2. WAS DIE NATO WISSEN MUSS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1981 erschienen.
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ABC des dritten Weltkriegs
2. WAS DIE NATO WISSEN MUSS

Daß die Demokratie und ihre obersten Werte, die Freiheit, das Recht und das Privateigentum, in ihrer Machtgeltung auf der Welt nicht zuschanden gehen, dafür sorgt seit dem Ende des letzten Weltkrieges ein bis dahin noch nicht dagewesenes weltweites Kriegsbündnis - bereits mitten in Friedenszeiten.

Formalia: Am 4. April 1949 wurde in Washington die North Atlantic Treaty Organisation (NATO) beschlossen, und zwar von den zur ersten Weltmacht herangereiften Vereinigten Staaten von Amerika. Unter deren militärischen Schutz begaben sich Kanada, Frankreich, England und die Benelux-Staaten; auf nachdrückliche amerikanische "Aufforderung" hin gesellten sich noch Italien, Island, Dänemark, Norwegen und Portugal hinzu. Die vereinigten Waffen der NATO sind seit nunmehr 32 Jahren gegen einen gemeinsamen Feind gerichtet: gegen die "kommunistische Expansion" auf dem Erdball, gleichbedeutend mit dem "illegitimen", "globalen Machtanspruch der Sowjetunion" (NATO-Sprachregelungen). Die NATO blickt auf eine insgesamt erfolgreiche Tätigkeit zurück. Doch ihre Sprecher pflegen heute zu betonen, daß mit den Erfolgen die Notwendigkeit des "Bündnisses" noch zunehme; daß seit dem letzten Weltkrieg Europa kriegsfrei geblieben ist, bedeute nicht, daß der Kampfauftrag der NATO, die vom Ostblock ausgehende Gefahr für die Weltpolitik auszuschalten, bereits beendet sei. Nach den jüngeren Einschätzungen der Macher von der NATO sucht die Sowjetunion jetzt einen letzten "Entscheidungskampf" außerhalb des formellen Geltungsbereichs der NATO, also irgendwo in der "Dritten Welt", weil den Russen ein Angriff auf Europa inzwischen mit "zuviel Risiko" belastet sei. Mehr denn je müsse die NATO demnach ihre globalen Sicherheitsinteressen wahrnehmen, auch außerhalb des Gebiets des Nordatlantiks.

Der Zweck einer reinen Verteidigungsallianz

Über sich selbst propagiert die NATO stets das Märchen, sie sei eine reine "Verteidigurigsallianz", die von sich aus "niemals" mit einem Angriff begänne. Wäre der Nordatlantikpakt bloß eine einzige Notwehr gegen einen drohenden "sowjetischen Überfall", dann könnte man beruhigter schlafen. Bereits in der Präambel der NATO steht es jedoch anders. Wenn dort der lobenswerte Wunsch der Vertragspartner bekräftigt wird, "mit allen Völkern und Regierungen in Frieden zu leben", außer mit denen, die sich der "Entschlossenheit" der Allianz in den Weg stellen,

"die Freiheit, das gemeinsame Erbe und die Zivilisation ihrer Völker, die auf den Grundsätzen der Demokratie, der Freiheit der Person und der Herrschaft des Rechts beruhen, zu gewährleisten",

dann erzählt uns die NATO bereits jenseits ihrer Propaganda, daß sie nicht mit einem Verein zur Förderung des Weltfriedens "um jeden Preis" verwechselt werden möchte. Die NATO als weltweites Militärbündnis ist das Machtinstrument der "Einheit des Westens", um eine der Weltgeltung der kapitalistischen Demokratie feindlich gesonnene und nicht umstandslos zu beherrschende Staatsform, eben das in der UdSSR errichtete System einer "Volksdemokratie", zu befrieden, weil einem jede Betätigung der Souveränität dieses Herrschaftssystems in der Welt prinzipiell nicht paßt. Mit der NATO (als dem wichtigsten der von den USA nach 1945 errichteteten Bündnisse) hat sich der "Westen" also einen Gewaltapparat zugelegt, der im Frieden der Absicherung des diplomatischen wie des partiellen geschäftlichen Umgangs mit dem von der UdSSR geführten "Block" dient, wobei dieser Umgang mit der Weltmacht UdSSR selbst in den erbaulichsten Phasen der "Entspannung" auf einen Zweck hin angelegt ist: auf deren ökonomische und politische Schwächung. Von wegen defensiv! Und für den von vorneherein einkalkulierten Fall, daß die NATO als Mittel der politischen Erpressung des Ostens "versagt", wird die NATO den Weltkrieg gegen die UdSSR in Europa und anderswo bestreiten, zu dem sie eingerichtet wie ausgerüstet wie einsatzbereit ist. Das ist die ganze "friedliche" Strategie des Nordatlantikpakts.

