8 FRAGEN AN DIE MODERNEN ARMUTSWIDERLEGER

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1980 erschienen.
Systematik: 

Soziales
8 FRAGEN AN DIE MODERNEN ARMUTSWIDERLEGER

In der Bundesrepublik gibt es keine Armut. Das glaubt fast ein jeder zu wissen. Dafür gibt es eine Armutsdebatte, die uns sagt, daß das, worüber sie redet, entweder nicht oder anders existiert. Für jeden Kriminalkommisar wäre dies ein klarer Fall: Wer sich so aufregt und vielzüngig etwas zu leugnen bemüßigt fühlt, der hat genau das zu verbergen; das ist schon das halbe Geständnis. Allerdings gelten parteiische Dummheit oder einfach falsches Bewußtsein hierzulande nicht als Delikt, ganz im Gegenteil.

Also, Ihr bezahlten und unbezahlten Armutswiderleger, dann beantwortet mai die folgenden Fragen:

I.

Warum seid Ihr eigentlich dauernd zu Gange, Armut zu bestreiten, die wo es doch gar nicht gibt? Da könntet Ihr doch genausogut die Existenz von "Fragmichnich" anfechten, den gibt's auch nicht, ist aber origineller. Ihr aber hackt immer auf der blöden Armut rum, die laut Eurer eigenen, vielfach zu Protokoll gegebenen Aussage eh keiner kennt. Verstoßt Ihr damit nicht gegen das Diktum eines Kollegen von Euch, man solle die Dinge nicht herbeireden? Oder habt Ihr vielleicht das Gegenteil vor?

II.

Die letzte Frage ist, zugegeben, ein bißchen unfair, weil ja jemand nicht etwas wegreden können will, von dem er gleichzeitig behauptet, es sei gar nicht da. Das wäre ja fast Schizophrenie, mindestens aber ein ganz platter Widerspruch. Immerhin konnten die Armutsforscher zu einer Präzisierung ihres Vorhabens bewegt werden: Sie wollen gegen einen "gefährlichen Armutsbegriff" ("Spiegel", Nr. 23/1980) vorgehen. Ach, so ist das: Wir haben es mit Kreuzrittem wider schreckliche Halluzinationen zu tun! Der scheinbare Widerspruch sub 1. hat sich als die zwingend gebotene Notwendigkeit entpuppt, gegen die Einbildung der Armut einzuschreiten; der schwarze Peter ist ziemlich dogmatisch auf die andere Seite gewandert: Da es Armut in Wirklichkeit nicht gibt, kann das, was nottut, nur eine rechte Vorstellung von Armut sein, deren Abwesenheit dazu verleitet, sich oder andere für arm zu halten, obwohl es gar nicht stimmt, weil... q.e.d.!

Einen Haken allerdings hat dieser Kreis: Wie, Ihr Armutstheoretiker, kommt Ihr eigentlïch dazu, die Bedürfnisse anderer Leute u interpretieren? Wer hat denn überhaupt ein Problem mit dem "Begriff" von Armut, egal ob "gefährlich" oder sonst was? Doch nur derjenige, der sich unabhängig von der Art und Weise, in der sich die Leute die Mittel ihrer Bedürfnisbefriedigung beschaffen müssen, die Frage stellt, ob es noch Armut gibt.

III.

Innerhalb dieser Liga gibt es zwei große Fraktionen: die mit den niedrigen und die mit den hohen "Armutsziffern". Auf einem gemeinsamen Symposium entbrennt demnach Streit um die "vielen Definitionen für den Begriff Armut. Entsprechend reichen die Angaben von 500.000 bis sechs Millionen." ("Westdeutsche Allgemeine Zeitung", 19.9.80). Ebenso entsprechend schlagen sie einander "fahrlässige Zahlenspielchen", "ungenaue Gradmesser zur Errechnung der Armut" (H. Roth, Armut in der BRD), "Unsinn-Standards" und "methodische Unsauberkeit" ("Spiegel") um die Ohren. In diesem wahrhaft würdigen Disput um die gemeinsame Frage "Wen will ich als arm gelten lassen?" kommt Armut also plötzlich vor - aber eben als Zahlenmaterial für das Problem einer Kategoriebildung, die je nach Maßstab unterschiedlich ausfällt. Da messen die einen "Armut" letztlich als "geistige", für die anderen läßt sich die "Armutsgrenze" nicht bei einem Einkommen von DM 1.000,- fixieren, weil man dann bei nur 10 Mark weniger schon von Armut reden müßte usw.

Wenn Ihr Euch also dranmacht, Armut zu messen, haben dann die wechselseitig monierten "Unsinn-Standards" nicht vielmehr den Sinn, den von Euch erfundenen Kategorien den Schein der Objektivität und Euch ein wissenschaftliches Renommee zu verleihen?

