die jetzt die Szene beherrschen." (297)

"Falsche Freiheit wird in Masse angeboten. Es ist ein tiefes, umstürzendes Erlebnis, wenn Tabus vor unseren Augen in Staub zerfallen." (288 f.)