Albanien - ein "Abkoppelungsmodell" a la Senghaas?

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1982 erschienen.
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Korrespondenz
Albanien - ein "Abkoppelungsmodell" a la Senghaas?

"Irgendwie habe ich noch viel Schwierigkeiten, die Argumentation und Gedankengänge über Imperialismus nachzuvollziehen... könntet ihr mir bitte eure Kritik an der Imperialismus-Analyse von Dieter Senghaas und seine vertretene Lösung - Abkoppelungsmodell oder Dissoziation vom Weltmarkt - genauer erläutern... Senghaas findet sich z.B. in seinem Modell bestätigt durch das Beispiel Albaniens und Nordkoreas. Deshalb existieren auch bei vielen Anhängern von Befreiungsbewegungen immer noch Hoffnungen. Ist diese Hoffnung berechtigt? Wäre das Modell Nordkoreas und Albaniens nachahmenswert? Könnten andere 3.Welt-Länder überhaupt diese 2 Länder nachahmen, wenn sie es wollten?... Eure Klarstellung über Albanien in der MSZ habe ich gelesen. Und durch diesen Artikel gewann ich wirklich den Eindruck, daß so ein 'autozentriertes Entwicklungsmodell Senghaas' möglich ist. Oder doch nicht??...

28. 2. 1982, A.

P. S.

Warum haben eigentlich die SU und die USA Albanien und Nordkorea in Ruhe gelassen?

Antwort der Redaktion

Es mag zwar sein, daß sich Senghaas durch Albanien und Nordkorea bestätigt fühlt, aber sein "Modell" hat mit den genannten Staaten noch weniger zu tun als Monopoly-Spielen mit dem Kreditwesen. Staaten der 3. Welt einmal so vorzustellen, als fragten sie sich, welches Modell für ihre Entwicklung wohl das geeignete wäre, lieber mit oder ohne Koppelung, beruht auf der falschen Diagnose "Unterentwicklung": Es "fehlte" ihnen einiges vom Inventar der Industriestaaten und das müßten sie nun "nachholen"...

Den Drittweltstaaten "fehlt" aber überhaupt nichts: Sie sind die lokale Herrschaft über ein Gebiet, das überhaupt nur durch die Benützung der kapitalistischen Geschäfte Reichtum abwirft, aus dem die jeweilige Staatsgewalt wiederum ihre Tantiemen bezieht. Die Folgen dieser Benützung, der Ruin der vorher existenten Produktionsweise, die Zerstörung der Subsistenzwirtschaft usf., als Defizit dieser Staaten, eben als 'Unterentwicklung' zu betrachten, ist eine idealistische Verharmlosung der Art von Entwicklung, wie sie die Einbeziehung solcher Länder in die kapitalistische Geschäftswelt produziert. Sie werden als die Subjekte eines zwar schwierigen, aber objektiv notwendigen Fortschritts wohlwollend begutachtet, als ob sie nicht die Nutznießer der vom Imperialismus etablierten Geschäfte wären und als ob sie nicht gerade ihre Machtbefugnisse zu dem Zweck einsetzten, den Fortschritt ihres "Landes gegen eine dafür unbrauchbare, also überflüssige und zuweilen störende Bevölkerung abzusichern.

Der Vergleich, den Senghaas und Co. anstellen, wenn sie an den Drittweltstaaten eine im Verhältnis zu den imperialistischen Staaten fehlende Entwicklung konstatieren, fällt vom Standpunkt der bemitleideten "Länder" auch ganz anders aus: Sie finden, daß sich ihre Staatsmacht im Verhältnis zu denen, die auf der Welt etwas zu sagen haben, ziemlich ärmlich ausnimmt und konkurrieren konsequent ums Wohlwollen der imperialistischen Staaten, weil einzig die ihnen die Mittel verschaffen können, - weitergehende Geschäfte, ein universell verwendbares Geld und Waffen - mit denen ein "unterentwickelter "Souverän" seine Machtentfaltung verbessern kann,

Die Ideologie von der "Unterentwicklung"

Das gönnerhafte Verständnis von Senghaas für die Nöte der "3.Welt"-Souveräne ist also einerseits ziemlich weltfremd, verglichen mit deren Kalkulationen, andererseits aber auch ein sehr devotes Kompliment gegenüber der Methode, mit der sich der Imperialismus die Benützung dieser Weltgegenden garantiert: die Einrichtung von nationalen Souveränen, die sich ihres ganz eigenständigen Interesses wegen die Geschäftsgrundlagen zum Anliegen machen, die ihnen der Imperialismus einräumt.

