25 JAHRE CUBANISCHE REVOLUTION

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1984 erschienen.
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"Hier Revolution, Revolution in Cuba, 90 Meilen vor den USA, den mächtigen, den übermächtigen, den Herren? Unmöglich!" (Fidel Castro, Rede vor den Komitees zur Verteidigung der Revolution)
25 JAHRE CUBANISCHE REVOLUTION

Das sind für die Freie Welt 25 Jahre zuviel, und mittlerweile herrscht von Washington bis Bonn volle Übereinstimmung darüber, daß der Sozialismus auf Cuba eine Ausnahme bleiben muß, die am besten ausgemerzt gehört, zur vollen Durchsetzung der Regel, gegen die Fidel Castro verstoßen hat. So ist die US-Invasion auf Grenada der praktische Beitrag der westlichen Führungsmacht zur "Würdigung" der Zukunftsperspektiven jenes "sowjetischen Stützpunkts" in der Karibik. Die "Festredner" in der demokratischen Presse des Imperialismus begutachten Castros "Experiment" und gelangen übereinstimmend zu dem Entschluß, daß es längst schon an "inneren Widersprüchen" gescheitert sei. Die diesem Urteil zugrundeliegende Maxime, daß nicht sein kann, was richt sein darf, ist allerdings eine unverhüllte Drohung.

Die verlorene Insel

"Vor 25 Jahren haben Sie etwas gefeiert, von dem wir alle hofften, es wäre der Anfang einer neuen Freiheitsära. Tragischerweise sind die Ihnen gemachten Versprechen nicht gehalten worden."

Die Rede ist von der Vertreibung des ausgesuchten Freundes der USA und Menschenschlächters Batista aus Cuba; und der sich da in seinen Hoffnungen auf ein freies Cuba getäuscht gibt, heißt Ronald Reagan. Über den Vorwurf: Lügner! braucht dieser Mann sich keine Sorgen zu machen. Das Bekenntnis zur seit eh und je unduldsamen Feindschaft gegen Castros Cuba ist auf alle Fälle glaubwürdig. Die von ihm verwaltete Freiheit verläßt sich eben nicht auf gute Gründe, sondern hat Argumente anderen Kalibers zur Hand. "Dem cubanischen Volk die Wahrheit über Cuba sagen" (Reagan) - das haben die USA schon immer mit Wirtschaftsboykott, Blockaden und Invasionen in der Schweinebucht und in Grenada exekutiert. Was hat dieses Land eigentlich verbrochen, daß es im Register der politischen Todsünden, von denen die Welt befreit gehört, gleich hinter der Sowjctunion rangiert?

Castro hat sich nach seinem Einmarsch in Havanna nicht mit einem Machtwechsel begnügt, also die politische Führungsmannschäft des Landes ausgetauscht und die Pfründen neu verteilt. Solche Ereignisse fallen in die anerkannte Natur der "sozialen Verhältnisse" da unten und werden vom Urheber dieser Verhältnisse, den USA, zwar sorgfältig beobachtet, aber ohne großes Aufheben behandelt. Der politische Selbsterhaltungswille der neuen Machthaber gebietet es ihnen dann schon, sich als die neuen Freunde Amerikas zu beweisen.

Castro beging dagegen in den Augen der USA einen glatten Mißbrauch der Souveränität Cubas, als er sich bei der Beseitigung der "Korruption" nicht mit der Hinterlassenschaft Batistas begnügte, sondern mit United Fruits und dem amerikanischen Vergnügungsparadies vor der Küste Floridas ein Ende machte. Unter Berufung aufs Volk räumte die Revolution mit den bisherigen Eigentumsverhältnissen auf. Damit war Washington sofort klar, daß hier ein undemokratisches Regime die Macht "usurpiert" hatte. Zwar ist die demokratische Form der Machtausübung auch andernorts nicht gang und gäbe, schon gar nicht unter den US-freundlichen Junta- und Obristenregimes in Lateinamerika. Dort handelt es sich aber allenfalls um schlechten "politischen Stil" oder um ein "Unterwegs" zur Demokratie. Wenn dagegen ein Volk dazu aufgerufen wird, die bisherigen Eigentumsverhältnisse abzuschaffen, die ungemütliche Abhängigkeit vom Imperialismus zu beseitigen, dann ist das keine Frage der Staatsform mehr, sondern ein Anschlag auf die Interessen der USA und damit ein Verbrechen gegen Freedom and Democracy.

