ALLAH IST GROSS - DER IMPERIALISMUS IST GRÖSSER

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1984 erschienen.

Nahost-Bestseller
ALLAH IST GROSS - DER IMPERIALISMUS IST GRÖSSER

"Das Prinzip des europäischen Geistes ist die selbstbewußte Vernunft, die zu sich das Zutrauen hat, daß nichts gegen sie eine unüberwindliche Schranke sein kann, und die daher alles antastet, um sich selbst darin gegenwärtig zu werden." (Hegel, Enzyklopädie III, Paragr. 393, Zusatz).

Von der Welt des Islam hat die deutsche Nachkriegsgeneration erste Informationen, von Bagdad nach Stambul quer durchs wilde Kurdistan, bei Karl May erhalten; über Jerusalem im Religionsunterricht und das Heldenepos vom kleinen tapferen Volk der Juden, das damals noch nur westlich des Jordan die Wüste fruchtbar machte, wurde beim Klassenbesuch im Kino gesunden. Inzwischen steht da unten "unser" Öl im Feuer, die Juden, immer noch klein und tapfer, führen einen Vernichtungskrieg nach dem anderen, und neben Hadschi Halef Omar sind auch andere Mohammedaner wie der Ayatollah Khomeini und Libyens Revolutionsführer Gadafi bekanntgeworden. So ist der Nahe Osten für den europäischen Geist keine Sphäre von Freiheit und Abenteuer mehr, sondern eine "Krisenregion", von der aus der Freiheit Gefahr drohen soll.

Während das westliche Krisenmanagement vor Ort "unsere Sicherheit" vorwärtsverteidigt, von Tel Aviv bis zur Straße von Hormuz, sorgen die Chefreporter des demokratischen Fernsehens als Buchautoren für die beruhigende Gewißheit: Alles durchschaut, die Sache ist auch geistig im Griff. Und daneben liefert noch jedes Gemetzel Stoff für moderne Abenteuer, deren Helden nicht mehr Kara Ben Nemsi heißen, sondern mit Decknamen im israelischen Geheimdienst sich für den Endsieg des Guten auf der Welt schlagen.

"Allah ist mit den Standhaften"

Unter diesem Titel hat Peter Scholl-Latour seine "Begegnungen mit der islamischen Revolution" zu einem handlichen Schmöker von 776 Seiten binden lassen. Nach Indochina ("Tod im Reisfeld") wird hier ein weiteres Stück Globus zwischen den Philippinen und der Westsahara zum Material, an dem dieser narzißtische Genießer aller Schlachtfelder seine so erfolgreiche Mischung von Psychologismus und Rassismus als hintergründig-tiefschürfende Erklärung der gerade aktuellen Welträtsel zusammenmixen kann. Man hat eigentlich das Buch schon gelesen, wenn man folgenden Satz auf Seite 23 zur Kenntnis genommen hat:

"Die Offiziere... waren geprägt vom präzisen amerikanischen Drill, aber ein Hauch hispanischer Grandezza haftete ihnen noch an, gemildert durch die malaiische Herkunft."

Dies zur philippinischen Armee. Anderes kommt nicht, nur mehr davon, immer noch mehr davon über Iraner, Algerier, Israeli, Libanesen, Syrer, Jordanier, Saudis, Ägypter, Saharauis, Malayen', Indonesier, Pakistanis, Yemeniten, Senegalesen, Afghanen, Kasachen, Kirgisen und Türken. Ein einziges Panoptikum "stechender Blicke", "hagerer Gesichter", "schneidender Stimmen", "ausgemergelter Gestalten", "rassiger Frauen" und Vergleiche der folgenden Art:

"Der kleine Wuchs, der schmale Schnurrbart über vorstehenden Zähnen gaben ihm das Aussehen eines Nagetiers."

Das erfährt man bei Scholl-Latour über Bani-Sadr. Das erledigt den Mann mehr als "sein Ruf, ein verkappter Marxist zu sein". Und die Lesergemeinde zwinkert ihrem Lieblingsautor über die Buchseiten zu, wenn er als "Frucht von drei Jahrzehnten persönlicher Erfahrung" (Klappentext) verrät:

"Agententätigkeit und Homosexualität ergänzen sich häufig in diesem Teil der Welt."

Der Voyeurismus als Berufsethik kennt nicht nur alle Bordellviertel östlich und westlich von Suez, wittert hinter jedem verschleierten Frauengesicht "mühsam zurückgedrängte Glut", sondern macht sich ganz prinzipiell Menschen und Mächte als gebündelte Kraft aus Blut und Landschaft zurecht:

"Die Tuareg-Männer, diese hageren Wölfe der Wüste, die nur aus Haut, Sehnen und Knochen bestehen, verzehren sich in Sehnsucht nach diesen dickbäuchigen, weiblichen Amphoren, in die sie zur Lust und mit dem angespannten Willen zur Fortzeugung ihren Samen ergießen würden."

Unappetitlichkeiten dieser Art treiben die Weltgeschichte und Weltpolitik voran und wenn dann noch die "alles verzehrende Kraft einer Idee, des Islam" dazukommt, dann Gnade uns Gott: "Die Moslems vor der Tür. Die Türken in Berlin" heißt das Schlußkapitel, und Peter Scholl-Latour hat den Okzident gewarnt. Am Ende des Buches gedenkt man nicht ohne Wehmut des verheißungsvollen Auftakts auf Seite 1:

"Wir wurden für Agenten des amerikanischen Geheimdienstes gehalten, und wenn es uns nicht gelang, diesen Verdacht zu entkräften, blieben nur geringe Chancen, das Fischerdorf Tuburan lebendig zu verlassen."

