3 TAGE NATIONALE AUFREGUNG ANLÄSSLICH DER ROUTINEMÄSSIGEN VERWALTUNG VON RUIN UND KREDIT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 10-1988 erschienen.

IWF-Tagung in Westberlin
3 TAGE NATIONALE AUFREGUNG ANLÄSSLICH DER ROUTINEMÄSSIGEN VERWALTUNG VON RUIN UND KREDIT

Dreimal hat sich Westberlin um den Kongreß von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank bemüht. Jetzt hat es endlich geklappt, und im Fernsehen präsentiert sich ein stolzer Bürgermeister Diepgen: Höchste Finanzchefs und Bankiers aller Herren Länder geben der Hauptstadt Deutschlands - pardon, der (noch) verhinderten Hauptstadt Deutschlands die Ehre.

Allenthalben wird großes Aufsehen um diese "mächtige Organisation " gemacht. Ein nationales Großereignis, sozusagen die Olympiade des Geldes, wirft Glanz auf die Frontstadt, hebt "die Bedeutung Berlins" hervor. Entsprechend lassen die Zuständigen und ihre Ordnungskräfte nicht mit sich spaßen: Weil es doch tatsächlich Leute gibt, die diesem Kongreß gegenüber kritisch eingestellt sind, und weil sich darunter ein paar sogenannte "Autonome " und "Chaoten" befinden, geht der Staat mal gleich von einem riesigen Anschlag auf Berlin, wenn nicht auf die Fundamente des Staates selbst aus. Das in Westberlin besonders gut ausgebaute Kontroll-, Überwachungs- und Einschüchterungswesen und was dergleichen "Präventivmaßnahmen" sind, tritt voll in Aktion, aus der ganzen BRD werden "Schutzkräfte" eingeflogen. Aber auch in der übrigen Republik wird jede Veranstaltung überwacht und unterliegt dem prinzipiellen Verdacht, ziemlich in der Nähe des "terroristischen Sumpfes" angesiedelt zu sein.

Ihr gutes Gewissen beim Säubern und Zuschlagen unterstreichen die Damen und Herren Politiker zugleich dadurch, daß sie eine demonstrativ verwunderte Ungläubkeit über die Kritiker an den Tag legen: Ist es denn nicht jedermann einsichtig, daß diese internationalen Finanzinstitutionen eine ganz wichtige Aufgabe bei der "Bewältigung schwierigster Probleme" erfüllen; muß man ihnen nicht dankbar sein, wenn sie sich um die Entschärfung der berühmten "Schuldenkrise", auch "Schuldenbombe" genannt, bemühen; und schließlich - geht es nicht ausdrücklich darum, "Wachstum und Entwicklung" in den Ländern der sogenannten "Dritten Welt" zu fördern? Die Stoltenbergs und Pöhls lassen sich also auch die moralische Butter nicht vom Brot nehmen: Allen Ernstes behaupten sie, daß die Änderung von ein paar Zinssätzen, das Hin- und Herschieben von ein paar Krediten, die Erhöhung des IWF-Kredittopfes und der eine oder andere Schuldenerlaß die Mittel seien, um Hunger und Elend zu bekämpfen. Den Organisationen, die jetzt einen Anti-IWF-Kongreß begonnen haben - von den Kirchen über Gewerkschaften bis hin zu kritischen Professoren und Grünen - leuchtet genau das schwer ein. Mit einem besonders dicken moralischen Zeigefinger versehen begutachten sie teilnahmsvoll die Tagung in Berlin daraufhin, ob es dem IWF gelingt, dieses drohende Desaster in der "3. Welt" in den Griff zu bekommen, und äußern Zweifel, ob er sich auch unabhängig und selbständig genug dieser hohen Aufgabe widmen kann.

