AFRIKA MIT STIL UM DEN DEUTSCHEN FINGER GEWICKELT

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1988 erschienen.
Systematik: 

Was nicht nur Negern gefällt:
AFRIKA MIT STIL UM DEN DEUTSCHEN FINGER GEWICKELT

"Afrika den Europäern, Europa den Deutschen und Deutschland den Bayern!" (Walter Fitz beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg am 10.3.)

Afrika den Deutschen! Diese Forderung hat die versammelte bundesdeutsche Politprominenz sehr amüsiert. Darauf zu pochen und Anspruch zu erheben, was man längst in der Tasche hat, zeugt wahrlich von geringem politischen Fein- und Fingerspitzengefühl. Keineswegs plump und überhaupt nicht dreist hingegen ist, wenn derselbe Sachverhalt nicht als Forderung, sondern als Tatsache ausgesprochen wird: Deutschland liegt gleich neben Afrika, also geht es uns was an!

"Der Bundespräsident vertritt die Auffassung, daß der Europa benachbarte Kontinent 'besonderen Anspruch auf unsere Aufmerksamkeit' hat." (Süddeutsche Zeitung, 27./28.2.)

Über den Standpunkt, bei seinen Gastgebern für deutsche Interessen werben oder sie ihnen erläutern zu müssen: Darüber war Weizsäcker auf seiner Afrika-Tournee längst hinaus. Lässig befindet er unsere Interessen an dem schwarzen Kontinent für so etwas Ähnliches wie eine geographische Gegebenheit. Inwiefern Afrika unsere besondere Aufmerksamkeit verdient, geht Afrika nämlich gar nichts an: Schließlich sind wir die Aufmerker und nicht umgekehrt. Ein ziemlich unbedingter Standpunkt also, der sich da in dem Programm ankündigt, Interessen überhaupt nicht mehr zur Sprache zu bringen. Daß weder deutsche Ansprüche angemeldet noch afrikanische Pläne und Vorhaben zurückgewiesen wurden, bedeutet ja nicht, daß es sie nicht gibt. Die sich gegenüberstehenden gegensätzlichen Interessen sind vielmehr so eindeutig zu bundesdeutschem Vorteil geregelt, das Abhängigkeitsverhältnis so perfekt eingerichtet, daß sich von Weizsäckers Seite Streit ebenso erübrigt wie Rücksichtnahme.

Der Mann hat gut reden: Erstens kann er sich darauf verlassen, daß die vorteilhaften wirtschaftlichen Beziehungen und die politischen Zurechtweisungen laufend erledigt werden und bei den politischen Machern Kohl, Genscher und Strauß in besten Händen sind. Zweitens stellt sich die BRD-Öffentlichkeit die Differenzen über die angemessene Stellung zu Südafrika sowieso als Konflikt zwischen Moral und rassistenfreundlicher bajuwarischer Dickschädligkeit vor. Da fällt dem Weizsäcker seine Lieblingsrolle als Anwalt alles Wahren, Guten, Schönen ohne große eigene Anstrengung in den Schoß. Dabei tut ihm die CSU noch den Gefallen und würdigt sein moralisches Geseiche wie einen politischen Eingriff, so daß er glatt wie ein verfassungsmäßig nicht ganz befugter, aber um so unanfechtbarerer Mitinhaber der afrikapolitischen Richtlinienkompetenz erscheint.

Dabei gibt es an der bundesdeutschen Zuständigkeit nichts zu deuteln und nichts zu rütteln. So kann die Nation sich den Luxus leisten, daß ihr Weizsäcker sich ausschließlich um ihre Glaubwürdigkeit kümmert. Zu diesem Zweck hatte der Meister folgenden Dreischritt im Gepäck:

1. Weil wir uns für Afrika interessieren, sind wir auch für alle Belange seiner Weltgegend zuständig - den dortigen Potentaten hat die Anerkennung ihrer Interessantheit Dank genug zu sein.