IV.

Doch Armutsforscher stehen nicht an, "objektive Kriterien" zum Beweis ihrer These aufmarschieren zu lassen. Geradezu verzweifelt hat sich der "Spiegel"

"die Mühe gemacht, hier und heute ein paar Arme aufzufinden: Streift man heute über abgemähte Wiesenfelder, so begegaet man niemandem mehr, der die verbliebenen Ähren abliest. Es gibt niemanden, der sie braucht, um seinen Hunger zu stillen. Zieht man durch die Wälder, so findet man Riesenmengen an Abraumholz. Es gibt niemanden mehr, der sich Holz holt, damit er nicht zu frieren braucht."

Ob dieser Wirtschaftswissenschaftler tatsächlich mit hochgestelltem Mantelkragen durch die garstige Witterung deutschen Herbstes gestriffen und bestätigt in die Uni zurückgekehrt ist? Schön blöd wäre er, wo er doch schon vorher weiß, welche Schlußfolgerung er aus seiner angeblichen Beobachtung ziehen will: nix mehr Armut! Warum kann keiner dieser Sprüche auf das seltsame Prinzip des Vergleichs verzichten? Seit wann wird denn ein Stück Mist zum Goldklumpen, wenn man es neben ein größeres Dreckstück legt? Denn dies ist ja offensichtlich das Verfahren, einen möglichst drastischen Vergleichspunkt auszumalen, an dem man dann komischerweise das nicht mehr "auffinden" kann, was nicht mehr da ist. Na und, was folgt daraus? Sachlich nichts, für den Vergleicher sehr viel: "Wohlstand, der so offenkundig und für jedermann sichtbar der Masse der Bevölkerung zuteil wird", Treiben wir uns zu selten auf einsamen Ährenfelder herum, um zu sehen, daß die Masse anderswo dem Wohlstand frönt?

V.

Na gut, wir geben es zu: die schöne Beschäftigung des Holzklaubens ist fast ausgestorben, Trümmerfrauen und Hamsterkäufe gibt es auch nicht mehr und so richtig aufgeblähte Hungerbäuche sieht man auch nur noch auf Afrika-Glanzfotos im "Stern". Aber: Was eigentlich wird denn da miteinander verglichen? Ist es nicht auffällig, daß jeder dieser Vergleiche umso wirkungsvoller ausfällt, je schlimmer Not und Elend zum gewählten Zeitpunkt und/oder im ausgesuchten Land am Werke sind? Muß man denn einem, dem es doch gut gehen soll, dauernd erzählen, er solle sich freuen, kein Neandertaler, Neger oder verhungert zu sein? Offenbar nicht. An seinem ewig gleich bebilderten Bezugspunkt wird das professionelle Bestreiten der Armut also auf seine Weise geständig: der Mangel ist die selbstverständlich eingesetzte Grundlage der Vergleicherei, auf daß aus dem ununterbrochenen Gebrauch des Komparativs der Armut die wundersame Wandlung zum - eingebildeten - Wohlstand gedeihe. Anders gefragt: Wieso kommen diese Leute - Vergleichsfanatiker, die sie sind - denn nie darauf, den "Besitzstand" der Arbeiter (schließlich ist ja zielsicher die Rede stets von denen, bei denen man sich nachzuweisen aufgerufen fühlt, daß es ihnen blendend geht, obwohl sie doch nur Arbeiter und nicht die Reichen sind...) mit dem von ihnen produzierten Reichtum zu vergleichen oder daran zu messen, was diese brauchen und wollen. Nein, immer soll man sich daran ergötzen, nicht holzsammelnd im 19. Jahrhundert mit Wasserbauch ohne Jackett als Bettler in Äthiopien im Winter vor einer zerfallenen Bruchbude zu hocken.

VI.

Jetzt ziehen die Armutsforscher (sie sind echte Profis!) einen Trumpf aus dem Ärmel: Sie haben eine empirische Untersuchung gemacht, die besagt, daß sich nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung "für arm hält", während die Mehrzahl meint, ihr ginge es "relativ gut". Wer bevormundet denn jetzt die Arbeiter? Tja, das ist so eine Sache: Volkes Stimme hat Gewicht. Aber leider ist auch sie nicht dazu geeignet, Armutsleugners Argument richtiger zu machen. Denn auch dort, wo derselbe blöde Vergleich praktisch und keineswegs aus Propagandagründen angestellt wird, also vom "kleinen Mann" höchstpersönlich, gewinnt er nichts an (Objektivität; auch seine Vergleichsobjekte zeichnen sich allesamt dadurch aus, daß es ihnen schlechter geht. Wer gibt denn schon zu, daß er arm ist. Wo jeder selbst seines Glückes Schmied sein soll, gilt der Mißerfolg als selbstverschuldete Schande. Nur: ob ihm wirklich nichts mehr einfällt, was er noch ganz gut gebrauchen könnte? Bei ihm ist es eben verquerer Ausdruck seiner Unzufriedenheit damit, was er sich leisten kann, wenn er sich damit "tröstet", daß andere noch weniger haben. Sonst bräuchte er diese Hilfskonstruktion, auch Moral genannt, doch gar nicht?