Castros "anti-imperialismo" war ein einziger Verstoß gegen die berechtigten nationalen Interessen Cubas, wie sie in den USA definiert werden. Er ist nämlich keine ideologische Begleitmusik einer nationalen Opportion geblieben, die den Konkurrenten um die Herrschaft als unnationale amerikanische Marionette anklagt, um selber an seine Stelle zu treten. Castro hat in seinem Sieg vielmehr erst den Anfang seines Kampfes gegen den Imperialismus gesehen, der der Natur der Sache nach gegen die USA gerichtet war. Für dieses Modell Cuba sind Guerilleros wie Che in den südamerikanischen Busch gegangen, um der sozialen Revolution und der Befreiung vom Joch der USA zum Sieg zu verhelfen. So stand das amerikanische Urteil über das neue Cuba seit Anfang an fest: Die neuen Machthaber "mißbrauchen" ihr Volk für etwas Unmögliches. Den Beweis liefern die USA nach Kräften mit ihrer Politik des wirtschaftlichen Boykotts, der CIA-Sabotage bis hin zu militärischen Überfällen. Castros Versuche, dennoch mit den USA zu einem Arrangement zu kommen, konnten daran nichts ändern. "Verhandlungsfähig" wäre für die USA allenfalls die freiwillige Selbstaufgabe des ganzen Staatsprogramms gewesen. Die nicht wieder gutzumächende Todsünde Cubas bestand darin, die ihm erteilten Lektionen des übermächtigen Gegners falsch beherzigt zu haben. Cuba nahm wirtschaftliche und militärische Unterstützung der UdSSR an und verletzte damit die Ländern seiner Art gebotene Pflicht zur Neutralität in schlimmster Weise. Diese gebietet nämlich den Souveränen der "Dritten Welt", ihr Land und ihre Leute der freien Benutzung für den imperialistischen Geschäftserfolg verfügbar zu machen und strategisches Aufmarschfeld für die weltweite Bereinigung des Globus von den Feinden der Freiheit zur Verfügung zu stehen. Mehr noch: Cuba hat sich die Frechheit herausgenommen, der Sowjetunion sein Territorium für die Stationierung von Atomraketen einzuräumen, um damit eine strategische Gegenposition vor der "Haustür" Amerikas aufzubauen. Damit hat Cuba als "Satellit" der SU das Recht auf seine Existenz so grundlegend verwirkt wie seine Schutzmacht. Die Raketen sind zwar wieder weg, aber das Urteil ist gültiger denn je.

Ein Satellit der UdSSR

in ähnlicher Weise, wie die USA auf die Staaten der freien Welt setzen können - ist Cuba nie geworden. Castro, der viele Jahre lang die chinesische Revolution bewundert hat, ist praktizierender Idealist der sozialen Entwicklung und der politischen Selbständigkeit der Länder, die doch nur als Material der Interessen des Westens und der Konfrontation der beiden Weltmachtblöcke vorgesehen sind. Für dieses Ideal schickt er cubanische Lehrer, Ingenieure und natürlich auch Soldaten in die Länder, in denen er seine Vorstellungen von einer wirklichen Befreiung und unabhängigen Entwicklung am Werk sieht. Dem von ihm so gesehenen Block der "blockfreien" Staaten empfiehlt Castro die UdSSR als "natürlichen Verbündeten". Gemäß seinem Vorbild einer sozialen Revolution aus eigener Kraft und nicht auf Befehl Moskaus hat Cuba Nicaragua, Angola und Äthiopien unterstützt. Diese selbstauferlegte weltpolitische Aufgabe hat Castro nur einmal mehr die Einschätzung eingetragen, ein besonders blindwütiges Werkzeug Moskaus zu sein. Damit verstößt es gegen seine eigenen Sicherheitsinteressen, wie sie sich aus dem Sicherheitsbedürfnis der USA ergeben. In den Worten Reagans:

"Das Leben vieler Cubaner hätte gerettet werden können, wenn die cubanische Regierung den Willen des Volkes von Grenada respektiert hätte... Welche Mission oder welches Lebensinteresse hat Cuba denn, um das Sterben von Cubanern in solchen weitentfernten Ländern zu rechtfertigen?"

