ALLGEMEINE SYMPATHIE FÜR DEMONSTRIERENDE STAHLARBEITER - DA MUSS DOCH WAS FAUL SEIN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1988 erschienen.
Systematik: 

Der Fall Rheinhausen
ALLGEMEINE SYMPATHIE FÜR DEMONSTRIERENDE STAHLARBEITER - DA MUSS DOCH WAS FAUL SEIN

Auf den ersten Blick mag es ein wenig merkwürdig erscheinen: Da besetzen teilweise vermummte Stahlarbeiter, passiv mit einem Helm bewaffnet, Rheinbrücken und Werkstore und blockieren die Gleise der Deutschen Bundesbahn, und was ist los?

"Die Polizei hält sich zurück, organisiert blitzschnell Umleitungen. Ein Beamterspricht für die meisten: Am liebsten ginge ich mit auf die Brücke. Die da oben sind meine Kollegen." (Bild)

Alle "Gewaltaktionen" werden liebevoll dargestellt, aber nicht um "kriminelle Untaten" wie in der Hafenstraße anzuprangern, sondern um "verständnisvolle Anteilnahme" auszudrücken.

Es muß ganz einfach etwas mit dem staatsdienlichen Anliegen der Stahlarbeiter zu tun haben, was die Hüter der öffentlichen Ordnung so großzügig über die eine oder andere "Unregelmäßigkeit" hinwegsehen läßt. Arbeiter, die ausgerechnet immer dann einen Grund zum Protest anmelden, wenn sie sich nicht mehr nützlich machen dürfen, sind - darin sind sich vom Kanzler bis zum letzten Kleinhändler alle einig - entschiedene Anhänger dieses unseres Systems, von dem sie auch - und gerade dann nicht lassen wollen, wenn ihnen die eingerichteten "Sachzwänge der freien Marktwirtschaft" einmal mehr zu schaffen machen. Der in dem Protest der Stahlarbeiter zum Ausdruck kommende "Ruf nach Arbeit" - das ist nichts anderes als die Bitte um den Fortbestand der für Staat und Wirtschaft so einträglichen Lohnabhängigkeit. Und er ist nur konsequent, wenn die verantwortlichen Politiker und Unternehmer in dem so umstandslos bekundeten Willen zur Arbeit eine Untertanengesinnung ausmachen, die sie sicher sein läßt, daß sich auch der Unmut der demonstrierenden Stahlarbeiter in Grenzen hält, wenn ihnen ihr Antrag auf Beschäftigung mal wieder abschlägig beschieden wird.

Der Betriebsrat fühlt sich übergangen - und alle sind empört

Was war es denn eigentlich, was die Krupp-Arbeiter dazu brachte, ihrem obersten Manager Cromme einen "heißen Empfang" auf der Betriebsversammlung zu bereiten, ihm "menschenverachtende Methoden" vorzuwerfen und ihn mit Zwischenrufen wie "du eiskalter Hund" und Eiern zu traktieren? Etwa das "Optimierungskonzept" des Vorstands, welches das Verhältnis von Lohn und Leistung der Belegschaft in Zukunft noch rentabler für den Betrieb gestalten will und deshalb auch das ersatzlose Streichen von zahlreichen Löhnen für "optimal" hält? Nein, denn über das erfolgreiche Realisieren dieses Konzeptes hatte der Betriebsrat längst mit dem Vorstand verhandelt, und kein einziger "Kruppianer" hatte es für nötig befunden, dagegen seinen Protest einzulegen. Jetzt, wo der Betriebsrat sich für "getäuscht" erklärt, weil nach seiner Kenntnis in dem "Optimierungskonzept" die Stillegung des Stahlwerkes in Rheinhausen nicht enthalten war (die IG-Metall-Kollegen in Aufsichtsrat und Vorstand haben wohl nur inoffiziell Bescheid gesagt), da ist auf einmal auch die versammelte Belegschaft "hellauf empört".