Scholl-Latour hat es quicklebendig verlassen, wie alle Stützpunkte von Aufständischen, die er heimgesucht hat. Allein schon das ein Beweis, daß es mit dem Aufstand, gar einer "Bedrohung der westlichen Welt" nicht so weit her sein kann, wie der Autor die Nerven seiner Leser kitzeln möchte. Das Buch erweckt fortwährend den Anschein, als würden alle Protagonisten politischer Auseinandersetzungen in der "Welt des Islam", die Schlächter und die Opfer, einen Besuch Scholl-Latours "und meines Teams" als mittlere Entscheidungsschlacht für ihre Sache einkalkulieren. So ist es nur gerecht, daß sie hinterher alle gleich aussehen: Aufbereitetes Charaktermaterial für den Genuß des europäischen Weltmanns, sei es nun als Autor oder als Leser, bei dem abgesahnt wird.

Bescheidener, wenn auch mindestens ebenso geschwätzig kommt

"Jerusalem"

von Gerhard Konzelmann daher. "4000 Jahre Kampf um eine heilige Stadt" werden auf 495 Seiten im Stil einer Schulfunkserie nacherzählt. Der Reiz der Stadt Jerusalem muß dabei von vergleichsweiser Beschaffenheit gewesen sein wie die "Herausforderung", die für einen Reinhold Messner vom Mount Everest ausgeht: Sie ist da und will erobert werden! Für die ersten paar tausend Jahre benutzt Konzelmann ganz einfach die Bibel als Quelle. Dann hat er sich die einschlägigen Geschichtsbücher ausgeliehen und erzählt daraus Geschichten. Da "entschließt" sich Saladin "eines schönen Morgens" dazu einzumarschieren, und wenn "die Nacht kühl und klar ist", ziehen die Kreuzritter auch wieder mal ab. Wer zählt die Helden, zählt die Schlachten - Konzelmann tut es bis zum happy-end: "Der Tempelberg gehört uns Juden". Der Rest ist ein städtebauliches Problem:

"Der Wiederaufbau (des Tempels der Schrift) würde Abbruch des Felsendoms und der Al-Aqsa-Moschee bedeuten."

So entläßt Konzelmann seine Leser am Ende in die Botschaft des ersten Kapitels: "Die Stadt des Hasses und des Leids." Was hier die einen tun, das schmerzt die anderen. Zur "Schuldfrage" hat Konzelmann folgende Erklärung parat:

"Diese Erzählung aus dem Talmud vergißt, daß Gott auch neun von zehn Teilen des Hasses und der Unversöhnlichkeit in der Welt an Jerusalem vergeben hat."

Mit dieser Hypothek von oben schlagen sich die Völkerschaften seitdem um Jerusalem und um Jerusalem herum. Und Gerhard Konzelmann, "ein Meister der Erzählung und Detailschilderung", macht daraus, wie der Klappentext als Werbung verspricht, "ein historisches Kolossalgemälde". Ohne Zweifel das "Informativste" seit Cecil B. de Mille's "Die 10 Gebote".

"Die Libelle"

von John Le Carre ist dagegen nur ein Roman, wenn auch ein kolossaler: Fast ein Jahr lang die Nr. 1 auf den Bestsellerlisten des "Spiegel" und der "New York Times". Le Carres "Little Drummer Girl" (so der Originaltitel) ist eine englische Schauspielerin, die vom israelischen Geheimdienst Mossad als Lockvogel zur Ermordung eines palästinensischen Terroristen angeheuert wird, sich dabei in ihren jüdischen Führungsagenten verliebt und bei ihrer Tätigkeit "die ganze Tragödie des Nahostkonflikts" mit allen menschlichen Schikanen durchleidet. Der Autor mehrerer erfolgreicher Romane um den Geheimdienst ihrer Majestät schenkt sich diesmal ausufernde Reflexionen über die Gewissensbisse der Good Guys beim Ausrotten der Bösen. Und weil die Palästinenser im Buch immer beim Bombenbasteln vom "Schicksal ihres Volkes" erzählen dürfen, haben Kritiker Le Carre "hohe Objektivität" bescheinigt. Gerade dadurch desavouiert sie Le Carre als "fanatische Ideologen", die persönlich das Leben von Playboys führen, während die schlichten, eher als spießige Kleinbürger geschilderten Agenten Israels immer nur an Auschwitz denken müssen und ohne jede weitere Begründung ihre Killer aussenden. Am Ende des Romans läßt Le Carre seine Heldin in die Flitterwochen mit dem besten Scharfschützen des Mossad entschwinden, während sein kompetentester Vorgesetzter, eine Art jüdischer Smiley, sauer ist über die brutale Art, mit der die israelische Armee doch noch im Libanon einfällt, obwohl er doch schon mehr als genug Palästinenser liquidieren hat lassen.

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"Ebenso wie im Theoretischen strebt der europäische Geist auch im Praktischen nach der zwischen ihm und der Außenwelt hervorzubringenden Einheit. Er unterwirft die Außenwelt seinen Zwecken mit einer Energie, welche ihm die Herrschaft der Welt gesichert hat." (Hegel, a.a.O.)

Und jeder Krieg schafft Stoff für neue Bücher, die dann Bestseller werden, zur erbaulichen Vorbereitung des Geistes auf den nächsten.