AL SAUER AUF RON WEGEN ED

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1984 erschienen.
Systematik: 

Haig-Memoiren
AL SAUER AUF RON WEGEN ED

Was aufgeklärte Demokraten und Spiegelleser schon immer mal wissen wollten, weil sie es sich schon immer so gedacht haben: Nun weiß man es ("Spiegel" sei Dank!) aus erster Hand:

"Nicht der Präsident regiert in Washington, sondern der Beraterstab des Weißen Hauses. Bürokraten ohne Vision oder auch nur politische Erfahrung, aber mit einem ausgeprägten Sinn für Intrigen und den eigenen Nachruhm".

Enthüllt hat diesen Skandal - lauter mittelmäßige Figuren in der obersten Kommandozentrale des Westens - nicht eine Stammtischrunde beim zweiten Schnapsglas und auch nicht der "Spiegel", der jede Maßnahme staatlicher Politik absichtsvoll mit dem Seelenhaushalt der Politiker verwechselt, sondern einer, der es wissen muß. Alexander Haig, gewesener oberster Feldherr der NATO und kurzfristig als Außenminister selbst Mitglied jener blassen und unsympathischen Reagan-Crew, eröffnet den

Schlüssellochblick auf die Geheimnisse des Weißen Hauses,

vor denen die praktischen Entscheidungen und Maßnahmen der imperialistischen Weltmacht USA völlig bedeutungslos werden. Einem Mann wie Haig das Befehlen über die weltweiten Machtmittel der USA zu vermiesen, das beweist die politische Ahnungslosigkeit und Borniertheit der kalifornischen Regierungsmannschaft, die Außenpolitik zur "Achterbahnfahrt" verkommen ließ; die abrupte Beendigung der Karriere dieses Funktionärs einer reibungslos wirksamen Weltpolitik der USA - seine Entlassung als Außenminister - ist der Beleg für die Sorge, die es sich um eine möglicherweise "verfehlte Politik" Reagans zu machen gilt. Und das meint nicht nur Haig, sondern auch der Spiegel, der den Abdruck der Memoiren als bundesdeutsche Sorge und Kritik an einer vorgeblichen "Unzuverlässigkeit " der derzeitigen amerikanischen Regierung verstanden wissen will.

Welcher Chancen Reagan sich dadurch beraubt hat, nicht auf "Al" zu hören, weiß dieser beredt auszumalen.

- Die erste Amtshandlung Haigs war die Aufstellung eines detaillierten Befehlsplans, der genau regelte, wer in seinem Amtsbereich wann und wie etwas sagen durfte, mit dem Manager Haig an der Spitze der Hierarchie. Denn: "Ohne einen vom Präsidenten bestätigten Organisationsplan kann der Mechanismus der auswärtigen Politik nicht in geordneten Bahnen ablaufen. Es kommt sonst zum Streit über Zuständigkeiten, zur Rivalität über Vorrangfragen, zu einem Verlust an Würde und zu einer Politik, die weder beständig noch klar und verständlich ist."

Leider ließen Bürokraten wie Meese und Baker den Plan klammheimlich im Papierkorb verschwinden - und seitdem taumelt Amerikas Außenpolitik von einer Führungsschwäche zur nächsten.

- Während Verteidigungsminister Weinberger ständig "dazu neigte, Stammtischmeinungen als politische Programme vorzutragen", war es Haig nicht vergönnt, seinen Wunsch nach einer wöchentlichen Stammtischrunde mit Mr. President erfüllt zu sehen. Obwohl "eine persönliche Beziehung zwischen Präsident und Außenminister so wichtig ist", haben die intriganten Uraltfreunde Reagans, die dieser sich aus Kalifornien nach Washington geholt hat, diese intime Freundesrunde zu verhindern gewußt.

- Während es sich bei diesen Beratern um Kriecher und Schleimer handelte, die Reagan nach dem Munde redeten, um aus der Nähe zum Präsidenten möglichst viel Einfluß für sich herauszuschlagen, strebte Haig viel grundsätzlicher zum gleichen Ziel: "Wenn der Oberste Befehlshaber einen Amerikaner um Mitarbeit bittet, darf der sich nicht verweigern. Und ich wollte den Job."