Cuba - als "Entwicklungsland" unmöglich

"Kuba ist von der Rezession in der Welt weitgehend verschont geblieben, da 85% seines gesamten Außenhandels mit dem Ostblock zu festen Preisen und Vereinbarungen abgewickelt werden." (Frankfurter Allgemeine, 23.1.)

In den Schuldenlisten des IWF taucht dieses Land weit unterhalb der hundert Milliarden auf, mit denen ein staatlicher Habenichts heute seinen Willen dokumentiert, zum "Schwellenland" aufzusteigen. Solche Verstöße gegen den ehernen Weltmarkt beweisen nur zu deutlich, was von einer Wirtschaft zu halten ist, die es an gebotener "Leistungsfähigkeit" fehlen läßt. Wirtschaftliche Vemunft kann da nicht walten, wo sie mit der falschen Abhängigkeit einhergeht.

"In Wahrheit wären also die wirtschaftliche Weiterentwicklung Kubas, der relativ hohe Lebensstandard des Landes und seine sozialistischen Errungenschaften ohne die sowjetische Unterstützung nicht aufrecht zu erhalten." (Frankfurter Allgemeine)

Na und ? - wäre die falsche Antwort, wo doch Unterstützung nie und nimmer Zweck sachgerechter Entwicklungshilfe sein kann. Wo der ökonomische Vorteil des "Entwicklungshelfers" fehlt, muß es sich um die böse Absicht handeln, an der wirtschaftlichen Partnerschaft vorbei eine Abhängigkeit einzurichten, die mangels jeder einsichtigen wirtschaftlichrn Vernunft ihren Grund im russischen Streben nach Weltherrschaft haben muß. Wo Menschenrecht und Zuckerrohr den Zuckerpreis auf 7 cent regulieren, da sind die von den Russen gezahlten 55 cent reine "Erpressung".

Das Urteil "gescheitert"

drängt sich den Kennern der Materie "Weltwirtschaft" und "Unterentwicklung" auch beim Umgang des cubanischen Staats mit seiner Bevölkerung auf. Zwar

"haben die Kubaner nach den Maßstäben von Entwicklungsländern einigen Anlaß zur Genugtuung. Zumindest verglichen mit anderen Ländern der Dritten Welt haben sie genug zu essen, sind ordentlich gekleidet, werden medizinisch gut versorgt und genießen auch ein einigermaßen ordentliches Erziehungssystem." (Frankfurter Allgemeine)

Eine plumpe Form von Bestechung, die nicht anschlägt, weil sie ihr glattes Gegenteil ist:

"Die totale Fürsorge des Staates hat aber ihren Preis, und die Kubaner müssen ihn ungefragt zahlen. Noch immer leben sie in einer für die sozialistischen Systeme typischen Mangelwirtschaft, ohne die Aussicht, daß sich bald etwas Grundsätzliches ändert." (Spiegel, 26.12.83)

Ernährung in Cuba gut - nebenbei ein schönes Beispiel für die durchgesetzten Maßstäbe für die Behandlung der Massen, die westlicher Betreuung unterstehen -, ab er alles rationiert und deshalb nichts zu fressen! Und überhaupt ist diese Fürsorge eine einzige Behinderung der "Leistungsfähigkeit, die nur durch die Sortierung der Massen in benutzte und unnütze Armut zustandekommt. Nur wo sich Not und Elend glücklich mit der Tatsache verbindet, ein Untertan der Freiheit zu sein, da ist das Leben lebenswert - und das Verbrechen Castros ist es, die Cubaner aus diesem El Dorado auszuschließen.