Jeder denkbare Einwand gegen deutsches Treiben in Afrika wird mit dem Deuter auf die Tatsache vom Tisch gewischt, daß um die Deutschen und ihr segensreiches Wirken in Afrika niemand mehr herumkommt. So hat Weizsäcker penetrant prinzipiell das Interesse der BRD an Afrika betont. Jenseits aller tatsächlichen Beziehungen hat er Afrika dadurch geadelt, daß es - für Deutschland äußerst interessant und wichtig sei. Daß die Bundesrepublik dem Kontinent "eine Bedeutung zumißt" - als dieses "Signal" wollte er seine Reise verstanden wissen. Auch wenn sich seine Gastgeber durch diese Zuständigkeitserklärung geschmeichelt fühlten, so zeigt das nur, wohin und für wen das "wechselseitige" Verhältnis mittlerweise gediehen ist: Die BRD ist der Interessent - und genau deshalb soll's für die Gegenseite nichts mehr zu feilschen geben. Sie hat sich damit zufriedenzugeben, von Interesse zu sein. Aus dieser Ehrung lassen sich für sie keinerlei Forderungen ableiten: Denn selbst, was uns jeweils interessiert, legen wir fest und brauchen es drum auch keinem zu verraten. Die schon vor Reiseantritt verkündigte präsidiale Festlegung, er gedenke nicht , sich auf irgend etwas von irgend jemandem festlegen zu lassen, - tat denn auch ihre Wirkung. Fordernd ist ihm niemand entgegengetreten.

Daß Afrika mit bundesdeutscher Zuständigkeit gut bedient ist, kann unser Präsident aber noch glaubhafter versichern:

2. Wir verstehen mit Negern umzugehen. Nicht von oben herab. Wir hören zu und sind lernfähig. Also her mit dem Glauben, daß afrikanische Belange bei uns in den besten Händen sind!

Alle häßlichen Einzelheiten aus den Beziehungen zwischen der BRD und afrikanischen Staaten sind bereits getilgt, wenn auf die Feststellung Wert gelegt wird, daß es bei diesem Verhältnis ganz darauf ankommt, wer Subjekt ist nach dem Motto: Die Neger können froh sein, daß sie nicht von sich selbst abhängen! Die unbedingte Vertrauenswürdigkeit, auf die die bundesdeutsche Afrikapolitik ein Anrecht hat, beweist Weizsäcker aber nun durch die Herablassung, so zu tun, als wäre er der Repräsentant - aber überhaupt nicht von einer international herumfuhrwerkenden Staatsgewalt. Durch symbolträchtiges Neigen des Kopfes und Schrägstellen der Ohren bemüht er sich um die Verbreitung des Anscheins, daß von einem Imperialismus made in Germany nicht die Rede sein könne! Interesse aneinander haben, das sollte es sein, was makes the world go round. Nicht so sehr Afrika, sondern das Verständnis füreinander ist unterentwickelt. Was den Negern fehlt, ist ein Interesse an ihnen, das ihrer Andersartigkeit Gerechtigkeit widerfahren läßt. Also beglückt er den Kontinent, dessen Bewohner in der Mehrzahl der Fälle auf dem letzten Loch pfeifen, mit dem Goethewort, daß es sich bei kultureller Begegnung zwischen Menschen um so was Ähnliches wie Ein- und Ausatmen handle. Was da gegeben und genommen wird: Das andere gibt immer schwer zu denken: Es ist nicht eigen und trotzdem da. Das hört der Neger, zumal in den oberen Etagen, gern:

"Der Sprecher des simbabwischen Senats empfand die Rede ergriffen, fast wie eine Predigt." (Süddeutsche Zeitung, 15.3.)

Auch er ist nicht ohne, hat Geschichte und Kultur Marke Eigenbau - selbst wenn er das ohne deutsche Nachhilfe vielleicht heute noch nicht wüßte. Die Ruinen von Groß-Simbabwe hat nämlich ein Schwabe für uns alle ausgebuddelt, Viktoriafälle hat Deutschland nicht zu bieten - vom Staub in Timbuktu ganz zu schweigen. Also darf Mugabe den Führer spielen und unseren Weizsäcker an der Hand nehmen, damit der mal wieder die Gelegenheit erhält, eine eindringliche Geste samt der ebenso aufdringlichen Interpretation zu inszenieren: Ich, Weizsäcker, bin anders als alle Präsidenten, die Afrika je gesehen hat. Wenn Presse dabei ist, laß ich mich auch von Schwarzen anfassen, damit sie zu mir Vertrauen fassen. Obwohl ich gewöhnlich gebe, nehme ich gerne, was freiwillig und "nach Landessitte" (Süddeutsche Zeitung, 15.3.) sich mir entgegenstreckt.