- Daß ihm dieser Dienst für die Nation und deren Präsidenten nur vorübergehend erlaubt wurde und die Großtaten amerikanischer Weltpolitik seit dem Falklandkrieg nicht mehr von ihm verantwortet wurden, dieser Angriff auf seinen "ausgeprägten Sinn für den eigenen Nachruhm" wirft ein schlechtes Licht auf die im Amt verbliebene Mitmannschaft. Sie ist für Haig der lebende Beweis, daß an den schönen Hebeln der amerikanischen Gewaltmaschinerie in anmaßender Weise immer die falschen Leute herumfingern.

Caspar Weinberger ist nicht in der Lage, die amerikanische Kriegsbereitschaft gegen die UdSSR richtig zu eskalieren, weil er die NATO-üblichen Kürzel für die Inszenierung des Showdowns nicht kennt. Meese und Baker, den Präsidentenberatern und hartem Kern des kalifornischen Klüngels, fehlt es an "Präzision bei ihren Aussagen". Der Stellvertreter Haigs "versteht überhaupt nichts von Außenpolitik", und obwohl ihm Haig "Nachhilfeunterricht" geben läßt, "reichte die Zeit nicht aus, um das leere Gefäß zu füllen ". Die Präsidentenberater sitzen bei Kabinettssitzungen sogar mit am Tisch, anstatt "auf den Stühlen an der Wand, wo sie schon immer saßen", was eine "Majestätsbeleidigung" ist, wie sie "nicht einmal Nixons Haldeman und Ehrlichman wagten", und ein Beweis dafür, daß Meese ständig dazu "neigte, sich ungebührlich viel Autorität anzumaßen". Und überhaupt - mit allem Respekt - der Präsident: "Seine Antrittsrede enthielt nicht einen einzigen bemerkenswerten Satz, und das war ihre Stärke..." Außerdem "bekommt er immer feuchte Augen, wenn er aufgeregt ist", und merkt fortwährend nicht, daß es für ihn am besten wäre, sich ganz auf den guten Al zu verlassen, anstatt sich von seinen kalifornischen Spezis einwickeln zu lassen.

Deshalb blieb nurmehr, beleidigt von der Inszenierung des eigenen Abgangs zu berichten, nachdem sich der Held beim Rennen um die Gunst des Präsidenten durch die cleveren Westküsten-Meeslinge ausgebremst sah.

Erbaulich ist das Ganze nur für den, der mit den praktischen Resultaten amerikanischer Weltpolitik lediglich die Sorge verbindet, ob sie auch schlagend genug gelingt, wem also die

Anbetung der obersten Gewalt des Westens

so aufs Gehirn geschlagen ist, daß er an Ausbeutung, Krieg und Hunger der von imperialistischer Herrschaft Betroffenen nichts bemerkenswerter findet als seine Sympathie oder Abneigung gegen die Charaktermasken, die diese verantworten dürfen. Offensichtlich kann der "Spiegel" da auf ein demokratisches Publikum rechnen.

Wem dies zu ekelhaft ist, dem könnten freilich einige "enthüllende" Wahrheiten auffallen. Politiker quält das Problem, das lebendige Demokratie so auszeichnen soll, sich ständig vor ihrem Volk verantworten zu müssen, überhaupt nicht. Sie werden gewählt; und ab dann zählt nur noch, wer die fälligen Opfer der Bevölkerung für die nationale Ehre befehlen und ausführen darf. Amerikanische Politiker brauchen keinen Gedanken auf die "Probleme der Weltpolitik", die sie ständig beschäftigen sollen, zu verschwenden. Für sie gilt nur die Alternative, "zu wanken oder die Welt zu führen". So wird der Weltkrieg vorbereitet und die Welt an allen Ecken und Enden befriedet. Probleme kennt diese Politik nur, um die Zuständigkeit des Weltpolizisten zu definieren: "In Polen wollen die Sowjets die Solidarnosc knebeln... in El Salvador verstärkt sich der Aufruhr... Getreideembargo gegen die Sowjetunion... Waffenlieferungen an Taiwan... Pakistan von den USA isoliert... Afghanistan..." Der für die Weltmacht Nr. 1 selbstverständliche Zustand, den Globus im Griff zu haben, teilt sich ihren souveränen Organisatoren konsequent als Verwaltungsproblem mit. Und dazu gehört nur ein Geschick: sich in der Konkurrenz der Regierungsmannschaft als der bessere Steher zu behaupten. Daran entscheidet sich, ob einer ein intriganter Bürokrat der Staatsgewalt bleibt oder ein großer Staatsmann wird.