Wie deplaziert die Vorschläge der Abkoppelungstheoretiker für eine "vernünftigere" Ordnung in der "3. Welt" sind, kann man im übrigen täglich an der Zufriedenheit merken, mit der die Mugabes, Nyereres, Mubaraks ihren imperialistischen Schutzpatronen entgegentreten. Und wenn sie dabei Klage über ihr Entwicklungslanddasein führen, ist das nichts anderes als die Bitte, ihre Brauchbarkeit für die imperialistische Weltordnung sollte sich größerer Berücksichtigung erfreuen.

Weil die sachlichen Voraussetzungen für jede Herrschaft in der "3. Welt" so beschaffen sind, weil der Weltmarkt nicht ein Mittel darstellt, das man probieren aber auch lassen kann, wie es die Abkoppelungstheorien behaupten, sondern diese Staaten über eine Ökonomie überhaupt nur insoweit verfügen, als ausländische Interessenten bei ihnen enn Geschäft stattfinden lassen wollen, weil ebenso das Wohlwollen der für den Weltmarkt zuständigen Industrienationen über das politische Schicksal jeder Herrschaft entscheidet, muß schließlich jede auch mit noch so volksfreundlichen Absichten angetretene Regierung damit als mit ihrer Existenrbedingung leben. So gut wie jede Befreiungsbewegung, die einmal unter dem Firmenschild eines antiimperialistischen, eigenständigen nationalen Aufbaus angetreten ist, hat aus diesen vom Imperialismus gesetzten Zwängen und Erpressungen, gerade wegen ihres Aufbauprogramms ziemlich schnell den Schluß gezogen, zwischen "nationalem Fortschritt" und "Wohlstand der Massen" zu unterscheiden. Daß dazu auch das Ideal von Entwicklung gehört, hinter der man unentwegt her sein will, ist nur billig. Obwohl auch da Vorsicht geboten ist, da unter den jetzigen weltpolitischen Auspizien schon der geringste Verdacht bezüglich sozialismus- und russenfreundlicher Tendenzen als Anlaß für imperialistische Ordnungsmaßnahmen genügt.

Ausnahmen sind keine "Modelle"

Albanien und Nordkorea sind deshalb bisher noch nicht vorgekommen, weil es sich dabei um Ausnahmen und nicht um Modelle handelt. Beide Staaten sind Resultat des II. Weltkriegs, der Gelegenheit, nach dem Hinauswurf der Besatzungstruppen einen sozialistischen Staat aufzumachen, der im weiteren sein Ausnahmedasein der Existenz des Ostblocks verdankt. Der Titel "Abkoppelung" ist auch hier falsch: Eine antikapitalistische Politik, nämlich die Aufhebung des Privateigentums durchzusetzen, ist etwas ganz anderes als "Entwicklung lieber ohne Weltmarkt": In Albanien und Nordkorea sind kommunistische Parteien an die Macht gekommen, die die kapitalistische Ausbeutung unterbinden wollten, und bei allem, was sich gegen ihre Sorte Kapitalismuskritik einwenden läßt, haben sie sich in eine praktische Gegnerschaft zu den imperialistischen Nationen begeben und nicht ihrer Sehnsucht nach ausgewogenen Industriebranchen, einer "wachsenden Fähigkeit zur Selbststeuering" und einer "erfolgreichen Ausbildung einer Identität" (Senghaas) Lauf gelassen. Sozialismus ist schließlich keine Methode, um zu einer Entwicklung zu kommen, die einem der Weltmarkt immer nicht schenken will, sondern ein Kampfprogramm gegen die Geschäftemacherei, die ihr Personal ruiniert. Ein sozialistischer Staat "koppelt" sich also auch nicht "ab", sondern muß erstens die Repräsentanten der imperialistischen Ausbeutung ziemlich gewaltsam entfernen und sich zweitens ihrer Feindseligkeiten dauerhaft erwehren. Daß Albanien und Nordkorea das bis jetzt gelingen konnte, ist nur zum geringsten Teil ihre Leistung, sondern verdankt sich der Existenz eines sozialistischen Lagers, in dem sie zwar aufgrund bestimrnter Zerwürfnisse mit der Sowjetunion eine Sonderrolle spielen, das aber gleichwohl eine Einschränkung für die Handlungsfreiheit der imperialistischen Nationen gegen über Feinden des Weltmarktes darstellt. Die Sowjetunion hat beide Staaten in ihrem sozialistischen Aufbau unterstützt, pflegt weiterhin zu Nordkorea Handelsbeziehungen und schätzt deren Antiimperialismus nach wie vor so sehr, daß sie immerzu um Verbesserung der Beziehungen ersucht. Allein ihre weltpolitische Position ist der Grund dafür, daß es den USA nicht wert gewesen ist, diese Staaten unter ihre Kontrolle zu bringen. Was nicht heißt, daß sie sie "in Ruhe lassen" würden. Was die militärische Bedrohung betrifft, gehören beide zur falschen Seite, und die Ausrüstung der südkoreanischen Grenze durch die USA zeugt nicht gerade von Gleichgültigkeit.