"Während wir über Sozialpläne für die von Krupp geplante 'Optimierung der Produktion' mit dem Vorstand verhandelt haben (1800 Entlassungen im Werk Rheinhausen hatte der Betriebsrat bereits zugestimmt!), ist das Plattmachen der Hütte längst beschlossene Sache gewesen",

so läßt sich der Betriebsratsvorsitzende und Protest-Führer Manfred Bruckschen auf der Betriebsversammlung vernehmen, und die Belegschaft dankt mit "donnerndem Applaus". Als ob es für einen Stahlarbeiter nichts Wichtigeres gäbe, als daß sein Betriebsrat bei jeder Maßnahme, die der Betrieb gegen die Arbeiter beschließt, seine "verantwortliche Mitzuständigkeit" betätigen darf. Kein Wunder, daß es für die Politiker aller Parteien bei den für den "Fall Rheinhausen" anberaumten Stahldebatten im NRW-Landtag und Bundestag eine leichte Pflichtübung war, diesem Protest der Stahlarbeiter ihre "volle Solidarität" zu versichern:

"Übereinstimmend verurteilten alle Parteien das Vorgehen der Verantwortlichen beim Stillegiungsbeschluß: dies widerspricht dem Geist der Mitbestimmung" (Westdeutsche Allgemeine),

auf den nun einmal in einer Demokratie größter Wert gelegt wird: Schließlich gehört der Wille der Opfer der freien Marktwirtschaft gebührend respektiert, solange jedenfalls, wie er sich - vermittelt über die "konstruktive Mitarbeit" des Betriebsrats - verantwortlich für alle Maßnahmen des Betriebs in die Pflicht nehmen läßt. Und an diesem hohen Gut "Mitbestimmung" ist den protestierenden Stahlarbeitern offenbar sehr gelegen, so daß es weiter gar nicht auffällt, daß dieselben Politiker längst dem Unternehmen in dessen Entscheidung recht gegeben haben. Und zwar so nachdrücklich, daß sie es gleich wie eine Angelegenheit, der man sich nicht entziehen kann, auszudrücken pflegen:

"Den Strukturwandel in der Stahlindustrie kann niemand aufhalten." (Blüm vor dem Bundestag)

So reden diejenigen, die den "Strukturwandel" in der Stahlindustrie nach Kräften fördern und mit den Geldern ihrer lieben Untertanen den unternehmerischen Erfolg sicherstellen wollen.

Krupp legt ein Stahlwerk still - die Arbeiter beklagen den Verlust ihrer Heimat

Das ist schon komisch: Seit Jahr und Tag legt Krupp in seinem Werk die eine oder andere Produktionsanlage still, entläßt mit oder ohne Stillegung einen Haufen Arbeiter (einige tausend in den letzten Jahren), und kein Mensch hielt das für einen "Skandal". Klar, protestiert wurde immer schon ein bißchen - so z.B., als 1982 - die Mittelstahl- und Drahtstraße geschlossen wurde -; aber der Betriebsrat und die ihm anvertraute "Belegschaft" ließen sich das letztendlich immer noch als Notwendigkeit eines "Gesundschrumpfungsprozesses" einleuchten, der so stets den vom Vorstand geplanten Verlauf nahm. Jetzt, wo ein ganzer Standort wegen eben desselben unternehmerische "Gesundschrumpfungsprogramms" dichtgemacht wird, um die Stahlproduktion im Verbund mit Mannesmann auf der anderen Rheinseite für beide Unternehmen lohnender fortzusetzen, da soll mit einem Mal - die "Schmerzgrenze" für die Betroffenen erreicht sein. Und die Rheinhausener Stahlarbeiter nebst Familie werden nicht müde, jedem hergelaufenen Reporter zu erzählen, welch "schwerer Schicksalsschlag" sie getroffen hat:

"Wir wollen hier in Rheinhausen unseren Arbeitsplatz behalten und nicht aufder anderen Rheinseite arbeiten gehen. Hier ist unser Zuhause."

Wo das Heimatgefühl Platz greift, da stehen die wirkliche materiellen Folgen für die Betroffenen nicht mehr zur Debatte. Daß sich die Arbeiter auf ihre Arbeitsplätze in Rheinhausen versteifen, weil hier - im Unterschied zum "Arbeiten auf der anderen Rheinseite" - für leichte Arbeit gutes Geld verdient wird, das wird ja wohl niemand im Ernst behaupten wollen.