VII.

Irgendwann wird das bundesweite Dementi der Armut dann doch noch positiv. Der bisher immer nur über Umwege erschwindelte Wohlstand wird gegenständlich vorgestellt: Brot, Wurst, Auto, Kühlschrank, Fernseher = , "der Warenkorb". Dieser Warenkorb ist ein besonders komisches Ding, denn niemand geht mit ihm zum Einkaufen, er ist vielmehr ein statistisches Argument, also ebenfalls dem Hirn von Leuten entsprungen, denen daran gelegen ist, " Lebensstandard" graphisch anzupreisen. Und das heißt allerhand:

  • Dieser stolzer Hinweis darauf, was sich ein Durchschnittsdeutscher alles leisten kann, spricht im gleichen Atemzug die Unverschämtheit aus, daß selbst im Zeitalter massenhafter Kühlschrankproduktion so ein Kasten, in dem man Fertiggerichte kalt stellt, für einen Propagandisten bundesdeutschen Wohlstands noch lange keine Selbstverständlichkeit, sondern eine huldvolle Wohltat ist, die er auf diese Weise bei anderen (jenen bewußten Subjekten, die den ganzen Schrott erarbeiten) allerdings wie selbstverständlich theoretisch in Frage stellt. Was sonst sollte diese gönnerhafte Prahlerei mit dem sogenannten Reichtum der Bevölkerung, der sich stets als eine Ansammlung der Dinge entpuppt, die längst zu den Notwendigkeiten des alltäglichen Lebens gehören?
  • Die Größe des Warenkorbs spricht Bände über die Stellung seiner Erfinder zum "Wohlstand" derer, die ihn angeblich allmonatlich verfressen. Immer ist er proppenvoll, was nicht an der Masse des Inhalts liegt. Warum sonst hat man ihn so konstruiert, daß er, egal wieviel drin ist, fast überläuft?
  • Apropos "Konsum". Niemand stellt den Zynismus dieser Lobhudler des "Kapitalismus, dessen einzigartige Leistungen vor allem den ehemals armen Schichten der Bevölkerung zugutekommen", überzeugender vor als sie selbst, wenn sie - auf ihre verdrehte Tour - formulieren, wie es um die "Konsumfähigkeit" der ehedem armen Massen steht:

"Daß der Durchschnitt nicht arm ist, läßt sich schon durch einen einzigen Blick auf die Kosumentenmassen in einem gewöhnlichen Einkaufszentrum ermessen." ("Spiegel")

Daß sie überhaupt Lebensmittel sich verschaffen können, gereicht den Propagandajublern zur grenzenlosen Begeisterung - eine Tatsache, die den lebenden Figuren dieses faszinierenden Bildes die mehr praktische Frage abverlangt, wie sie sich ihren Lohn, der in ihren Geldbeutel gelangt ist, einteilen sollen; denn "Konsum" ist trotz allen gegenteiligen Gerüchten immer noch Reproduktionskost, was nichts mit Genuß zu tun hat. Mancher mag schon mal gehört haben, daß die zitierten "Konsumentenmassen" sich ihren Lebensunterhalt erst verdienen müssen, bevor sie zu dieser Bestimmung gelangen können. Diese nackte Tatsache - was die "konsumfreudigen" Massen für die Erlangung der Notwendigkeiten ihrer Reproduktion (und das heißt übrigens nicht mehr als Wiederherstellung der Arbeitskraft) schuften (also sich verschleißen), und daß sie dafür einen Lohn erhalten, mit dessen Größe über den Umfang ihres Konsums alles entschieden ist - halten Anti-Armuts-Theoretiker für nicht erwähnenswert. Denn daß sie keineswegs von Ahnungslosigkeit befallen sind bezüglich des wirklichen Lebensstandards der arbeitenden Bevölkerung, beweisen ihre gesammelten Sprüche über den von ihnen apostrophierten "Wohlstand" ja zur Genüge...

VIII.