In dieser vertrauensseligen Dummheit, daß arme und reiche Länder unter den Schulden zu leiden hätten, daß ein Drehen an den Kreditmodalitäten Wohlstand auch noch für den hinterletzten Hungerneger bewirken würde, erschöpft sich auch schon die ganze Kritik. Dabei ist den Ankündigungen des IWF zu entnehmen, daß er wegen dieser "Schuldenkrise" lang nicht so aufgeregt ist wie das besorgte Publikum und der Hunger sowieso nicht zur Debatte steht. Schon jetzt steht fest, daß einigen Ländern - nach gründlicher Prüfung - Schulden erlassen und anschließend neue Kredite herausgegeben werden. Der IWF hat seine "Mittel" also schon parat, und - im Kontrast zur öffentlichen Aufregung - ist das für ihn auch gar nichts Neues. Dieses Verfahren praktiziert er schon seit vielen Jahren. Tatsächlich ist ja auch nicht einzusehen, was an einem Anwachsen der Gesamtschulden auf mittlerweile 1,2 Billionen Dollar besonders schlimm sein soll: Wenn man sich nicht von der angeblich großen Zahl beeindrucken läßt - allein der amerikanische Staat ist mit ziemlich derselben Summe verschuldet -, fällt auf, daß diese Milliarden halt im Lauf der Jahre schön gleichmäßig aufgelaufen sind, daß es das "Problem" der Nicht-Rückzahlung immer schon gegeben hat, daß die Kreditgeber damit aber ganz gut zurechtgekommen sind und sich sogar erlauben, wie gerade von der Bundesregierung lauthals verkündet, den "Ärmsten der Armen" 4 Milliarden DM zu erlassen und günstigere Kreditbedingungen zu gewähren.

Diesen in den 70er Jahren erprobten Dreh der Sozialdemokratie, die Wirkung der von ihr gegebenen Kredite als unumgänglich zu befinden und sich anläßlich eines punktuellen "Verzichts" auf Rückzahlung lauthals einer schier übermenschlichen Großzügigkeit zu bezichtigen, beherrscht auch eine "Birne" Kohl. Vor der denkbar besten Öffentlichkeit putzt er sich als imperialistisches Vorbild heraus: Das erwiesenermaßen mehr als lukrative Schmarotzertum der BRD an der "Weltwirtschaftsordnung" tritt auf als ein untypischer, eigentlich unimperialistischer Staatszweck der vorteilhaft gegen andere Staaten abstechenden BRD. An ihr kann man studieren, daß Berechnung und Realismus durchaus nicht in einem Gegensatz zu Hilfe und Weiterentwicklung zu stehen brauchen, daß sich - bei richtiger Gestaltung die Interessen von "Geber- und Nehmerländern" durchaus unter einen Hut bringen lassen. Prompt ist den Kritisch-Alternativen dazu auch nichts eingefallen, keinen einzigen hat man zumindest mal die mißtrauische Frage stellen hören, ob da nicht was faul ist, wenn ein Kohl sich als Gönner der Menschheit aufführt. Statt dessen war zu vernehmen, eben in diese Richtung müsse man sich die "Lösung der Schuldenkrise" vorstellen, allerdings handele es sich dabei nur um einen ersten, bescheidenen Schritt. Dafür muß man sich freilich auch gänzlich der Frage entschlagen, warum sich die BRD so etwas leistet und leisten kann: Nicht nur haben ihre privaten Banken aus den Geschäften mit den Staaten der "3. Welt" so blendende Profite geschlagen, daß sie ohne Beeinträchtigung ihrer Bilanzen regelmäßig "Wertberichtigungen" (mit Steuerbefreiung natürlich) vornehmen konnten - was mit unverhüllter Schadenfreude gegen die US-Konkurrenz angeführt wird, die unter den stockenden Rückflüssen tatsächlich mehr leidet -, auch der bundesdeutsche Staat kann für seine Geschäftswelt im gesamten auf eine positive Bilanz verweisen, die durch Forderungsverzicht nicht im geringsten geschmälert wird - im Gegenteil.

Vom Nutzen der "Verschuldung"

Ein großzügiges Geschenk, soll man denken, und an nicht wenigen Stamm- und Küchentischen wird die Frage gewälzt, ob "wir" weiterhin "denen da unten" das Geld nachschmeißen sollen. Haben sie sich nicht als unfähig erwiesen, mit dem Geld anständig zu wirtschaften, und sollte man ihnen nicht endgültig den Hahn zudrehen: Obwohl dieser Standpunkt so normal klingt - wer einen Kredit aufnimmt, muß ihn auch zurückzahlen, wenn nicht, wird man gepfändet und kriegt keinen neuen hinterhergeschmissen -, teilen ihn Regierung und TWF in diesem Falle offensichtlich nicht. Die geschäftsmäßige und politische Begutachtung dieser Länder, die nicht zufällig Rohstoffländer heißen, folgt eigenen Maßstäben. Einem Schuldenerlaß sieht man auf den ersten Blick an, daß der Schuldner ruiniert ist. Ebenso sieht man aber auch dem neuen Kredit das Interesse an, die Geschäftsbeziehungenfortzusetzen.