Senghaas mag sich also auf Albanien und Nordkorea berufen, Parteigänger von deren Sozialismus ist er gewiß nicht, wenn er ihn als Rezept fürs Abkoppeln empfiehlt. Wie könnte er sonst die neueren Wendungen der chinesischen Politik, die die Erschließung ihrer Bevölkerung für den Imperialismus beschlossen hat, dermaßen zufrieden kommentieren und als konsequente Fortsetzung eines früheren "Abgekoppeltseins" belobigen, das

"China jene Periode innerer Konsolidierung gegeben" hat, "die eine sinnvolle Entwicklung im Innern ermöglichte und die inzwischen China in einem bemerkenswerten Ausmaß für Technologietransfer aufnahmebereit macht,"

Wenn der Erfinder dieser Theorie schon so deutlich ausführt, daß der Sozialismus so etwas wie eine Gründerphase in Entwicklungsländern sein soll, nach der der Imperialismus nur um so besser auf seine Kosten kommt beim "Technologie-Transferieren", sollte man ihm glauben, und das Ganze nicht für eine Theorie für Befreiungsbewegungen halten.

Antiimperialistische Hoffnung?

Als letztes schließlich halten wir es für unangebracht, Albanien und Nordkorea als Beweis für "berechtigte Hoffnungen" zu reklamieren - nicht nur, weil es keine "Modelle" sind und mit Nachahmen nichts drin ist, ganz abgesehen davon, daß kaum Leute auf der Welt herumlaufen, die so etwas nachahmen wollten. Eine Politik, die die Geschäftsbeziehungen zu den imperialistischen Nationen einschränkt, mag zwar ihrem Volk einiges ersparen, ist aber kein Ausweis für eine gelungene Revolution, ganz abgesehen von den außenpolitischen Bedingungen. Wir erinnern nur an die chinesische Politik, die jahrelang den Imperialismus verdammt hat und es aufgrund einer konsequenten nationalistischen Selbstkritik in bemerkenswert kurzer Zeit zu besten Beziehungen zum früheren Hauptfeind USA gebracht hat. Im übrigen wählen Anhänger von Befreiungsbewegungen, die sich mit Albanien und Nordkorea Hoffnung machen möchten, ein ziemlich umständliches Verfahren für ihren Antiimperialismus. Sich darauf verlassen zu wollen, daß ausgerechnet in den Teilen der Welt, in denen die Opfer des Imperialismus über keine Waffe verfügen, weil sie nämlich bloß überflüssig sind und sonst nichts, daß dort irgendeine Befreiungsbewegung sich durchsetzt, von der man nur mit viel Mühe und Selbstbetrug glauben kann, daß sie irgendwie gedenkt, gegen den Imperialismus vorzugehen, sich dann auch noch für diese Perspektive mit allen möglichen Modellen Mut zuzusprechen, ist ein Luxus, den man sich sparen kann. Gegen die tagtäglichen Erfolge des Imperialismus hier im Land gibt es genug zu sagen und zu tun. Daß die Verantwortlichen für das, was Senghaas als "Unterentwicklung" beklagt, hierzulande die

solide Basis für ihr weltweites Wirken besitzen, kommt bezeichnenderweise bei ihm nicht vor. Wie auch, er als "Fachmann für Politik" hat ja keine Skrupel, für sein Abkoppelungsmodell auch noch damit Reklame zu machen, daß es für späteren "Technologietransfer" durch die imperialistischen Nationen geradezu optimale Voraussetzungen schafft.