Umgekehrt ist es: Im Dienste des propagandistuchen Standpunktes, der da ganz unverhohlen ausposaunt wird, wird ein und derselbe Durchschnittsmensch samt seinem Haarshampoo, Butterbrot und Rollerskates zum Beleg dafür deklariert, daß in diesem unserem schönen Lande dem Staat die Beseitigung der Armut a) fast schon zu viel, b) hervorragend oder c) ungenügend gelungen ist. Interpretiererei und Rumkramerei in den Speisekammern unserer Haushalte sind also nicht mehr und nicht weniger als das Vehikel der gegenwärtig wieder einmal besonders breitgetretenen politischen Lehre, die den Sozialstaat als die Instanz ausgibt, die sich dem Wohlstand der Massen ver schrieben habe. Merkwürdig ist es ja schon, daß da eine Region hellwacher Theoretiker der Armut die ganze Armut ihrer Theorie aufbietet, um finstere gegenteilige Gerüchte auszuräumen, die es ihnen zufolge überhaupt nicht geben dürfte. Offenbar ist es jedoch so, daß sie gar nicht erst aufkommen sollen, um den Sozialstaat nicht zu diskreditieren.

Nur - werden nicht schlafende Hunde geweckt, wenn man dann a) wie der "Spiegel" sogar eine Übererfüllung seines wunderschönen Versorgungsauftrages behauptet, der nicht einmal im Grundgesetz des Schlaraffenlandes zu finden ist? Aber eine überversorgte Redakteurin will unbedingt ihr - unter gebildeten Demokraten keineswegs anrüchiges - Credo hinschreiben, Wohltäter Staat schlage über die Stränge der Hilfsbereitschaft:

"Obwohl niemals zuvor in der Geschichte des Landes so viel Geld und Personal bereit stand zur Linderung tatsächlicher und eingebildeter Leiden, zur Abwehr wirklicher oder vermeintlicher Not wie in den vergangenen Jahren, kehrte nie das Gefühl eln, daß nun genug des Guten getan sein könnte. Im Gegenteil."

Der Arbeits- und Sozialminister, rastlos von Tür zu Tür hechelnd, um vollgefressenen Mäulern die Schnitzel aufzudrängen - das mußte ja zu weit führen: Dekadenz, wohin das "Spiegel"-Auge äugt! Das ist Gesellschaftskritik für moderne Intellektuelle, wo in modernen Sozialstaatszeiten, in denen ein wachsendes Elend produziert und staatlich verwaltet wird.

Man kann aber auch b) unter dem Motto: "Dies dürfte sich ein reiches Land wie die BRD nicht leisten" einen "Skandal" vorstellig machen, wie es der "Stern" gerne tut, wenn er einen verlumpten Stadtstreicher knipst und für seine Leser ganzseitig abbildet. Wenn diese dann "huch!" sagen, weil der ein ach so exotischer Vogel ist, ist alles schon gelaufen: Penner Paul versinnbildlicht den "Schandfleck", den es im erfolgreichen und perfekten Sozialstaat eigentlich nicht mehr geben dürfte, weil der die Armut ja abgeschafft...

Man kann diesen plumpen Idealismus, der den Staat für die Überwindung des Pauperismus lobt, der diesen und die ganz "normale" Armut verwaltet, c) aber auch kritisch gegen diesen vorbringen. Die Steigerung der Behauptung, Armut sei hierzulande eine Ausnahme und deshalb eine bedauerliche "Panne", liefern linke Armutstheoretiker mit der nach gleicher Denkart gestrickten Illusion.

"Wirtschaftskrise und fehlende soziale Reformen verursachen die materielle und Psychische Verelendung der Arbeitnehmer." (J. Roth)

Die Rede von der Krise des Kapitals als Ursache der Armut enthält schließlich das faustdicke Kompliment, in guten Zeiten der Wirtschaft stehe die Armut der Lohnarbeiter nicht mehr auf der Tagesordnung. Und prompt folgt die Lösung auf dem Hinkebein: Der Untertitel zu Roths Buch "Armut in der BRD" lautet unvermeidlich: "Untersuchungen und Reportagen (!) zur Krise des Sozialstaats"! Ausgerechnet die Einrichtung, deren soziales Netz mit seinen ganzen Zwangsversicherungen schlagend dokumentiert, daß die Ruinierung der Arbeiter eine staatlicherseits kalkulierte und regelmäßige Notwendigkeit eines Lebens im Dienste der kapitalistischen Wirtschaft ist, ausgerechnet die soll's wieder richten! Ein fehlgeleiteter Sozialstaat soll der Grund für die existierende Armut sein; wieso kommt eigentlich niemand auf die Idee, daß hier ein klarer Fall von Absicht vorliegt?

P.S.: Wer diesem Auftakt zu einer ganz anderen Theorie der Armut folgen kann, findet deren Ausführung in: "Resultate - Theoretisches Organ der MARXISTISCHEN GRUPPE (MG)", Nr. 1/1980