Offensichtlich ist der Ruinierte weiterhin nützlich, genauer: Als Ruinierter ist er nützlich. So nützlich offenbar, daß dieses großspurige "Geld spielt keine Rolle" ausgerechnet im Verkehr zwischen Staaten hin und wieder mal gilt, und zwar genau deshalb, weil Geld die Hauptrolle spielt. Die Schulden haben ihren Dienst getan: Unterhalb der Ebene des Staatenverkehrs sind lauter nützliche Geschäftsbeziehungen eingerichtet, mit dem dauerhaften Ergebnis, daß die einen Geschäfte und die anderen Schulden machen. Diese Geschäfte sollen trotz der Zahlungsunfähigkeit fortgesetzt werden. Anderes hat die segensreiche Einrichtung namens Weltmarkt für die "Drittweltländer" auch gar nicht vorgesehen. Wenn es nur ums Geldverdienen geht, was haben sie denn vorzuweisen?

Anfangen könnte ein "3.-Welt"-Land solche Geschäfte von sich aus erst einmal gar nicht. Womit denn? Es hat ein paar Rohstoffe, die aber zunächst mal gehoben, notdürftig bearbeitet und transportiert sein wollen. Die dafür notwendigen Produktionsmittel besorgt sich ein Souveiän in Mali oder Indonesien bei den ländern, die über Industrie verfügen. Davon profitieren gute deutsche Firmen wie Siemens, Daimler und andere, die Eisenbahnen, Lastwagen und Förderanlagen liefern. Und der dafür nötige Kredit kommt schon wieder aus den Industrieländern und fließt in dem Maße, wie sich diese Länder als günstige Anlagesphäre anbieten und zurechtmachen lassen. Dabei mag sich ein solcher Souverän allerhand optimistische Vorstellungen darüber machen, daß er aus dem Verkauf seiner Rohstoffe soviel Geld herausschlägt, daß nicht nur der Kredit (mit Zins) zurückgezahlt werden kann, sondern auch ein Überschuß entsteht, mit dem neue Geschäftssphären im Land eröffnet werden können.

Sortiert man die Mitglieder des IWF, so kann man die Resultate dieses Optimismus besichtigen: Neben einer Handvoll sogenannter Industrieländer steht der ganze große Rest, bei dem sich mehr als die Ausbeutung einiger "natürlicher Reichtümer" und das ständige Anwachsen der Schulden einfach nicht einstellen will. Das ist auch von vornherein schon sonnenklar. Kredite werden ja nur vergeben - Staat und Banken gehen da einträchtig Arm in Arm - berechnet auf diese Rohstoffe; die man dort herausziehen und dem eigenen "Wirtschaftswachstum", sprich: den Kapitalisten, zur Verfügung stellen will; und auch Kapitalisten, die dort mal eine Filiale eröffnen, denken nicht daran, sich in den Dienst irgendeines"nationalen Aufbaus" zu stellen, sondern beuten genau die zwei oder drei günstigen Geschäftsbedingungen aus, die es dort gibt - und schauen sich dann um, was sie sonst in aller Welt mit ihren Profiten anstellen können. Der "natürliche Reichtum", den sich ein afrikanischer Souverän als günstige Startbedingung für einen Wirtschaftsaufbau in seinem Land vorstellt, ist für westliche Staaten und Kapitalisten nichts anderes als eine günstige Produktionsvoraussetzung - an der sind sie interessiert, an mehr aber auch nicht. Das heißt aber auch, daß der Verkäufer des Rohstoffs gänzlich abhängig ist vom Geschäftsgang der Käufer: Die bestimmen den Preis und die Menge des abgenommenen Rohstoffs.

Dieses Angewiesensein auf eine Reichtumsquelle, deren Ertrag ganz von Kalkulationen der Kapitalisten abhängig ist - wenn z.B. die Konjunktur schlecht ist, stellt sich manchmal überhaupt kein Ertrag ein -, führt dazu, daiß die Rohstoffe immer billiger und die Schulden immer höher werden. Scheinheilig wird sich hierzulande verwundert, wenn ihre Exporterlöse immer gleich für die Schuldentilgung draufgehen und nicht einmal dafür reichen - als ob es anders hätte kommen können.