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"Ansätze, Vorschläge... aufbauende Kritik"

12.4.1982

Lieber V.i.S.d.P. Fertl!

Herzlichen Dank für Euer Begleitschreiben zum Nürnberger Ostermarsch...

In jedem Falle interessant finde ich es, wenn Ihr Euch so stark für Verbesserungen in der zum jetzigen Zeitpunkt existierenden Friedensbewegung engagiert. Es gehört sehr viel Idealismus dazu, sich mit einem Stoß Flugblättern unter dem Arm zu Tausenden von Friedensträumern zu gesellen und ihnen versuchsweise eine Erklärung für die Nutz- und Inhaltslosigkeit ihres Protests, der ja doch nur mehr Fest, Tradition oder Ritual, zu geben.

Das ist wirklich nicht ironisch gemeint! Ich habe wirklich Respekt für Leute, die gegen eine Masse von Unwissenheit oder Borniertheit angehen.

Aber zum Sinn dieses Briefes:... Relativ einfach ist es meiner Ansicht nach, sich ein paar Thesen der Friedeninitiativen herzunehmen und sie im Kämmerchen auf der Schreibmaschine ein wenig aufzuspießen und vielleicht auch ein bißchen dran rumzunörgeln.

Was ich aber vermisse, sind Ansätze, Vorschläge..., ganz einfach aufbauende Kritik. Nur Polemik, und so muß ich Euer Blatt auffassen, bringt gar nichts. Ist es Euch nicht möglich, Ideen konkreter auszudrücken? Ich halte mich für imstande, solches zu überdenken und weitgehendst vorurteilsfrei zu verarbeiten.

In diesem Sinne würde es mich freuen, von Euch noch andere Sachen zum Lesen zu bekommen.

Freundliche Grüße, H.M., Nürnberg

Antwort der Redaktion:

Lieber H.M.!

Zu dem, was Du "interessant" findest und zu dem, was Du "vermißt", nur kurz das Folgende als Klarstellung und als konstruktiver Vorschlag:

1. Alles andere wollen wir, als die "zum jetzigen Zeitpunkt existierende Friedensbewegung" verbessern. Daß es daran erstens nichts zu verbessern gibt, kannst Du dem jüngsten Produkt dieser Bewegung und unserer Kritik daran in dieser MSZ entnehmen (wir meinen den Aufruf zur Bonner Demonstration der Grün-Bunt-Altemativen ). Daß zweitens gegen den NATO-Krieg ein Protest für das Ideal, in dessen Namen er stattfinden soll - den Frieden -, falsch ist, stand in dem von Dir gelesenen Flugblatt. Falls Du es darin übersehen haben solltest, sind wir gerne bereit, Dir auf Anfrage MSZ Nr. 2/1981 - MSZ Nr. 2/1982 kostenlos zu übersenden.

2. Was "Ansätze und Vorschläge" von unserer Seite betrifft, so freuen wir uns fürs erste, Dich auf der Demonstration der MARXISTISCHEN GRUPPE (MG ) gegen die deutsch-amerikanische Kriegsallianz und die NATO am 10. Juni in Bonn begrüßen zu dürfen. Alles nähere kannst Du der letzten Seite dieser MSZ entnehmen.

3. Wir meinen nicht, daß eine falsche Stellung zur herrschenden Politik ihren Grund in der "Unwissenheit oder Borniertheit" der Leute hat. Aus dem, was sie wissen, ziehen sie falsche und für sie schädliche Schlüsse, weshalb wir in unseren Publikationen auch keine Nachrichten verbreiten, sondern - wie Du richtig bemerktest - eine Erklärung dessen anbieten, was läuft, für wen und gegen wen. "Nutz- und inhaltslos" ist der "Protest" der Friedensbewegung keineswegs: Ihre Inhalte haben sich gewaschen, und der Nutzen liegt eindeutig bei der anderen Seite.

4. Ehe die Adressaten unserer Agitation nicht unsere Kritik "überdacht und vorurteilsfrei verarbeitet" haben, also sie und ihre Konsequenzen sich zueigen gemacht haben, wird man sie auch weiterhin in ihrem Standpunkten "destruktiv" kritisieren müssen.

In diesem Sinne würde es uns freuen, wenn Du alle unsere Sachen liest. Vielleicht kommen wir dann doch noch zusammen.

Erwartungsvolle Grüße, MSZ-Redaktion