"Ein ganzer Stadtteil droht zu veröden",

das ist der trostlose Befund, der die betroffenen Arbeiter zu Hauf auf die Straße treibt. Offenbar lösen sie ihre materiellen Sorgen privat zuhause. Eine politische Bedeutung entdecken sie in ihren Sorgen nur dann, wenn sie diese als Beispiel für die eingebildete gemeinsame Betroffenheit der ganzen Stadt ins Feld führen können: Die ebenso ärgerliche wie hierzulande übliche Tatsache, daß ein kapitalistisches Unternehmen wie Krupp mit seinen ganz und gar nicht wohltuenden Arbeitsplätzen und dem täglich anfallenden Dreck und Gestank einen ganzen Ortsteil- von sich abhängig macht, wird angesichts der beabsichtigten Schließung zu einem einzigen Segen für die Menschheit, dessen Verlust die Arbeiter betrauern wie das Dahinscheiden eines lieben Verwandten. Und je eindeutiger von seiten des Kapitals klargestellt wird, daß es keine Heimat kennt, die Entscheidung für oder gegen einen Standort allein eine Frage der profitlichen Kalkulation ist, um so mehr - und um so trotziger - setzen die Betroffenen auf Heimatliebe. Und die ist bekanntlich allumfassend, so daß selbst ein Oberbürgermeister in der "Gemeinschaft der Rheinhausener", die keinerlei Interessengegensätze kennt, seinen festen Stammplatz erhält. Da macht es gar nichts, wenn den nur die Sorge umtreibt, ob er demnächst ein paar Sozialgroschen mehr für die entlassenen Stahlarbeiter herausrücken muß:

"Wenn man einmal von dem drohenden Schicksal der betroffenen Menschen absieht, dann ist dies auch für die Stadt schlimm. Die Sozialkosten sind schon heute völlig aus den Fugen geraten." (OB Krings)

Kritik am System - nie und nimmer

Da mögen die Stahlarbeiter noch so dramatisch ihr "soziales Elend" und ihre "ausweglose Zukunft" beschwören - zu ein paar vernünftigen Gedanken über den Grund der ganzen Scheiße, dazu will sich niemand versteigen. Daß an vielleicht besser beraten wäre, gegen eine Wirtschaft anzutreten, deren "Strukturwandel" sich so offenkundig nicht mit den Lebensbedürfnissen eines Arbeiters verträgt, eine solche Überlegung will ein deutscher Stahlarbeiter erst gar nicht zur Kenntnis nehmen.

"Einige ultra-linke Grüppchen versuchen, ihr Revolutions-Süppchen auf dem heißen Zorn der Arbeiter zu kochen... Nicht nur der schwäbische Akzent mehrerer Redner macht die Arbeiter stutzig." (WAZ),

was einem Aibeiter an einer hessischen Frohnatur namens Norbert Blüm natürlich nie und nimmer auffallen würde. Denn da kennt man sich schließlich aus: Bei Linken weiß man eben gleich, daß die den Protest "nur für ihre Sache funktionalisieren" wollen, und da hat man als Arbeiter seinen Stolz, auf "sein" System nämlich, auf das man als braver Stahlkocher nun einmal nichts kommen lassen will. Und zu diesem unverwüstlichen Vertrauen in die Errungenschaften von Wirtschaft und Politik steht es keineswegs in Widerspruch, wenn sich die Rheinhausener Arbeiter ein wenig enttäuscht über die Solidaritäts-Reden der eigens aus Düsseldorf und Bonn angereisten Politiker geben -

"Die klopfen alle doch nur ihre bekannten Sprüche" -,

ohne auch nur gegen einen dieser Sprüche eine Kritik vorbringen zu wollen, geschweige denn gegen die Taten der Politik. Denn das wissen die Stahlarbeiter schon längst, daß "die da oben auch nichts machen können", und entschuldigen somit ihre Politiker mit eben den "Sachzwängen", die diese selber einrichten und mit der ihnen zur Verfügung stehenden Macht am Laufen halten. Und es ist nur folgerichtig, daß ein Rheinhausener Stahlarbeiter auf die Frage eines WDR-Reporters, was er denn eigentlich gegen die anwesenden CDU- und SPD-Politiker an Kritik vorzubringen habe, bei den "Machenschaften der EG" landet:

"Die EG macht uns hier alle kaputt. Wir zahlen immer nur ein und kriegen nichts dabei raus",

gerade so, als ob die EG eine Erfindung der Konkurrenten im europäischen Ausland wäre, um "uns Deutschen" schweren Schaden zuzufügen.