Daß im Kapitalismus "natürlicher Reichtum" eher ein Pech als ein Glück ist und sich immer nur in fremder Hand in kapitalistischen Reichtum verwandelt, hat zu einer merkwürdigen Kritik an der "Entwicklungshilfe" geführt. Ganz im Sinne des verhimmelnden Namens dieser Sorte Staatskredit, wird der "Entwicklungshilfe" zugute gehalten, sie hätte "eigentlich" die Befreiung der Länder aus dieser Abhängigkeit zum Ziel. Wenn die Resultate diesem Idealismus nicht gerecht werden wollen, wird nach Verstößen geforscht - und dabei werden immer die zwei gleichen zutage gefördert:

- Die "Entwicklungshilfe" sei an Lieferaufträge gebunden worden.

- Sie habe leichtfertig "industrielle Prestigeobjekte" gefördert.

Zum einen: Unter einer "Entwicklungshilfe", deren Verwendung ganz in die Freiheit des Empfängers fällt, scheinen sich die Freunde dieses Instruments eine national- und damit volksnützliche Wirkung zu versprechen. Nun betrachtet ein Souverän dieses Geld aber nicht unter dem Gesichtspunkt, wie er es möglichst massenfreundlich an seine Bauern und Slumbewohner verteilen kann. Schließlich handelt es sich um harte Devisen, die dafür viel zu schade sind, weil sich mit ihnen unabdingbar scheinende Produktionsvoraussetzungen kaufen lassen. Er kommt schon selber darauf, dieses Geld in die Länder zurückzirkulieren zu lassen, wo diese Produktionsvoraussetzungen einzukaufen sind. Wenn ein bundesdeutscher Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit ganz sicher gehen will, daß dieses Geld wieder in der BRD und nicht bei deren Konkurrenten landet, tut er einem Souverän der "3. Welt" auch keinen übermäßigen Tort an. Außerdem könnte man sich ja mal folgenden "Teufelskreis" einleuchten lassen: Ein Staat wie die BRD, dessen Ökonomie am Weltmarkt eine führende Rolle spielt, hat eben deswegen den finanziellen Handlungsspielraum, sich in aller Welt mit dem Angebot der "Entwicklungshilfe" beliebt zu machen - da seine Ökonomie sich am Weltmarkt hervorgetan hat, wird es dann auch sie sein, die mit ihren Angeboten diese umverteilte Kaufkraft quasi automatisch wieder an sich zieht. Das klappt auch ganz gut ohne "Auflagen".

Zum anderen:

"... die Errichtung industrieller Komplexe bevorzugt wurde. Sicherlich mögen da oft die Wünsche der Industrieländer Pate gestanden haben. Das als hochmoderne Anlage gelieferte Stahlwerk Rourkela ist ein frühes Symbol für diesen falschen, inzwischen verlassenen Weg. Er war damals freilich auch von den auf Stahlwerke, Staudämme, Fluglinien und ähnliche Prestigeobjekte erpichten jungen Staaten bevorzugt worden. Auch sie sind inzwischen klüger geworden, zumal Hungersnöte ein bitteres Lehrgeld sind." (Franz Thoma in der Süddeutschen Zeitung, 24.9.)

Um einen "falschen Weg", einen Irrtum sozusagen soll es sich also gehandelt haben. Einfach vertan haben sich Krediteure und Kreditierte, und das "bittere Lehrgeld" von Hungersnöten konnte nicht ausbleiben. Gegenfrage: Worin besteht denn jetzt die Lehre? Daß sich Länder dieser Kategorie mit solchen Projekten einfach übernehmen, deswegen heißen sie jetzt "Prestigeobjekte". Auch eine berauschende Art, den schlichten und harten Sachverhalt zu umkleiden, daß für solche Länder "Entwicklung" eben genauso geht, wie sie jetzt zu besichtigen ist. Verkauft hat man ihnen die Stahlwerke gern, und es auch gern gesehen, daß sie den Reichtum ihres Landes dafür bedenkenlos anspannten (deshalb reine Heuchelei, das zur Zeit besonders gepflegte Entsetzen über die "Umweltzerstörung"). Zugleich: Worauf sollten die Souveräne der "3. Welt" denn setzen wo sie sich schon zum Teilnehmer des Weltmarktes aufschwingen wollten -, wenn nicht auf die Beschaffung der elementarsten Voraussetzungen eines nationalen Wirtschaftswachstums? Dafür haben sie ihre Exporterlöse verwendet und sich Kredite beschafft. Mittlerweile hat sich die Illusion von der "nationalen Entwicklung" als eben solche herausgestellt und sehr abgeklärt wissen die Nutznießer dieser gigantischen "Pleite", daß ein "falscher Weg" eingeschlagen wurde und sie dem Ehrgeiz der Negerfürsten nicht hätten "nachgeben" dürfen. Sehr weit entfernt von diesem Zynismus sind die linken Kritiker übrigens nicht, wenn auch sie plötzlich entdeckt haben wollen, daß für solche Staaten ein "Aufbau in bescheidenem Rahmen" das genau Angemessene wäre. Was wollen sie denn damit gesagt haben? Für solche Staaten ist ein Überlebensprogramm mit Handpumpen in der Wüste und Lastenfahrrädern in der Stadt schon das höchste Glück - mehr, als daß sie nicht gleich verrecken, kann sich auch ein Linker anscheinend nicht vorstellen. So ist es schließlich kein Wunder, daß die Parole "Hilfe zur Selbsthilfe" mittlerweile parteiübergreifender Konsens ist.