Nach eigenen Angaben hat er auf dieser Studiensafari unheimlich viel gelernt: Wahrscheinlich, daß es in der Sahelzone tatsächlich dürr zugeht und Afrika insgesamt voller Probleme steckt, über die sich - v.a. dem Nicht-Afrikaner! - jedes Urteil verbietet. Trotzdem waren die Kosten für den Anschauungsunterricht nicht rausgeschmissen. Vor, während und nach seiner Reise hat er betont, daß und wie lernfähig er ist. Also war das auch die ganze Lehre, die aus seiner Reise gezogen werden sollte:

Was die Häuptlinge der Negerstaaten angeht, so sollten sie sich abregen, wenn ihr Interesse nichts zählt. Wenn nicht in ihren staatlichen Plänen und Absichten, so wird ihnen doch Anerkennung gezollt für ihr unverwechselbar eigenes Nationalwesen. Jenseits aller Politik gibt es etwas allen Staaten Gemeinsames und sie Verbindendes: Jedes Völkchen hat seine Eigenheit, auf die kein ausländischer Staat Anspruch erheben kann. Sie läßt sich auch überhaupt nicht wegnehmen, weil sie nur im eigenen Staat zu Hause ist.

Mit dem Respekt vor dem anderen ist im Falle Afrikas die Welt schon wieder heil. Ideell sind die Negerfürsten entschädigt, was wollen sie mehr? Mit der Verwandlung der Beziehungen in eine Stilfrage: auf die Art und Weise des Umgangs und nicht darauf, was Staaten miteinander zu schaffen haben, soll es ankommen - ist dem Streit jeder Grund entzogen. Probleme resultieren aus Mißverständnissen, aus mangelnder Kenntnis oder Achtung des Fremdländischen. Speziell die Neger sind empfindlich, wenn ihre Würde verletzt wird. Das muß nun wirklich nicht sein.

Was unseren Präsidenten angeht, so ist er auf der Höhe der Zeit: Nachdem seit gut einem Vierteljahrhundert der Kolonialismus abgeschafft ist, gibt er damit an, daß er keine fremde Staatenseele von oben herab behandelt, daß er zuhören kann, also keine Vorurteile hat, also weder Kolonialist noch Rassist ist. Bewunderung einzuheimsen für die beachtliche Leistung, einer ausgestorbenen Spezies nicht anzugehören - das ist frech.

Und sehr zweckmäßig. Damit poliert er am Bild einer Bundesrepublik, die mit ihren Eingriffen auf der ganzen Welt angeblich nichts anderes verfolgt, als das Ideal einer harmonischen Staatengemeinschaft. Das ist der Rhythmus, wo der Neger mit muß...

3 Wir sind gegen die Apartheid - und somit für eine vernünftige Politik in ganz Afrika zuständig. Der Glaube, mit einer Verurteilung Südafrikas identifizierten wir uns mit den Anliegen Schwarzafrikas, ist jedermann unbenommen. Maßnahmen werden in Bonn beraten, und die Entscheidung liegt beim Kanzler.

Mit diesem letzten Bekenntnis hat Weizsäcker endgültig einen Stein im Brett bei all seinen Verehrern. Nicht nur kulturell hochstehend, sondern auch moralisch einwand-freien Werten verpflichtet! Selbstlos, wie hier endlich einmal einer die Anliegen der Schwarzen unterschreibt und vorbehaltlos unterstützt!

Von wegen! Unterschrieben wird hier gar nichts. Vielmehr legt Weizsäcker mit seiner Kritik an der Apartheid erst einmal alle seine vorgeblichen Auftraggeber auf seine Sichtweise Afrikas fest: Außer diesem einen Punkt gibt es da überhaupt nichts mehr zu kritisieren. Alle Mißstände haben zu verblassen und zu verschwinden hinter dem himmelschreienden Unrecht der Apartheid. Einen besseren Titel, um in ganz Afrika herumzufuhrwerken, gibt es überhaupt nicht. Wenn sonst nichts kritikabel sein soll an der imperialistischen Verwendung eines ganzen Kontinents als die rassistischen Unterscheidungen an seinem Südende, dann ist damit eben auch jede deutsche Afrikapolitik über jede Kritik erhaben.

Und was die Republik Südafrika betrifft, so hat der Präsident auch da keine falschen Festlegungen getroffen. Denn in der Frage nicht nur "denkbarer", sondern wirklicher Sanktionen endet ja seine Richtlinienkompetenz. Da ergänzt er mit seinen Realismen den Fortgang "unserer" Geschäfte.