Der in Gestalt der NATO seit dreißig Jahren existente einheitliche politische Wille des Westens, der ja Staaten umfaßt, die sich zunächst einmal bei aller Freundschaft gar nicht so gern mögen, weil sie eine harte ökonomische und damit politische Konkurrenz gegeneinander ausfechten, ist eine überaus einseitige Angelegenheit der "Führungsmacht" USA, nicht nur hinsichtlich deren ganz unvergleichlicher militärischer Vormachtstellung, sondern vor allem in politischer Hinsicht. Die NATO, gibt es nämlich nur deswegen (die Sowjetunion ist zwar der ausgemachte Feind, dem man die Existenzberechtigung bestreitet, deshalb aber noch lange nicht der Grund dafür, daß die Menschheit mit der Drohung der "totalen Vernichtung" auskommen muß!), weil die USA nach dem letzten Krieg den freien Beschluß gefaßt haben, alles dafür zu tun (d.h. Außenpolitik nur auf diesen Zweck hin zu betreiben), den nach der Niederlage des Faschismus einzig noch übrig gebliebenen Störenfried ihrer Weltherrschaft in die Ecke zu drängen. Der Zweck der NATO verdankt sich schlicht und einfach dem Willen und der Macht der USA, Westeuropa zu einer militärischen Bastion zur "Zurückdrängung" des machtpolitischen "Einbruchs" zu organisieren, der der UdSSR aufgrund ihrer europäischen Kriegsgewinne im Kampf gegen Hitler gelungen ist. Seit es die NATO gibt, bilden die verbündeten westeuropaischen Länder nur ein "Vorfeld" für die strategischen Absichten und Erfordernisse der USA, und die Streitkräfte der Verbündeten sind nur ein Element einer "gemeinsamen Verteidigung", in der die USA bestimmen, was für die "Sicherheit" Westeuropas gut und notwendig ist und was nicht. Ein viel beklagter "Widerspruch" unserer kritischen Verteidigungsexperten!

Unabhängigkeit und Abhängigkeiten im Bündnis

Seit die NATO als Gewaltinstrument der USA in Westeuropa eingerichtet ist und als Mittel für ihren weltpolitischeen Kampf gegen die UdSSR ihre Dienste tut, hat die UdSSR vergeblich versucht, den westeuropäischen Demokratien den "Widerspruch" klarzumachen, daß ihre Souveränität nur als Anhängsel für die amerikanischen Weltmachtansprüche ihren Platz hat. Der Grund dafür, daß die westeuropäischen NATO-Partner im Bündnis mitmachen, sei es nun so unwillig wie die "Kleinen", die Belgier oder Norweger, oder so willig wie unser schöner Staat, liegt daran, daß unter den von den USA diktierten Geschäftsbedingungen der Allianz Westeuropa nach - dem Niedergang erneut zur blühenden Stätte der Freiheit und des Privateigentums geworden ist: Weil wir und die anderen in Europa zu politökonomischen Partnern von Potenz und Wert für die USA geworden sind stimmt die These von drüben, Westeuropa lebe in der amerikanischen Sklaverei, eben nicht. Richtig ist nur, daß die EG-Staaten die Sicherheit ihrer Untertanen in bedenkenloser Weise den militärischen Kriegskalkulationen der USA unterworfen haben große Beschwerde haben diese Bürger dagegen jedoch noch nicht eingelegt. Für die europäischen Demokratien sind die Kosten des Bündnisses zwar hoch:

  • politische Unterordnung unter die amerikanische Weltpolitik;
  • ökonomische Lasten durch Ausgleichszahlungen für die Stationierung amerikanischer Streitkräfte auf europäischem Boden, vor allem aber durch die durch den NATO-Vertrag verbindliche Verpflichtung zur gemeinsamen Planung der Militärhaushalte, was die Verpflichtung zur stetigen Erhöhung dieser Ausgaben gemäß den von den USA gesetzten Notwendigkeiten der Aufrüstung einschließt;
  • Verzicht auf die rücksichtslose Austragung von wirtschaftlichen Gegensätzen mit der "Führungsmacht", weil die NATO eben auch die Bedeutung hat, daß unter den Vertragspartnern "Frieden" herrschen muß - angesichts dessen, was die USA als Macht darstellen, eine Selbstverständlichkeit;

- ständig dringlichere Aufforderungen der USA an die Partner, "mehr für ihre Verteidigung zu tun".