Dabei schert man sich in unseren Breiten überhaupt nicht um den Sachverhalt, daß für die Zurichtung solcher Länder die Bevölkerung bis auf wenige Ausnahmen überflüssig und störend ist. Nicht nur wird sie systematisch aus ihren gewohnten Lebensverhältnissen, wie bescheiden sie auch sind, herausgetrieben - in den Slums der paar Großstädte findet sie sich dann ein -, auch jede staatliche Ausgabe für sie stellt eine reine Verschwendung dar. Das ist der gemeinsame Standpunkt der lokalen Herrscher wie ihrer imperialistischen Kreditgeber. Damit sollte einmal ganz klar sein: Das Problem der verelendeten Bevölkerung sind nicht die Schulden ihres Staates, sondern die Kredite, die er aufgenommen hat und die ihm gewährt wurden, genauer: das mit diesen Krediten durchgesetzte ökonomische Interesse. Hunger und Elend verdanken sich nicht der Tatsache, daß der Staat Kredite nicht abtragen kann oder nicht genügend bekommt, sondern der Benutzung, der dieses Land mit Hilfe der Kredite unterliegt.

Vom Nutzen erlassener Kredite

Zurück zum Schuldenerlaß. Der ist also wirklich nicht verwunderlich: Das Kreditbedürfnis der Rohstofflieferanten nimmt ganz logisch ständig zu, ebenso nehmen auch ihre Zahlungsschwierigkeiten ganz logisch zu. Umgekehrt wächst bei den Kreditgebern die "Einsicht", daß hin und wieder mal ein Kredit abgeschrieben werden muß. Sichergestellt ist ja, daß er sich schon längst rentiert hat. Sei es bei der Bank, die ewige Zeiten Zinsen kassiert und kapitalisiert hat, sei es bei ihren industriellen Klienten, die mit den von dort bezogenen Produktionsvoraussetzungen blendende Geschäfte gemacht haben. Der Staat schließlich kann mit dieser eingerichteten Benutzbarkeit und Funktionalität auch zufrieden sein. Er hat nur noch nachzuschauen, daß das Verhältnis von Kreditvergabe und Schuldendienst geregelt ist, wozu Schuldenerlaß und neue Kredite gleichermaßen gehören. So bekommen diese Staaten tatsächlich Kredite, die sich vom normalen Kreditgebaren eigentümlich unterscheiden, aber gerade dafür, die weltweite Wirksamkeit des Kredits - der seine Heimstatt eben in dieser Handvoll "Industrieländer" hat - u untermauern. Der riesige Schuldenberg ist für Gläubigerstaaten die Garantie, daß sich Schuldnerstaaten den ökonomischen und politischen Zumutungen ihrer Benutzer fügen müssen.

Aus dem Entwicklungsidealismus ist der Realismus geworden, daß die Betreuung von Schuldnerstaaten die angemessene Entwicklungshilfe ist.

