ACHTUNG, WERTE ANSCHLUSSBÜRGER! 1:0!

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1990 erschienen.
Systematik: 

ACHTUNG, WERTE ANSCHLUSSBÜRGER! 1:0!

Nun wollt ihr also zum erstenmal gründlich enttäuscht sein. Ihr habt euch per Wahl für den schnellen Einzug der DM stark gemacht - und jetzt zieht sich die Einführung des guten Geldes ewig hin. Das wertet ihr als einen ersten Wahlbetrug.

Dagegen möchten wir zu bedenken geben, daß sich Enttäuschungen nur einhandelt, wer sich hat täuschen lassen. Schließlich habt ihr in eurer grenzenlosen Abneigung gegen Bevormundung aller Art nichts Besseres zu tun gehabt, als die Gestaltung eurer künftigen "Wirtschaftslage" den Besitzern und Verwaltern des starken Geldes anzuvertrauen! Jetzt ist es doch nur normal, wenn sich die so überzeugend ermächtigten Kommandohöhen alles reiflich überlegen und ihre Berechnungen geltend machen.

Was sie sich für Probleme durch den Kopf gehen lassen, solltet ihr deshalb aufmerksamer beurteilen - und nicht gleich schon wieder für einen Wahlbetrug ansehen, den ihr demnächst mit einer etwas anderen Abstimmung beantwortet. Die brauchen von euch keinen "Denkzettel", weil sie schon von sich aus genug nachdenken. Gegenwärtig darüber, ob das durchaus denkbare Umstellungsverhältnis von 1:1 eigentlich die beste Lösung ist. Dabei ist ihnen eingefallen, daß sich nicht nur vorhandene Ost- Mark- Reichtümer in DM bewertet gehören, sondern auch künftige Zahlungen, die mit dem Aufziehen des großen Geschäfts fällig werden. Sie haben beschlossen die "Lohnfindung" - so heißt das demokratisch - so abzuwickeln, daß sie so aussieht wie eine zwangsläufige Folge einer finanzpolitischen Notwendigkeit. Also nehmen sie zuerst - jetzt fragt bloß nicht, warum! - die alte DDR-Lohnhöhe in Mark-Ost zum Ausgangspunkt, für das, wovon ihr demnächst leben können müßt. Das ist scnon einmal sehr schön, wenn man ein "Lohnniveau" im Sinn hat, das so hoch wie sonst in deutschen Landen nicht zu sein braucht. Dann kommt ihnen dieses Lonnniveau, weil schließlich in guter DM statt in liederlicher Ost-Mark bezahlt, doch wieder ungerecht vor: Wenn man die Umstellung wie einen Umtausch zwischen beiden Währungen nimmt, wie er heute noch läuft, wo es noch beide gibt, ist das Entgelt für Arbeit entschieden zu reichlich bemessen. Da wäre 1:2 wohl angemessen, weil gutes Geld eben besser ist als schlechtes. Ihr könnt euch davon zwar weniger kaufen, doch es geht um einen gerechten "Umtausch", der auch mit der großen wirtschaftlichen Vemunft zusammenstimmt!

Daneben hat eine solche Entscheidung einen unschätzbaren Vorteil für den Verkehr zwischen euch und euren neuen Herren. So wie die euch kennen, fragt ihr dann wieder in bekanntem Beschwerdeton nach, ob ihr es - bei aller Anpassungsbereitschaft an die neuen Verhältnisse - auch schafft, von so einem Lohn überhaupt zu leben. Und darauf fällt den wirtschaftstüchtigen Gestaltem eurer Arbeit und eures "Lebensstandards" dann sicher ein, daß dies selbst für euch sehr schwer wird. Dann geben sie euch zwei Hunderter mehr als die Hälfte - und alle sind's relativ zufrieden. Ihr, weil es so schlimm doch nicht gekommen ist und die Kapitalisten auch mal etwas drauflegen. Die Herren eures Lohns, weil sie beweisen konnten, daß sie auch gegen die von ihnen inszenierten "Sachzwänge" mit Einsicht angehen, wenn es nötig ist. So ersetzt dann wenigstens ein allseitiges Wohlbefinden den Wohlstand, der euch fehlt.