Andererseits sind die Lasten der Rüstungsausgaben, unter denen die westeuropäischen NATO-Mitglieder zunehmend leiden, die die Inflation beschleunigen und andere Haushaltsaufgaben in Mitleidenschaft ziehen, zwar ein Elend für die Bürger dieser Staaten, für diese selbst aber nur sehr relativ unerträglich. Mit den entstandenen Rüstungsindustrien, die bei uns und den Nachbarn eine ersprießliche Hochkonjunktur haben, leben die EG-Staaten nicht schlecht, insofern sich mit ihnen manche Abhängigkeit von den USA betreffs benötigter mititärischer Güter mindern läßt, die Arbeiterklasse ihr Brot verdienen kann und sich in aller Welt vortreffliche Waffengeschäfte abschließen lassen - nebenbei eine Erfüllung von übernommenen NATO-Verpflichtungen, welche immer unverhüllter betrieben wird, wie das jüngste Geschäft der BRD mit Saudiarabien anschautich beweist. Also: die NATO bietet zwar für die von ihr geschützten Völker keine rosigen Perspektiven, eine Altemative zur Allianz haben die Regierungen Westeuropas deswegen aber noch lange nicht im Sinn.

Arbeitsteilung im Bündnis

Daß die europäischen Partner der von den USA eingerichteten NATO sich so bedingungslos dem von den USA betriebenen Ost-West-Konflikt eingliedern und sich in ihren außenpotitischen Ambitionen stets an das anpassen, was das eigentliche Subjekt des Nordatlantikpakts gerade im Verhältnis zur UdSSR vorhat und als unumstößlich geltende weltpolitische Gesetze den Westeuropäern vorsetzt, hat nicht zuletzt seine Ursache in der Rolle, welche die BRD in der NATO spielt. Aus rein strategischen Gründen einstmals von den USA (ebenso wie die Türkei und Griechenland ist die BRD erst später der NATO beigetreten) als unentbehrlich für die vorderste Frontlinie in Mitteleuropa in die Allianz aufgenommen und für diesen Zweck wiederaufgebaut und eingerichtet, ist die BRD als Militärmacht der wichtigste Partner für den "Zusammenhalt" des Bündnisses geworden. Unser Staat ist es inzwischen, dem es in der NATO so gut gefällt, daß er sich im Pakt den USA anbietet als oberster Förderer für die reibungslose Durchsetzung all dessen, was die USA ihren Partnern an Anforderungen aufnötigen. Unserer Regierung ist es eben scheißegal - um das jüngste und gravierendste Beispiel zu nennen -, wenn durch die Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen durch die USA in Westeuropa das nukleare Schlachtfeld bei uns noch kriegstaugticher als bisher gemacht, also auch die Verwüstung des eigenen Territoriums im Fall des Krieges um etliches wahrscheinlicher wird, nur um sich als treuester Verbündeter die Stärkung der Stellung der BRD im Bündnis zu versprechen. - Der Austritt Frankreichs aus der NATO im Jahre 1966 hat dagegen keinen Schaden für die Allianz nach sich gezogen. Dieser Staat hatte keine Lust und auch keine Veranlassung, sich seine militärische Souveränität nehmen zu lassen uad beschloß den Aufbau einer eigenen Atomwaffenstreitmacht, die sog. "Force de frappe". Niemand versteht das so, daß Frankreich damit aus der "Einheit des Westens" ausscheiden wollte (und konnte), um etwa den USA ihre Weltmacht streitig zu machen. (Was man schon daran sieht, daß keine einzige Waffe der NATO gegen Frankreich gerichtet ist!) Inzwischen hat sich herausgestellt, daß das Ausscheiden Frankreichs sogar eine Stärkung des Bündnisses mit sich gebracht hat. Theoretisch wie praktisch funktioniert die französische Streitmacht als sehr eigenständige Reserve der NATO, die dem Feind ein zusätzliches, nicht ganz genau zu kalkulierendes Erschwernis aufbürdet, welches - strategisch gesehen - in ihrem Wert um einiges steigen dürfte, insbesondere wenn Spanien mit seinem bereits irgendwie beschlossenen Beitritt zur Allianz die "Operationsstiefe" der NATO noch zusätzlich erweitern wird. Der souveräne NATO-Partner Frankreich bietet des weiteren zwei erwähnenswerte Vorteile: Erstens wird in Abrüstungsrunden mit dem Osten sein militärisches Potential prinzipiell nicht mitgezählt, obwohl es vorhanden ist; zweitens haben die Franzosen immer schon - eben weil souverän! - eine besondere Rolle in der Arbeitsteilung der NATO gespielt, zum Beispiel was ihre ständigen Händel im tiefen Afrika angeht. Hier kann die UdSSR nie klagen, die NATO hätte ihre Hände im Spiel! Fazit: das Bündnis funktioniert gut, die Solidarität stellt sich schließlich immer her und die Probleme des feindlichen Bündnissystems kennt die NATO eigentlich nicht. Der Fall Griechenlands, das sich einige Zeit die demonstrative Distanz zur NATO leistete, um seinen Preis für das Bündnis zu erhöhen, ist wieder bereinigt und nicht zu vergleichen mit Aufsässigkeiten Rumäniens oder gar mit Polen, wo nur die Geheimdienste wissen, wie zuverlässig die Armee ist. Im Warschauer Pakt, um den Vergleich zu ziehen, der den Propagandisten der NATO wie Wasser im Mund zerläuft, gibt es bekanntlich nur eine ihrer Herrschaft zuverlässig ergebene Streitmacht: die Rote Armee, die deshalb nach NATO-Erkenntnissen die zusätzliche Aufgabe hat, die Armeen der Satellitenstaaten ständig unter Kontrolle zu halten. Speziell bei den NVAlern der DDR rechnet die NATO im Krieg mit fast hundertprozentigem Überläufertum. Solche Kriegsfaktoren spielen natürlich bei den diplomatischen Erpressungsmanövern in Sachen Abrüstung keine Rolle.