Die Verwaltung der Zahlungsunfähigkeit

Der IWF ist dafür erst einmal nichts anderes als eine Art internationales Statistisches Bundesamt. Die Bürokraten in Washington schreiben auf, welche Kreditverhältnisse existieren, wo wieviel und wovon produziert wird, die Wachstumsraten, das Bruttosozialprodukt, das Pro-Kopf-Einkommen usw., usf. Sie scheren also alle Länder über einen Kamm und tun praktisch so, als wären im Prinzip überall mehr oder minder gelungene Marktwirtschaften zu Gange, die aus ihren jeweiligen Voraussetzungen das beste machen. Dann lassen sich diese Beobachter Vorschläge einfallen, wie man das "Wachstum" verbessern könne. Das hat dem IWF bei gutmeinenden und kritischen Menschen den Ruf eingetragen, er wolle die Völker der "3. Welt" drangsalieren, weil bei seinen Vorschlägen ja regelmäßig vorkommt, jede überflüssige Kost - und darunter rangieren natürlich immer solche Sachen wie Nahrungsmittelsubventionen, Kredite für Kleinbauern etc. - müßte weggestrichen werden. Dabei handelt es sich aber eben nicht um eine verwerfliche Gemeinheit, wenngleich der IWF zweifellos seinen Teil zum Hunger in diesen Regionen beiträgt, sondern um eine streng marktwirtschaftliche Denkweis e: Für eine gelungene Kapitalakkumulation sind niedrige Kosten, Sparen am Lohn und am Konsum der Massen, nun mal eine nützliche Voraussetzung - was Staat und Kapital hierzulande regelmäßig als "Sanierungsprogramme" für Arbeiter, Arbeitslose und Rentner vorexerzieren. Der Witz ist nur. daß "dort unten" gar keine nationale Reichtumsproduktion existiert, die sich auf dem Weltmarkt bewähren könnte und für die eine Kostensenkung ein Geschäftsmittel wäre. Wachstum stellt sich zwar nicht ein, wenn die vom IWF beaufsichtigten Länder ihre Brot- und Fahrpreise erhöhen, ökonomisch nutzlos ist es dennoch nicht: So ist dafür gesorgt, daß auch noch der letzte Peso für die Erfüllung des Schuldendienstes herangezogen wird. Staaten, die diese Pflicht ableisten, bekommen vom IWF ihre Folgsamkeit attestiert: Die Zuverlässigkeitsprüfung ist abgelegt, und der IWF selbst stellt die neue Kreditwürdigkeit fest, indem er mit seinen Krediten bei den internationalen Geldgebern für ökonomische Sicherheiten sorgt.

Das verstockte Vertrauen in die "Weltwirtschaftsordnung"

Dies hat dem IWF bei seinen Kritikern, die sich über seine "harten Maßnahmen" erregen, auch einen sehr guten Ruf eingetragen. Die Tatsache, daß er bei der Neuzuteilung von Krediten mitmischt, nehmen sie glatt als seine "gute ", seine "eigentliche" Seite: r könnte doch, kraft seiner Hoheit über den Kredit, für die Beseitigung von Hunger und Elend sorgen. Diese Ideologie, sie könnten durch ganz geschicktes Haushalten, rechtzeitiges Kreditvergeben, Veröffentlichung von guten Ratschlägen, Anknüpfen neuer Geschäftsbeziehungen usw. die ganze - momentan noch etwas verkorkste - Welt in Ordnung bringen, gefällt diesen Weltwirtschafts-Bürokraten ausgezeichnet. Auch sie werfen sich gern in die Pose, es wären nicht kapitalistische Gesetzmäßigkeiten am Werke, sondern die überall zu beobachtende Scheiße würde sich nur "Fehlentwicklingen " verdanken, die nur endlich einmal "entschlossen und weitsichtig", das heißt durch die Anwendung von noch mehr Marktwirtschaft, korrigiert werden müssen - am besten durch eine völlig "neue Weltwirtschaftsordnung" mit einer "Weltwährungsreform" obendrauf.

So ähnlich denken die "Kritiker" in ihrem bodenlosen Vertrauen in das Syste der Freien Welt auch. Bloß denken sie bei den Leistungen des IWF weniger an Marktwirtschaft, sondern an ganz viele menschenfreundliche, "weiche" Kredite - am besten ohne Verschuldung. So kommt es zu der Absurdität, daß der IWF o tut und seine "Kritiker" fest glauben, daß die internationale Finanz- und Geschäftswelt sowie ihre politischen Garanten eine einzige Weltbeglückungsinstanz sein könnten, wenn nur eine oberste Planungsbehörde, vollgestopft mit "unabhängigen Fachleuten", die nur unabhängig genug sein müssen, dafür sorgt, daß es nur noch gute Kredite und keine Schulden mehr gibt.