So wird die eigene Obrigkeit, bloß weil es die eigene ist, ganz umstandslos ins Recht gesetzt und mit dem ehrenvollen Auftrag von ihrer Arbeiter-Basis versehen, deutsche Interessen noch erfolgreicher als bisher gegen die feindliche Konkurrenz durchzusetzen. Daß diese Politik für das deutsche Stahl-Kapital einen Arbeiter regelmäßig alt aussehen läßt, das scheint einen deutschen Stahlarbeiter nicht im mindesten zu interessieren.

Was bleibt: Viel Verzweigung - bis zur endgültigen Entscheidung

Weil die Krupp-Arbeiter keinerlei begründeten Zweifel an der gegen sie gerichteten unternehmerischen Entscheidung anmelden wollen, weil sie das Interesse des Unternehmens im Unterschied zu ihrem eigenen für ein unwidersprechliches Sachgesetz halten ("Verluste in Millionenhöhe, au weia!"), sich selbst also für ausgesprochen ohnmächtig erklären, geben sie sich so entschieden "niedergeschlagen und verzweifelt". Und statt bloß mit dieser trostlosen Gemütslage der eigenen Familie daheim auf den Wecker zu gehen, haben sie sich entschlossen, diese ihre Stimmung einer großen Öffentlichkeit nachhaltig zur - Kenntnis zu bringen. Denn das ist man sich als braver Arbeiter einfach schuldig: daß - "wenn schon nichts mehr geht" - man auf jeden Fall die Öffentlichkeit darauf hinweisen muß, daß man als guter Arbeiter "ganz und gar zu Unrecht in Not" geraten ist. Und um für diese reichlich nutzlose Botschaft die gehörige Aufmerksamkeit zu finden, dafür sind einer verzweifelten Phantasie keinerlei Grenzen gesetzt - außer denen natürlich, die ein "Kampf um Arbeitsplätze" verbindlich vorschreibt:

"Kollegen, wenn wir streiken, dürfen wir keinesfalls unsere Arbeitsplätze kaputtstreiken. Sonst freut sich nur der Unternehmer",

der sich bekanntlich mächtig ärgert, wenn ihm seine schönen Arbeitsplätze bis zu dem Zeitpunkt, an dem er sie stillegt, ungestört erhalten bleiben.

Ein Streik für Arbeitsplätze, das ist eben ganz notwendig ein ziemliches Unding, denn wie sollte man auch einem Unternehmen schaden wollen, von dessen gnädigem Arbeit-geben sich die Stahlarbeiter ganz und gar abhängig machen wollen.

Und so bleibt für einen Protest, der erklärtermaßen keinen Gegner hat, nichts anderes übrig, als auf ein paar "einfallsreiche Aktionen" zu sinnen, damit auch wirklich jeder merkt, daß hier protestiert wird. Daher die eine oder andere "Störung der öffentlichen Ordnung" in gebotenen Grenzen, versteht sich -, wofür selbst die "Bild"-Zeitung großes Verständnis zeigt:

"Wie verzweifelt müssen die Stahlkocher von Rheinhausen sein, wenn besonnene Familienväter Brücken sperren, Barrikaden mit ihren Autos errichten.

Natürlich wissen auch sie: Damit holen sie keine Arbeitsplätze nach Rheinhausen zurück. Aber sie erwarten zurecht ein klares Wort von Firmenleitung und Politikern."

Mehr erwarten und mehr kriegen sie auch wirklich nicht. Bis auf das kleine Wörtchen "zurecht" liegt die "Bild"-Zeitung in diesem Fall leider ziemlich nah an der Wahrheit.