Die militärische Leistungsfähigkeit des Bündnisses

Was endlich die militärische Leistungskraft der NATO betrifft, so hat sie stets haargenau dem politischen Zweck des Paktes entsprochen. Wenn es darum geht, gleich ein ganzes Staatensystem mit einer Weltmacht inmitten in die Schranken zu weisen und ihm das freie Auftreten auf der Welt schlicht zu verbieten, muß man schon um der eigenen Glaubwürdigkeit willen einiges an "militärischem Drohpotential" aufbieten und dem Feind vozeigen können. Gerade in diesem Punkt zeigt sich die NATO ganz als Ausgeburt amerikanischer Weltmachtkunst. Das Mittel der NATO zur Bedrohung des Ostens im Frieden und zur Bekämpfung des Ostens in einem Krieg war und ist ganz einfach und zuallererst die Drohung mit der "totalen Vemichtung" (NATO-Code: "massive Vergeltung"; heute ist sie nicht bloß "massiv", sondern darüber hinaus "flexible" geworden: "flexible response"). Zu Zeiten des "Kalten Krieges" funktionierte dieses militärische Mittel so: Die USA errichteten gegen den Sowjetblock unter Stalin und unter seinem Nachfolger eine geballte Macht atomarer Interkontinentalraketen, deren Wirkung hinreicht, der UdSSR als Herrschaftssystem den Garaus zu machen, und zwar in einem Krieg, der sich in ungefähr zwei Wochen abwickeln läßt (wobei noch Zeit genug bleibt, um der UdSSR eine freiwillige Kapitulation zu ermöglichen). Zu dieser Zeit, in der die USA sich daran berauschten, welch herrlich einfaches wie effektives Mittel der von ihnen erfundene Atomkrieg als vollendete Garantie ihrer Weltmacht doch sei, hatten die Streitkräfte der Verbündeten in Europa lediglich die Funktion, als "Stolperdraht" (amerikanischer Militärjargon) mit kleineren "Provokationen"'des Ostens fertig zu werden, weil man wegen solcher Zwischenfälle nicht gleich "total" "reagieren" wollte. Durch die atomare Gegenrüstung der UdSSR verkomplizierten sich die Kriegsanforderungen für die NATO ein wenig. Die USA haben sich der unerhörten sowjetischen "Herausforderung" freilich ziemlich gewachsen gezeigt, um sich Sinn und Zweck der NATO als perfektes machtpolitisches Erpressungsmittel für Krieg wie Frieden zu erhalten. Zunächst einmal haben sie in schlichter Notwehr eine neue Kriegsart erfunden, den "begrenzten taktischen Atomkrieg", den sie bei sich daheim in der Wüste übten, fortan aber nur für das europäische Schlachtfeld den NATO-Partnem unter eigener Befehlsgewalt als Antwort auf die "sowjetischen Fähigkeiten" in kompletter Ausrüstung zum Einsatz zur "Verfügung" stellten. Die Kriegsführung mit Atomwaffen mit vielfach effektiv beschränkten Wirkungen einzuführen, hat für die NATO den Grund, gegen die UdSSR einen "konventionellen" Krieg (so nennt man heutzutage einen Soldaten, ein Maschinengewehr oder ein anderes "normales" Gerät) führen zu können, dabei alle