"Wenn er dennoch nicht dem Urbild des blutbefleckten lateinamerikanischen Diktators ähnelt, dann wegen der Sozialreformen, die er Cuba... dank sowjetischer Finanzhilfe... bescherte. Aber funktionierende Demokratien wie Venezuela und Costa Rica bieten eben Sozialleistungen, Kultur und Bildung - im Verein mit Freiheit. Dort leiden viele Menschen Not.... Aber Cuba bietet nur vordergründig eine kommunistische Fürsorge-Fassade. Was hinter ihr an menschlichem Leid, an der Not von Flüchtlingen und Gefangenen, an widerlichem Denunziantentum und an Korruption der Karrieremacher des Regimes verborgen ist...". (Süddeutsche Zeitung)

Denselben Kommentatoren, deren berufsmäßiger Stolz darin besteht, dasselbe und mehr aus allen mit dem Westen befreundeten Ländern unter südlicher Sonne zu berichten, ohne im geringsten irre zu werden, kann ein Castro eben nichts verbergen. Das Recht auf ein glitzerndes Leben wird den rassigen karibischen Frauen und den Negern, die Musik im Blut haben, bestritten.

"Das schillernde und chromglänzende Gegenüber jenseits der Straße von Florida ist für die in gemäßigter Armut gehaltenen Kubaner ein Traumland - mag es auch in den Augen von gutbezahlten europäischen Kulturkritikern von Banalitäten strotzen. Die Menschen in einem grau gewordenen karibischen Land sehen das anders." (Frankfurter Allgemeine)

Irgendwie färbt der Untermensch Castro freilich auch auf seine Landsleute ab:

"Castro umgibt dazu noch der Ruhm,seit 25 Jahren den übermächtigen USA die Stirn zu bieten, die von den Latinos in ihrem unausrottbaren Minderwertigkeitskomplex so gehaßt und so bewundert werden. In ihrer irrational geprägten Welt bringen viele dieser Länder keine Demokratie zustande." (Süddeutsche Zeitung, 30.12.)

Da tut es gut, den politischen Willen der USA: "Wir müssen das Übel an der Wurzel packen." (A. Haig) hinter sich zu wissen, um das Urteil über Cuba in gültiger Allgemeinheit zu formulieren:

"Der Versuch, die kubanische Selbstbefreiung der übrigen Welt als voluntaristisches Modell für unbestechliche Volksherrschaft, für erfolgversprechenden Kampf gegen Hunger, Unterdrückung und Unwissenheit hinzustellen, ist gescheitert." (Der Spiegel)

Der Beweis heißt "Grenada!"

Und die Tatsache, daß Castro darauf reagiert; seine Cubaner freiwillig oder auf Drängen der von ihm unterstützten Souveräne nach Hause zurückholt; sich für unfähig erklärt, im Falle einer Invasion Nicaraguas den Sandinisten zu Hilfe zu kommen; und die militärische Unterstützung der UdSSR bei einer Auseinandersetzung mit den USA realistisch einschätzt; das macht den aufgeklärten Beobachtern des Weltgeschehens nur eines deutlich: Bei Grenada kann das Scheitern Cubas nicht stehenbleiben.

Über das cubanische Pressewesen

Frage: "Warum berichtet die cubanische Presse so einseitig über die USA?"

Fidel: "Ich werde Ihnen nicht antworten, daß wir dies nicht tun. Es ist wahr, alles, was wir über die USA sagen, betrifft im wesentlichen die schlimmsten Aspekte, und es ist sehr selten, daß Dinge, die irgendwie günstig für die USA sind, hier veröffentlicht werden. Wir nehmen ganz einfach eine ähnliche Haltung wie Ihr Land ein. Ich meine damit, daß wir stets versuchen, von allem, was es in den USA gibt, die schlechteste Meinung zu bilden... Der einzige Unterschied ist der, daß wir keine Unwahrheiten über die USA schreiben müssen." (Interview mit dem US-Journalisten Lee Lockwood)