Vorteile der Strahlenwaffen zu benutzen und sich gleichzeitig dabei den Einsatz der auf amerikanischem Heimatboden stationierten Interkontinentalstreitmacht womöglich zu ersparen. Weil aber die UdSSR auch angesichts dieser Perfektionierung der NATO-Strategie nicht klein beigab und für sich die gleichen "Fähigkeiten" erwarb, mußten erstens die europäischen NATO-Partner ihre Hoffnung endgültig begraben, in einem atomaren Weltkrieg zwischen den USA und der UdSSR selbst nicht atomar verseucht zu werden; zweitens steht seitdem fest, daß die militärische Leistungskraft der NATO den Ausbau des dritten Elements, das zu dem Dritten Weltkrieg in militärischer Hinsicht unabdingbar gehört, die Aufrüstung der konventionellen Streitkräfte, erforderte. Das Resultat von über dreißig Jahren stetig vorangetriebener Aufrüstung der NATO besteht darin, daß sie dem Osten alle "drei Reaktionsarten" des modernen Krieges "anzubieten" vermag. Die ca. fünf Millionen Mann starken einsatzbereiten Truppen der NATO, die diversen Panzerarmeen, taktischen Luftarmeen und Kriegsflotten sind in der Lage, die amerikanische Forderung an das Bündnis, einen konventionellen Krieg in Europa auf lange Sicht durchzustehen, ohne dabei gleich Atombomben zu schmeißen, sehr glaubwürdig zu erfüllen. Die inzwischen verfügbaren Abschußsysteme für den taktischen nuklearen Krieg für das konventionelle Schlachtfeld, also für das Gefecht auf kurze Distanz, über deren Einsatz die USA nach wie vor allein entscheiden, bieten leistungsfähige Möglichkeiten, den Krieg nach eigenem Gutdünken zu eskalieren. Mit der sog. "Nachrüstung" von Mittelstreckenraketen wird die NATO schließlich als effektives Mittel für die USA und deren strategische Bedürfnisse qualitativ einen Schritt vorwärts tun. Mit ihnen ist es nämlich möglich, von europäischen Boden aus einen strategischen Atomwaffenkampf mit der UdSSR auszufechten, ohne daß die USA selbst ihre strategischen interkontinentalen Systeme sofort zum Einsatz bringen müßten. Letztere bleiben natürlich für die NATO das allerletzte, was dieses Bündnis an militärischer Schlagkraft zu bieten hat. Angesichts all dessen läßt sich das ewige Gejammer der NATO über die unglaubliche "sowjetische Bedrohung" und die ständigen, natürlich nur für die Öffentlichkeit bestimmten Klagen über die x-fache "Überlegenheit" der UdSSR nicht besser ad absurdum führen als mit den Worten des amtierenden NATO-Oberbefehlshabers US-General Rogers, der jüngst wieder Gelegenheit fand, in aller Bescheidenheit festzustellen, wie es um die Möglichkeiten der NATO bestellt ist:

"Die Strategie der flexiblen Erwiderung bedeutet, daß wir im Fall eines Angriffs auf der jeweiligen Ebene der Aggression reagieren oder nach unserer eigenen Entscheidung eskalieren können, falls wir das für notwendig halten."

Nebenbei: Wer angesichts solch eindeutigen Selbstbewußtseins eines NATO-Oberkommandierenden - wie das gewisse idiotische Friedensstrategen hierzulande tun - immer noch der Auffasung ist, bei den strategischen Grundsätzen der NATO ("Abschreckung", "flexible response", "Vorneverteidigung") handele es sich um mehr oder weniger gelungene "Kriegsvermeidungsstrategien" - das wäre in der Tat ein Witz der Weltgeschichte! -, dem ist nicht zu helfen. Unserer Auffassung nach, die sich sehr wahrscheinlich mit der der NATO deckt, bringen derartige Verlautbarungen (die konkrete Kriegsplanung bleibt natürlich ein Geheimnis) nur eines - und zwar für den Feind diüben zum Ausdruck: Sie zeugen davon, daff sich die NATO gemäß ihrem politischen Zweck auf ein sehr einfaches Kriegsziel vorbereitet hat, welches - der militärischen Fachsprache, aber nicht deren Geist entkleidet - ungefähr so lautet: "Komm nur Rote Armee, wenn du es drauf anlegst, hast du wenig Chancen und bekommst was drauf!". In was soll der Friedenswille der NATO denn sonst bestehen?

Erfolgsbilanz und Perspektiven des Bündnisses

Was die Erfolge oder Nichterfolge der NATO in ihrem dreißigjährigen Wirken angeht, so fällt die Beurteilung leicht. Wer für die NATO ist, wird in der Nachkriegsgeschichte Sachen finden und bedauern, wo hier und doch der Einsatz der NATO als Erpressungsmittel gegen den Osten nicht ganz diejenigen Wirkungen gezeitigt hat, wie sich das die Macher dieses Bündnisses vielleicht vorgestellt haben. Das hochgesteckte Ziel der NATO in der Zeit des "Kalten Krieges", in Osteuropa eine Kette von "nationalen Aufständen" zu erzeugen und durch die Drohung mit der "totalen Vernichtung" die UdSSR dazu zu bewegen, ihre Herrschaft über diese Gebiete aufzugeben, hat sich jedenfalls nicht erfüllt. Damals. Heute ist die Lage anders und die Sache stellt sich anders dar. Wenn also von einer Leistungsbilanz des Bündnisses die Rede ist, dann muß man angesichts der laufenden Ereignisse sagen: Ganz ohne kriegerisches Zutun der NATO tun sich Risse im Lager des Gegners auf. Noch ist Polen nicht verloren. Ganz im Gegenteil.

Das alles bedeutet andererseits nicht, daß die NATO nicht auch echte Sorgen und Probleme hätte. Wie könnte dies auch anders sein: Das Kriegführen ist schließlich eine Angelegenheit, an der nie gespart werden darf - um Gegensatz zu anderen Angelegenheiten, die der Staat für seine Bürger besorgt -, dennoch kann auch hier immer alles noch besser gemacht werden. Nur zur Information eine Auswahl an aktuellen Problemen, mit denen die NATO sich herumschlagen muß:

  • Der letzte Aufrüstungsbeschluß (die Mittelstreckenraketen) ist trotz hinhaltender Verzögerungstaktik der "Kleinen" im Bündnis politisch durchgesetzt; jetzt kommt es darauf an, die Dinger so schnell wie möglich hinzustellen.
  • Geübt werden muß und wird auch die Heranführung von Reserven aus den USA. Hier gibt es noch manche Probleme, die aber schleunigst beseitigt werden müssen. Es steht hier das Kriegsglück für die ersten Kriegstage auf dem Spiel.
  • Es geht (nach dem NATO-Oberkommando) kein Weg daran vorbei, daß folgende Neuerungen in der nächsten Zeit in die Bestände der NATO (neben dem üblichen Gerät, das routinemäßig neu angeschafft oder modernisiert gehört) überführt werden müssen: Erstens wird die Neutronenbombe für die NATO als effektives atomares "Abwehrmittel" immer dringender erforderlich gegen die feindlichen Panzerkräfte. Zweitens ist in der NATO zu lange in Sachen biologisch-chemischer Kriegsführung geschlampt worden; die Bestände solchen Materials mit der Eigenschaft des offensiven Einsatzes sind veraltet und müssen dringend - schon allein in Anbetracht des sowjetischen Vorrats - modernisiert werden.
  • Hierher gehört aber vor allem die Beschleunigung der seit einiger Zeit in der NATO geführten "Arbeitsteilungsdebatte". Hier sind klare Entscheidungen darüber notwendig, wer wie, wo und wann als Mitglied des Bündnisses in der nächsten Zeit innerhalb und außerhalb des NATO-Gebietes seinen Beitrag zur Erhaltung des Weltfriedens leisten darf und muß. Der neue US-Präsident hat da sehr konkrete Vorstellungen.